Mit über 90 gab der 2016 verstorbene Jean »Toots« Thielemans noch berührende Konzerte. Am 29.4.22 ist der 100. Geburtstag des Mundharmonika-Spielers, Pfeifers, Komponisten und Bandleaders.


Toots Thielemans

Am 29.4.2022 ist der 100. Geburtstag des Gitarristen, Mundharmonika-Spielers, Pfeifers, Komponisten und Band Leaders Jean »Toots« Thielemans, der 2016 verstarb und auch mit über 90 noch berührende Konzerte gab. Es gibt eine Biografie von Marc Danval, die aber nur in französisch und flämisch verfügbar ist 

Jean »Toots« Thielemans wurde am 29. April 1922 in Brüssel, Belgien, geboren. Schon als Kind spielte er Akkordeon, später kamen Gitarre und chromatische Mundharmonika dazu. Schon 1949 jammte er mit Miles Davis und Charlie Parker in Paris: 

1950 tourte er mit Benny Goodman in Europa, hier in einem Konzert in Schweden:

1952 emigrierte Thielemans in die USA und spielte bald mit Charlie Parker. 1953 wurde er Mitglied des George Shearing Quintet. Der blinde englische Pianist war in der Zeit bereits ein Jazz-Star in USA, Thielemans spielte Gitarre. Hier ein Mitschnitt aus Chicago 1953 mit Al McKibbon, Cal Tjader und Bill Clark:

Die Shearing Band im Video 1957: 

Im selben Jahr erschien Toots‘ amerikanisches Debut-Album “Man Bites Harmonica“ (Riverside) mit Pepper Adams, Kenny Drew, Wilbur Ware und Art Taylor:

Seine erfolgreichste Komposition war »Bluesette«, von ihm 1961 erstmals aufgenommen. Der Song wurde zu einem Jazz Standard, auch als Gesangstitel. Hier eine besonders jazzige Gesangsinterpretation von Mel Tormé, aufgenommen beim North Sea Jazz Festival in Den Haag 1981: 

In den 1960er Jahren etablierte Toots die Mundharmonika als Jazz-Instrument und sich selbst als einen internationalen Star. Hier in einer amerikanischen Fernsehshow 1961: 

Mit Peggy Lee und »Makin‘ Whoopee« im amerikanischen Fernsehen: 

1969 spielte Toots sein »Bluesette« mit der legendären brasilianischen Sängerin Elis Regina im schwedischen Fernsehen. Er zeigte seine virtuose Pfeif-Kunst:

Die brasilianische Musik bekam immer größere Bedeutung für ihn. Mit Elis Regina nahm er 1969 ein komplettes Album auf: 

Immer wieder wurde Toots engagiert für Filmmusik. Quincy Jones nahm mit ihm die Musik für »The Getaway« 1972 auf: 

1974 nahm er Michel Legrand’s »The Summer Knows« als Thema des Films »Summer of ‘42« auf: 

Toots blieb auf dem Laufenden hinsichtlich musikalischer Entwicklungen. Hier im Konzert mit E-Bassist Jaco Pastorius 1979, mit dem ihn eine generationsübergreifende Freundschaft verband:

Mit dem Rob Franken Trio mit Rob Langereis und Bruno Castellucci trat er 1982 in Lugano auf:

1987 spielte Thielemans beim ZDF Jazz Club in Stuttgart mit Fred Hersch, Harvie S und Adam Nussbaum:

Quincy Jones lud Toots zu seinem Konzert mit George Benson und Rachelle Farrell in Montreux 1991 ein, hier mit der Gänsehaut-Interpretation von »Everything Must Change«:

1994 trat Toots mit seinem Brazil Project bei Umbria Jazz auf, u.a. mit Ivan Lins und Eliane Elias:

Pianist Kenny Werner war ein musikalischer Vertrauter, mit dem Toots oft zusammenwirkte, auch vielfach in Deutschland. Hier beim Jazz Baltica Festival 1998: 

1999 wurde Stevie Wonder der Polar Music Award in Schweden verliehen. Gemeinsam mit Toots spielte er dessen »Bluesette«, beide an der Mundharmonika: 

Die WDR Big Band spielte 2004 mit Toots und Jeff Hamilton »Killer Joe« in Bühl: 

Mit Richard Galliano’s New York Trio mit Scott Colley und Clarence Penn trat Toots 2004 in Berlin auf: 

Jamie Cullum war sein Gast beim North Sea Jazz Festival 2007 in Rotterdam:

Bei Jazz Middelheim (Antwerpen) 2008 mit Kenny Werner, David Sanchez, Johannes Weidenmueller und Cindy Blackman:

2009 wurde Toots als NEA Jazz Master ausgezeichnet, der höchsten Ehre für Jazz-Musiker in USA, die nur sehr selten an Ausländer verliehen wird. 

Auch mit 90, im Rollstuhl und mit Asthma-Problemen, gab er noch berührende Konzerte, hier in Lüttich 2012: 

Einen seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte Toots mit Philip Catherine in La Hulpe, Belgien, 2014:

Sie waren über Jahrzehnte eng befreundet – Quincy Jones und Toots 2014: 

Toots im Interview über seine Karriere: 

Toots starb 2016. Viele Musiker halten die Erinnerung an ihn wach. Hier Gregoire Maret und Kenny Werner in Köln 2018: 

Zum 100-sten Geburtstag wird es zahlreiche Tribute Konzerte geben, u.a. mit dem Metropole Orkest, das schon 2017 mit Martijn Luttmer an Toots erinnerte: 

Lang lebe Toots – zwischen einem Lächeln und einer Träne!

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Charles Mingus zählt zusammen mit Ellington und Monk zu den bedeutendsten Komponisten des Jazz. Viele seiner Stücke sind längst Standards. Am 22. April wäre der 1979 verstorbene Bassist und Bandleader 100 Jahre alt geworden.


Charles Mingus

Am 22.4.2022 ist der 100. Geburtstag des Bassisten, Komponisten und Bandleaders Charles »Charlie« Mingus, der bereits im Jahre 1979 nach langem Kampf mit ALS verstarb. Es gibt eine Vielzahl von Büchern über Charles Mingus, zum Beispiel seine Autobiografie »Beneath The Underdog« , Brian Priestley: »Mingus: A Critical Biography« und Sue Mingus (seine letzte Ehefrau): »Tonight at Noon«

Charles Mingus wurde am 22. April 1922 in Nogales, Arizona, geboren und wuchs im Stadtteil Watts in Los Angeles auf. Er hatte afro-amerikanische, chinesische, südamerikanische und europäische Wurzeln. Er spielte schon als Kind Posaune und Cello. Erst später wechselte er zum Bass. Er konnte zunächst keine Noten lesen, beschäftigte sich dann als Twen umso internsiver mit Kompositionstechniken. 

Als Bassist bekam er schon mit Anfang 20 Anerkennung und spielte mit renommierten Musikern wie Buddy Collette, Barney Bigard und Louis Armstrong. HIER spricht Buddy Collette 1999 im Interview über diese Zeit.

Mitte der 1940er Jahre spielte Mingus in der Band von Lionel Hampton, der seine Komposition »Mingus Fingers« 1947 aufnahm:

Um 1950 spielte Mingus im Trio des damals populären Vibraphonisten Red Norvo gemeinsam mit Gitarrist Tal Farlow, hier mit »Move«:

Gemeinsam mit Max Roach, dem bedeutenden Schlagzeuger, gehörte Mingus zu den ersten Musikern, die ein eigenes Label starteten. Debut Records begann 1952. Ihre erfolgreichste Veröffentlichung eine Live-Aufnahme, die sie 1953 mit den großen Beboppern Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Bud Powell in Toronto machten und als »Jazz at Massey Hall« herausbrachten: 

1953 spielte Mingus kurze Zeit in der Big Band seines großen Vorbilds Duke Ellington. Doch seine explosive Persönlichkeit – er war dafür bekannt, immer ein Messer bei sich zu tragen – führte dazu, dass Ellington ihn rausschmiss. 

Mingus‘ Karriere kam nun richtig in Fahrt. Über den 10-Jahres-Zeitraum von 1955 bis 1965 brachte er 30 Alben unter seinem Namen heraus, darunter viele, die bis heute als Meisterwerke gelten, zum Beispiel »Pithecanthropus Erectus« 1956:

1960 trat Mingus in Antibes auf mit Eric Dolphy + Bud Powell + Ted Curson + Booker Ervin + Danny Richmond. Daraus entstand eine erfolgreiche Doppel-LP. Hier Video-Aufnahmen des Auftritts:

»I’ll Remember April«: 

Nachträglich koloriert: 

»Wednesday Night Prayer Meeting«: 

Trotz ihres früheren Zerwürfnisses kamen Mingus und Ellington 1961 im Studio zusammen für die Trio-Aufnahme »Money Jungle« mit Schlagzeuger Max Roach:

Als Komponist versuchte sich Mingus auch an größeren Werken. Sein zweistündiges Epos »Epitaph« schlug bei der Erstaufführung in der New Yorker Town Hall 1962 grandios fehl. 1989, zehn Jahre nach Mingus‘ Tod erfolgte dann eine erfolgreiche Aufführung unter Leitung von Gunther Schuller in New York. Hier ein Ausschnitt aus der Aufführung im Rahmen der Berliner Jazztage 1991:

Für seine Europe-Tournee 1964 hatte Mingus seine wohl stärkste Band seiner Karriere beisammen mit Eric Dolphy, Clifford Jordan, Johnny Coles, Jaki Byard und Danny Richmond. Zu unserem Glück gehört die Tour zu den bestdokumentierten Tourneen einer amerikanischen Band zu jener Zeit. Zahlreiche Fernseh- und Tonaufzeichnungen sind erhalten geblieben. Hier Aufnahmen aus Belgien, Norwegen und Schweden:

Dolphy starb wenige Tage später in Berlin, was Mingus in tiefe Depression stürzte, die über Jahre anhielt. 

Danach – ab ca. 1970 – hatte Mingus eine letzte Hochphase mit neuen Bands, hier in Oslo 1970 mit Eddie Preston, Charles McPherson, Bobby Jones, Jaki Byard und Dannie Richmond:

In München trat er 1972 mit Jon Faddis, Charles McPherson, Bobby Jones, John Foster und Roy Brooks auf:

Bei den Berliner Jazztagen 1972 trat er auf mit Joe Gardner, Hamiet Bluiett, John Foster und Roy Brooks und als Gast Ellington-Trompeter Cat Anderson:

Seine letzte großartige Band bestand aus Don Pullen, Hamiet Bluiett, George Adams und Dannie Richmond, hier beim Umbria Jazz Festival 1974:

In Montreux 1975 spielte Mingus mit Jack Walrath, George Adams, Don Pullen und Dannie Richmond und den Gästen Benny Bailey und Gerry Mulligan:

Danach raubte die schreckliche Krankheit ALS Mingus zunehmend die Kräfte. Er starb am 5. Januar 1979, seine Frau Sue verstreute seine Asche auf seinen Wunsch im Ganges in Indien.

Sue Mingus hat die Erinnerung wachgehalten durch die Mingus Big Band und weitere Formationen, die Mingus‘ Musik bis heute auf höchstem Niveau spielen. Hier die Mingus Big Band in Burghausen 1999:

Mingus zählt zusammen mit Ellington und Monk zu den bedeutendsten Komponisten des Jazz. Regelmäßig erscheinen bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen. Viele seiner Kompositionen sind zu Jazz-Standards geworden. Seine Musik lebt weiter.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Trompeter, Lehrer und Mentor in der amerikanischen Jazz-Szene: Keiner »mumblete« wie der bescheidene Superstar Clark Terry, der am 14. Dezember 100 Jahre alt geworden wäre.


Clark Terry, 1976

Am 14.12.2020 ist der 100. Geburtstag des Trompeters, Komponisten, Band Leaders und Lehrers Clark Terry. Er war einer der ganz wenigen Musiker, die sowohl in den Big Bands von Count Basie und Duke Ellington spielten. Er war auch maßgeblich an der Etablierung des Flügelhorns als Jazz-Instrument beteiligt. Und er war der wohl am meisten verehrte Musiker, Lehrer und Mentor in der amerikanischen Jazz-Szene, ein Rollenmodell. Sein Leben und Werk sind beschrieben in seiner Autobiografie »Clark« und im Dokumentarfilm »Keep On Keepin‘ On«.

Clark Terry wurde am 14. Dezember 1920 in  St. Louis, Missouri, als siebtes von elf Kindern geboren. Er wuchs in einer nicht musikalischen Familie auf, aber war schon als Kind ein großer Fan der Ellington Band und wollte Trompete spielen. Ersten Unterricht bekam er von seinem Schwager, dann in der Schule. Während des zweiten Weltkriegs spielte er in der Navy Big Band, u.a. mit den Trompetern Snooky Young und Gerald Wilson. Sein Spitzname wurde CT. 

In der Folge wirkte er in verschiedenen Bands mit, z.B. Lionel Hampton und Charlie Barnett. 1948 nahm Count Basie ihn in seine Big Band, nach Auflösung der Big Band in seine Small Band. Hier eine Filmaufnahme mit Basie, Wardell Gray und Buddy DeFranco 1950: 

CT wurde in dieser Zeit zum Mentor für Trompeter wie Miles Davis und Quincy Jones, obwohl sie nur wenige Jahre jünger waren. Sie blieben ihm ihr Leben lang verbunden.

Duke Ellington warb ihn 1951 ab für sein Orchester. Hier in einer Aufnahme im Concertgebouw, Amsterdam, 1958: 

Dann startete Quincy Jones eine eigene Big Band mit ihm für eine Europa-Tournee, hier in Belgien und der Schweiz 1960: 

1960 trat CT in die Dienste des amerikanischen Fernsehsenders NBC, um mehr Geld zu verdienen. Parallel tourte er als Solist. Er hatte viel Humor, den er nun auch auf der Bühne zeigte mit einem Gesangsstil namens »Mumbles«. Hier ist er im Quintett mit Bob Brookmeyer + Laurie Holloway + Rick Laird + Allan Ganley in BBC’s Fernsehserie Jazz 625 ca. 1965, mit Mumbles ab Minute 24: 

Konzertorganisator Norman Granz setzte CT ab den 1950er Jahren in Konzerten ein, hier mit Oscar Peterson + Ray Brown + Ed Thigpen in Finnland 1965:

und bei Jazz at the Philharmonic in London 1967 mit James Moody + Zoot Sims + Dizzy Gillespie + Coleman Hawkins + Benny Carter + Teddy Wilson + Bob Cranshaw + Louie Bellson + T-Bone Walker: 

CT startete seine eigene Big Band, genannt Big Bad Band, hier in Norwegen 1974:

Granz präsentierte CT auch beim Montreux Jazz Festival, hier mit einer All Star Band in Montreux 1977: 

CT zählte nun zu den Top Stars der internationalen Jazz-Szene. Hier ist er mit Lionel Hampton + Illinois Jacquet + Dave Brubeck + Ron Carter + Frankie Dunlop in Ronald Reagon‘s White House 1981:

Er trat sehr häufig in Europe auf, hier mit Duke Jordan + Jimmy Woode + Svend Norregaard im Jazzhus Montmartre in Kopenhagen 1985 (startet in Minute 27): 

im Duo mit Red Mitchell beim ZDF Jazz Club 1987: 

mit den Sky Masters beim North Sea Jazz Festival 1989 

im Quartett mit Dado Moroni + Pierre Boussaguet + Alvin Queen in Genf 1994: 

mit den Legendary Trumpet Masters Doc Cheatham + Snooky Young + Harry Sweets Edison + Alec Wilder + Hank Jones + Jesper Lundgaard + Clarence Penn in Bern 1997:

mit der Illinois Jacquet Big Band in Bern 1998: 

mit seinem Quintett mit Sylvia Cuenca + Don Friedman + Marcus McLaurine + David Glasser in Burghausen 2000: 

CT war nun der hochverehrte Elder Statesman des Jazz und wurde mit vielfältigen Ehrungen und Doktorhüten bedacht. Selbst Superstar Aretha Franklin lud ihn ein und sang mit ihm Mumbles 2001: 

CT’s Gesundheitszustand verschlechterte sich, aber er trat weiterhin auf. Hier mit Jimmy Heath + James Williams + Ray Brown + Les Harris Jr. beim Clark Terry Jazz Festival 2002: 

Über die Jahrzehnte hatte CT einer Vielzahl von Musikern geholfen, nicht nur TrompeterInnen wie Ingrid Jensen, sondern auch z.B. dem Pianisten Justin Kauflin und der Sängerin Dianne Reeves, die hier über diese Erfahrung spricht: 

Er gab an vielen Musikhochschulen Unterricht, hier als Trompetenlehrer 1981:

und 2004:

Sänger Joe Williams führte ein Interview mit CT 1995: 

Seine Krankenbehandlungen in den letzten 10 Lebensjahren fraßen sein gesamtes Vermögen auf, aber er bekam Hilfe von Musikern durch Benefit-Konzerte und nicht-öffentliche Zuwendungen. Am Ende wurde er überhäuft mit Liebe und Ehrerbietungen. So besuchten ihn Wynton Marsalis und das Lincoln Center Jazz Orchestra zu seinem 94-sten Geburtstag am Krankenbett im Dezember 2014:

Zehn der besten Jazz-Trompeter der Welt spielten ein Tribute to CT auf der Jazz Cruise Anfang 2015, das live an sein Krankenbett übertragen wurde:

Kurze Zeit später, am 21. Februar 2015 starb Clark Terry, der bescheidene Superstar. 

Text: Hans-Bernd Kittlaus, Foto: Tom Marcello

Am 6. Dezember wäre der 2012 verstorbene Pianist Dave Brubeck 100 Jahre alt geworden. Unsere Hommage an einen ungewöhnlichen Superstar des Jazz.


Dave Brubeck, 1990

Am 6.12.2020 ist der 100. Geburtstag des Pianisten, Komponisten und Band Leaders David Warren »Dave« Brubeck, der zu den populärsten Jazz-Musikern der 1950er und 1960er Jahre gehörte. Sein Leben und Werk sind intensiv analysiert und beschrieben worden, zum Beispiel in Philip Clarks Biografie »A Life in Time« .

Dave Brubeck wurde am 6. Dezember 1920 in Concord, Kalifornien, geboren. Er wuchs auf einer Farm auf. Seine Mutter war Klavierlehrerin und unterrichtete ihn ab dem vierten Lebensjahr. Er wollte schon als Kind seine eigenen Melodien spielen und lernte nicht, nach Noten zu spielen, was ihm im Musikstudium am Mills College Probleme bereitete. Er besuchte Vorlesungen von Arnold Schönberg und beschäftigte sich mit dessen 12-Ton-Musik. Der französische Komponist Darius Milhaud wurde sein Lehrer, der ihn mit Polytonalität vertraut machte, also der Überlagerung mehrerer Tonarten in einem Stück. 

1942 heiratete er Iola, die später Texte zu einigen seiner Kompositionen schreiben sollte und mit der er 70 Jahre bis an sein Lebensende zusammen blieb. Nach seinem Militärdienst setzte er seine Studien ab 1946 fort. Gleichzeitig gründete er ein Oktett, um seine musikalischen Ideen umzusetzen (nur Audio):

Das Oktett war wirtschaftlich nicht tragfähig. So gründete er 1951 sein Quartett mit dem Cool Jazz-Altsaxofonisten Paul Desmond, doch in den ersten Jahren war auch das schwierig, denn seine Musik war zunächst nicht leicht vermittelbar. Brubeck und seine Frau entwickelten die Idee, Colleges und Universitäten anzusprechen und mit denen Konzerte zu veranstalten. Sein Durchbruch kam dann mit der LP »Jazz at Oberlin« 1953 (nur Audio): 

Hier das Quartet mit Desmond, Bassist Bob Bates und Schlagzeuger Joe Dodge 1954:

1954 war Brubeck der zweite Jazz-Musiker nach Louis Armstrong auf dem Cover des damals wichtigen amerikanischen Time Magazine. Mit der Aufnahme von Schlagzeuger Joe Morello 1956 und dem afroamerikanischen Bassisten Eugene Wright 1958 kam die Besetzung des klassischen Brubeck Quartetts zusammen, hier im Black Hawk Club, San Francisco, 1958:

Das amerikanische Außenministerium hatte in dieser Zeit erkannt, dass es Jazz zur Propaganda im Ausland nutzen konnte. Neben Armstrong, Ellington, Goodman und Gillespie wurde auch Brubeck eingesetzt und 1958 nach Polen geschickt: 

Im gleichen Jahr nahm das Quartet die LP »Time Out« für Columbia Records auf, auf der Brubeck mit »Blue Rondo à la Turk« eine frühe Verbindung von Jazz und Weltmusik schuf. Außerdem enthielt die LP den von Paul Desmond geschriebenen Song »Take Five«, der zu einem der größten Hits der Jazz-Geschichte wurde. Es war verblüffend, wie Musik mit ungewöhnlichen ungeraden Taktarten wie 5/4 oder 9/8 zu solch einem Publikumserfolg werden konnte (nur Audio): 

Brubeck und sein Quartett waren zu Stars geworden. Hier in Hugh Hefners Playboy »After Dark«-TV-Serie 1959: 

Brubeck war kein Freund von Jazz-Gesang. Doch seine Frau Iola war mit der Sängerin Carmen McRae eng befreundet, schrieb Texte zu einigen von Brubecks Kompositionen und überredete ihn, sie mit Carmen McRae aufzunehmen. Zunächst entstand eine Studio-Aufnahme, dann diese Live-Aufnahme im New Yorker Club Basin Street East 1961: 

1961 waren das Brubeck Quartett zu Gast in der TV-Serie »Jazz Casual«:

1964 in der BBC-TV-Serie »625 Jazz«: 

in Belgien 1964 und Deutschland 1966: 

in Paris 1967: 

in Juan-les-Pins 1967: 

Kurz darauf verließ Desmond das Quartett, spielte aber bis zu seinem Tod 1977 gelegentlich mit Brubeck zusammen. Brubeck ersetzte ihn durch Baritonsaxofonist Gerry Mulligan, hier mit beiden und Bassist Jack Six und Schlagzeuger Alan Dawson beim Newport Jazz Festival in Rotterdam 1971: 

und bei den Berliner Jazztagen 1972: 

Bei einem der letzten Auftritte mit Desmond in Boston 1976: 

Mit Saxofonist Jerry Bergonzi, Bassist Chris Brubeck und Schlagzeuger Randy Jones beim Jazzfestival in Nizza 1979: 

in Montreal 1981: 

Mit Bill Smith beim North Sea Jazz Festival in Den Haag 1982: 

Mit der Band Free Flight beim Playboy Jazz Festival in der Hollywood Bowl, LA, 1982:

Beim Jazzfestival in Vitoria-Gasteiz 1990: 

Hier spielt er »Santa Claus is Coming to Town« 1996 mit zwei seiner sechs Kinder, die bis heute die Brubeck Band aufrecht erhalten: 

Parallel zu seiner Jazz-Karriere komponierte Brubeck immer wieder klassische Musik, hier ein Ausschnitt aus »To Hope! A Celebration« mit dem Russischen Nationalorchester im Moskauer Konservatorium 1997: 

Mit Bobby Militello + Alec Dankworth + Randy Jones beim Jazzfestival in Burghausen 2001: 

Bei Marian McPartland’s Piano Jazz 2001: 

Mit Bobby Militello + Michael Moore + Randy Jones in Baden-Baden 2004: 

Brubeck war es vergönnt, bis zu seinem Tod 2012 international live aufzutreten. Wenn einer seiner langen Finger von harten Anschlägen gebrochen war, verpflasterte er ihn und spielte trotzdem. Er wurde mit zahlreichen Ehrungen bedacht und häufig interviewt. Hier sein erstes dokumentiertes Audio-Interview 1955:

im Interview mit seiner Frau Iola 2003: 

im Interview 2008: 

im Gespräch mit Dr. Billy Taylor + Ramsey Lewis 2008:

und in Clint Eastwoods »Piano Blues«-Dokumentation 2003 (ab Minute 17):

Es gehört zu den wundersamen Fügungen der Jazz-Historie, dass dieser Intellektuelle mit den dicken Hornbrillen, der geradezu modellhaft komplexe Kompositionen mit Improvisation zu kombinieren wusste, zu einem Superstar des Jazz werden konnte und über Jahrzehnte blieb.  

Text: Hans-Bernd Kittlaus, Foto: Roland Godefroy

William »Billy« Hart zählt zu den vielseitigsten Schlagzeugern der Jazz-Welt. Trotz seines stolzen Alters ist er außerhalb des Lockdowns noch sehr aktiv.


Billy Hart

Am 29.11.2020 ist der 80. Geburtstag des Schlagzeugers, Musiklehrers und Band Leaders William »Jabali« »Billy« Hart, der noch immer höchst aktiv ist und auf der ganzen Welt auftritt (außerhalb des Lockdowns). Er zählt zu den vielseitigsten und meistaufgenommenen Schlagzeugern der Jazz-Welt und wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Einen Überblick über seine Karriere gibt dieser Jazz Times Artikel von Ted Panken. 

Billy Hart wurde am 29. November 1940 in Washington, DC, USA, geboren. Er wuchs in einem Jazz-begeisterten Haushalt auf. Seine ersten Erfahrungen waren ebenso geprägt vom Soul eines Otis Redding wie vom Straight Ahead Jazz des Saxofonisten Buck Hill oder der Sängerin und Pianistin Shirley Horn, mit denen er schon als Jugendlicher spielte. 

Größere, auch internationale Sichtbarkeit kam dann mit seinem mehrjährigen Engagement bei Hammond-Orgel-Star Jimmy Smith, hier 1965 in der TV Sendung Jazz 625 der BBC:  

Davor und danach spielte er mit Gitarrist Wes Montgomery und seinen Brüdern, hier in Detroit 1968:

In dieser Zeit wurde er zunehmend von Avantgarde-Schlagzeugern wie Sunny Murray und Rashied Ali beeinflusst. John Coltrane wollte ihn als zweiten Schlagzeuger neben Rashied Ali in seiner Band, aber Hart fühlte sich noch nicht bereit. Dann engagierte ihn Tenorsaxofonist Pharoah Sanders, mit dem er auf der LP »Karma« 1969 spielte, unter anderem das legendäre »The Creator Has a Master Plan« (nur Audio):

In dieser Zeit gab der Perkussionist Mtume ihm den Ehrennamen »Jabali«, was in Swahili Weisheit bedeutet. Billy Hart zählte nun zu ersten Liga der Jazz-Schlagzeuger. Er spielte mit McCoy Tyner 1970 (nur Audio): 

Miles Davis engagierte ihn für seine »On the Corner« Band-mit Herbie Hancock und schrieb sogar den Song »Jabali« für ihn, hier in einer Aufnahme 1972 (nur Audio): 

Er war Mitglied in Herbie Hancocks Band Mwandishi mit Bennie Maupin + Julian Priester + Eddie Henderson + Buster Williams, hier in Paris 1972: 

Seine Vielseitigkeit wurde immer größer. Stan Getz engagierte ihn. Hier mit Getz + Joanne Brackeen + Niels-Henning Ørsted Pedersen im Montmartre Jazz Club, Kopenhagen 1977 (nur Audio): 

und mit Stan Getz + Andy LaVerne + Mike Richmond in Oslo 1977:

Parallel dazu entstand seine erste LP unter eigenem Namen, »Enchance« mit einer auch heute noch hörenswerten Mischung aus Avantgarde und Fusion Jazz mit Hannibal Marvin Peterson + Oliver Lake + Dewey Redman + Don Pullen + Dave Holland 1977 (nur Audio): 

Eine Reunion mit Shirley Horn gab es beim North Sea Jazz Festival in Den Haag 1981, der Auftritt, der Shirley Horn’s internationale Karriere startete (beginnt bei Minute 1:40): 

1987 spielte Hart mit Joe Henderson + Woody Shaw in Kongsberg, Norwegen:

1988 mit Gary Bartz + Wallace Roney + Joanne Brackeen + Clint Houston im Subway, Köln:

Anfang der 1980er Jahre wurde er Mitglied der Band Quest mit Dave Liebman + Richie Beirach + Ron McClure, hier in einer Live-Aufnahme von 1991 (nur Audio): 

Mit Kenny Werner + Ray Drummond spielte er im Trio in Vienne 1998: 

Bis heute wirkt er in der Band Saxofone Summit mit, hier mit Michael Brecker + David Liebman + Joe Lovano + Phil Markowitz + Rufus Reid im Birdland, NYC, 1999: 

Bei Jazz Baltica 2000 trat er im Charles Lloyd Quartet with John Abercrombie + Marc Johnson auf: 

Bis heute ist er Mitglied der All Star Band The Cookers, hier mit Billy Harper + Eddie Henderson + David Weiss + Craig Handy + Kirk Lightsey + Cecil McBee in Viersen 2008:

und mit Billy Harper + Eddie Henderson + David Weiss + Donald Harrison + George Cables + Cecil McBee in Buenos Aires 2016: 

Er spielte über viele Jahre mit dem deutschen Saxofonisten Johannes Enders im Quartett, hier in Karlsruhe 2011:

Ebenfalls seit vielen Jahren hat er ein eigenes amerikanisches Quartett mit Ethan Iverson + Mark Turner + Ben Street, hier im Bimhuis, Amsterdam, 2016: 

Im selben Jahr spielte er eine CD mit der WDR Big Band in Köln ein: 

2018 führte er ein exzellentes Quartett mit Joshua Redman nach Getxo, Spanien: 

und ins New Morning, Paris: 

Billy Hart ist seit langer Zeit auch als Musiklehrer tätig, unter anderem in Oberlin und am New England Conservatory, wo er dieses Solo 2019 spielte:

Organist Joey De Francesco wollte unbedingt mit Billy Hart spielen wegen dessen Zusammenarbeit mit Jimmy Smith in der 1960er Jahren. Hier sind sie mit Saxofonist Troy Roberts beim North Sea Jazz Festival in Rotterdam 2019: 

Im März 2020 sollte Billy Hart im King Georg Jazz Club, Köln, mit Christophe Schweizer + Pablo Held + Sebastian Gille auftreten, doch das fiel dem ersten Corona-Lockdown zum Opfer. Die vier hatten diese CD eingespielt (nur Audio):

Pablo Held sprach kürzlich ausführlich mit Billy Hart in seiner Reihe »Pablo Held investigates«: 

Billy Hart ist ein sehr junger 80-jähriger. Wenn internationale Reisen wieder möglich sind, sollten wir ihn in Deutschland wieder regelmäßig genießen können. Zur Ruhe setzen will er sich jedenfalls nicht.

Text: Hans-Bernd Kittlaus, Foto: Joe Mabel

Er gilt vielen als größter noch lebender Jazz-Improvisator. Wohl dem, der ihn an einem seiner guten Tage live erleben durfte. Am 7. September 2020 feiert Sonny Rollins seinen Neunzigsten.


Sonny Rollins

Am 7.9.2020 ist der 90. Geburtstag des Saxofonisten, Komponisten und Band Leaders Theodore Walter »Sonny« Rollins, der sich noch immer regelmäßig zu Wort meldet, aber leider seit einigen Jahren wegen Lungenproblemen nicht mehr öffentlich auftritt. Es gibt eine Vielzahl von Büchern über Sonny Rollins, z.B. John Abbott + Bob Blumenthal: »Saxophone Colossus: A Portrait of Sonny Rollins« und Eric Nisenson: »Open Sky«

Sonny Rollins wurde am 7. September 1930 in New York City geboren. Seine Eltern waren von den Jungferninseln eingewandert. Er spielte schon als Kind Klavier und Altsaxofon. Mit 16 wechselte er zum Tenor. 1949 wurde er Profi-Musiker. Hier »Audoban« mit J.J. Johnson 1949 (nur Audio): 

und »52nd Street Theme« mit Bud Powell und Fats Navarro 1949 (nur Audio): 

In dieser Zeit wurde er heroinabhängig und musste mehrfach ins Gefängnis. Trotzdem entstanden weiterhin bemerkenswerte Aufnahmen, so etwa die Stücke »Airegin«, »Oleo« und »Doxy« 1954 mit Miles Davis, Horace Silver, Percy Heath und Kenny Clarke (nur Audio): 

1955 machte Rollins eine Entziehungskur mit Methadon-Programm und wurde die Sucht los. In der Folge entstanden exzellente Aufnahmen unter seinem Namen, darunter seine Prestige LP »Saxophone Colossus« mit Tommy Flanagan, Doug Watkins und Max Roach von 1956 (nur Audio):

und die LP »Way Out West« mit Ray Brown und Shelly Manne von 1957 (nur Audio): 

Stand heute gibt es keinen Jazz Club auf der Welt, in dem mehr Live-Aufnahmen entstanden als im Village Vanguard, NYC. 1957 war Sonny Rollins der erste, der eine solche Live-Aufnahme im Village Vanguard einspielte und auf Blue Note als LP veröffentliche (nur Audio):

Schon 1958 nahm er Stellung zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung mit »Freedom Suite« mit Oscar Pettiford und Max Roach (nur Audio): 

1959 tourte er im Trio mit Bassist Henry Grimes und den Schlagzeugern Pete LaRoca beziehungsweise Joe Harris in Europa: 

Danach zog er sich bis 1961 gänzlich zurück und übte täglich stundenlang auf der Williamsburg Bridge. Auslöser war vermutlich die durch Ornette Coleman und andere in Gang gesetzte Entwicklung in Richtung Free Jazz, die Rollins als herausragenden Saxofonisten der 1950er Jahre zum Nachdenken brachte. Nach seiner kreativen Pause trat er selbst in die freieste Phase seiner Karriere. Hier ist er mit Don Cherry und Henry Grimes und Billy Higgins in Rom 1962:

1962 spielte er in der TV Serie Jazz Casual mit Jim Hall und Bob Cranshaw und Ben Riley, u.a. mit dem Stück »The Bridge«

In Dänemark spielt er 1965 im Trio mit Niels-Henning Ørsted Pedersen und Alan Dawson und 1968 mit Kenny Drew und Niels-Henning Ørsted Pedersen und Albert »Tootie« Heath:

1971 trat er mit Bobo Stenson und Arild Andersen und Jon Christensen beim Kongsberg Festival in Norwegen auf

1974 spielte er nochmal in Kongsberg, diesmal mit dem Dudelsackspieler Rufus Harley

Im gleichen Jahr trat er in Kopenhagen mit Rufus Harley auf 

1975 brachte ihn zusammen mit Rahsaan Roland Kirk und McCoy Tyner, Stanley Clarke, Lenny White, George Benson, Freddie Hubbard, Hubert Laws, Bill Watrous und Airto in der Downbeat Readers Poll Award Session, unter anderem mit einem faszinierendem Duett mit McCoy Tyner über »In A Sentimental Mood« (mit Ansagen von Quincy Jones und Chick Corea)

1978 spielte er mit den Milestone Jazz Stars mit McCoy Tyner, Ron Carter und Al Foster in einer meiner liebsten Aufnahmen (nur Audio):

1980 trat er beim Jazz Jamboree in Warschau mit Al Foster u.a. auf, 1973 in Laren, Niederlande mit Walter Davis Jr. und anderen.

1981 war er Live under the Sky in Tokio mit George Duke, Stanley Clarke und Al Foster

1982 spielte er majestätisch beim Jazz Festival Prag 

Im gleichen Jahr in Montreal

1985 trat er im Montmartre Jazz Club in Kopenhagen auf

1986 wurde er in der Dokumentation »Saxophone Colossus« portraitiert mit Interviews und Live-Aufnahmen: 

1987 traf er Dizzy Gillespie mit Hank Jones + Rufus Reid + Mickey Roker:

1992 sah ich ihn in der Münchener Philharmonie mit seinem Sextett:

1998 spielte er mit Kevin Hays unter anderem beim Umbria Jazz Festival

2005 trat er in Juan-les-Pins auf

2010 kam es in NYC zum einzigen dokumentierten Zusammentreffen mit Ornette Coleman (nur Audio): 

Hier äußert er sich im Kurzportrait zu seinem 80. Geburtstag 2010 zu seinem Verständnis von Jazz

Auch mit über 80 war er immer noch in der Lage, faszinierende Konzerte zu geben, hier in Vienne 2011 

… und bei einem seiner letzten Auftritte in Detroit 2012 

Superlative in der Kunst sind immer zweifelhaft. Trotzdem kann ich verstehen, warum Sonny Rollins häufig als der größte lebende Jazz-Improvisator bezeichnet wird. Diese Videos demonstrieren warum. Der verblüffende Grad der Verschmelzung von Musiker und Instrument und die Kombination aus Ideenfluss, Ausdrucksstärke, dramatischer Gestaltung und schierer Kraft wird jedem ein Leben lang in Erinnerung bleiben, der das Glück hatte, Sonny Rollins an einem guten Tag live zu erleben. Wünschen wir Sonny Rollins zum Neunzigsten, dass er das Leben noch einige Jahre genießen kann.

Text: Hans-Bernd Kittlaus, Foto: Yves Moch

»Bird« wurde nur 34 Jahre alt, seine Legende lebt weiter. Viele Saxofonist*innen orientieren sich heute an seinem Sound.


Charlie Parker

Am 29.8.2020 ist der 100. Geburtstag des Altsaxofonisten, Komponisten, Arrangeurs und Band Leaders Charles »Charlie« Parker Jr. , der auch unter den Spitznamen »Yardbird« und später »Bird« bekannt war. Es gibt zahlreiche Bücher und Artikel, in denen sein Leben und Werk behandelt werden, zum Beispiel Wolfram Knauers Biografie.

Charlie Parker wurde am 29. August 1920 in Kansas City, Missouri, geboren. Er war Einzelkind und hatte afro-amerikanische und indianische Vorfahren. Schon als Jugendlicher schlug er eine Karriere als professioneller Musiker ein und übte bis zu 16 Stunden am Tag. Er heiratete das erste Mal 1936. Im selben Jahr trug er schwere Verletzungen an Wirbelsäule und Rippen bei einem Autounfall davon und bekam Morphin. Das war der Start seiner Suchtkrankheit, von der er nie wieder los kam. Er konsumierte Alkohol, Nikotin, Medikamente und dann Heroin. 

Nachdem er zunächst lokal in Kansas City spielte, wurde er 1938 Mitglied der Band des Pianisten Jay McShann und tourte landesweit. Hier eine Aufnahme von »Hootie’s Blues« 1941:

und mit »Swingmatism« 1941:

1940 lernte er den Trompeter John Birks »Dizzy« Gillespie kennen, mit dem er 1942 in der Band von Earl Hines spielte. Parker nahm schon 1942 in Kansas City »Cherokee« und »Body and Soul« in einer Weise auf, die Bebop-Elemente enthielt:

Parker und Gillespie wurden dann maßgebliche Innovatoren in New York City und gehörten zu den Musikern, die Bebop entwickelten. Leider ist die Zeitspanne 1942 – 1944 wegen eines Aufnahmestreiks nicht dokumentiert. Ab 1945 machten sie gemeinsam mit Musikern wie Thelonious Monk, Bud Powell, Miles Davis, Max Roach und anderen für die Labels Savoy und Dial die Aufnahmen, die für den Bebop ähnliche Bedeutung haben wie Louis Armstrong’s Hot-5 und Hot-7 Aufnahmen für den frühen Jazz, von »Billie’s Bounce« über »Yardbird Suite«, »Night in Tunesia«, »Ko-ko«, »Ornithology« bis zu »Now’s the Time« und viele andere, die überwiegend von Parker komponiert wurden:

Parkers Leben und Arbeit waren von psychischen Problemen und seiner Suchtkrankheit geprägt, die immer wieder zu Ausfällen und Unzuverlässigkeiten führte und auch der Grund war, warum Dizzy Gillespie schließlich nicht mehr mit ihm eine gemeinsame Band haben wollte. Parkers überragende musikalische Bedeutung und Fähigkeit führte dazu, dass zahlreiche andere Musikern glaubten, nur mit Heroin-Konsum an Parker heranreichen zu können, obwohl Parker sich immer vehement gegen diese Deutung und »Vorbildfunktion« zur Wehr setzte.

Es gibt nur wenige Video-Aufnahmen von Parker. Hier ist er mit Coleman Hawkins, Hank Jones, Ray Brown und Buddy Rich 1950: 

Wie so viele Jazz-Musiker wollte auch Charlie Parker unbedingt mit Streichern aufnehmen. Norman Granz erfüllte ihm den Wunsch 1950:

Ein zweites Video mit Dizzy Gillespie und »Hot House« 1951:

1953 fand das legendäre Jazz at Massey Hall Konzert mit Parker, Gillespie, Bud Powell, Charles Mingus und Max Roach in Toronto statt, das Mingus auf LP veröffentlichte: 

Parker heiratete noch ein zweites Mal, lebte dann aber mit Chan zusammen, mit der er formal nicht verheiratet war. Die beiden hatten zwei Kinder, Tochter Pree starb mit nur 3 Jahren 1954. Diese Erfahrung verschärfte seine Gesundheitsprobleme und trieb ihn zu zwei Selbstmordversuchen. 

Am 12. März 1955 starb er 34-jährig im Apartment seiner Freundin und Mäzenin Baroness Pannonica de Koenigswarter in New York City. Der Arzt, der die Autopsie vornahm, schätzte sein Alter auf 50 bis 60. 

Eine breite internationale Bekanntheit entwickelte sich erst nach seinem Tod. Seine Legende lebt bis heute weiter. Seine Musik war und ist immer verfügbar gewesen, in aktuellen Kompilationen sogar in verblüffend guter Tonqualität. Seine Kompositionen werden noch immer viel gespielt. Schon zu seinen Lebzeiten wurde der Club Birdland nach ihm benannt, später Festivals. Viele Saxofonisten orientierten ihren Sound an seinem Vorbild. In USA etwa Phil Woods und Charles McPherson, in Europa sind aktuell unter anderem zu nennen der Italiener Francesco Cafiso, hier in Marciac 2005:

und der junge Däne Oilly Wallace, hier im Live Stream im März 2020:

Zu Parker‘s 100. Geburtstag wird es zahlreiche Tributes geben, sowohl online als auch in physischen Konzerten. So wird die WDR Big Band seiner am 5.9.20 in der Kölner Philharmonie gedenken. Im King Georg werden am 28.9.20 Claus Koch & The Boperators ein »Bird Lives«-Tribute spielen, am 27.10.20 Axel Fischbacher mit seinen Five Birds. 

Unmittelbar nach Parker’s Tod wurde »Bird Lives!« auf viele New Yorker Häuserwände gemalt. Es ist bis heute ein geflügeltes Wort – für die zeitlose Relevanz nicht nur von Parker’s Musik, sondern auch von Jazz im Allgemeinen.

Text: Hans-Bernd Kittlaus, Foto: William P. Gottlieb

Er zählt seit mehr als 60 Jahren zu den Top-Pianisten der Jazz-Welt – und ist auch im hohen Alter noch aktiv. 


Ahmad Jamal

                                                                                                                           

Am 2.7.2020 ist der 90. des Pianisten und Komponisten Ahmad Jamal, der seit mehr als 60 Jahren zu den Top-Pianisten der Jazz-Welt gezählt wird und auch in seinem hohen Alter noch immer aktiv und gefragt ist.

Ahmad Jamal wurde am 2. Juli 1930 in Pittsburgh, Pennsylvania, USA, als Frederick Russell »Fritz« Jones geboren. Er konnte schon als kleines Kind Melodien nach Gehör nachspielen. Ab 7 erhielt er Klavierunterricht und wurde von den wunderbaren Jazz-Pianisten aus Pittsburgh wie  Earl Hines, Billy Strayhorn, Mary Lou Williams und Erroll Garner beeinflusst. 1950 konvertierte er zum Islam – wie es damals viele Afroamerikaner machten – und nahm den Namen Ahmad Jamal an. Ab 1951 nahm er mit seinem Trio Three Strings (Klavier – Gitarre – Bass) für das Okeh Label auf. Hier »A Gal In Calico« von 1952 (nur Audio): 

1957 änderte er den Sound, indem er die Gitarre durch das Schlagzeug ersetzte. Er spielte mit Bassist Israel Crosby und Drummer Vernel Fournier als Hausband in Chicago’s Pershing Hotel. Dort entstand 1958 die Live-Aufnahme, seinen USA-weiten Durchbruch bedeutete – »At the Pershing: But Not for Me«, darauf auch sein bis heute größter Hit »Poinciana« (nur Audio): 

Die LP blieb zwei Jahre lang auf den amerikanischen Jazz-Charts. Dieser Erfolg etablierte Jamal in USA. Er hat seitdem nie mehr als Sideman gearbeitet, nur als Band Leader. Und es folgte eine Kette von live aufgenommenen LPs. Sein Stil zeichnete sich dadurch aus, dass er Raum in der Musik ließ, aber auch dramatische Momente schuf durch drastische Wechsel in Rhythmus und Tempo. Miles Davis und viele andere MusikerInnen nannten ihn als Inspirationsquelle.

Hier ist er mit seinem Trio in einer Fernsehaufnahme in NYC 1960 (gemischt mit Aufnahmen von Ben Webster’s Band): 

Das Geld, das er mit seinen Plattenaufnahmen eingenommen hatte, investierte er clever, u.a. in ein eigenes Restaurant »The Alhambra« in Chicago, wo er eine weitere Live-Aufnahme einspielte (nur Audio):

Die gute finanzielle Situation erlaubte ihm, sich drei Jahre lang aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen. 1964 kam er zurück mit Bassist Jamil Nasser und neuer LP »Extensions« (nur Audio): 

Er begann sich stärker auf Eigenkompositionen zu konzentrieren. Ab ca. 1970 setzte er Keyboards parallel zum Klavier ein. Seine Musik war zunehmend auf den europäischen Festivals gefragt. Hier ist er mit „Manhattan Reflections“ 1971 in Montreux (nur Audio):

Ebenfalls 1971 spielte er mit seinem Trio mit Jamil Nasser + Frank Gant in Paris:

Je mehr ab Ende der 1970er Jahre Straight Ahead Jazz wieder angesagt war, umso weniger griff er noch zu elektrischen Instrumenten. Um seinem Trio-Sound über die inherente dramatische Gestaltung hinaus mehr Abwechslung zu verleihen, begann er Gastmusiker dazu zu nehmen. Hier spielt er mit Gary Burton in Cannes 1981: 

Die Pianistin Marian McPartland lud ihn 1985 in ihre Radio-Reihe Piano Jazz ein, wo er mit ihr spielte und über seine Karriere sprach (nur Audio):

Zu dieser Zeit erlebte ich Ahmad Jamal zum ersten Mal live auf dem North Sea Jazz Festival in Den Haag und war begeistert von seiner Dynamik. Hier spielt er mit James Cammack + David Bowler in Den Haag 1989:

Zum Glück hatte ich in den letzten 35 Jahren eine Vielzahl von Gelegenheiten, ihn live zu erleben. Er trat auch immer öfter in Deutschland auf. Hier ist er mit John Heard + Yoron Israel in München 1993 

Ahmad Jamal war nie ein Anhänger des gleichberechtigten Trios. Er agierte vielmehr als wohlwollender Diktator, was auch auf der Bühne immer wieder sichtbar wurde. 1998 erzeugte er ein faszinierendes Klangbild durch die Zusammenarbeit mit Steeldrummer Othello Molineaux, hier mit James Cammack + Idris Muhammad in Poznan, Polen:

Ahmad Jamal hat über seine gesamte Karriere eine ungewöhnliche Kombination aus musikalischer Sensibilität und knallhartem Business Sense gezeigt. Ich erinnere mich an eine Ausgabe der Leverkusener Jazztage, wo Ahmad Jamal angekündigt war und auch anreiste, aber dann einen Gagenpoker startete mit dem Argument, die Fernsehaufnahme sei durch den Vertrag und die Gage nicht abgedeckt. Keiner gab nach, er trat nicht auf. 

Tatsächlich wurde er in den letzten zwanzig Jahren sehr häufig gefilmt

Mit seinem Trio mit James Cammack + James Johnson + George Coleman in Marciac 2000

Mit seinem Trio mit James Cammack + Idris Muhammad bei Jazz Baltica in Salzau 2001 

Mit seinem Trio mit James Cammack + Idris Muhammad in Grenoble 2008 

Mit seiner Band mit James Cammack + Herlin Riley + Manolo Badrena + Yusef Lateef in Marciac 2011

Mit seiner Band mit Reginald Veal + Herlin Riley + Manolo Badrena + Yusef Lateef im Olympia, Paris, 2012 

2013 luden Wynton Marsalis und das Lincoln Center Jazz Orchestra ihn und seine Band mit Reginald Veal + Herlin Riley + Manolo Badrena ins Lincoln Center, NYC, ein

Mit seiner Band mit Reginald Veal + Herlin Riley + Manolo Badrena und »Blue moon« in Marciac 2014 

Finanziell betrachtet muss er sicherlich schon sehr lange nicht mehr auftreten, will es aber immer noch. Und es ist beneidenswert, wie geistig und pianistisch frisch er noch immer wirkt. 2013 gab er ein Interview in Marciac:

2018 spielte er beim Leopolis Jazz Fest in der Ukraine mit seiner Band mit James Cammack + Herlin Riley + Manolo Badrena:

In höherem Alter nahm er gelegentlich talentierte PianistInnen unter seine Fittiche, so etwa die Japanerin Hiromi und aktuell den aserbaidschanischen Pianisten Shahin Novrasli, hier im Gespräch 2019: 

Wünschen wir dem Meisterpianisten Ahmad Jamal, dass er sich und uns diese Frische und Spielfreude noch einige Jahre erhalten kann.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Der Bandleader, Komponist, Arrangeur und Multiinstrumentalist hat besonders in der Kölner Jazz-Szene Spuren hinterlassen.


Kurt Edelhagen

Am 5.6.2020 ist der 100. Geburtstag des Bandleaders, Komponisten, Arrangeurs und Multiinstrumentalisten Kurt Edelhagen, dem die deutsche und besonders die Kölner Jazz Community viel zu verdanken hat. Biografische Informationen sind den großartigen Büchern »Jazz in Köln« von Robert von Zahn und »Play yourself, man! – Die Geschichte des Jazz in Deutschland« von Wolfram Knauer entnommen.

Kurt Edelhagen wurde am 5. Juni 1920 in Baukau (heute Herne) im Ruhrgebiet geboren. Er besuchte als Jugendlicher die Folkwangschule Essen und studierte Klarinette, Klavier und das Dirigieren. Schon in dieser Zeit und dann auch als Soldat in Frankreich hörte er heimlich Jazz. Zurück in Herne 1945 gründete er eine Band, die er bald zur Big Band erweiterte. Es folgten zahlreiche Auftritte in britischen und später amerikanischen Soldatenclubs. Ab 1948 machte die Band Rundfunkaufnahmen für AFN und andere Sender. Die Arrangeure orientierten sich vielfach an Edelhagens großem Vorbild Stan Kenton. 1949 wurde Edelhagen mit seiner Band als »Jazz- und Unterhaltungsorchester« vom Bayerischen Rundfunk verpflichtet. Der Spagat, Tanz- und Unterhaltungsmusik spielen zu müssen, um Jazz spielen zu können, blieb ihm ein Leben lang erhalten. Edelhagen konnte einige der besten deutschen Jazz-Musiker der damaligen Zeit verpflichten. Erste Schallplatten entstanden. 1952 wechselte er zum Südwestfunk in Baden-Baden. Hier spielt Edelhagen mit seiner Band beim deutschen Jazzfestival in Frankfurt 1954, unter anderem mit Emil Mangelsdorff, Paul Kuhn und Caterina Valente, deren Karriere in Deutschland Edelhagen maßgeblich förderte (nur Audio): 

Edelhagen interessierte sich frühzeitig für den Third Stream, also die Verbindung von Jazz und klassischer Musik, die vor allem der deutschstämmige Gunter Schuller in den USA vorantrieb. Bei den Donaueschinger Musiktagen 1954 spielte Edelhagen mit seinem Orchester nicht nur Strawinskis »Ebony Concerto«, sondern führte zusammen mit dem SWF Symphonieorchester auch Rolf Liebermanns »Concerto for Jazzband and Symphony Orchestra« erstmals auf (nur Audio): 

Aber natürlich schlug sein Herz weiterhin für den Jazz, hier 1956:

1958 ging Edelhagen zum WDR nach Köln. Er bekam einen Zeitvertrag als freier Mitarbeiter, das heißt. seine Musiker waren keine WDR-Angestellten. Und er wechselte die Musiker häufig, zum Teil wegen seines eisernen Qualitätsanspruchs, zum Teil, weil die Musiker feste längerfristige Engagements in anderen Bands bevorzugten. Im selben Jahr wurde er Leiter des ersten Jazz-Kurses der Musikhochschule Köln und setzte bis 1963 Musiker seiner Band als Dozenten ein. Dies war nicht nur die erste dedizierte Jazz-Ausbildung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch die Wurzel für den bis heute bestehenden Jazz-Studiengang der Musikhochschule Köln und die Basis für eine entstehende Kölner Jazz-Szene. 

Edelhagen lebte weiter im Spagat zwischen Jazz und Unterhaltung. Hier eine LP-Produktion mit Toots Thielemans 1961 (nur Audio): 

Live in Aachen im Dezember 1960 klang das deutlich jazziger

In den 1960er Jahren erhielt das Orchester Kurt Edelhagen immer öfter internationale Einladungen. So fand eine Russland-Tournee statt. Hier spielten sie beim Jazz Festival Prag 1965: 

1966 spielte das Orchester bei den Berliner Jazztagen mit dem jungen Posaunisten Jiggs Whigham: 

1968 begleitete das Orchester Kurt Edelhagen Hildegard Knef bei einem der besten Konzerte ihrer Karriere in der Berliner Philharmonie: 

1969 geriet Edelhagen in eine gesundheitliche Krise. Es wurde Leberzirrhose festgestellt. Er arbeitete bald weiter. Immer versuchte er, die besten Arrangeure für sein Orchester zu verpflichten. So arrangierte Quincy Jones 1970 Kompositionen von Jimmy Webb für ihn (nur Audio):

Seinen größten internationalen Erfolg erlebte Edelhagen 1972, als er die Musik für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München leitete: 

Das war zwar kaum Jazz, aber die Soundtrack LP wurde Edelhagens größter kommerzieller Erfolg und stand zwei Monate lang an der Spitze der deutschen Hitparade.

Edelhagens Verhältnis zum WDR kühlte in den 1970er Jahren ab. Er blieb aber noch einige Jahre präsent, hier mit seinem Orchester als Entertainer mit viel Fernsehprominenz im deutschen Fernsehen 1975: 

Nach langer schwerer Krankheit starb Edelhagen am 8. Februar 1982 in Köln mit nur 61 Jahren. Von Anspruch und Ausrichtung her kann man die WDR Big Band als Nachfolgerin seines Orchesters betrachten, auch wenn sie formal aus dem WDR Tanzorchester hervorging und sich glücklicherweise weitgehend auf Jazz konzentrieren kann. 

Trotz aller Verdienste ist Edelhagen leider ein wenig in Vergessenheit geraten. Dabei haben die deutsche, und insbesondere die Kölner Jazz-Szene ihm viel zu verdanken. Jiggs Whigham erinnerte 2016 an ihn mit dem Programm »Edelhagen Remembered« des BuJazzO.

Zum 100. Geburtstag feiern ihn auch die deutschen Rundfunkanstalten:

WDR Dokumentation mit der WDR Big Band  

SWR (nur Audio): Archivaufnahmen 

Karsten Mützelfelds Sendung

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Sie spielte schon Billie Holiday am Broadway und gehört selbst zu den absoluten Top-Sängerinnen der Jazz-Welt. Wir gratulieren zum Siebzigsten.


Am 27.5.2020 ist der 70. Geburtstag der Sängerin und Schauspielerin Dee Dee Bridgewater, die seit Jahrzehnten zu den absoluten Top-Sängerinnen der Jazz-Welt gehört. Biografische Informationen sind ihrer Webseite und diversen Jazz-Zeitungsartikeln entnommen.

Dee Dee Bridgewater wurde am 27. Mai 1950 in Memphis, Tennessee, als Denise Garrett geboren und wuchs in Flint, Michigan, auf. Mutter und Großmutter waren Sängerinnen, ihr Vater spielte Trompete mit Dinah Washington und arbeitete als DJ für eine Musik-Radiostation in Memphis. So war sie von Kindheit an von Musik umgeben, nicht nur Jazz, sondern auch Blues, Soul und R’n’B.

Schon als Teenager trat sie professionell als Sängerin auf. 1969 lernte sie den Trompeter Cecil Bridgewater kennen und heiratete ihn (nach ihrer Scheidung in den 1980er Jahren behielt sie den Namen). Aus dieser Ehe stammt ihre Tochter Tulani, die heute ihre Managerin ist. Einem größeren Publikum wurde Dee Dee bekannt als Sängerin der Thad Jones – Mel Lewis Big Band von 1971 bis 1974. Hier ein Auftritt in dieser Zeit mit »Bye bye blackbird«:

1974 bis 1976 spielte sie am Broadway im Musical »The Wiz« und erhielt dafür einen Tony Award und ihren ersten Grammy für die Soundtrack LP. Hier singt sie »If You Believe« aus dem Musical:

1974 kam »Afro Blue« heraus, ihre erste LP:

Danach versuchte sie es mit eher Pop-orientierten LPs, die aber nicht den erwünschten Erfolg brachten. Sie heiratete den Regisseur Gilbert Moses. Anfang der 1980er Jahre trat sie im Musical »Lady Day« als Billie Holiday am Broadway auf und tourte damit auch in Europa. Hier eine Aufnahme von ihrer Rückkehr in die Rolle am Broadway 2013:

1986 war ihre Ehe beendet und sie siedelte mit Töchtern nach Frankreich um. Mit ihrer CD »Live in Paris« stand sie bald im Jazz-Rampenlicht. Hier ihr Konzert in Bern 1987 mit Jon Faddis und ihrer Band mit Pianist Alain Jean-Marie, bei dem sie Clark Terry im Publikum entdeckt:

Seitdem steht sie in der ersten Reihe der Jazz-Sängerinnnen und ist weltweit sehr präsent auf Festivals und Konzertbühnen, in Klubs und auch auf Youtube. 1989 sang sie mit Ray Charles »Precious Thing«:

Hier ist sie mit ihrer Band mit Stéphane + Lionel Belmondo + Thierry Eliez + André Ceccarelli in Montreal 1995:

Mit dem Ray Brown Trio und der WDR Big Band führte sie ihr Tribute to Ella beim Jazzfest Berlin 1997 auf: 

Das komplette Ella Programm sang sie mit ihrem damaligen Trio in Burghausen 1998:

Beim North Sea Jazz Festival in Den Haag 2003 spielte sie ihr Kurt Weill Programm: 

Gelegentlich brach sie gern aus dem Jazz-Fach aus, hier 2004 mit der Band Gabin »Into my soul«: 

Ihre Beschäftigung mit ihren familiären Wurzeln in Mali führte zur CD »Red Earth«. Hier führte sie das Programm bei den Jazz Open in Stuttgart 2007 auf: 

Für Ihr Billie Holiday-Tributalbum »Eleanora Fagan (1915–1959): To Billie with Love from Dee Dee« bekam sie 2011 einen Grammy. Hier sang sie das Programm mit James Carter beim North Sea Jazz Festival in Rotterdam 2010:

In Nizza sang sie 2012 gemeinsam mit ihrer Tochter China Moses »Every Day I Have the Blues«:

Bei den Jazz Open in Stuttgart 2013 kam es zu einem gemeinsamen Konzert mit Piano-Legende Ramsey Lewis: 

Bei der Jazzaldia in Spanien 2014 sang sie mit ihrer Youngster Band um Trompeter Theo Croker: 

Vor wunderbarer Kulisse in Ungarn 2015 sang sie mit Irvin Mayfield und dem New Orleans Jazz Orchestra: 

In Hollywood 2016 sang sie zu Ehren von Dinah Washington und Lena Horne: 

Mit ihrem Memphis Programm begab sie sich beim Montclair Jazz Festival 2017 wieder zu ihren Wurzeln: 

Dee Dee lebt heute in Las Vegas. Sie engagiert sich seit langem als UN Botschafterin wie auch in der Ausbildung, hier in Berklee:

Trotz gesundheitlicher Probleme gibt sie weiterhin weltweit regelmäßig mitreißende Konzerte, auch oft in Deutschland. Möge das noch lange so bleiben! Happy Birthday, Dee Dee!

Text: Hans-Bernd Kittlaus