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Herbie Manns »At the Village Gate«: Latin Jazz, cool gespielt von einem Flötisten. Pulsierender Rhythmus und ein Jazzer, der vielleicht als erster World Music suchte und spielte, mit Anleihen an südamerikanische und afrikanische Musik. Als ich zum ersten Mal diese Musik aus dem Jahr 1961 hörte, ungefähr acht Jahre später, war ich sofort elektrisiert. Das wurde teuer, weil ich als 15-jähriger die LP kaufen musste, ohne dafür das Geld zu haben. Dann habe ich auf dem elterlichen Schallplattenspieler sicher 15 mal die Platte gehört – und wahrscheinlich 30 mal »Comin’ Home Baby«. Ich liebe dieses Stück!


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Sie spielte schon Billie Holiday am Broadway und gehört selbst zu den absoluten Top-Sängerinnen der Jazz-Welt. Wir gratulieren zum Siebzigsten.


Am 27.5.2020 ist der 70. Geburtstag der Sängerin und Schauspielerin Dee Dee Bridgewater, die seit Jahrzehnten zu den absoluten Top-Sängerinnen der Jazz-Welt gehört. Biografische Informationen sind ihrer Webseite und diversen Jazz-Zeitungsartikeln entnommen.

Dee Dee Bridgewater wurde am 27. Mai 1950 in Memphis, Tennessee, als Denise Garrett geboren und wuchs in Flint, Michigan, auf. Mutter und Großmutter waren Sängerinnen, ihr Vater spielte Trompete mit Dinah Washington und arbeitete als DJ für eine Musik-Radiostation in Memphis. So war sie von Kindheit an von Musik umgeben, nicht nur Jazz, sondern auch Blues, Soul und R’n’B.

Schon als Teenager trat sie professionell als Sängerin auf. 1969 lernte sie den Trompeter Cecil Bridgewater kennen und heiratete ihn (nach ihrer Scheidung in den 1980er Jahren behielt sie den Namen). Aus dieser Ehe stammt ihre Tochter Tulani, die heute ihre Managerin ist. Einem größeren Publikum wurde Dee Dee bekannt als Sängerin der Thad Jones – Mel Lewis Big Band von 1971 bis 1974. Hier ein Auftritt in dieser Zeit mit »Bye bye blackbird«:

1974 bis 1976 spielte sie am Broadway im Musical »The Wiz« und erhielt dafür einen Tony Award und ihren ersten Grammy für die Soundtrack LP. Hier singt sie »If You Believe« aus dem Musical:

1974 kam »Afro Blue« heraus, ihre erste LP:

https://www.youtube.com/watch?v=3D0CCL3QYBc

Danach versuchte sie es mit eher Pop-orientierten LPs, die aber nicht den erwünschten Erfolg brachten. Sie heiratete den Regisseur Gilbert Moses. Anfang der 1980er Jahre trat sie im Musical »Lady Day« als Billie Holiday am Broadway auf und tourte damit auch in Europa. Hier eine Aufnahme von ihrer Rückkehr in die Rolle am Broadway 2013:

1986 war ihre Ehe beendet und sie siedelte mit Töchtern nach Frankreich um. Mit ihrer CD »Live in Paris« stand sie bald im Jazz-Rampenlicht. Hier ihr Konzert in Bern 1987 mit Jon Faddis und ihrer Band mit Pianist Alain Jean-Marie, bei dem sie Clark Terry im Publikum entdeckt:

Seitdem steht sie in der ersten Reihe der Jazz-Sängerinnnen und ist weltweit sehr präsent auf Festivals und Konzertbühnen, in Klubs und auch auf Youtube. 1989 sang sie mit Ray Charles »Precious Thing«:

Hier ist sie mit ihrer Band mit Stéphane + Lionel Belmondo + Thierry Eliez + André Ceccarelli in Montreal 1995:

Mit dem Ray Brown Trio und der WDR Big Band führte sie ihr Tribute to Ella beim Jazzfest Berlin 1997 auf: 

Das komplette Ella Programm sang sie mit ihrem damaligen Trio in Burghausen 1998:

Beim North Sea Jazz Festival in Den Haag 2003 spielte sie ihr Kurt Weill Programm: 

https://www.youtube.com/watch?v=hBtzbJDjBVQ

Gelegentlich brach sie gern aus dem Jazz-Fach aus, hier 2004 mit der Band Gabin »Into my soul«: 

Ihre Beschäftigung mit ihren familiären Wurzeln in Mali führte zur CD »Red Earth«. Hier führte sie das Programm bei den Jazz Open in Stuttgart 2007 auf: 

Für Ihr Billie Holiday-Tributalbum »Eleanora Fagan (1915–1959): To Billie with Love from Dee Dee« bekam sie 2011 einen Grammy. Hier sang sie das Programm mit James Carter beim North Sea Jazz Festival in Rotterdam 2010:

https://www.youtube.com/watch?v=7Ej7jptfDTs

In Nizza sang sie 2012 gemeinsam mit ihrer Tochter China Moses »Every Day I Have the Blues«:

Bei den Jazz Open in Stuttgart 2013 kam es zu einem gemeinsamen Konzert mit Piano-Legende Ramsey Lewis: 

https://www.youtube.com/watch?v=kRaQkvHRSxw

Bei der Jazzaldia in Spanien 2014 sang sie mit ihrer Youngster Band um Trompeter Theo Croker: 

https://www.youtube.com/watch?v=i8_YRzDxpe4

Vor wunderbarer Kulisse in Ungarn 2015 sang sie mit Irvin Mayfield und dem New Orleans Jazz Orchestra: 

In Hollywood 2016 sang sie zu Ehren von Dinah Washington und Lena Horne: 

Mit ihrem Memphis Programm begab sie sich beim Montclair Jazz Festival 2017 wieder zu ihren Wurzeln: 

Dee Dee lebt heute in Las Vegas. Sie engagiert sich seit langem als UN Botschafterin wie auch in der Ausbildung, hier in Berklee:

Trotz gesundheitlicher Probleme gibt sie weiterhin weltweit regelmäßig mitreißende Konzerte, auch oft in Deutschland. Möge das noch lange so bleiben! Happy Birthday, Dee Dee!

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Was soll man über Louis Armstrong noch sagen? Er ist eine der strahlenden und prägenden Figuren der frühen Jahre des Jazz – und bis heute. Charisma, unglaubliche Energie, Emotion, erstmals Kompositionen mit Soli, Vermittler guter Laune, ein unglaubliches Gefühl für Rhythmus, ein souveräner Trompeter und Kornettist, eine unverwechselbare Stimme. Und es geht nicht um den Entertainer, der immer in der Gefahr war, zum Clown gemacht zu werden – seine musikalischen Fähigkeiten gewannen doch immer die Oberhand. Seine Improvisation, seine Kreativität, seine Direktheit …  unglaublich…..Und sein Satz für die Ewigkeit: »If you have to ask what jazz is, you’ll never know.«

https://www.youtube.com/watch?v=CWzrABouyeE

Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Das Album (Blue Note 4003) von Art Blakey and the Jazz Messengers aus dem Jahr 1958 ist eine Wucht des Hard Bop. Mit Art Blakey am Schlagzeug, dem Trompeter Lee Morgan, dem Tenorsaxophonisten Benny Golson, dem Pianisten Bobby Timmons und dem Bassisten Jymie Merritt trafen sich Musiker in New Jersey, bei denen alles zusammenpasste: Themen, Tempi, Groove, Zusammenspiel, Soli – das packt jeden sofort. Und das Titelstück »Moanin’« ist heute fast ein Gassenhauer, der jeden zum Fußwippen animiert: Lässig gespielter Rhythmus von Art Blakey und wundervolle Soli seiner Bandmitglieder mit dem Trompeter Lee Morgan an der Spitze. Ein 9:42 Minuten langes Vergnügen– aber natürlich ist das ganze Album mehr als hörenswert!


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Runde Geburtstage. Todestage. Jahrestage. In dieser Rubrik erinnern wir an Musiker*innen der Jazz-Geschichte und an herausragende Jazz-Ereignisse. 


Am 16.5.2020 ist der 30. Todestag des Sängers und Entertainers Sammy Davis Jr. (1925 – 1990), des vermutlich talentiertesten Entertainers des 20. Jahrhunderts. Er war auch ein exzellenter Jazz-Sänger, auch wenn er nicht in diese Schublade gesteckt werden wollte. Biografische Informationen sind entnommen aus den Autobiographien »Yes I Can« (erschienen im Jahr 1965): , und »Why Me?« (erschienen im Jahr 1989).

Sammy Davis Jr. wurde am 8. Dezember 1925 in Harlem, New York, geboren. Seine Eltern bildeten mit Will Mastin, der Sammys Patenonkel wurde, ein Gesangs- und Tanztrio, mit dem Sammy schon als Dreijähriger erste Auftritte hatte. Hier mit 7 im Film »Rufus Jones for President«:

Er ging nie auf eine normale Schule, sondern wurde schon als Kind professioneller Entertainer als Mitglied von Will Mastins Trio. Zu seinen Fähigkeiten als Sänger und Tänzer kamen später die Beherrschung verschiedener Instrumente, unter anderem Schlagzeug und Saxofon, und seine Tätigkeit als Schauspieler in Filmen und als Hauptdarsteller in Broadway Musicals.

Schon 1941 traf er Frank Sinatra und entwickelte eine Freundschaft, die lebenslang sein sollte. Als Soldat erlebte er Rassismus der übelsten Sorte. Hier ist er mit dem Will Mastin Trio in den 1940er Jahren:

Anfang der 1950er Jahre koppelte er sich zunehmend vom Will Mastin Trio ab und machte erste Plattenaufnahmen. Sein erster größerer Hit war 1954 für Decca »Hey There«:

In dieser Zeit begann er, die schickeren Nachtclubs und Las Vegas Hotels zu erobern, auch wenn er als Schwarzer dort zunächst nicht übernachten durfte und durch die Hintertür rein- und rausgehen musste. 1954 hatte er einen schweren Autounfall, bei dem er sich Brüche und Gesichtsverletzungen zuzog und ein Auge verlor, das er später durch ein Glasauge ersetzte. Er trat zum Judentum über. 1958 begann seine Filmkarriere mit den Musikfilmen »Anna Lucasta« und »Porgy & Bess«. Decca versuchte ihn eher als Pop-Sänger zu etablieren, aber vieles, was er vor allem live sang, war eher Jazz. Hier ein Auftritt in Hugh Hefners TV Show Serie Playboy after Dark 1959: 

In dieser Zeit wurde er Mitglied der Gruppe um Frank Sinatra, die sich Rat Pack nannte und zu der auch Dean Martin, Peter Lawford (Schwager von John F. Kennedy) und Joey Bishop behörten. Die Herren drehten über Jahre tagsüber unterhaltsame Filme und traten abends in Las Vegas auf. Hier der einzige auf Film festgehaltene Auftritt des Rat Pack 1965 in St. Louis:

Sammy Davis Jr. öffnete nicht nur die Türen für schwarze Entertainer, er verletzte auch bewusst Tabus, zum Beispiel dass Afroamerikaner keine Weißen parodieren durften:

Und er beteiligte sich an den Protestmärschen der Bürgerrechtsbewegung, zum Beispiel in Selma. Doch viele Afroamerikaner warfen ihm vor, zu sehr »weiß« sein zu wollen. Seine Ehe mit der sehr blonden Schwedin Mae Britt wurde als Beleg betrachtet. Trotzdem gelang ihm 1972 sein einziger Nr. 1 Pop-Hit in den USA »The Candy Man«. Doch sein Signature Song wurde »Mr. Bojangles«. Im selben Jahr trat er bei einer UNICEF Gala in Berlin mit dem SWR Tanzorchester auf und sang beide Songs: 

Ebenfalls 1972 machte er einen gravierenden Fehler, als er sich für Richard Nixons Wiederwahl engagierte und ihn auf offener Bühne umarmte. Das Foto war am nächsten Tag in allen Zeitungen und bedeutete den vollständigen Verlust seiner schwarzen Fanbasis. Ab dem Zeitpunkt konnte er in USA außerhalb von Las Vegas keine Hallen mehr füllen und bekam auch nie wieder einen Vertrag mit einem größeren Platten-Label. Da er daran gewöhnt war, jedes Jahr gewaltige Dollar-Summen einzunehmen und genauso schnell mit beiden Händen wieder auszugeben, musste er seine Tourneen nach Europa und in den Rest der Welt verlagern.

Hier kommt mein persönliches Erleben ins Spiel. 1974 kaufte ich bei dem Bochumer Plattenhändler meines Vertrauens die Doppel-LP »Sammy Davis Jr. At the Coconut Grove«, die beste seiner vielen Live-Aufnahmen, ohne irgendetwas von der ganzen Vorgeschichte zu wissen:

Ich war begeistert und hörte diese Scheiben rauf und runter. Im folgenden Jahr trat die Fernsehzeitschrift HörZu als Promoter von Sammys Konzerten in Deutschland auf. Meine Eltern erklärten mich für verrückt, aber ich kaufte ein Ticket für die Philipshalle Düsseldorf für DM 45,-, ein Vermögen für einen 17-jährigen Schüler. Es war mein erstes größeres Live-Konzert. Sammy brachte Magie in die sehr nüchterne Halle, und er brachte unangekündigt seinen Freund und sein altes Vorbild Billy Eckstine mit, dessen Karriere am Boden lag und dem er helfen wollte. Diese Konzertaufnahme aus Australien 1979 gibt die Erinnerung an Sammy ganz gut wieder:

https://www.youtube.com/watch?v=V1doZ3q7wxE

Als er 1978 in die Gruga-Halle Essen kam, war ich wieder dabei. Dies war das jazzigste Konzert, das ich je von Sammy sah, denn er hatte Buddy Rich und seine Big Band dabei. Hier ist er als Steptänzer mit Buddy und Gene Krupa in den 1960er Jahren:

Das nächste Mal sah ich ihn im April 1982 im Deutschen Museum in München. Die Hälfte der deutschen Unterhaltungsprominenz saß im Publikum. Und Sammys Charisma sprengte den relativ kleinen Saal. Auf diesem Europa-Trip sorgte er für einen Höhepunkt der deutschen Fernsehunterhaltung, als er mit Peter Herbolzheimers Rhythm & Brass Combination in der Show »Bio’s Bahnhof« in Frechen bei Köln auftrat:

Das letzte Mal sah ich Sammy im April 1989 in der Olympiahalle München im Konzert mit Frank Sinatra und Liza Minnelli. Hier ihr Auftritt in Japan aus dieser Zeit:

Sammy war bestens bei Stimme. So gut, dass Quincy Jones ihm vorschlug, eine Platte aufzunehmen. Dazu kam es nicht mehr. Bei Sammy wurde Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Durch die Strahlenbehandlung im Herbst 1989 verlor er seine Stimme. Sammy war pleite. Sinatra und andere Freunde halfen still im Hintergrund. 

Im November 1989 organisierte man ein Tribute Konzert für ihn in Los Angeles. Offiziell hieß es Tribute zu seinem 60-jährigen Bühnenjubiläum, aber es wussten wohl alle Beteiligten von Stevie Wonder bis Jesse Jackson, um was es wirklich ging. Sammy war dabei, konnte aber weder singen noch sprechen. Immerhin machte er einige Stepptanzschritte mit Gregory Hines. Michael Jackson, der Sammy als Vorbild und väterlichen Freund betrachtete und so manche Tanzschritte von ihm abgeschaut hatte, sang für ihn in berührender Weise (beginnt nach genau 2 Stunden): 

Am 16. Mai 1990 starb Sammy. Ich war zu dem Zeitpunkt mit meiner zukünftigen Ehefrau in Urlaub in Kalifornien und bekam das enorme Medienecho direkt mit. Zwei Tage später fuhren wir durch Death Valley und am Abend in das wie immer grell beleuchtete Las Vegas. Plötzlich gingen alle Lichter aus – die Unterhaltungsmetropole Amerikas stand 10 Minuten still und trauerte um ihren größten Entertainer. Das war zuvor nur für John F. Kennedy und Martin Luther King geschehen. 

Einen Song hatte Sammy nur kurze Zeit in seinem Repertoire, weil er ihn emotional zu sehr belastete. Musik von Udo Jürgens (das sagt Sammy falsch an), Text vom britischen Sänger Matt Munro: »If I never sing another song« im britischen Fernsehen 1978

Es gibt eine Reihe von Dokumentarfilmen über Sammy. Den für mich besten, der Sammy in seiner ganzen Komplexität zeigt, hat Arte gerade in die Mediathek gestellt   

Eine Generation später hat sich die Black Community mit Sammy versöhnt. Pianist Harold Mabern nahm vor einigen Jahren eine Tribute CD für ihn auf. Am 24.4.20 hatten Christian McBride und Melissa Walker die Sänger Kurt Elling, Will Downing und Vuyo Sotashe in ihrem Online Hang zu Gast und sprachen über Sammy (beginnt nach einer Stunde und einer Minute)

Da ging es nur noch um diese einmalige Ansammlung von Talenten in einer Person von 1,55 Metern Körpergröße, der als Sänger, Tänzer und Entertainer so viele Türen geöffnet hatte. »Larger than life«. 

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Die Netflix-Produktion »The Eddy« nähert sich auf ganz eigene Weise dem Jazz. Regie führte unter anderem Oscar-Gewinner Damien Chazelle. 


Jazz verbindet

Film und Musik gehören einfach zusammen. Regisseur Damien Chazelle kann davon, pardon, ein Lied singen. Chazelles erfolgreiches Debüt »Whiplash« spielte bereits im Musikermilieu, mit dem modernen Filmmusical »La La Land« räumte er dann richtig ab. Ryan Gosling an der Seite von Emma Stone. Sie als Schauspielerin Mia Dolan, er als Jazz-Pianist Sebastian Wilder. Der Rest ist…das Warten aufs Happy End? Nun, Seb träumt nebenher davon, einen veritablen Jazz-Club zu eröffnen – und die Love Story verbindet sich tänzerisch mit einer Sehnsucht nach altem Hollywood und wahrem Jazz. Soundtrack, Choreografien, Kostüme – das alles traf 2016 einen wunden Punkt.

Die Hauptfigur kämpft für die Tradition

Nun hat das amerikanisch-französische Wunderkind Chazelle zum ersten Mal in einer Serie die Regie übernommen, nämlich für die Netflix-Produktion »The Eddy«, und ein zeitgemäßeres Format als die episodenhafte Erzählung kann sich selbst ein in der Traumfabrik gestählter Oscar-Gewinner nicht mehr denken. Mittlerweile flimmern ja selbst die neuesten Werke von Legenden wie Martin Scorsese vornehmlich über die Portale von Streamingdiensten – und nicht über Kinoleinwände. Den Kampf um die Werte der Tradition muss also auch hier wieder die Hauptfigur für Chazelle ausfechten, und im Rahmen einer so genannten Mini-Serie hat sie dafür acht Folgen Zeit. 

Jazz befreit

André Holland spielt den ehemaligen Blue-Note-Musiker Elliot Udo, der seiner Heimat USA den Rücken gekehrt hat. All seine Kraft investiert er nun in einen Pariser Jazz Club. Es gilt, das Optimale aus der Hausband zu kitzeln – und über dem Ringen um die Gunst des Publikums darf Elliot auch die Buchhaltung nicht aus den Augen verlieren. Vor allem nachdem seinem Partner etwas Schlimmes zustößt. Selbst im englisch-französischen Dialoggewirr kann es hier nicht heißen: C’est la vie. Dafür ist das alles zu tragisch.

Alle Songs entstanden vor dem Drehbuch

Genau genommen übernahm Chazelle nur die Regie bei den beiden ersten Folgen. Trotzdem ist er mehr als der prominente Grund, um mal reinzuschauen. Chazelle zieht das Publikum so geschickt in die Handlung hinein, dass ein Großteil sicher auch den Rest der Geschichte sehen möchte. Besonders gelungen: der teils hektische und mit wackliger Kamera eingefangene »Alltag«, an dessen Turbulenzen neben den ökonomischen Rahmenbedingungen auch Elliots pubertierende Tochter Julie ihren Anteil hat, wird von den in die Tiefe gehenden Musikszenen gebrochen. Das hat fast Musicalcharakter. Kein Wunder, dass die Grundidee zu »The Eddy« gar nicht im Plot steckt. Glen Ballards Kompositionen waren zuerst da, die Handlung wurde nachträglich um sie herum gestrickt. Ballard war sich nur sicher, die Songs zu einer Serie geschrieben zu haben. Das mit dem Stricken darf man übrigens fast wörtlich nehmen. Die Musik bleibt stets der rote Faden.

Soll Musik etwa Spaß machen?

Wenn man sich beim Zuschauen auch mitunter in einer kritischen Situation befindet, weil einem die Handlung etwas zu verfahren oder klischeebeladen vorkommt, wird es durch eine Session plötzlich wieder spannend. Da streitet Elliot bei der Probe mit der Band bis aufs Blut über die Frage, ob Musik Spaß machen soll oder eine todernste Sache ist; da finden zwei Personen durch einen Song ein gemeinsames Level; da kommt Julie nach einem emotionalen Ausraster durch die Wiederentdeckung der lange verschmähten Klarinette zur Ruhe und zu sich selbst. Musik als Ausdruck aller Facetten des Lebens und nicht als Einladung zur Weltflucht – das passt zum Ambiente des modernen aber dennoch traditionsverhafteten Jazz Clubs.  Eine komplexe Angelegenheit, die einen doch wiederum bestens unterhalten kann. Sogar gut acht Stunden lang.

Text: Wolfgang Frömberg

Der Soundtrack zum Reinhören

Runde Geburtstage. Todestage. Jahrestage. In dieser Rubrik erinnern wir an Musiker*innen der Jazz-Geschichte und an herausragende Jazz-Ereignisse. 


Am 8.5.2020 war der 110. Geburtstag der Pianistin, Komponistin und Arrangeurin Mary Lou Williams (1910 – 1981), einer maßgeblichen Wegbereiterin für Frauen im Jazz jenseits der Rolle als Sängerin. Biografische Informationen sind entnommen aus der im Jahr 2000 erschienenen Biografie »Morning Glory« von Linda Dahl: 

Mary Lou Williams wurde als eines von elf Kindern am 8. Mai 1910 in Atlanta, Georgia, als Mary Alfrieda Scruggs geboren und wuchs in Pittsburgh, Pennsylvania auf. Ihre Mutter sang in ihrer Freizeit Spirituals und spielte Ragtime auf Klavier und Orgel. Schon mit drei Jahren soll Mary Lou Williams angefangen haben, die Musik autodidaktisch auf dem Klavier nachzuspielen und wurde bald als Wunderkind-Pianistin herumgereicht.

Als Teenager erlebte sie erste Big Band Konzerte und darin die Arrangements von Don Redman. Mit 16 heiratete sie den Saxofonisten John Williams und trat fortan unter dem Namen Mary Lou Williams auf. Bereits 1927 machte sie erste Plattenaufnahmen mit einer Sängerin, 1929 dann auch als Pianistin unter eigenem Namen. 

1929 ging sie mit ihrem Mann nach Kansas City und wurde Pianistin in Andy Kirk’s Twelve Clouds of Joy, einer lokalen Big Band. Bald lieferte sie auch Kompositionen und Arrangements für die Band. Hier ihr Stück »Mary’s Idea« 1936 mit einigen Fotos: 

https://www.youtube.com/watch?v=NfEuf0Cv0XQ

Ab 1936 trat die Band in ganz Nordamerika auf. Parallel engagierte der damals ungemein populäre Benny Goodman Mary Lou Williams als Arrangeurin und wollte sie exklusiv anstellen, doch das lehnte sie als zu einengend ab. Hier spielt Goodman ihr Stück »Roll’em« 1936:

1939 arbeitete sie als Pianisten und Arrangeurin mit der Sängerin Mildred Bailey, hier mit »Arkansas Blues«: 

1942 verließ Williams die Andy Kirk Band, ging zurück nach Pittsburgh und gründete eine eigene Band mit ihrem Kurzzeit-Ehemann Shorty Baker. Zusammen wurden sie kurze Zeit später Mitglieder von Duke Ellington’s Orchester, Mary Lou Williams als Arrangeurin neben Billy Strayhorn. Hier spielt die Ellington Band ihr »Trumpets No End«: 

1945 verließ Williams die Ellington Organisation und Baker, startete eine Solo-Karriere in New York und hatte bald eine eigene Radiosendung. Im selben Jahr nahm sie auch ihr erstes umfangreicheres kompositorisches Werk auf, die Zodiac Suite mit einem Stück für jedes Tierkreiszeichen: 

Ihr Apartment in Harlem wurde zum Treffpunkt der jungen Bebopper von Thelonious Monk über Dizzy Gillespie bis Tadd Dameron, was ihr den Titel »Mother of Bebop« eintrug. Hier spielt Gillespie 1949 mit Sänger Joe Carroll ihr Stück »In the Land of Oo-bla-dee«:

Im August 1949 begann Betreiber Max Gordon, im Village Vanguard, NYC, Jazz-Konzerte zu veranstalten, und engagierte sie mit ihrem Trio als erste Band. Doch ihre Solo-Karriere war finanziell nicht erfolgreich. Deshalb ging sie ab 1952 auf Tourneen in Europa, wo sie sich dann in Paris niederließ. Es entstanden zahlreiche Aufnahmen, aber sie fühlte sich zunehmend erschöpft und wandte sich immer mehr der Religion zu, auch nach ihrer Rückkehr in die USA 1954. 1957 konvertierte sie zusammen mit ihrer engen Freundin Lorraine Gillespie, Dizzy’s Ehefrau, zum Katholizismus. Sie spielte weiterhin Jazz, wobei ihre Kompositionen zunehmend religiösen Charakter bekamen. 1962/63 nahm sie ihr erstes umfangreiches religiöses Werk »Black Christ of the Andes« auf:

Sie gründete ihr eigenes Platten-Label Mary Records und begann, Jazz-Messen für kirchliche Aufführungen zu komponieren. Eine davon war das ungemein moderne »Music for Peace«, später als »Mary Lou’s Mass« bekannt, das sie 1970 auf ihrem Label herausbrachte: 

In den 1970er Jahren kehrte sie ins Jazz-Rampenlicht zurück. Es entstanden wieder mehr Jazz-Aufnahmen wie die Live-Aufnahme »Giants« mit Dizzy Gillespie, die für einen Grammy nominiert wurde:

1975 machte sie ihre vielleicht beste Trio-Aufnahme »Free Spirits« mit Buster Williams und Mickey Roker für Steeplechase:

Sie blieb musikalisch sehr offen bis hin zu einem gemeinsamen Konzert mit Free Jazz Pianist Cecil Taylor 1977 in der Carnegie Hall, das das Pablo Label als LP herausbrachte: 

Aus ihren letzten Jahren gibt es einige interessante Video-Aufnahmen:

Solo in Montreux 1978 

Im Trio mit Jo Jones in Nizza 1978

Mit Stan Getz in Nizza 1978 

Mit Benny Goodman 1978 

Klub Konzert mit Bassistin Carline Ray 1978 in NYC

Von 1977 bis zu ihrem Tod durch Blasenkrebs 1981 war sie Artist in Residence an der Duke University in Durham, North Carolina, wo nach ihrem Tod das heutige Mary Lou Williams Center for Black Culture entstand. Sie erhielt sechs Ehrendoktortitel.     

Nach ihrem Tod wurde ihr noch mehr Anerkennung zuteil als in ihren letzten Lebensjahren. 1995 startete das Kennedy Center in Washington das jährliche Mary Lou Williams Women in Jazz Festival. Hier eine Panel Discussion mit Dr. Billy Taylor und Carline Ray über Mary Lou Williams im Rahmen des Festivals 1998:

Viele Musikerinnen betrachten sie bis heute als Vorbild.

Pianistin Geri Allen hielt die Erinnerung wach mit einem Auftritt mit Trio 3 im Birdland New York 2010, als CD von Intakt Records herausgebracht 

Mit ihrer Band The Mary Lou Williams Collective mit Buster Williams + Billy Hart + Andrew Cyrille und der CD „Zodiac Suite Revisited“ von 2006

Mit ihrer Show A Conversation with Mary Lou: Geri Allen Celebrates Mary Lou Williams” mit Carmen Lundy 2014

Pianistin Helen Sung bezieht sich 2019 auf Williams

Die Sängerinnen Charene Wade und Lizz Wright singen Williams‘ »What’s Your Story, Morning Glory« als Tribute 2019 

Die Filmdokumentation »Music on My Mind« aus dem Jahr 1989 ist gegen Bezahlung verfügbar (€ 1,77): 

Es ist bedauerlich, dass Mary Lou Williams in Deutschland kaum vergleichbare Wertschätzung entgegengebracht wird. Duke Ellington hatte völlig Recht, als er sie in seiner Autobiografie »Music is My Mistress« beschrieb als »perpetually contemporary«. Fortwährend zeitgenössisch.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Der Jazz-Fan und Experte Hans-Bernd Kittlaus ist eng mit dem King Georg verbunden. Hier kommen seine täglichen Updates zu sehenswerten Videostreams aus aller Welt.


Hans-Bernd Kittlaus

Bis auf auf Weiteres keine neuen Termine


Zur Person:

Hans-Bernd Kittlaus ist Jazz-Autor und Fan. Seine Jazz-Begeisterung begann schon im Alter von 13 Jahren, ausgelöst durch regelmäßige nachmittägliche Jazz-Radioprogramme des WDR und zunächst fokussiert auf Vokal-Jazz. Durch Live-Konzerterfahrungen kam bald Instrumental-Jazz der Straight Ahead Richtung dazu. Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte sich das bevorzugte Spektrum stark auch auf andere Jazz-Stilistiken und reicht heute von Swing über Bebop und Hardbop bis zum Free Jazz und zeitgenössischen Varianten.

Seit 1985 ist Hans-Bernd Kittlaus Autor des Jazz Podiums. Durch seine international orientierte berufliche Tätigkeit im Software-Bereich und private Reisen hat er zahlreiche Festivals und Jazz Klubs auf der ganzen Welt besucht, insbesondere alle North Sea Jazz Festivals in Den Haag beziehungsweise. Rotterdam seit 1979. Seit 1995 lebt er bei Bonn, ist regelmäßiger Besucher von Jazz-Veranstaltungen in Köln und Umgebung und vernetzt mit zahlreichen lokalen und internationalen Musikern.

Er ist Vorstandsmitglied der Cologne Jazz Supporters e.V.. Mit den Verantwortlichen des King Georg ist er verbunden als langjähriger Freund, Berater und regelmäßiger Moderator von Konzerten. Viele seiner Artikel und CD-Besprechungen sind auf seiner Webseite zu finden: www.hansberndkittlaus.de/.

Foto: Gerhard Richter

Im King Georg läuft der Betrieb auch während der Coronakrise weiter.
Mit unseren neuen digitalen Angeboten.


Die Coronakrise trifft Gaststätten und Konzertlocations hart. Das King Georg hat sich nach der Modernisierung und seit der Wiedereröffnung im Herbst 2019 mit einem fulminanten Live-Programm als neuer Jazz-Club der Stadt etabliert. Ganz besonders als Heimat für Liebhaber*innen der Richtung Straight Ahead. Dann kommt der Shutdown – und alles ist vorbei?

Besondere Zeiten, besondere Maßnahmen

Nein. Das Motto der Betreiber*innen lautet: Den Kopf nie in den Sand stecken. So begreift das King Georg-Team die Situation trotz aller nicht zu leugnenden Schwierigkeiten als Chance. Die Webseite wurde neu gestaltet. Ihr Look entspricht nun dem speziellen Ambiente der Bar und sie bildet die Vielfalt des Programms übersichtlich ab. Wir möchten am liebsten jedem einzelnen Gast die Hand reichen. Ob unter der Woche im Jazz-Club mit seinem Live-Jazz und den Barsounds oder am Wochenende in der Klubbar mit ihren Lesungen und DJ-Sets. Das gilt auch im digitalen Bereich. Auf der neuen Webseite soll sich jeder so wohl fühlen wie im King Georg selbst. Auch wenn natürlich nichts den Wohlfühlfaktor unserer einmaligen Theke ersetzen kann.

Wir möchten in Kontakt bleiben

Das King Georg bietet seit dem Umbau erheblich verbesserte Bedingungen für Live-Musik. Aus dem einfachen Grund: Jazz live vor Publikum ist was ganz anderes als Jazz aus der Konserve. Momentan wird dieser Flair stark vermisst. Uns ist bewusst, dass Videostreams kein Ersatz für das hautnahe Erlebnis der Live-Musik im Jazz-Club sind. Dennoch möchten wir sowohl den Künstler*innen als auch dem Publikum die Möglichkeit eröffnen, während des Corona-Lockdowns miteinander – und mit uns – in Kontakt zu bleiben. 

Jeden Mittwoch ab dem 20.5. gibt hier ein Konzert per Live-Stream zu sehen. Dienstags und donnerstags zeigen wir Videos von aufgezeichneten Gigs. Straight ahead. Modern and more. Wie gewohnt. Außerdem stellen wir ein Archiv mit Videostreams zur Verfügung. Last not least wird Jazz-Kenner Hans-Bernd Kittlaus uns mit seinen persönlichen Tipps zu weiteren Streamingangeboten versorgen. Und zwar täglich! Samstags laufen dazu in Kooperation mit dem Kölner Internetradio Dublab jazzige DJ-Sets im Audiostream.

Artikel zu aktuellen Anlässen

Darüber hinaus sind auf der Webseite laufend neue Artikel zu aktuellen Jubiläen und sonstigen interessanten Anlässen zu lesen. Das alles aus den Bereichen Jazz- und Club- und Popkultur – sowie regelmäßige Lesetipps aus der Reihe »Literatur zur Zeit«, deren Veranstaltungen im King Georg momentan ebenfalls nicht stattfinden können.

Wir wollen die Chance nutzen, die Corona uns bietet. Und hoffen gleichzeitig auf möglichst wenig gesundheitliche Schäden durch das Virus – sowie auf eine baldige und sichere Rückkehr zu den schönen Dingen des Lebens, die uns so ans Herz gewachsen sind. Damit auch im King Georg die Musik wieder live spielt. Bis dahin spielt sie vornehmlich hier auf unserer neuen Webseite. Und die wird uns so oder so noch lange erhalten bleiben.

Das King Georg-Team