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Nächster livestream: Danny Grissett Trio
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So what« ist eine so großartige Komposition von Miles Davis, dass es schwerfällt, über die bereits an vielen Stellen niedergeschriebenen Kritiken hinaus noch etwas hinzuzufügen. Jazzstandard und Inbegriff des modalen Jazz. Das Video mit seiner Aufnahme aus 1959 ist klassisch. Das Zusammenspiel von Miles Davis und John Coltrane mit Jimmy Cobb an den Drums, Wynton Kelly am Piano  und Paul Chambers am Kontrabass – unschlagbar. Und ebenso sensationell die Coolness, bei den Soli von Coltrane (ab 2:50)  eine Zigarette zu rauchen (3:12 und später) oder schließlich (8:36) die Bühne für Paul Chambers freizugeben.

Die erste Fassung stammt vom Album »Kind of Blue«. Miles Davis’ Song ist heute der Inbegriff des modalen Jazz.veröffentlicht. Etliche Fassungen gibt es , wohl auch deshalb, weil die einfache Liedform für ein Nachspielen keine unüberwindbaren Hürden aufbaut, aber einiges davon sollte man auch als bloße Versuche einstufen und nicht weiterverbreiten. Bleiben wir lieber bei den Großmeistern dieser Jazzperiode, bei Miles Davis, John Coltrane, Wynton Kelly, Paul Chambers und Jimmy Cobb mit einer Live-Aufnahme (nur Audio) aus dem Olympia in Paris im Jahr 1961 – 90 Minuten Jazz vom Feinsten.

All of You (C. Porter) 0:00, So What (M. Davis) 17:05, On Green Dolphin Street (N. Washington-B. Kaper) 30:31, 2nd set Walkin’ (R. Carpenter) 45:11, bye Bye Blackbird (R. Henderson-M. Dixon) 1:01:02, ‘Round Midnight (B. Hanighen-C. Williams-T. Monk) 1:15:00, Oleo (S. Rollins) 1:20:37, The Theme (M. Davis) 1:24:59

Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

2019, Unit Records

Nachdem Franco Ambrosetti zu seinem 75. Geburtstag mit »Cheers« ein vielgepriesenes Album in unterschiedlichen All Star-Besetzungen vorgelegt hatte, folgt mit »Long Waves« eine Aufnahme vom Januar 2019, die nicht weniger »All Star« ist, aber durchgängig eine Band präsentiert. Und die hat es in sich. Gleich das erste Stück, Ambrosettis »Milonga«, bietet Ambrosetti Gelegenheit zu einem Solo im klassischen Miles Davis-Stil, John Scofield spielt bluesige Gitarre, und Bassist Scott Colley improvisiert höchst melodisch. Ambrosettis »Try Again« ist wesentlich schneller mit inspiriertem Solo von Pianist Uri Caine angetrieben vom swingenden Schlagzeugspiel von Jack DeJohnette. Zwei Songs hat Ambrosetti für seine Frau geschrieben. »Silli’s Long Wave« ist ein weiterer Swinger mit gelungener Melodielinie, die Scofield, Caine und Ambrosetti für ausgedehnte Soli nutzen. »Silli’s Waltz« zeigt Ambrosetti in Hochform mit kreativer Improvisation und insbesondere der überwältigenden Schönheit seines Flügelhorn-Klangs. Auch mit 77 zeigt sich der Trompeter physisch in beeindruckender Verfassung, wie sein Solo über »Green Dolphin Street« demonstriert. Hier haben sich fünf Weltklasse-Musiker gefunden, die ihre Sympathie füreinander musikalisch zum Ausdruck bringen.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Paul-Christian Erntges

Musiker*innen, Künstler*innen, DJs und andere Kulturschaffende unterhalten sich anhand von zehn ausgewählten Platten über ihre Musikleidenschaft und ihr Leben.

Dritte Folge: Hermes Villena im Gespräch mit Hauch Records-Betreiber Paul-Christian Erntges.

Baby, Please Don’t Go« ist ein Blues-Song von Big Joe Williams aus dem Jahr 1935, hier in der Originalversion als typischer Delta Blues, in der ursprünglichen Fassung mit Gitarre, Mundharmonika, Perkussion und Gesang. Diese Stilart des Blues entstand  in den 1910er Jahren im Mississippi-Delta, sehr archaisch, schlicht direkt, rau. Ein absoluter Blues-Standard, der von zahlreichen Musikern aufgenommen wurde.

Und dann nochmals Big Joe Williams mit Bild und als Solo. Der Song handelt von einem Gefangenen, der seine Geliebte bittet, ihn jetzt nicht zu verlassen und nicht zurück nach New Orleans zu gehen.

Hier der recht schlichte, aber klare Text – so wie der Song selbst.

Baby, please don’t go 
Baby, please don’t go 
Baby, please don’t go, 
down to New Orleans 
You know I love you so 
Before I be your dog
Before I be your dog 
Before I be your dog 
I get you way’d out here, 
and let you walk alone 
Turn your lamp down low Turn your lamp down low 
Turn your lamp down low 
I beg you all night long, baby, 
please don’t go 
You brought me way down here
You brought me way down here 
You brought me way down here
 ’bout to Rolling Forks, 
you treat me like a dog
 Baby, please don’t go 
Baby, please don’t go Baby, 
please don’t go, back the New Orleans
 I beg you all night long 
Before I be your dog 
Before I be your dog 
Before I be your dog
I get you way’d out here, 
and let you walk alone
You know your man down gone 
You know your man down gone 
You know your man down gone
To the country farm, with all the shackles on.

Etliche Musiker – auch in neuerer Zeit und nicht unbedingt im Jazz und Blues unterwegs – haben die Melodie übernommen und in ihrem Stil umgesetzt, genannt seien Van Morrison 1964, AC/DC 1975, Aerosmith 2004. Häufig und geradezu klassisch wurde sie gespielt von Muddy Waters:

Und dann nochmals Muddy Waters schon etwas anders gemeinsam mit den Rolling Stones: 

Und eine (fast) brandneue Aufnahme mit anderem Stil aus dem bekannten Bataclan Paris aus dem Jahr 2015 von Seasick Steve. Immer noch ein Delta-Blues – trotz Schlagzeug und Wucht.


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

2019, Neuklang

Aus der verdienstvollen Konzertserie der Ludwigsburger Bauer Studios erscheint diese Aufnahme des in Köln lebenden, in Essen lehrenden amerikanischen Trompeters Ryan Carniaux. Dabei hat er den legendären Schlagzeuger Bob Moses, der mit einem Who Is Who der amerikanischen Jazz Szene von Charles Mingus über Rahsaan Roland Kirk bis Gary Burton und Steve Kuhn gespielt hat und sich heute Rakalam nennt. Carniaux glänzt mit lyrischer Trompete in der Prince-Komposition »Sometimes It Snows in April«. Moses‘ »Beams of Light« startet mit wilder Kakophonie aller sechs Musiker, die sich allmählich auflöst und in ruhigeres Fahrwasser übergeht, in dem Moses‘ ausgeprägte Spiritualität musikalisch zum Ausdruck kommt. Das gilt noch stärker für Moses‘ zweites Stück »Devotion«, das auch Carniaux zu einem höchst inspirierten Solo nutzt. Die Band ist sehr international besetzt mit dem französisch-amerikanischen Altsaxofonisten Plume, dem niederländischen Pianisten Mike Roelofs, dem argentinischen Bassisten Demian Cabaud und dem schweizer Schlagzeuger Samuel Dühsler, der Moses Freiraum für perkussive Ausflüge schafft. Zusammen gestalten sie ein spannendes Programm aus fünf Stücken, das die enorme Spannbreite der bestens miteinander vertrauten Musiker widerspiegelt und mehrmaliges Anhören mit immer neuen Entdeckungen belohnt. 

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Roman Babik

Unser wöchentlicher Podcast über das Leben, die Musik und alles, was dazugehört.

20. Folge: Jochen Axer im Gespräch mit dem Pianisten Roman Babik

Das Liebeslied des Bebop – von und mit Thelonious Monk und benannt nach seiner ersten Freundin Rubie Richardson. Die hier vorgestellte Version aus dem Jahr 1957 in der Besetzung mit Monk (piano),  John Coltrane (tenor sax), Wilbur Ware (bass) und Shadow Wilson (drums) aus dem Abum »Thelonious Monk with John Coltrane« ist die bekannteste Aufnahme; das Stück ist dutzendfach von anderen Künstlern genutzt worden – wie die Kompositionen von Thelonious Monk generell zu den am häufigsten veröffentlichten Jazz-Stücken gehören.

Ehre, wem Ehre gebührt – also bleibe ich heute bei Monks eigenen Aufnahmen:  Nicht weniger als großartig das Album Monks Music von 1957 – es ist das klassische Riverside-Alben von Thelonious Monk. In der Besetzung atemberaubend, indem er am Tenorsaxophon Coleman Hawkins  und John Coltrane zusammenbrachte, außerdem gleich zwei herausragende Schlagzeuger gewann, nämlich Art Blakey und Wilbur Ware, und schließlich mit Ray Copeland (Trompete) Gigi Gryce (Altsaxophon) Musiker hatte, die schlicht ebenso »outstanding« waren. Mit einer Ausnahme, dem kurzen Starttitel, der von W.H.Monk stammt, sind alle übrigen Stücke von Thelonious Monk selbst komponiert. »Ruby My Dear« ab 12:14 mit Coleman Hawkins, Wilbure Ware und Art Blakey.

https://youtu.be/HTnjghh4nJ4
00:00 Abide with Me  00:51 Well, You Needn’t  12:14  Ruby, My Dear  17:31 Off Minor  22:36 Epistrophy  33:17 Crepuscule With Nellie 

Thelonious Monk war bekannt für seinen unverwechselbaren Stil in der Musik, aber auch mit seinen Anzügen, Hüten und Sonnenbrillen. Monk ist einer von fünf Jazzmusikern, die auf der Titelseite von Time abgebildet waren (neben Louis Armstrong, Dave Brubeck , Duke Ellingto, Wynton Marsalis) .

Und zum Abschluss noch einmal der Meister im Solo mit seinem Liebeslied (vom Album »Solo Monk«, 1965)


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Elisabeth Coudoux vom IMPAKT Kollektiv für aktuelle Musik & Improvisation über Ihre Band Emißatett



Emißatett

1. Wie kommt man von Elisabeth auf Emißatett?

Das Emißatett habe ich 2013 gegründet. Auf der Suche nach einem Namen für das Quintett wollte ich auf keinen Fall den im Jazz üblichen Weg wählen – Elisabeth Coudoux Quintett. Außerdem sollte der Name einen Beitrag dazu leisten, dass der Buchstabe -ß- nicht ausstirbt! Und damit der Name trotzdem etwas mit mir zu tun hat, sollte er so ähnlich wie mein eigener Vorname klingen. Emißa klingt auch irgendwie weiblich, und gibt es so nicht als Namen – die -tetten kommen von den Quin – tetten.

Nicht alles kann man schnell erklären. Wenn mich meine Kinder etwas fragen, weiß ich meistens nicht, wo ich anfangen soll, vielleicht kennt das jemand? Meistens braucht man eine Linearität, um etwas logisch zu beschreiben. Gegen diese Linearität habe ich viel einzuwenden, denn: Eine Linie auf dem Boden zum Beispiel lenkt den Blick ab von der Umgebung. In welchem Raum befinde ich mich, wenn ich nur der Linie folge? 

Das Emißatett ist für mich, als würde ich eine Tür aufmachen und einen offenen, weiten, hellen, leeren Raum dahinter betreten. Der erste Blick fällt in den Raum ohne Fokus, ich nehme nur wahr, dass er groß und freundlich ist. Das ist schon mal ein Phänomen was ich liebe; Wahrnehmen entspannter Weite ohne Fokus. 

Wenn diese Tür erstmal aufgestoßen ist, kann man anfangen den Raum einzurichten, man kann ihn aber auch so lassen wie er ist. Zuerst habe ich angefangen kleine schwarze ovale Kugeln mit Hälsen dran auf ein Papier zu schreiben. Es purzelten nur Linien heraus. Tonlinien, rauf und runter, zuerst zweistimmig für Kontrabass und Cello. Das war schon 2013 so weit weg von den Klängen, die ich gewohnt war in der freien Improvisation zu spielen, dass ich diese etüdenähnlichen Girlanden nicht benutzen wollte. Wir haben erstmal improvisiert

2. Debütalbum »qui-pro-quo-dis«

2014 stand dann die erste CD-Produktion an und ich musste und wollte mir etwas ausdenken. Ich habe versucht vom Cello aus zu gehen, eine sehr markante Überlieferung sind die Quinten, in denen das Cello gestimmt ist: C -G -D -A. So entstand das Stück, Quinten im Quintett – einmal die Quinten durch den Quintenzirkel jagen im systematischen Abstand als Material für Kontrabass und Posaune, ich durfte »drübersegeln«, was bedeutete nicht dem Tonmaterial zu dienen, sondern vielmehr eine andere Ebene noch hereinzuholen. Erstaunlich wie die Quinte zum Cello passt und wie romantisch das klingt. Bei »Upper Structure« habe ich für Kontrabass und Cello rhythmisch gleichbleibende Obertonstrukturen geschrieben und die Posaune hat ein paar Melodietöne bekommen. Ich mochte diese Idee sehr, weil die Bassinstrumente den ganzen unteren Tonbereich frei geben und alles hoch flirrt. Philip Zoubek und Etienne Nillesen waren in der Zeit in meinem inneren Auge die beiden Außenflügel – die super improvisierenden Kontextmeister. Posaune, Kontrabass und Cello waren quasi eine Art »Cellotrio«. Diese Konstellation erschien im Nachhinein mit meistens viel zu vielen Worten nur schwierig vermittelbar. Auf jeden Fall hört man auf »qui-pro-quo-dis« noch mehrere konkrete Tonwelten. Ein Qui-Pro-Quo ist übrigens eine Art Missverständnis: Wikipedia: »Der Ausdruck Qui pro quo bezeichnet eine Verwechslung von Personen, beispielsweise als spannungsgebendes Element in einem Schauspiel, und spielt auf einen Schreibfehler an (›qui‹ anstatt ›quo‹). Der Begriff bezeichnet allerdings nicht nur die Verwechslung selbst, sondern auch die Situation, die daraus entstehen kann.« Sowas passiert ja ständig in der Improvisation – herrlich weit weg von einer einzigen geraden Linie, die zu einem einzigen Ziel führt

Beseelte Improvisatoren

3. Dazwischen

In den kommenden Jahren gab es neben ganz pragmatischen Lebensverhältnisänderungen nur wenig Zeit für viele Konzerte und Produktionen. Trotzdem habe ich versucht jedes Mal etwas Neues mitzubringen. Ein Konzert im Bunker Ulmenwall ist mir noch gut in Erinnerung. Wir waren nur als Emißatett-Trio angereist und konnten Achim Kaufmann Piano und Axel Dörner Trompete als Gäste gewinnen. Da unser Konzept darauf basierte, dass es nur für Posaune, Cello und Kontrabass festgeschriebenes Material gab, sollten Achim und Axel frei darüber improvisieren. Es gab eine kurze Probe, in der wir den beiden das Material zeigten und erklärten. Im Ersten Set spielten wir ausschließlich Stücke, Achim und Axel wussten nicht immer was jetzt kommt. Es war eine spannende, sehr dichte Situation. Das 2. Set sollte komplett frei sein. Diese Freiheit fühlte sich für mich nach dem 1. Set so extrem anders an, als das Material zu spielen! Wie als würde das Blut jetzt endlich durch alle Adern fließen können. Warum Kompositionen schreiben für beseelte Improvisatoren?

4. Zweites Album »Physis«

»Physis« – Ich bin in meinen Körper hineingerutscht. Das war ein längerer Prozess. Um das Wort Körper zu beschreiben stell ich mir meine Hände vor. Erst dirigiert von Noten, von Dirigenten, von Klangidealen, von Reaktionszeitmessungen, rhythmischen Strukturen, ästhetischen Regeln. Das hat sich immer mehr abgenabelt und springt von selbst zu dem Klang und der Schwingung, die gerade im Raum ist. Aus der Bewegung kommt die Idee – im Handeln liegt der Schlüssel. Oder das Gewicht muss darauf erstmal verlagert werden, um neue Gedanken schöpfen zu können. Außerdem ist es unmöglich erst alles zu wissen um anschließend handeln zu können. Ich kann nicht alles wissen, bin aber trotzdem ein Resonanzkörper, werde plastisch in der Interaktion mit anderen. Daraus resultiert meine Liebe zur freien Improvisation: Es passiert ausschließlich im Jetzt, genau in dem Moment wo ich physisch anwesend bin und physisch mein Instrument als Sprachrohr benutze für Töne, Klänge, Geräusche, Ideen, »so called« Kreativität. Naja, ganz präzise kann ich das sowieso nicht erklären…. Das Stück »Physis« ist inspiriert von Eliane Radigues Komposition Naldjorlak I. Für mich eine Art des Auskostens einer intensiven Schwingung die eine Welle ist. Übertragen auf meine Idee eine permanente Stimulierung der Saiten, den Körper mit einer einfachen Aufgabe in eine Permanenz bringen, eine Welle, die schon bei der Auswahl der Töne beginnt – sehr eng nebeneinander liegendes Tonmaterial. Übrigens immer auch mit der Idee die Klänge nicht mit den alten Systemen bewerten und kategorisieren zu wollen, sondern viel einfachere Vorstellungen – damit verbundenen Emotionen – zu nutzen. Ob man das darf oder nicht ist mir dabei ziemlich egal, weil ich nicht vor habe nach meinem Tod in Lexikas als Persönlichkeit in Erinnerung zu bleiben. Die neue Generation darf ihre eigenen Gedanken denken.

Das ganze Album ist auf jeden Fall hauptsächlich improvisiert, es gibt ein paar gewollte Ruhe-Inseln. Diese Musik sollte man einfach Live hören. Holz trifft Metall trifft Schall trifft Haut und Ohren. Emotion spielt Bewegung, schaut aus wie Eigenwille oder Mitschwingung und zeigt den Moment, der beim Zuhörer/Schauer*in im besten Fall eine Resonanz hervorruft.

5. Aktuelles Album »Earis«

»Earis« – unser neuestes Album hingegen ist gar nicht mehr so viel improvisiert, sondern hat ein paar langfristigere Entscheidungen getroffen. Auf diesem Album finden sich Kompositionen und Konzepte, die ich im November 2020 geschrieben habe und die viel mehr mit meiner eigenen Intuition verknüpft sind. Robert, Etienne, Matthias, Philip und Pegelia sind mir dabei so vertraut, dass sich mein innerer Hör-Raum vervielfachen kann. Außerdem habe ich versucht wirklich bei mir zu bleiben, keine Ausflüchte, Ablenkung, Relativierung, Bewertung. Und ganz wichtig auch der helfende Gedanke von Heike Sperling (in etwa): Um etwas zu kreieren muss ich nicht ein Genie sein, sondern der Akt der Kreation beschreibt den Willen etwas zusammenzustellen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört. Das ist wieder der Link zum Wissen: Nur ein Genie kann alles Wissen und damit dann Neues schaffen. Meine Motivation und Lust darauf etwas zu kreieren, fängt eigentlich da an, wenn ich selbst etwas ausprobieren kann. Wie kann man den Zugang zu eigenen Ideen für junge, offene Menschen, die sich für Musik begeistern nur so beschneiden und zügeln, dass sie in die ästhetischen Ideale des 18. Und 19. Jahrhunderts passen?

Ich bin gespannt, wo es mit dem Emißatett und mir noch so hingehen kann. Im Moment spüre ich einen Wandel, der irgendwie stattfinden muss. Probleme, die vor Corona schon da waren, sind mir jetzt viel offensichtlicher geworden: Wer hat noch offene, unformatierte Freiflächen im Gehirn? Neuromarketing manipuliert unsere Instinkte. Ordnung und Sicherheit scheinen immer wichtiger, vergammelte Bananen will niemand haben. Die Idee international Konzerte zu spielen, erübrigt sich mit den heutigen digitalen Möglichkeiten, und ist auch gar nicht klimafreundlich, usw. Muss ich also meinem Publikum ein möglichst einfaches Paket stricken, was in nur ganz wenigen, aber entscheidenden Punkten von den Millionen anderen Paketen abweicht, damit es im aktuell erlaubten Format zugestellt werden kann aber trotzdem zu circa 25% auffälliger ist als die anderen Pakete? Dann fühlt sich der Adressat als Individuum ernst genommen? Unsere Musik passt schon mal nicht ins aktuelle Format, sie will dem Hörer nichts aufschwatzen. Im Moment wünsche ich mir Wege zu finden, um diese Musik ehrlich zu kommunizieren. 

Text: Elisabeth Coudoux

2019, Mack Avenue

Nach vielen Jahren des Nachwuchsmangels im weiblichen amerikanischen Jazz-Gesang ist etwas Bewegung in die Szene gekommen. Das begann mit der inzwischen weltweit beachteten Cécile McLorin Salvent, 2019 rückten die beiden Twenty-somethings Jazzmeia Horn und Veronica Swift mit neuen Alben in den Blickpunkt. Beiden wurde der Jazz in die Wiege gelegt, was sich bei Ms. Horn schon im Vornamen ausdrückt. Ms. Swift ist die Tochter des Jazz-Pianisten Hod O’Brien und der Jazz-Sängerin Stephanie Nakasian. Horn und Swift kennen beide die Historie des amerikanischen Jazz-Gesangs bestens und schöpfen aus ihr. Während Jazzmeia Horn auf ihrem Debüt »A Social Call« noch vorrangig Standards sang, ist das neue Album von ihren erstaunlich reifen Eigenkompositionen und ihrer etwas tiefer gewordenen Stimme geprägt. »Out The Window« ist ein Swinger mit brilantem Scat-Gesang, mitreißendem Walking Bass von Ben Williams und ausdrucksstarkem Saxofonsolo von Stacy Dillard. Der expressive Protestsong »No More« wird getragen vom Gospel-geprägten Piano Sullivan Fortners. Das kurze »When I Say« gibt Pianist Victor Gould Gelegenheit zu einem swingenden Solo zu Horns Rhythmus-Wechseln à la Betty Carter. »Still Tryin‘« bietet Horn als schönen altmodischen Blues mit Sullivan Fortner auf den Spuren von Gene Harris und Trompeter Josh Evans mit stimmungsvollen Growl-Tönen. Das Album endet mit dem einzigen Standard »I Thought About You« als Duo von Horn und Bassist Ben Williams.

2019, Concord

Während Ms. Horn auf ihrem Cover afroamerikanische Symbolik und afrikanisch inspirierte Mode darbietet, geriert sich Veronica Swift als Diva im langen Abendkleid. Ihr Album beginnt mit dem prophetischen Statement »You’re Gonna Hear From Me« mit viel Swing, brillanten Einlagen von Pianist Emmet Cohen und seinem Trio und verblüffend souveränem Gesang zwischen Jazz, New York Cabaret und Broadway. In Pete Rugolos »Interlude« begleitet Pianist Benny Green mit Bassist David Wong und Schlagzeuger Carl Allen die Sängerin einfühlsam, die sich ganz auf die Melodie im Stil der 1950er Jahre konzentriert. Der Höhepunkt kommt mit »Forget About the Boy«, mit inspiriertem Solo Cohens über dem Walking Bass von Russell Hall und rhythmisch und melodisch perfektem Gesang Swifts getrieben von Schlagzeuger Kyle Poole. Pearl Baileys »Confession« kombiniert Ms. Swift mit »The Other Woman«, nicht so bissig wie die große Nina Simone, sondern eher melancholisch reflektierend. »No Not Much« singt Ms. Swift im Duo mit Russell Hall. »I’m Hip« lebt von dem wirklich lustigen Text Dave Frishbergs und trickreichen Rhythmuswechseln. Ja, das ist altmodischer als Ms. Horns Eigenkompositionen, aber musikalisch stehen beide Sängerinnen fest in der Tradition und beleben diese mit frischen Arrangements, ausdrucksstarker Performance und einigen der führenden amerikanischen Jazz-Musiker als Begleiter. Wir haben hier gleich zwei heiße Kandidaten auf den nächsten Vocal Jazz Grammy.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Ute Wegmann, Meryem Erkus

Unser regelmäßiger Podcast über das Lesen und Gelesenwerden. Was haben die Bücher mit dem Leben zu tun?

Dritte Folge: Wolfgang Frömberg im Gespräch mit Ute Wegmann und Meryem Erkus über das Projekt »Transit – Vorübergehende Literatur am Ebertplatz«