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»Tokyo Jazz Joints«: Die Geschichte schummeriger Refugien für Jazzfans in Japan

Die Geschichte der Jazz Kissa ist alt. Bereits vor 100 Jahren entwickelten sich in Japan die ersten Orte,
an denen Jazz gespielt wurde – nie live, immer von der Schellack. In der Zeit des japanischen
Faschismus und dem daraus resultierenden Zweiten Weltkrieg wurden die Jazz Kissa geschlossen –
immerhin stand man nicht nur mit China und Korea im Konflikt, sondern führte auch einen
erbarmungslosen Krieg gegen die USA, ihre Ausbreitung im Pazifik, aber auch gegen die Kultur der
Vereinigten Staaten.
Zwei Atombomben-Abwürfe, eine bedingungslose Kapitulation und mehrere Jahre des
Wiederaufbaus später florierte ab den 1950er Jahren das städtische Leben wieder im sogenannten
Land der aufgehenden Sonne. Nach dem Zweiten Weltkrieg hörte die japanische Jugend kokujin jazz,
also schwarzen Jazz. Acts wie Art Blakey and The Jazz Messengers hatten Kultstatus und
beeinflussten die hiesige Popkultur; obwohl ein Großteil der Japaner*innen kaum Möglichkeiten
besaß in den eigenen vier Wänden Platten abzuspielen. Plattenspieler und Heim-HiFi waren
Mangelware respektive unbezahlbar. Die importierten Platten waren ebenso unerschwinglich: Blue
Note-Platten kosteten in Japan häufig einen Tageslohn.
So eröffneten kleine Zufluchtsorte, die Jazz Kissas eroberten im neuen Gewand die Großstädte. Bis
1960 gab es schon etwa 100 dieser Jazz Cafés in Tokyo. Das Besondere: Die Kissas waren eben keine
Orte des nächtlichen Lebens oder der Ausgehkultur, sondern Einrichtungen, die meist schon in den
frühen Abendstunden schlossen. Dafür öffneten sie bereits in der Mittagszeit – was man nur erahnen
konnte, wenn man in einem Jazz Kissa saß, da die meisten unter ihnen eher durch Fensterlosigkeit
glänzten. Gedimmtes Licht, dunkles Holz, ein Schrank voller Platten, dazu Tee und Whiskey – gerne
amerikanischen Bourbon, so wie es wohl auch die großen Vorbilder aus den USA machen.
Das schummerige Ambiente schreckte die Jugend nicht ab, man traf sich nach der Schule oder der
Universität im Kissa; daneben saßen Angestellte und alle hörten konzentriert den Jazz. Schwatzerei
untersagt.Es war damals wie heute ein stiller Vertrag, den man in Jazz Kissas schließt: Das Schweigen
der Gäste erkauft sich der Wirt durch eine ausgezeichnete Anlage. Ob in alten oder neuen Jazz Kissas,
immer gehören leistungsstarke Röhrenverstärker zur Grundausstattung, dazu zentnerschwere
Plattenspieler – und eine große Auswahl an Platten, die teilweise seit Jahrzehnten gepflegt wird.
Der nord-irische Dokumentarfotograf Philip Arneill machte sich für sein gerade erschienenes Buch
„Tokyo Jazz Joints“ auf die Suche nach neuen und alten Jazz Kissas und versucht auf knapp 160 Seiten die besondere Magie dieser Orte einzufangen. Dabei gelingt ihm außergewöhnliches: Zwischen den Fotos von Tee-Tassen, rauchenden Männern, aus allen Nähten platzenden Regalen und HiFi-Anlagen vermeint man fast den Sound der Läden zu hören. Im „Coltrane Coltrane“ in Tosu sieht man den Herrn des Hauses gerade eine Platte auflegen. Vor ihm die grimmigen sechs Röhren seines
Verstärkers, dazu eine absurde kleine Auswahl an Zippo-Feuerzeugen. Rechts sieht man den
Gastraum angedeutet, mit Hockern zum Sitzen, einer Reihe Aschenbecher und gleich mehrfach dem
Konterfei des großen Saxofonisten, der den Laden gleich doppelt den Namen leiht. Wer länger
hinschaut, erkennt links am Rand etliche Plattenspielernadeln und im Hintergrund natürlich die
vermutlich 2500 Vinyls. Langsam setzt im Kopf ein Saxofon ein, ist das „Naima“?


Wir werden nie erfahren, was für eine Platte der namenlos bleibende Besitzer auflegt, aber es ist
eine schöne Vorstellung, das Coltranes romantische Ballade für seine erste Ehefrau Juanita, hier
inmitten der konservierten Stimmung Einzug findet.

Auch auf den weiteren Bildern spielt der Methodistensohn immer wieder eine Rolle, aber auch
andere Größen des us-amerikanischen Jazz sind zu entdecken: Da heißt ein Laden „Bird/56“ (in
Osaka), dann ist in der Stadt Shiki ein Kissa Louis Armstrong gewidmet. Spannend sind die
Unterschiede zwischen alteingesessenen Jazz Cafés und jenen neueren Datums. Hier vorsichtig
dampfende, moderne Espressomaschinen, da der perfekt angegilbte Geruch alten Pfeifentabaks;
manchmal ist das Mobiliar frisch eingerichtet, dann sitzt man in einem fast schon plüschigen
Ambiente.
„Tokyo Jazz Joints“ ist ein Buch für Liebhaber*innen des Jazz, der Innenarchitektur, der Schallplatte
und auch Japans. Es ist eine eigene, sogar eigenartige Welt, die man betritt; soweit weg von unseren
Erfahrungen aus Deutschland.

Text: Lars Fleischmann

Der Saxofonist Ole Sinell hat mit dem Stück »Nine To five« den diesjährigen CJS-Kompositionswettbewerb gewonnen. Wir sprachen mit ihm über das Komponieren und sein Konzert im King Georg bei der Preisverleihung am 8. August.

Ole Sinell

Wenn am 8. August 2023 bereits zum vierten Mal der Preis des Kompositionswettbewerbs des Cologne Jazz Supporters e.V. (CJS) verliehen wird, erhält ihn mit Ole Sinell ein beachtenswerter Musiker der deutschen Jazzszene. Der Saxofonist, der vor 30 Jahren in Berlin geboren wurde, kann sich trotz seines noch jungen Alters schon etliche Engagements in die Vita schreiben: Da war er zwei Jahre Teil des Bundesjazzorchesters, spielte aber auch bei der WDR Big Band und dem Jazzkombinat Hamburg. Besonders fällt seine Rolle als Baritonsaxofonist der Big Band der Bundeswehr auf, wo er bereits seit 2018 spielt. Vor allen Dingen ist Sinell aber auch Mainman und Kopf sowohl seines Quartetts als auch der Ole Sinell Super Constellation. Neben dem Saxofon spielt er auch die Klarinette, hat aber – wie viele spätere Holzbläser – einst als Sechsjähriger am Klavier seine ersten musikalischen Schritte machen dürfen. Mit elf wagte er dann den Sprung zum Saxofon, auch wenn er, wie Sinell im Interview verrät, bis heute vor allen Dingen am Klavier komponiert. Mittlerweile gehört er zu den besten Straight-Ahead-Musiker*innen des Landes; tritt nicht nur als Instrumentalist in Erscheinung, sondern auch als Arrangeur. Und natürlich als Komponist, was ihm 2023 den Preis der CJS bescherrte. Wir sprachen mit ihm über den Titel seines Preisträgerstücks (»Nine to Five«) – und wie es ist bei der Bundeswehr in der Bigband zu spielen.

Bei »Nine To Five« muss man natürlich auch als Jazzliebhaber*in an Dolly Partons Mega-Hit denken, die da an die Arbeiter*innen erinnert und außerdem Equal Pay für Frauen fordert. Wie kamen Sie auf den Titel zu Ihrer Preisträger-Komposition?

Auf die Gefahr hin, eine peinliche Bildungslücke zu offenbaren, gebe ich zu, dass ich Dolly Partons Mega-Hit zu dem Zeitpunkt, als ich meinem Stück seinen Namen gab, gar nicht kannte. Erst als der Titel bereits feststand, bin ich darauf hingewiesen worden, dass es einen gleichnamigen Hit von Dolly Parton gäbe. Den habe ich mir natürlich gleich angehört und er gefällt mir gut! Eine Verwechslungsgefahr mit meinem Stück besteht aber nicht, denke ich.
Wie kam ich also zu dem Titel? Die Musik war bereits fertig komponiert und ich musste nur noch einen passenden Namen finden. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Ich hatte keine spontane Idee. Also schaute ich mir meine Melodie nochmal etwas genauer an.  Mein Stück beruht auf einem Motiv, das aus zwei Tönen besteht. In der Musiktheorie werden die Töne einer Tonleiter durchnummeriert. Das Motiv zu Beginn des Stückes könnte man »One-to-Five« nennen, es wird vom 1. Ton der Tonleiter zum 5. gesprungen. Das Motiv am Ende des A-Teils könnte »Five-to-Nine« heißen. So bin ich auf die Idee gekommen, das Stück »Nine-to-Five« zu nennen. Musiktheoretisch betrachtet kommt das Motiv »Nine-to-Five« im Stück zwar gar nicht vor, trotzdem gefiel mir dieser Titel am besten. Denn »Nine-to-Five« ist ein stehender Begriff, den wohl fast alle kennen und der sofort Assoziationen beim Publikum auslöst. Darum geht es ja bei einem guten Titel. 

Und welche kompositorischen Ideen haben Sie umgesetzt?

Wie oben schon angedeutet, beruht mein Stück auf motivischer Entwicklung. Die ersten drei Takte sind mir gewissermaßen aus dem Nichts eingefallen und gefielen mir gut. Dann habe ich versucht, aus den Bausteinen, aus denen diese ersten Takte bestehen, ein ganzes Stück zu bauen. In der Bridge, die ein kontrastierender Mittelteil sein soll, kommen dann einige ganz neue Bausteine dazu.

Gehen Sie bei ihren Songs von sich als Saxofonist aus, oder denken Sie direkt in einem multi-instrumentalen Rahmen, der die verschiedenen Stimmen bereits mitbedenkt?

Die wenigsten meiner Kompositionen sind am Saxofon entstanden. Meistens komponiere ich mit Hilfe eines Klaviers oder eines anderen Tasteninstruments, denn darauf lassen sich leichter mehrere Dinge gleichzeitig spielen. Melodie, Bassstimme und Harmonien lassen sich nur mit einem Saxofon nicht gleichzeitig darstellen. 
Insbesondere wenn ich für Bigband schreibe, denke ich frühzeitig im multiinstrumentalen Rahmen. Welche Instrumentengruppe spielt die Melodie und in welcher Lage? Welchen Groove spielt das Schlagzeug? Wo könnte eine Gegenstimme liegen? Das sind Fragen, die ich mir dann stelle. Meistens kläre ich die Melodie zuerst. Als Saxofonist bin ich es ja gewöhnt, Melodie zu spielen. Manchmal kommt aber auch etwa ein Drum-Groove oder eine Basslinie als erstes.

Welche Einflüsse kann man bei »Nine To Five« hören? Gibt es direkte oder indirekte Vorbilder?

Ein direktes Vorbild gibt es nicht. Vielleicht kann man den Einfluss von Clare Fischer hören. Seine Musik schätze ich sehr!

Wie sehr werden Ihre Kompositionen von ihren Erfahrungen beim Bundesjazzorchester und als Leader der Jazzorama Big Band beeinflusst?

Was mich als Komponisten wahrscheinlich am meisten vorangebracht hat, war weder Studium von Musiktheorie und Kompositionstechniken, noch das Studieren von Stücken anderer Komponisten (letzteres halte ich trotzdem für sehr wichtig!), sondern das Komponieren selbst und –  essenziell – das anschließende Ausprobieren mit einer guten Band. Ich kann mich also sehr glücklich schätzen, dass ich für das Bundesjazzorchester und die Jazzorama Big Band komponieren durfte, sie meine Musik spielen und ich sie hören kann. 

Außerdem haben Sie lange Jahre bei der Bigband der Bundeswehr gespielt. Auch wenn die Geschichte des Jazz (vor allen Dingen auch im Nachkriegsdeutschland) geprägt wurde von Armee-Kapellen und -Bigbands, wirkt die Kombi aus Militär und Jazz für viele wie ein Oxymoron. Wie kann man sich das Arbeiten bei der Bundeswehr vorstellen? Funktioniert die Big Band da grundlegend unterschiedlich zu anderen Institutionen?

Die Arbeit bei der Bigband der Bundeswehr besteht zu einem Großteil aus Proben, Üben, Auftritten und Aufnahmen. Darin unterscheidet sie sich also nicht von einer zivilen Band. Allerdings sind wir Teil der Bundeswehr, sind also Soldaten, haben eine Grundausbildung gemacht, tragen Uniform und Dienstgrad. Innerhalb der Bundeswehr ist unsere primäre Aufgabe aber, Musik zu machen. Dafür sind wir ausgebildet. 
Ich bin wirklich froh darüber, Teil der Bigband der Bundeswehr zu sein, unter anderem deshalb, weil das breitgefächerte Programm und das regelmäßige Zusammenspiel mit meinen Kollegen, die alle sehr gute Musiker sind, mich musikalisch voranbringen. 

Was und welche Stücke können wir bei Ihrem Preisträger-Konzert am 8. August erwarten? Welches Repertoire haben Sie mit ihren Mitmusikern eingeplant?

Da es an dem Abend um den Kompositionspreis geht, wird es neben dem Stück, das ausgezeichnet wurde, auch noch weitere Kompositionen aus meiner Feder geben. Unter anderem ein Stück, das ich für eine frühere Ausgabe des CJS-Kompositionspreises geschrieben habe und das damals nicht ausgezeichnet wurde. Dieses Mal hatte ich mehr Glück, einen guten Einfall gehabt und den Geschmack der Jury getroffen zu haben. Damals hatte sich die Teilnahme aber trotzdem gelohnt. Denn am Ende hatte ich immerhin ein neues Stück geschrieben, das ich noch heute gerne spiele. Ich bin sicher, viele Teilnehmer*innen des Wettbewerbs sehen das ganz ähnlich.
Neben meinen eigenen Kompositionen wird das Programm aus Stücken von Komponisten bestehen, die für mich Vorbild und Inspiration sind. Beispielsweise Neal Hefti, dessen Musik ich wegen ihrer Schlichtheit und ihres Humors sehr schätze. 

Interview: Lars Fleischmann.