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Alle möglichen Facetten

Bandleaderin, Komponistin und Vokalistin Nicola Missing spielt mit Quintett im King Georg. Wir sprachen mit ihr über die Ausbildung in Maastricht, Jazz und Pop.

Dass es auch außerhalb der deutschen Universitäten, Hochschulen und Konservatorien formidable »Young Talents« gibt, muss man zwar niemanden lange erzählen; dennoch ist es ein froher Anlass zum Jahresausklang ein beziehungsweise gleich mehrerer solcher Talente aus den fernen Niederlanden begrüßen zu dürfen. Wobei: Bandleaderin, Komponistin und Vokalistin Nicola Missing kommt gebürtig aus Koblenz; sie sagt »born and raised in Rheinland-Pfalz«.
Vom Deutschen Eck – und mit damals 23 – ging es vor zwei Jahren nach Maastricht ans Konservatorium, um Jazz-Gesang zu studieren.  Dort lernte sie Jakob Lingen (heute an den Drums) und Peter Willems (Bass) kennen. Sie »engagierte« die Rythmussektion für ihr Nicola Missing Quartett. Vor einigen Monaten ging es dann weiter nach Amsterdam ans hiesige Konservatorium. Dort tauchten dann der Pianist Chris Muller und Jeline Weening am Saxofon auf der Bildfläche auf. Aus dem Quartett wird im King Georg ein Quintett.

Wie bist Du zum Jazz-Gesang gekommen?

Ich habe mit fünf mit dem Piano angefangen und ab dem neunten Lebensjahr hatte ich Gesangsunterricht. Ich habe in meiner Jugend vor allen Dingen Pop-Gesang gemacht, daneben dann auch R&B gesungen. Der Brückenschlag zum Jazz war dann relativ kurz.

Später habe ich das einjährige Vorstudium an der Offenen Jazz Haus Schule in Köln gemacht – und habe mich nach der Aufnahmeprüfung für Maastricht entschieden.

Was hat Dich nach Maastricht gebracht? Das ist zwar als eines der neun Konservatorien in den Niederlanden renommiert, aber von Koblenz wäre der Weg zum Beispiel nach Köln ja näher gewesen …

Erstens kannte ich schon Leute, die in Maastricht studierten. Und außerdem war mir wichtig, dass ich erstmal in einer kleineren Stadt studieren wollte. Ich wollte eher nach innen gekehrt studieren; es ging mir also gar nicht um eine besonders aufregende Stadt oder eine größere Szene mit vielen Sessions. Ich wollte unbedingt den Fokus auf das Studium und mein eigenes Songwriting legen.

Das ist ein Ansatz, der, glaub ich, gar nicht so häufig gewählt wird. Würdest Du das anderen empfehlen?

Für mich war das eine gute Entscheidung.

Du hast Dich damit auch gegen deutsche Unis und Konservatorien entschieden und die Internationalität vorgezogen. Wie sehr hat das Dein Studium bis jetzt beeinflusst?

Auf sehr positive Art. Es ist auf jeden Fall herausfordernder als in Deutschland auf Deutsch zu studieren. Aber das gefällt mir. Ich finde es mittlerweile auch einfacher, mich im Englischen, das hier die Arbeitssprache ist, auszudrücken. Es gibt viel mehr Möglichkeiten der Beschreibung und mehr Begrifflichkeiten, die auch international verstanden werden. Ich finde es sehr hilfreich sich über Grenzen hinweg kommunizieren zu können.

Der Anteil der Niederländer*innen unter den Studierenden ist viel geringer als der internationale. Für mich ist es dann nochmal besser, weil ich … ich sag mal: Mit einem Fuß in den Niederlanden studiere, aber ein Zeh in die deutsche Szene herüberragt.

Für Dich als Vokalistin ist es vermutlich nochmal zusätzlich interessant, da Du wahrscheinlich nicht mit deutscher Intonation und Artikulation in der vorwiegenden Gesangssprache Englisch konfrontiert bist, sondern mit internationalen.

Das ist tatsächlich sehr interessant. In Technik und Interpretation habe ich zwei niederländische Dozierende, die beiden haben einen recht starken Akzent. Hier in Amsterdam, im Jazz Vocal Department, habe ich zeitgleich einen Kurs, der heißt »English/American Pronunciation«, mit einer US-Amerikanerin. Ich habe lustigerweise also diesen holländischen Einsatz, als auch diese Arbeit an der Phonetik und der Artikulation.

Verändert das auch Dein Verhältnis zu Englisch als Sprache der Jazz-Standards?

Ja, auf jeden Fall.

Du hast mir auch eine Konzertaufnahme geschickt. Da interpretierst Du unter anderem den Michael Jackson-Klassiker »I Can’t Help It«. Dieser ist bekannterweise von Stevie Wonder ko-geschrieben ist. Wonder ist ein glühender Fan des Jazz. Wie stehen für Dich Pop (Michael Jackson) und Jazz (hier zum Beispiel Teile der Melodieführung) zueinander?

Ich tue mich sehr schwer mit Genrebegriffen. Für mich liegt der Reiz darin, die Grenze zwischen Jazz und Pop nicht genau abzustecken. Dennoch habe ich mich jetzt seit einigen Jahren vor allen Dingen für Jazz-Vocals interessiert. Mir reichen meist die Pop-Akkorde nicht aus; ich möchte mehr ausdrücken. Und mich facettenreicher ausdrücken.

Wer sind denn Deine Vorbilder?

Du hast eines schon genannt: Stevie Wonder. Ich finde sehr cool, wie er eben mit je einem Bein im Pop und im Jazz steht. Ich finde sonst aber auch viele traditional und moderne Jazz-Komponist*innen und Musiker*innen reizvoll in ihrer Arbeit: Coltrane, Esperanza Spalding, Brad Mehldau, Betty Carter, Veronica Swift.

Wir haben eben schon darüber geredet, dass du Maastricht gewählt hast, um etwas »abgeschiedener« zu sein. Ich glaube, du hast einen sehr guten Überblick über die Standards und verschiedene Interpretationen. Ist das Ergebnis dieser Zeit, die du investiert hast?

Für mich ist es wichtig einen Jazz-historischen Überblick zu haben und auszubauen. Für mich ist es hilfreich möglichst viele Versionen von einem Song zu hören, um richtig tief in den Song zu einzutauchen. Und mich auch von verschiedenen Stilen und Stilistiken prägen zu lassen. Dann kann man auch spielerisch mit dem Material umgehen.

Wie sieht das bei Deinen eigenen Kompositionen aus?

Das Klavier ist die Basis in allen Songs. Ich setze mich da aber nie mit einer bestimmten Intention dran und versuche zwanghaft etwas Neues zu machen. Meistens kommen zuerst die Harmonien, dann die Lyrics und dann die Melodien.

Eigentlich wolltest Du in Köln mit deinem Quartett auftreten …

Genau. Das Quartett habe ich hier in Maastricht gebildet: Mit einem Pianisten, einem Schlagzeuger und einem Bassisten. Ich habe während Corona angefangen sehr viel zu komponieren und die drei waren optimal um meine Kompositionen und das, was ich mir vorstelle, umzusetzen.

Und jetzt trittst Du aber mit einem Quintett auf …

Es gab zwei Änderungen. Ich trete im King Georg mit einem neuen Pianisten auf – und vor allen Dingen mit einer Saxofonistin. Ich habe das Gefühl, dass die stilistisch sehr gut zu meinen Kompositionen passen.

Wie ändert sich für Dich der Ansatz bei den Formationen?

Das Quartett ist für mich die kleinste Einheit für meine Musik. Ich trete auch in Duos auf, aber das Gleichgewicht im Quartett ist meines Erachtens optimal: Es gibt genug Platz für alle und meine Stimme. Das Verhältnis von Rhythmik und Melodie/Harmonie ist auch richtig.

Gleichzeitig finde ich jetzt im Quintett spannend, dass das Saxofon ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Ich mag es, wenn Instrument und Stimme unisono spielen. Es ist auch reizvoll nochmal das Blending-Verhältnis zwischen Stimme (für den Text) und Stimme als Instrument auszuloten. Das Saxofon trägt dazu bei, dass meine Stimme anders wirkt. Es ist nicht mehr nur »Sängerin mit Band«. Es geht dann vermehrt um andere Farben, um zweite Stimmen, um komplexere Harmonik.

Ist das Konzert im King Georg dann auch die Möglichkeit sich auszuprobieren?

Ja, gleich mehrfach. Es ist der erste außer-schulische Auftritt mit der Band. Und man studiert ja nicht, um an der Schule zu spielen, sondern vor Publikum. Die Performance ist der Zweck meines Studiums. Mich interessiert auch das veränderte Rezeptionsverhalten. Wo man nicht bloß in der kritischen Analyse und mit inhaltlich-fachlicher Kritik die Songs spielt und hört, sondern eben aus Vergnügen.

Dazu kommt, dass wir in dieser Quintett-Version noch nie zusammengespielt haben. Es ist also ein Versuch. Ich bin selbst gespannt.

Interview: Lars Fleischmann