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Nächster livestream: Danny Grissett Trio
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Musiker*innen, Künstler*innen, DJs und andere Kulturschaffende unterhalten sich anhand von zehn ausgewählten Platten über ihre Musikleidenschaft und ihr Leben.

Zehnte Folge: Lars Fleischmann im Gespräch mit dem Journalisten, Autor und Musikliebhaber Felix Klopotek.

Der Kompositionswettbewerb des Cologne-Jazz-Supporters e.V. (CJS) für Jazzer aus NRW hat auch im dritten Jahr ein überwältigendes Echo gefunden. Nun stehen die Preisträger*innen fest.

Sebastian Gahler

Cologne Jazz Supporters zeichnen Jazz-Komponisten aus

Die dritte Ausgabe des Kompositionswettbewerbs des Cologne Jazz Supporters e.V. (CJS) für Jazzer aus NRW hat mit 40 Einreichungen erneut ein starkes Echo gefunden. Nun stehen die Gewinner fest.

Der erste Platz geht an das Stück »Kafka Tamura« von Sebastian Gahler. Der Düsseldorfer Pianist spielt seit vielen Jahren erfolgreich mit eigenen Bands, insbesondere mit seinem Trio. Die Komposition wird das Titelstück seiner in Kürze erscheinenden neuen CD.

Die Komposition »Medianto« von Marcus Bartelt liegt auf Platz 2. Der Baritonsaxofonist ist seit vielen Jahren Teil der Kölner Szene und spielt in verschiedenen eigenen Formationen wie auch in der erfolgreichen Band DePhazz. Er ist Gründungsmitglied des Cologne Contemporary Jazz Orchestra.

János Löber gewinnt mit seinem Stück »Something in Reserve« den dritten Preis. Der junge Trompeter war Mitglied des BuJazzO und lebt und arbeitet nach seinem Studienabschluss an der Hamburger Musikhochschule in Köln.

Der Wettbewerb ist mit Geldpreisen von € 1.500, € 1.000 und € 500 plus Auftritten im Kölner King Georg Klub dotiert. CJS-Vorstandsmitglied Hans-Bernd Kittlaus: »Obwohl die meisten MusikerInnen dank der besseren Corona-Situation inzwischen viel mehr zu tun haben als in den Vorjahren, hatte der Wettbewerb wieder eine erfreulich hohe Zahl von Einreichungen. Das ist ganz im Sinne des CJS, der sich als gemeinnütziger Verein der Förderung des Jazz in Köln und Umgebung verschrieben hat.«

Martin Sasse, Vorsitzender der Jury: »Die Jury hat wie immer blind bewertet. Die Qualität der Mehrzahl der eingereichten Kompositionen ist beachtlich.« Jury-Mitglied Charlotte Illinger: »Es war sehr anregend, so viele gute Kompositionen zu hören. Das hat es schwer gemacht, eine Auswahl zu treffen. Am Ende haben mich die drei Gewinner-Kompositionen am stärksten berührt.« Jury-Mitglied John Goldsby: »Es ist inspirierend, all diese großartigen, frisch geschaffenen Kompositionen zu hören, die von der starken Jazzszene zeugen, die wir hier in NRW haben. Herzlichen Glückwunsch an alle, die teilgenommen haben!«

CJS-Vorsitzender Dr. Jochen Axer ist auch Betreiber des King Georg Jazz-Clubs: »Die Qualität und Breite der Kompositionen ist toll. Wie in den Vorjahren werden wir viele TeilnehmerInnen des Wettbewerbs zu Konzerten ins King Georg einladen.«

Die Preisverleihung wird im King Georg Jazz-Club mit Publikum stattfinden und als Livestream übertragen. Der Termin wird in Kürze bekanntgegeben.

Foto: Fabian Stürtz




 

Der Song ist ein Klassiker aus den 60er Jahren, wieder einmal aus einem Musical (»Bye Bye Birdie«), geschrieben von Charles Strouse (Text: Lee Adams) und nicht weniger als bislang 79mal durch Künstler gecovered. Im King Georg freuen wir uns am 29.6. auf Benny Benack III, dessen Version in der Besetzung mit Christian McBride (Bass) Ulysses Owens Jr (Drums) und Takeshi Ohbayashi (Piano) wir deshalb nach vorne stellen. Er ist einer der US-amerikanischen Künstler, die in der Tradition des American Songbook stehen und Gesang und Instrument (hier Trompete) in großartiger Weise verbinden. Als jemand, der einer Musikerfamilie des Jazz über Großvater und Vater entstammt, hat eine Botschaft: Menschen an den Jazz heranführen, Lust auf Mehr machen, Standards und Contemporary Music verknüpfen. 

Seine Gastrolle (ab 8:30 min) im Mai 2021 bei Emmet Cohen, an dessen Konzerte im King Georg wir uns mit großer Freude erinnern, macht sehr deutlich, mit welcher Spielfreude hier eine junge Generation performt.

0:00 Billy Boy (tradtl., A. Jamal; Garland) 

8:28 Introduction of the Band 

10:30 On the Trail (from the Grand Canyon Suite) (Ferde Grofé) 

24:45 On the Street Where You Live (F. Loewe, A.J. Lerner) 

33:41 The Tennessee Waltz (PW King, R. Stewart)

42:21 Toast to Lo (E. Cohen) 

55:12 When a Man Loves A Woman (C. Lewis, A. Wright) 

1:05:42 To Beat or Not to Beat (Horace Silver) 

1:18:08 ‘Round Midnight (Thelonius Monk) 

1:29:33 Put A Mask on Your Face (B. Benack III) 

1:38:50 Bags’ Groove (Milt Jackson) 

1:51:20 Birthday send-of

Wer mehr über Benny Benack hören will, dem sei das lange Gespräch aus dem Podcast Judy Carmichael´s Jazz Inspired bei Spotify empfohlen (Folge April 2021)


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Der Schweizer Saxofonist François de Ribaupierre ist aus der Kölner Jazz-Szene nicht wegzudenken.


François de Ribaupierre


Auch mit dem Abstand von mittlerweile 14 Jahren wirkt der Einstieg in »Shades of Silence« des François de Ribaupierre Trios wie ein Türöffner in eine neue, eine eigene Welt: Spontan und voller Spielfreude legt der Eidgenosse, der schon länger in Köln beheimatet ist, mit dem Saxofon los, bevor Volker Heinze am Bass und Marcus Rieck an den Drums einsteigen. Leicht swingy, zuzeiten karnevalesk (mit bestimmten Blickkontakt nach New Orleans), womöglich sogar der ein oder andere Latin-Einfluss – ganz ist das nicht zu bestimmen, was hier so wunderbar antreibt. Es ist aber energiegeladen, nicht überpotent, sondern wie ein beschwingter Vorabendtee oder -Sekt, je nach Laune. Wenn sich dann Rieck im Schlagzeug-Solo mit einladender Tom-Stimmung und dezentem Einsatz der Becken in einen südatlantischen Rausch spielt, verliert sich »Who’s Next«, der Opener eben jenes Albums, komplett in Zeit und Raum.

So unverzüglich wie der Einstieg in diesen Smaragd der jüngeren Jazz-Geschichte, so früh kam auch das Interesse des jungen François de Ribaupierre. Zuhause in Lausanne stolperte er als Jungspund über die Plattensammlung seines Vaters, war sofort begeistert von der Jazz-Musik, die er da hörte. Sowas wolle er auch spielen, sagte er sich. Begann dann am Klavier, nahm bald die Klarinette dazu, lernte sechs Jahre an der Schule und versuchte sich in etlichen Bands. Mit 19 kam dann das erste Tenorsaxofon dazu. Dennoch schaute er sich weiter um, versuchte sich in einem Studium der Germanistik und Geschichte – ein wenig humanistische Bildung hat noch niemandem geschadet -, ging dann aber doch »all-in« und bewarb sich an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. Seitdem ist de Ribaupierre nicht mehr aus der hiesigen Jazz-Szene wegzudenken.

Ein erster, größerer Knall war selbstverständlich das innovative, aufsehenerregende Gruppengefüge, das sich aus dem gemeinsamen Studium ergab: zusammen mit Christian Torkewitz, Gerit von Stockhausen, Alexander Reffgen und André Cimiotti gründete er das Cologne Saxofone Quintet. Da lohnt es sich nochmal reinzuhören:

Mit einem astreinen Cover des Vanessa Williams Klassikers »Save The Best For Last« zeigen sich die fünf Holzbläser (die hier den amerikanischen Fusion-Star Bob Mintzer featuren) von einer fast schon romantischen Seite. Offen für Pop- und Soul-Einflüsse extrahieren sie die jazzy Essenzen des Chartstürmers und spielen in der sonderbaren Formation die verschiedenen Ebenen zusammen und im beständigen Austausch. Es ist eine Kommunikation der außergewöhnlichen Art, ein Gespräch, eine Diskussion, die dann im unisono mündet.

Im Weiteren folgten verschiedene Engagements in Köln und europaweit. So spielte er nicht nur mit Terrence Ngassa auf dessen Jazzpreis dekorierten Stück »Ngassalogy«, sondern auch zusammen mit der WDR Big Band – und in etlichen Locations landein, landaus.
2021 wurde seine Komposition »A Foggy Day in Lockdown Town« beim Kompositionswettbewerb des Cologne Jazz Supporters e.V. prämiert. 
Zur gleichen Zeit entstanden auch die Stücke, die de Ribaupierre nun im King Georg vorstellen wird. Zusammen mit seinem Langzeit-Kollaborateur Volker Heinze am Kontrabass und Rolf Marx an der Gitarre geht es dann in empfindsame Gefilde: »Lune De Jour«, also ein Mond, der bereits tagsüber aufgeht; nach diesem Motiv ist das Programm benannt.

Ebenso wie seine preisgekrönte Komposition entstand »Lune De Jour« dementsprechend in Zeiten der weltweiten Corona-Pandemie und damit verbundenen Eindämmungsmaßnahmen, die sich im Alltag als Lockdown, Home-Office, Konzertabsagen und Hygiene-Maßnahmen wie Maskenpflicht und AHA-Regeln manifestierten; zugleich aber gerade Musiker*innen und Künstler*innen allgemein die Chance boten abseits permanenter (Re-)Präsentationspflichten zur Einkehr zu kommen. In diesen kontemplativen Zeiten sind konzentrierte Werke entstanden, die François de Ribaupierre im King Georg präsentieren wird.

Text: Lars Fleischmann, Foto: Gerhard Richter

Vielleicht ist traumwandlerisch die beste Beschreibung für die Musik von C.A.R. Ähnlichkeiten mit legendären Bands der Popgeschichte sieht man durchaus selbst – aber sehr gelassen.

C.A.R.

Manchmal sind die Ähnlichkeiten so frappierend, dass man gar nicht mehr weiter darüber nachdenkt, ob es überhaupt welche sind.
Wer die Monumentalband des deutschen Krauts, CAN, im Hinterkopf hat, der wird ohne Frage leicht Verbindungen zur Kölner (und Berliner) Projekt C.A.R. ziehen können. CAN – CAR.

C.A.R. sind dennoch nicht bloß Apologeten des besten Kölner Exportprodukts, seit Johann Maria Farina das Kölnisch Wasser erfunden hat. Das wäre auch gar nicht möglich, wie Johannes Klingebiel, Drummer und verantwortlich für die meisten Tracks der Band, sagt: »Wir wollen und können das gar nicht reproduzieren, was CAN damals gespielt haben. Ich bin zum Beispiel ein ganz anderer Typ Drummer als es Jaki Liebezeit war. Selbst wenn ich wollte, würde etwas unterschiedliches entstehen.«
Ganz klar: C.A.R. sind eine Band, die einen eigenen Sound hat, ein eigenes Gefühl für Timing und Atmosphäre – und daran in den elf Jahren ihres Bestehens auch kontinuierlich gearbeitet hat. Wobei sich in den luftigen Settings und transparenten Tracks sich nur ganz bedingt etwas wie »Arbeit« anhört. Gerade auf ihrem letztjährigen Neuling »Any Percent« geht der Band der eigene Sound so locker aus den Fingern, dass sie selbst in traumhafte Gründe abrutscht.
Kein Wunder also, dass man gerade erst beim Achtbrücken-Festival ein Programm spielte, das sich mit den Bewusstseinszuständen im Prozess des Einschlafens auseinandergesetzt hat.

»Am Anfang war alles sehr wild. Laut, verzerrt, schnell … viele Effekte«

Vielleicht ist »traumwandlerisch« auch die beste Vokabel, um die Musik zu beschreiben, die C.A.R. spielen. Andere Genrebezeichnungen können durchaus passen – die Bezüge zu Kraut und Jazz sind offensichtlich -, dennoch haben sie einen charakteristischen Sound entwickelt, der sich nur schwer einengen lässt. Es gibt starke Verbindungen hin zu Soundtrack-Klängen, zu melancholischem Indie-Jazz, sogar zu den (atmo-)spärischen Stücken von Bohren & der Club of Gore und anderer Doom-Jazz-Bands.

Warum sie so wesensgemäß klingen, hat auch mit ihrer Geschichte als Band und Musikern zu tun: Alle vier Mitglieder, neben Johannes Klingebiel sind das Leonhard Huhn (sax), Christian Lorenzen (keys) und Kenn Hartwig (bass), studierten einst gemeinsam an der Hochschule für Musik und Tanz. Pünktlich zum Diplomkonzert des Drummers Klingebiel und des Bassisten Hartwig gründete man die Combo. Klingebiel erinnert sich: »Wir kannten uns alle aus dem Studium, da man auf Grund des kleinen Jazz-Studiengangs eh einen Überblick hat mit wem man studiert. Und auch weiß, mit wem man klickt und mit wem nicht.« So habe sich die Band nach dem Konzert auch nicht aufgelöst, sondern einfach weitergemacht. »Am Anfang war alles sehr wild. Laut, verzerrt, schnell, viele Effekte“, erzählt er weiter, „das hat sich aber nach und nach gewandelt zu dem Sound, den wir heute machen.

C.A.R. live im King Georg, 2020, Teil 1


Wer nun eine der fünf erhältlichen Platten auflegt, oder ein Konzert besucht, der erlebt etwas anderes.  Jazz sticht manchmal durch, obwohl man, wie Huhn klarstellt, »mittlerweile sehr weit weg ist von der Idee: Da ist ein Jazz-Quartett und das spielt nun ein Konzert!« Vielmehr habe sich über die Ablehnung der Diktate aus dem Studium, die sie stets genervt hätten, ein eher intuitiver Entwurf herauskristallisiert. Statt der Band, die den Grund legt und den Solis, die »darüber genagelt werden« (Klingebiel), spiele man jetzt in einem anderen, gemeinsamen Jam, wo jeder Bandgefüge sei und sein eigenes Ding spielen könne. So entstehe etwas anderes.

Dieses andere ähnelt dann eben den Ahnen von CAN. Leonhard Huhn sieht die Parallelen – aber gelassen: »Irmin Schmidt und Holger Czukay von CAN haben auch in Köln studiert – bei Karlheinz Stockhausen. Und dann mit ihrem Wissen aus dem Studium wiederum einen anderen Sound spielen wollen.« Man komme auch nach fast 60 Jahren, die dazwischen liegen, zu ähnlichen Ergebnissen. Das sei vielleicht der Gang der Dinge, der sich eben mit einigem Abstand wiederhole.

C.A.R. live im King Georg, 2020, Teil 2

Was aber unverkennbar an der neuen Kölner Traditionslinie sei: Die Errungenschaften elektronischer Musik sind wie selbstverständlich inkorporiert. Gerade Klingebiel, der auch als DJ, Produzent und Labelmacher auftritt, besitzt ein Wissen und Gefühl für Synthesizer-Settings und -Sounds, für aktuelle Entwicklungen und Verknüpfungen – wie man sie zum Beispiel auch von international sehr erfolgreichen Combos wie dem Portico Quartett oder Go Go Penguin kenne. Oder eben erst aus dem letzten Jahr als die Saxophon-Legende Pharoah Sanders mit dem englischen Elektro-Tüftler Floating Points eine viel gefeierte und prämierte LP ablieferte.

Bei C.A.R. gibt es darüber hinaus diese idiomatische Note, die man als psychedelisch bezeichnen muss. Diese habe sich, so bestätigt die Band, wie von selbst entwickelt – während der gemeinsamen Jams, die eben nicht angeleitete sind und somit Platz lassen für die jeweiligen Interessen und Vorlieben der einzelnen Mitglieder. Wie schon andere Bands in den letzten 30 Jahren lassen sich die vier Musiker von C.A.R. an ihren rheinischen Vorgängern messen – gleichzeitig nutzen sie es, um sich der eigenen musikalischen Positionen und Ausdrücke zu versichern und immer wieder in Kontakt mit der eigenen Sprache zu treten. Das geht gerne auch Hand in Hand: »Any Percent« nahm man zusammen mit René Tinner auf, dem Schweizer Tonmeister und Produzenten, der das CAN-Studio in Weilerswist leitete und einer der wichtigsten Architekten des rheinischen Krautklangs war.

So ist sichergestellt: Auch in ein oder zwei Jahrzehnten werden sich Bands aus dem Rheinland mit Vorgängern auseinandersetzen müssen. Diese heißen dann eben C.A.R. – Kölner Traditionen 2.0.

Text: Lars Fleischmann. Foto: Frederike Wetzels