Ein halbes Jahrhundert King Georg


Seit 50 Jahren hält sich das King Georg an seinem Platz in der Sudermanstraße 2, noch hartnäckiger halten sich nur Gerüchte um seine Vorläufer und Vergangenheit. Immerhin bewarb schon 1957 das „Parisiana“ attraktive Französinnen und temperamentvolle Schönheitstänze“. Tatsächlich hat sich hier seit der Eröffnung als „King Georg“ im Jahr 1968 nie eine echte Table Dance Bar befunden. Aber der Mythos passt nun mal hervorragend zum viel beschworenen „Chicago am Rhein“ – also zum Ruf jener Kölner Halbwelt der Sechziger, deren prominente Ganoven Stadtgeschichte schrieben. Schummerige Lämpchen, goldene Stangen, glitzernder Kronleuchter, Tanzboden aus Messing – die Einrichtung tat ihr Übriges, um halbseidene Legenden in die Welt zu setzen.

Zeiten der Aufbruchsstimmung
Allerdings wurden die Gäste des King Georg ganz sicher dazu animiert, nicht alleine am Tresen zu sitzen. Schließlich war die Bar extra so konzipiert worden: Die runde Theke bot Raum für Anbahnungen, die man in den Séparées vertiefen konnte. Das Personal mischte im Herzen des King Georg Drinks und präsentierte sich dabei wie Stars auf einer Bühne. Doch je tiefer die Nacht, desto mehr ähnelte der Laden dem Bauch eines Schiffes und die Theke glich einem Rettungsboot, an das die Trinkenden sich klammerten. Vor Anker gegangen in einer Zeit, als sich die Gesellschaft im Aufbruch befand und in Köln das Nachtleben erwachte.

An so einem Ort kann man Gespenster sehen aber auch viel Potenzial entdecken. Und so blieb das King Georg bis heute ein attraktives Ziel für Nachtschwärmer – dank einer inhaltlichen Neuausrichtung in der jüngeren Vergangenheit, die im September 2019 ein notwendiges Update erfährt. Vorab sei verraten: Es wird Veränderungen geben, jedoch nicht ohne die Historie und den Geist des King Georg in Ehren zu halten.

Romantische Vorstellungen
Über den Zeitraum eines halben Jahrhunderts hat ein breit gefächertes Publikum schließlich die sympathischen Eigenheiten der Bar schätzen gelernt. Das fängt damit an, dass sie King Georg heißt – und nicht King George! Warum das e und damit die englische Aussprache einst unter den Tisch fielen, ist nicht überliefert. Fest steht, dass der Schriftzug der Whiskysorte King George V. entlehnt sind und die zum Markenzeichen gewordenen Grenadiers-Köpfe mit Bärenfellmützen einem Logo für Exclusiv-Pfeifentabak entstammen. Aber vielleicht hat auch die Person des Welfenkönigs und gleichzeitig ersten englischen Königs (1714) Georg I. Pate gestanden; dessen deutsche Abstammung, die mangelnden Kenntnisse der englischen Sprache und sein Ruf als Frauenheld eine gelungene Begründung der Namensgebung abgeben.

Zwischen Exklusiv und Geheimtipp
Wobei es mit der Exklusivität so eine Sache ist. Trotz der weithin sichtbaren Neonreklame „Diskothek Bar Dancing“ entwickelte sich das King Georg zwischen 1969 und 2008 eher zum Geheimtipp. Bei so manchem neugierigen Passanten könnten Klingel und Klappe an der Tür den ersten Eindruck verstärkt haben: Hier muss es sich um ein Etablissement für bestimmte Kreise handeln! In der Kölner Clublandschaft führte der Laden ein Nischendasein. Vielleicht konnte er sein originelles Wesen gerade deshalb konservieren? Das King Georg jener Tage war jedenfalls ein Refugium für Romantiker.

2008 kam ein solcher Romantiker mit frischen Ideen ans Ruder. André Sauer übernahm das Steuer von Manfred Weinmann. Er beließ das Interieur, krempelte den Laden mit seinem Team jedoch programmatisch auf links. In der neuen „Klubbar“ gab es Konzerte und DJ-Sets, Lesungen und Vorträge, Burleske-Auftritte und andere Performances. Dieser Mix verwandelte den traditionsreichen Kahn wieder in eine angesagte Location. Kooperationen mit der Akademie der Künste der Welt, dem Literaturhaus oder dem Week-End-Fest sorgten für eine engere Vernetzung des King Georg in der kulturellen Szene der Stadt. Für sein international angesehenes Booking wurde es drei Mal mit dem Spielstättenprogrammpreis Applaus ausgezeichnet. Durchaus ein Grund, vor Freude auf den Tischen zu tanzen. Table Dance, nur anders.

Jazz und andere Neuigkeiten
Nach den ausgiebigen Feierlichkeiten zum 10-jährigen Jubiläum der Klubbar war allerdings klar, dass für die Zukunft noch mal neue Segel gesetzt werden mussten. Der Zahn der Zeit hatte nicht nur an der Einrichtung der Bar, sondern am ganzen Gebäude genagt.

Die neuen Eigentümer und Betreiber stehen für die nötigen Investitionen in die Überholung des King Georg und der zugehörigen Infrastruktur. Dabei setzen sie auf jenes erfahrene Team, das den Charakter des King Georg in den letzten Jahren ausgemacht hat. Neben wohlüberlegten und stilvollen Modernisierungen der Innenarchitektur, setzen sie einen neuen musikalischen Schwerpunkt: Jazz straight ahead, modern and more… wie es sich für einen Jazz-Club gehört. Das wird sich auch in vielen Live-Shows unter wesentlich verbesserten technischen Bedingungen bemerkbar machen. Hinzu kommt der mutige Schritt, das King Georg demnächst an 6 Tagen in der Woche zu öffnen und damit die Möglichkeit, wichtige Teile des beliebten Klubprogramms fortzusetzen oder sogar auszubauen.

Schon im äußeren Erscheinungsbild wird der Wandel ab September 2019 zu erkennen sein – im kompletten Ensemble aus King Georg Büdchen, Bar und Haus. Daneben bleiben viele vertraute Merkmale des „guten alten“ King Georg erhalten. Die zukünftige Konzentration auf Jazz steht ja geradezu sinnbildlich für die Verbindung von Tradition und Gegenwart. Das Rezept heißt ganz einfach: Gute Unterhaltung. Es soll dafür sorgen, das geschichtsträchtige King Georg als besonderen Ort für Live-Musik, durchtanzte Nächte und sonstige Kulturveranstaltungen an seinem angestammten Platz nachhaltig zu verankern. Für alle, die Lust darauf haben, das King Georg, die Musik, den gelungenen Cocktail und – wie in Köln üblich – ein wenig sich selbst zu feiern. Als Club der Künstler, Jazzliebhaber, Nachtschwärmer, und allen, die es noch werden wollen.