2020, Digital Album

Christophe Schweizer, der in Hamburg lebende Posaunist und gebürtige Schweizer, hat sich für »Stream« ein handverlesenes Quintett aus alten und neuen Weggefährten zusammengestellt, das auf Anhieb verblüffend gut harmoniert. Bassist Joris Teepe und Schlagzeuger Billy Hart sorgen für kraftvollen Rhythmus. Pianist Pablo Held kreiert faszinierende impressionistische Klänge, die die Musik mit starken Klangfarben beeinflussen. Sebastian Gille drückt an seinem Tenorsaxofon ein weites Spektrum von Stimmungen aus. Sein Sound kontrastiert auf spannende Weise mit Schweizers robust satten Posaunenklängen. Acht der neun Stücke sind Kompositionen der Beteiligten und liefern gute Ausgangspunkte für die Explorationen der fünf. Die CD endet mit dem Standard »Body and Soul« – und Gilles Solo von schmerzhafter Zerbrechlichkeit, das von Pablo Held aufgehellt wird. Hoffentlich werden 2021 Live-Auftritte dieser brillanten Band möglich sein.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

2020, KLAENG Records

Holistic Images« – der Titel beschreibt die 3D-Klangmalereien des Trio Aurora gut. Hier geht es nicht um zum Fingerschnippen anregenden Wohlfühljazz, sondern um den Ausdruck komplexer Gefühlswelten in Musik. Lucas Leidinger hat sich – obwohl erst Anfang 30 – schon einen Namen gemacht als Komponist und Pianist und wurde mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet. Mit Sebastian Gille hat er einen Bruder im Geiste gefunden, der sein Tenorsaxofon mit größter Intensität nutzt zum Ausdruck eines breiten Spektrums von Gefühlen. Fabian Arends agiert mehr als Perkussionist denn als klassischer Jazz-Schlagzeuger und setzt mit großer Variabilität Akzente und eigene Klangfarben, die Leidingers Kompositionen eine zusätzliche Dimension geben. Es ist kein Zufall, dass die einzige Fremdkomposition der CD von Béla Bartok stammt, auch er Pianist und Komponist mit expressiver Tonsprache. Die CD endet mit einer Live-Aufnahme des Stücks »Aurora« im Kölner Loft, die die Ausdruckskraft dieses Trios besonders eindrucksvoll wiedergibt. 

Text: Hans-Bernd Kittlaus

2020, Bass Lion Music

Seit 1994 steht Bassist John Goldsby bereits in Diensten der WDR Big Band. Seit vielen Jahren bildet er mit Schlagzeuger Hans Dekker deren Rhythmusgruppe. Pianist Billy Test ist erst seit zwei Jahren dabei als Nachfolger von Frank Chastenier und hat sich als glücklicher Griff erwiesen, wie auch die vorliegende Trio-Aufnahme beweist. »Segment« (veröffentlicht als CD und als drei EPs online) startet mit Goldsbys brillanter Komposition »Things That Go Bump«, die sogleich zum Vorschein bringt, was das Trio ausmacht: die Intensität und Vertrautheit des Zusammenspiels, die solistischen Fähigkeiten jedes Einzelnen, der federnde Rhythmus, die Freude an melodischer Improvisation. Test trägt das Stück »Coming Up Roses« bei, erneut ein Swinger mit Tests inspiriertem Solo. Charles Mingus‘ »Goodbye Porkpie Hat« gibt Goldsby Gelegenheit, in seinem Solo die Schönheit seines Basssounds auszuspielen, vorzüglich eingefangen vom WDR-Toningenieur Reiner Kühl. Die drei swingen dann wieder mitreißend durch »The Sequence Of Things«, das letzte Stück der CD. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Juni 2020 feierte das Trio nicht nur, dass sie nach mehreren Corona-Monaten wieder zusammen spielen konnten. Sie feierten auch, dass John Goldsby sich von der lebensbedrohlichen Erkrankung erholt hatte, die im Herbst 2019 bei ihm diagnostiziert worden war. Das ist für uns alle ein Grund zum Feiern. 

Text: Hans-Bernd Kittlaus

2020, Sunnyside Records

Pianist Michael Wolff kann auf eine lange erfolgreiche Karriere zurückblicken und hat sich durch gesundheitliche Probleme wie seine Erkrankung am Tourette-Syndrom nicht einschränken lassen. So spielte er mit Cal Tjader und Cannonball Adderley und war einige Jahre Pianist und musikalischer Leiter der Sängerin Nancy Wilson. Nach seiner schweren Krebserkrankung legt der 67-jährige mit »Bounce« sein zweites Album vor, das überwiegend Eigenkompositionen enthält. Das ist beste Straight Ahead Klaviertrio-Musik mit Bassist Ben Allison und Schlagzeuger Allan Mednard. Der Titelsong wird eingeleitet von einem ausdrucksstarken Basssolo, dann swingt das Trio los. Eine karibische Note kommt mit »Caribbean Rain Dance« in die Musik. »Resuscitate« stellt Mednard mit seiner abwechslungsreichen Rhythmusarbeit in den Vordergrund, über der Wolff mit Blockakkorden und schnellen Läufen soliert. Die Gesangsdarbietung von Wolffs Sohn Nat in »Cool Kids« trägt leider nur Langeweile bei. Den Standard »You And The Night And The Music« macht das Trio spannend durch eine ungewöhnlich schnelle und Rhythmus-betonte Interpretation. Die CD endet mit »Omar Sharif«, einem gelungenen musikalischen Porträt des Schauspielers in mittlerem Tempo. Mit jedem Zuhören lassen sich auf diesem Album neue interessante Feinheiten entdecken.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

2020, MicNic Records/ Recordjet (Edel)

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Kölner Saxofonisten, Komponisten und WDR-Jazzpreisträgers Roger Hanschel ist schon seit über 20 Jahren die Zusammenarbeit mit Streich-Ensembles, die in der Klassik zu Hause sind. Nach Projekten mit dem Frankfurt Contemporary Quartet und dem Auryn Quartett hat er sich diesmal das Quartett String Thing ausgesucht, das in den mehr als 30 Jahren seines Bestehens immer schon eine Jazz-Affinität hatte, was sich auch darin zeigt, dass der Bass eines der Instrumente ist. String Thing hat eine rhythmischen Versiertheit, die dem Projekt sehr zugutekommt. Die neun Kompositionen Hanschels bieten eine abwechslungsreiche Basis. »Bhajan« beginnt mit raffiniertem Rhythmus und eleganter Stimmführung. Die Musik hat einen osteuropäischen Touch, keinen indischen, wie der Name nahelegt. »Oskar« kommt einer klassischen Streichquartett-Darbietung am nächsten, bis Hanschel mit seinem Altsaxofon einsteigt. Der Rhythmus steht wieder im Vordergrund in »Hindsight & Appraisal«, »Fundamentals Of Abstraction« geht eher in Richtung Neue Musik. »Closed Eyes Of The Beholder« beginnt mit einem ausdrucksstarken Basssolo von Jens Piezunka und besticht dann mit schöner Stimmführung. Dieses Album sollte mit dem Wohlklang des Zusammenwirkens von Saxofon und Streichinstrumenten, den gelungenen Kompositionen und der starken Rhythmusbetonung auch Hörer ansprechen, die der Verbindung von Jazz und Klassik skeptisch gegenüberstehen.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

2020, Eigenverlag

Der Kölner Trompeter Marvin Frey legt mit »Status Quo« eine Debüt-CD vor, die mit frischer Straight Ahead-Spritzigkeit verblüfft und begeistert. Es beginnt mit Freys Komposition »Slash« in bester Art Blakey-Manier. Pianist Jerry Lu treibt die Band mit kräftigen Akkorden über dem Rhythmus von Bassist Andreas Pientka und Schlagzeuger Alex Parzhuber an, Posaunist Jonathan Böbel und Frey selbst glänzen mit fetzigen Solos. Lus »Ballad For C« gibt der Band und dem Zuhörer Gelegenheit zum Luftholen. Frey zeigt dabei überzeugend seine lyrische Seite. Parzhuber leitet »Running Late« perkussiv ein, bevor die Band hardboppig einheizt. Den Standard „Just Squeeze Me“ hat Frey gekonnt als medium tempo swinger arrangiert. Er setzt abwechslungsreiche Varianten der Tonbildung ein. Lus Spiel erinnert an Count Basie. Lus »Nightmare« beginnt mit Pientkas düsterem Bass, dann swingt die Band heftig los mit eckigen Akkorden von Lu und druckvollem Solo von Frey. Die CD endet mit einer Live-Aufnahme aus der Düsseldorfer Jazzschmiede von Lus »Straight Up« mit Pientkas spannendem Bass-Solo, Philipp Schitteks melodischer Improvisation auf der Posaune, Lus brillantem Piano-Solo über Parzhubers expressivem Drumming und Freys feurigem Finale. Es macht Spaß, wie diese junge Band mit Enthusiasmus, Spielfreude und Können Hardbop zelebriert.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Die Reunion der »Young Lions« nach 25 Jahren überzeugt nicht auf ganzer Linie. 
2019, Nonesuch Records

Höhere Erwartungen kann kaum eine Jazz-CD hervorrufen. Als die vier Protagonisten als Quartett unter Joshua Redmans Namen 1994 die CD »MoodSwing« (Warner) veröffentlichten und ein gutes Jahr lang zusammenwirkten, wurden sie als die heißeste Youngster-Band herumgereicht. Heute gehören sie zu den Superstars der internationalen Jazz-Szene. Die Reunion nach 25 Jahren beginnt etwas träge mit »Undertow«. Doch in Mehldaus »Moe Honk« setzt Redman dann zu einem charakteristischen Tenor-Solo über dem federnden Rhythmus von Bassist Christian McBride und Schlagzeuger Brian Blade an. Pianist Brad Mehldau inspiriert das zu einem schnellen Solo. Redmans »Silly Little Love Song« erweist sich als sehr eingängige Melodie. Auch sein »Right Back Round Again« ist melodisch ansprechend, aber viel flotter. McBrides »Floppy Diss« wirkt etwas konstruiert, Blades »Your Part To Play« beendet die CD elegisch. »RoundAgain« ist eine gute CD mit hochklassiger Musik, aber die Erwartungen erfüllt sie nicht. Sie klingt ziemlich genau wie die Aufnahme von 1994 – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

2020, Tangible Music

Obwohl noch keine 30, zählt Janning Trumann zu den wichtigsten Posaunenstimmen im deutschen Jazz. Sein neues Album »Emotional Reality«, acht Eigenkompositionen, die mit illuster besetztem Quintett im Oktober 2018 im Kölner Loft aufgenommen wurden, unterstreicht diese Position. In »Real« erzählt Trumann über dem anregenden Rhythmus von Bassist Drew Gress und Schlagzeuger Jochen Rückert und den kreativ perlenden Klaviertönen von Simon Nabatov eine spannende Geschichte. Noch eindrucksvoller gestaltet er sein Solo über »Detached«, nur kurz unterbrochen von Dierk Peters’ Vibraphon-Einwurf. Das schnelle »Permanent Proposal« wird zum Showcase für alle Band-Mitglieder. »Kölln« (sic) und »Alarme« sind mit Publikum live aufgenommen. Beide faszinieren durch starke Spannungsbögen, die Trumann zu herausragenden Solos inspirieren. Vor allem Nabatovs Akkorde erweisen sich dabei als ideale Sprungbretter. Die energiegeladene CD endet mit »Silence«, das ruhig beginnt, aber dann doch noch einmal Fahrt aufnimmt. »Emotional Reality« liefert ein Bündel von vielen verschiedenen Emotionen, das mehrfaches Anhören reich belohnt.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Das junge Quartett spielt fesselnd, federnd, ausdrucksstark, reflektiert
2020, Errabal Jazz

Die vier Bandmitglieder stammen aus Italien, Spanien und Litauen und haben sich beim Musikstudium in den Niederlanden kennengelernt, wo die meisten auch weiterhin wohnen. Obwohl noch keine 30, haben sie als Band schon eine Reihe von Preisen abgeräumt und sind bei North Sea und einigen anderen großen europäischen Festivals aufgetreten. 2019 gewannen sie den ersten Preis beim Band-Wettbewerb im Rahmen des Jazzfestivals im baskischen Getxo, Pianist Xavi Torres wurde als bester Solist ausgezeichnet. Teil des Preises war diese CD-Veröffentlichung ihres Festival-Auftritts mit sechs ansprechenden Eigenkompositionen des Tenorsaxofonisten de Rosa. Gleich im ersten Stück »The T. Basement« brilliert Torres mit fesselndem Solo, bevor de Rosa ausdruckstark soliert. Bassist Mauro Cottone und Schlagzeuger Augustas Baronas überzeugen mit federndem Rhythmus. »Living Forces« fegt in atemberaubender Geschwindigkeit voran, »Forever Young« beginnt mit Torres’ reflektiertem Balladenspiel und de Rosas melodieverliebtem Solo. Zum Highlight wird »This Can Be True« mit exzellenten Solos von beiden, de Rosa und Torres. De Rosa beginnt »Ja-ma-la-ma!«  ganz souverän a-capella, bevor die Band mit mitreißendem Rhythmus einsetzt, Torres ein pointillistisch startendes Solo besteuert, das immer perkussiver wird, und de Rosa die CD mit energiegeladenem Solo zum Abschluss bringt. Diese Band demonstriert den Stand der Kunst des zeitgenössischen Straight Ahead Jazz eindrucksvoll.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Oktober 2020, Float Music

Der gebürtige Niederländer Caspar van Meel lebt schon seit vielen Jahren in Essen, wo er bis 2009 bei John Goldsby an der Folkwang Schule studierte. Nach langjährigen Erfahrungen als Mitglied von Bands anderer Musiker*innen wie Laia Genc und Mike Roelofs und zahlreichen Preisen hat der Bassist mit diesem Quintett seine eigene Plattform gefunden, die ihm erlaubt, seine musikalische Konzeption auch als Komponist und Arrangeur umzusetzen. Alle neun Stücke der vorliegenden CD, mit denen er auch ein politisches Statement machen will, stammen von van Meel. Am Anfang steht der Titelsong, der nach einigen prägnanten Akkorden von Pianist Roman Babik von van Meels Bass und Niklas Walters Schlagzeug in eine heftig swingende zeitgenössische Hardbop-Interpretation geführt wird. Babik soliert inspiriert, bevor Tenorsaxofonist Denis Gäbel das Tempo in seinem Solo kurzzeitig rausnimmt, dann aber angetrieben von der Rhythmusgruppe wieder Fahrt aufnimmt. Die Ballade »For Erik« gibt Posaunist Tobias Wember Gelegenheit zu einer gefühlvollen Einleitung, später spielt van Meel ein ausdrucksstarkes Solo, abgelöst von Wembers Solo über der gelungenen Melodie. Das schnelle »Haeccity« swingt dann wieder heftig mit Gäbels souveränem Spiel über van Meels walking bass und Walters Beckenarbeit und Babiks mitreißendem Solo. Die CD endet mit »Bokonon’s Dance«, in dem sich Gäbel und Wember solistisch umtanzen, van Meel und Walter für den rechten Groove Rhythmus sorgen und Babik darüber balanciert. Dieses Album verbindet hohes musikalisches Niveau mit großem Spaßfaktor. Caspar van Meel verdient mehr Beachtung nicht nur als Bassist, sondern auch als Komponist, Arrangeur und Band Leader.

Text: Hans-Bernd Kittlaus