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Larry Goldings

Erste Kooperation mit Judy Carmichael’s Jazz Inspired in Europa: Regelmäßig spannende Podcasts mit weltbekannten Künstlern. Diesmal: Larry Goldings.

Judy Carmichael

Auf dem jüngsten Album »Revival« trifft ein moderner Pop-Jazz auf Modern Creative Jazz. Ein immer größeres Publikum hat große Lust auf das japanische Trio Nautilus.

Nautilus

Die Klischees sind hinlänglich bekannt: Jazz aus Japan ist technisch versiert, manchmal sogar überambitioniert, kommt selten über den Groove oder den Soul, sondern meist über Virtuosität und progressiven Druck.
Jazz aus Japan ist in dieser Denke also immer defizitär gegenüber anderen Formfindungen. Lange Zeit wurde eigenwillige japanische (Musik-)Markt nach dem Zweiten Weltkrieg dafür verantwortlich gemacht, der zwar extrem Jazz-affin – sowieso amerikophil – war, aber oftmals eine gewisse Abschottungsstrategie fuhr: Stärker noch als an anderen Orten der Welt spielten japanische Musiker*innen auch aus einer gewissen Not (Touren der Jazz-Größen in den Fernen Osten wurden sehr selten gebucht) heraus die Musik, die sie verehrten, einfach nach – bis sich die Musik verselbstständigte.

Mythos und Realität treffen da aufeinander – wir erörtern das mal an einer anderen Stelle länger. Fakt ist aber, dass auch die Band Nautilus sich erstmal mit amerikanischen Vorbildern auseinandersetzte bis man den eigenen Sound, die eigene Sprache entwickeln konnte. Das beginnt bereits beim Namen der Band selbst, ist sie doch benannt nach einen obskuren Groove-Track des Debüt-Albums, des amerikanischen Komponisten Bob James. Dessen »Nautilus« stammt aus dem Jahr 1974 und stellt den Startpunkt für dieses Trio da, das von Toshiyuki Sasaki ins Leben gerufen wurde.

Sasaki, selbst beeinflusst von Jazz-Pop-Bands à la Jamiroquai, wollte aber weg von den Klischees und setzte voll auf den Groove. Mit einem Blick über den Pazifik und sehr interessiert an den HipHop-Jazz-Experimenten von Bands wie BadBadNotGood fand man zu einem sehr modernen Sound, der vor allen Dingen global und urban klingt und nicht nach Japan, New York oder Wanne-Eickel.

Sasaki setzte sich an die Drums und holte den Bassisten Shigeki Umezawa dazu; Keys kamen in den ersten Jahren von Daisuke Takeuchi. »Nautilus« wurde im Folgenden zum Key-Piece der Band – außerdem blieb man sich selbst mit eigenen Kompositionen treu, während man Gil Scott-Heron oder Suzanne Vega neuinterpretierte. Besondere Bedeutung sollte indes der Roy Ayers-Klassiker »We Live In Brooklyn Baby« gewinnen: Der deutsche DJ und Digger Oonops aka Patrick Decker stolperte über den Track, war gleich Feuer und Flamme. Oonops klopfte bei der Band an und brachte sie bei Agogo Records unter: »Nautiloid Quest«, eine Compilation aus den ersten beiden Alben der Band, landete bald in den hiesigen Plattenregalen. Das Publikum hatte Bock auf das Trio: Zwar spielten vor allen Dingen Toshiyuki Sasaki selbst und der Bassist Shigeki Umezawa astrein und technisch recht aufwendig, doch es swingte und synkopierte – häufig klingt die Band wie die Beats eines HipHop-Produzenten oder wie eine sehr talentierte Funk-Band.

Nun war das Trio in Europa angekommen, bediente dennoch auch zeitgleich den japanischen Markt. Diesen Spagat zog man einige Jahre durch. Dann kamen aber die weltweite Corona-Pandemie und der Ausstieg des Pianisten Daisuke Takeuchi. Dafür sitzt seit 2020 Mariko Nakabayashi an den Keys.

Ihr aktuelles Album heißt »Revival« und erschien im Januar 2023. Gewohnt Drums- und Bass-betont interpretiert man hier moderne Klassiker, wie den romantischen Pop-Hit »La Ritournelle« von Sébastien Tellier. Die fast schon naive Piano-Melodie wird dabei kongenial eingerahmt durch die Rhythmus-Gruppe: Treibend, ekstatisch und trotzdem verträumt – bis der Vocoder übernimmt und man sich milde an Daft Punk erinnert fühlt. Auf »Revival« trifft ein moderner Pop-Jazz auf Modern Creative Jazz, der eine gewisse Hektik lebt und atmet (man denke an die Straßenzüge der japanischen Hauptstadt Tokio), die aber immer im Sinne der Interpretationen und Eigenkompositionen ist. Das Ostinato bei „Inner Space“ erzählt von Raumschiff-Funk der Siebziger, als die Synthesizer laufen lernten; das Intro von „Another World“ hat einen gewissen brasilianischen Esprit.
Manchmal klingen Nautilus wie Robert Glasper-Produktionen und überraschen dann doch wieder mit furiosen Manövern, die auch einen Chick Corea erfreut hätten.
Kurzum: Abseits schnöder Klischees ist Nautilus eine der spannendsten Jazz-Trios dieser Tage – nicht nur in Japan.

Text: Lars Fleischmann

Die Geschichte einer Frau, die ein Star hätte werden können. Einer Jazz-Musikerin, die mit Legenden – deutschen wie US-amerikanischen – zusammenspielte.

Jutta Hipp

Sie werden nicht in der Lage sein, dies zu verstehen, weil Sie in Amerika geboren sind. Für uns war Jazz eine Art Religion. Wir mussten wirklich dafür kämpfen.“ So formuliert Jutta Hipp ihre fast schon spirituelle Verhaftung mit dem Jazz gegenüber dem US-amerikanischen Musikkritiker Marshall Stearns. Der Brief stammt aus dem Jahr 1956 – und findet sich in Auszügen in der aktuellen Biografie über die deutsche Pianistin Jutta Hipp wieder: »Plötzlich Hip(p)«, geschrieben von der Jazz-Saxofonistin Ilona Haberkamp.

Dass es einer solchen Biografie benötigt, steht außer Frage. Noch immer gehört das Wissen um Jutta Hipp und ihre Karriere nicht zum Kanon; obwohl sie in den 1950ern eine der wichtigsten europäischen Musikerinnen überhaupt war. Man nannte sie »Europe’s First Lady of Jazz«, sie veröffentlichte drei LPs auf dem legendären Label Blue Note, sie war der Star des Zweiten Deutschen Jazzfestivals – und doch wissen heute nur die interessierteren Jazzheads, wer Jutta Hipp war. Woran das liegt, das versucht Ilona Haberkamp auf etwas über 200 Seiten herauszuarbeiten. Denn die Vita der 1925 in Leipzig-Connewitz geborenen Jutta Mathilda Lina Toni Hipp ist nicht bloß als Erfolgsgeschichte zu erzählen; ganz im Gegenteil: Es geht um die NS-Zeit, den Krieg, Chauvinismus, Armut, Flucht, Verfolgung, große und geplatzte Träume, Verlust, Neuanfänge und abrupte Enden … Um das vorwegzunehmen: Man erhofft sich, dass dieses Buch verfilmt wird. Denn jede/r – zumindest jede/r Jazz- und Musikgeschichtsinteressierte – sollte von Jutta Hipp erfahren.

Haberkamp hat Jutta Hipp 1986 das erste Mal in New York besucht. Zu dem Zeitpunkt hatte sich Hipp schon fast 30 Jahre nicht mehr in einem Jazz-Kontext präsentiert. Und auch dieser Besuch aus ihrem Geburtsland ist ihr nicht wirklich geheuer, obwohl sie die beiden (neben Haberkamp ist auch die Jazz-Trompeterin Iris Krames mit an Bord bei dieser Entdeckungstour) sehr sympathisch findet.
Wie man aber im weiteren Verlauf des Buches lernt, ist die Vita der Frau, die mit 35 Jahren ihre Karriere beendete, keine, die sie gerne erzählt. Dass die Autorin Haberkamp diese tragischen Momente nicht verschweigt, ihnen gleichzeitig genau das richtige Maß an Aufmerksamkeit zukommen lässt, ist bereits einer der wichtigen und äußerst positiven Punkte dieses Buchs, das beim Wolke Verlag erschienen ist.

Eine gewisse Aufmüpfigkeit

Statt Energie in große dramatische Gesten zu stecken, bleibt Haberkamp vor allen Dingen bei dem Menschen Jutta Hipp. Das, was nicht erzählt werden soll, das bleibt wohl auch im Geheimen – und was zu sehr schmerzt, wird nicht zu tief angebohrt. Dementgegen geht der Blick immer in Richtung Karriere und musikalische Leistungen. Derer gibt es reichlich: Ausschweifend und doch nie im Übermaß erzählt sie die Geschichte der Jugendlichen, die trotz Verbot im NS-Regime Jazz-Platten hört und sich sogar zum Spielen trifft – keck die Herzen auf die Strumpfhose gefärbt.
Diese »Aufmüpfigkeit« legte sie auch in ihrer Kunst-Ausbildung an den Tag: Haberkamp arbeitet immer wieder die außermusikalischen Leistungen heraus, haben ihre Bilder, Karikaturen und Gedichte doch auch Anteil am Leben der Jutta Hipp gehabt. Doch am talentiertesten und verbissensten zeigte sich Hipp immer noch als Musikerin – zumindest bis die Karriere zu Ende ging.
Man lernt einiges über die Jazz-Szene in der jungen BRD und wie sich amerikanische GIs und deutsche Jazz-Musiker*innen immer wieder ausgeholfen haben … und beizeiten auch mehr gemacht haben. Nicht unerwähnt bleibt Hipps eigenes Kind, das sie als eines der sogenannten »Brown Babies« (so wurden damals Kinder von deutschen Frauen und afro-amerikanischen GIs genannt) nicht umsorgen konnte und durfte. Ja, die biografischen Narben finden ihren Platz und werden im nötigen Maß erforscht, jedoch nie ausgeschlachtet.


Danach geht es in die Erfolgsgeschichte: Die ersten Triumphe mit dem Hans Koller New Jazz Stars, ihre Hochzeit mit dem Drummer Attila Zoller, später dann ihr eigenes Quartett und der Ruhm, den sie damit einheimste. Wir erfahren von den Übergängen: Von Swing zu Bebop, von Cool zum Jump, von Hard-Bop zur Abneigung gegenüber den Free-Jazz-Ausflügen. Manche wurden von Hipp gefeiert, andere später verflucht. Im weiteren Verlauf wird es dann richtiggehend aufregend: Die Umstände, die sie nach New York brachten, sind spannend wie tragisch. Das Kapitel USA nimmt daraufhin den größten Teil des Buches ein – immerhin hat Hipp insgesamt drei LPs beim legendären Blue Note Label veröffentlicht. Wie könnte man das verschweigen – selbst wenn die Storys hinter den Platten nicht immer nur positive Aspekte beinhalten?

Von Swing zu Bebop, von Cool zum Jump, von Hard-Bop zur Abneigung gegenüber den Free-Jazz-Ausflügen.

Natürlich kann man an dieser Stelle ein paar Kritikpunkte anbringen: Ob es nötig war, all die Verspottungen und Herabwürdigungen zu reproduzieren? Vermutlich nicht. Ob man auch die kruderen Zeichnungen und Karikaturen, die Hipp in den Jahrzehnten angefertigt hat, so platzfüllend hätte abdrucken sollen? Wohl eher nicht. Aber es sind Entscheidungen, mit denen man leben kann.
Zu spannend wird hier die Geschichte einer Frau erzählt, die ein Star hätte werden können, die mit Legenden – deutschen wie US-amerikanischen – zusammengespielt hat, die in einem Atemzug mit diesen Legenden genannt wurde, und doch vergessen wurde. Über diese Tilgung aus der Jazz-Geschichte mutmaßt Haberkamp ausgiebig und meist sehr treffsicher: Äußere Umstände, problematische Figuren mit zu viel Macht und auch Hipps eigene Handlungen standen ihr im Wege. Derweil ist dieses Scheitern alles andere als unsympathisch; Hipp war eine Musikerin, die ihre eigenen Grenzen gesetzt hat und sich selten verbogen hat. Das war nicht ausschließlich hilfreich, wie man in der zweiten Hälfte lernt.


Aber das Menschliche, Allzumenschliche macht Hipp umso interessanter und faszinierender. Auch wenn klar wird, dass Hipp sich eher nicht als Feministin bezeichnet haben wird, so ist sie doch aus heutiger Sicht eine Ikone der feministischen Musikgeschichte. Was 20 Jahre nach ihrem Tod zumindest so etwas wie ein Happy End bereithält, obgleich ihre letzten Jahre von tausenden Stunden in der Fabrik, im kleinen New Yorker Apartment, vom US-amerikanischen „Gesundheitssystem“ und schwerer Krankheit geprägt waren. 
Wo man das alles nachlesen kann?

Ilona Haberkamp »Plötzlich Hip(p)«, Wolke, 28 Euro

Text: Lars Fleischmann