Ein Trip nach Berlin Ende August und ein Gespräch mit Jennifer Beck, Fabian Ebeling und Steffen Greiner über das Buch »Liebe, Körper, Wut & Nazis«


Fabian Ebeling, Steffen Greiner, Jennifer Beck, Mads Pankow

Es ist ein merkwürdiger Tag, um über ein Buch mit dem Titel »Liebe, Körper, Wut & Nazis« zu sprechen. In Berlin steigt jene großangelegte Anti-Corona-Maßnahmen-Demo samt Rummeltechno-Wagen, zu deren Ausklang ein Haufen Demonstrant*innen versuchen wird, das Reichstagsgebäude zu stürmen. Die Erinnerung daran ist schon ein wenig zerfranst, und das tägliche Newsgeschäft frisst fleißig immer neue Löcher hinein wie Motten in die Klamotten im Schrank. Andererseits werden die jüngeren Nachrichten-Bilder in jeder Hinsicht deutlicher. Einer Stürmung durch den rechten Mob mittels roher Gewalt bedarf es gar nicht, so dürfte den Letzten klargeworden sein, wenn die Schwelle schon auf demokratischem Weg überschritten wurde. Die AfD sitzt drin im Bundestag und ließ im November Gegner*innen der Corona-Regulierungen als »Gäste« einfach mal reinspazieren.

Hätte man Ende August vielleicht schon ahnen können, die Pointe. Inmitten der Demo im Sonnenschein fühle ich mich noch wahlweise wie auf dem Karneval der Reichsbürger*innen oder einer Freiluft-Messe für esoterische Sinnstiftungsangebote. »Love & Peace«–Claims sind allgegenwärtig wie Familien in T-Shirts mit »Widerstand«-Aufdruck. Eckenprediger*innen beten Verschwörungstheorien und die Verteidigung der Grundrechte vor. Ja, viele hier behaupten, es ginge ihnen um Liebe, sie haben ganz offenbar Wut im Bauch, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist den zahlreichen Impfgegnern und Masken-Verweigerern verdammt wichtig – und letztlich machen sie mit Neonazis gemeinsame Sache, oder sind halt selber welche. Die zunächst etwas beliebig wirkende Auswahl der Themen, die Jennifer Beck, Steffen Greiner, Fabian Ebeling und Mads Pankow für ihren im Buch abgebildeten Email-Talk gewählt haben, erscheint mir angesichts der Realität rund um die Bannmeile plötzlich sehr viel naheliegender. 

Die Epilog – Zeitschrift für Fragen, Antworten, Pointen und überraschende Wendungen zur Gegenwartskultur

Ich bin dann auch sehr froh, als ich diese irre Masse hinter mir lassen kann. Mein Weg führt nach Kreuzberg, wo sich das Büro des Magazins Die Epilog befindet. Hier kreuzen sich die Lebenswege von Beck, Greiner, Ebeling und Pankow durch die jahrelange gemeinsame Arbeit an der Zeitschrift zur Gegenwartskultur. Aber im Buch geht es nicht um den Job sondern um ihre Freundschaft. Auf deren Grundlage wollen sie diese zugleich auf die Probe stellen. So verstehe ich jedenfalls ihr Versprechen, einander alles zu erzählen, wie es im Vorwort heißt. Klingt riskant. Anfangs frage ich mich, ob so ein Konzept womöglich sogar das Auseinanderbrechen eines Freundeskreises zur Folge haben könnte. Die Sache hat viele Haken. Ich denke auch, »Liebe, Körper, Wut & Nazis« muss schon durch die Prämisse ein Buch über das Schreiben selbst sein. Einer geäußerten unangenehmen Wahrheit geht doch meist die Frage voraus, wie genau man sie erzählen könne. Kennt jedes Kind. Sie wird auch mal rausplatzen, aber eigentlich kaum, wenn man sich Emails schreibt. Schon eher, wenn man nachts zusammen am Tresen sitzt. Dass die Form der Unterhaltung über eine räumliche Distanz jetzt so zeitgemäß wirkt, ist eine Laune der Geschichte. Das Buch ist ja keine Reaktion auf Kontaktbeschränkungen. Die fürs Frühjahr geplante Veröffentlichung wurde wegen des ersten Lockdowns auf August verschoben.

Bei der Lektüre im Zug musste ich an frühe TV-Erfahrungen denken. In den 1980ern war ich großer Fan der Serie »Fame« um die Absolvent*innen einer New Yorker Schule für darstellende Künste. In einer Lieblingsfolge entscheiden zwei der Schüler*innen, einen Tag lang nur die Wahrheit zu sagen. Warum? Sie sollen im Schauspielunterricht ihrem Lehrer ins Gesicht sagen: »I love you!« – voller Überzeugung, dass es wahr ist. Die beiden scheitern und fühlen sich herausgefordert. Das Versprechen der Autor*innen von »Liebe, Körper, Wut & Nazis« wiederum beinhaltet den Zusatz, der Wahrheit im Buch stets näher zu sein als der Lüge. Besagte »Fame«-Episode schickt die ehrlichen Held*innen übrigens von einer misslichen Lage in die nächste. Viel wichtiger ist aber die Story um den verschrobenen Musiklehrer Benjamin Shorofsky, der am Ende in einem Brief gesteht, wie sehr ihm die Schule am Herzen liege. Ich habe es immer so verstanden, dass man wie Shorofsky in einem Text der Wahrheit leichter auf die Spur kommt als beim Reden. 

»Liebe, Körper, Wut & Nazis – Wie wir beschlossen, uns alles zu sagen«, Klett-Cotta, 20 Euro

Also geht es beim Schreiben nicht sowieso immer darum, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen? Warum dann überhaupt dieser Vorsatz? Das will ich von der Runde wissen, in der nur Mads Pankow fehlt, Politikberater und ehemaliger Epilog-Herausgeber. Jennifer Beck, Redakteurin beim Missy Magazine und Redaktionsleiterin der Epilog, sieht mich auf dem Holzweg: »Ich habe festgestellt, dass dieses Buch mir einen Möglichkeitsraum bietet, in dem es andersherum funktionieren kann. Weil ich eine riesengroße Angst hatte vor den Passagen, die meine Kindheit betreffen. Angst, dass ich mich falsch erinnere und meine Eltern mich darauf hinweisen. Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass es im Kontext des Buchs völlig egal ist, ob ich mich richtig oder falsch erinnere, Teile weg lasse oder unbewusst hinzu erfunden habe. Ich konnte die Angst ablegen, etwas Falsches zu sagen über meine Vergangenheit.«

An der Stelle fiel uns gleich auf, dass man in Haarspalterei verfallen kann, wenn man mit heißen Eisen wie »Wirklichkeit« hantiert, oder »Wahrheit«, die auch in einer falsch erinnerten Tatsache stecken kann. Allerdings liegt in Jennifer Becks Antwort bereits ein Schlüssel zum Verständnis des Buchs. »Liebe, Körper, Wut & Nazis« ist kein Glossar der Gegenwart, das die titelgebenden Begriffe für eine Generation definieren will, wobei es Anschlüsse an den Zeitgeist und einen generationellen Zusammenhang unter den allesamt im Popkulturbetrieb tätigen Autor*innen durchaus gibt. Beck ist Jahrgang 1988, die anderen 1985. Moment… Pop, Generation, Talk, war da nicht mal was? Ja schon, große Ähnlichkeiten mit dem popkulturellen Quintett, das zur Jahrtausendwende die »Tristesse Royale« beschwor, kann ich bei genauer Betrachtung aber nicht erkennen. Auch wenn es 1999 hieß: »Wir erinnern uns, wie es uns gerade gefällt. Würde man es nicht erlauben, einige wenige Lügen hinzunehmen, ich weiß nicht, wie man jemals die Vergangenheit ertrüge.« Wahrheit, Wirklichkeit…you name it.

Während die fünf Herren, Namen vermutlich nicht bloß der Redaktion bekannt, hier sowieso egal, damals jedoch Wert auf Distinktion und Distanzierung legten, geht es in »Liebe, Körper, Wut & Nazis« um banale Fragen, die üblicherweise als »Elefant im Raum« (Beck) stehen, im Freundeskreis jedoch selten diskutiert werden. Und das oberste Ziel ist die Annäherung. Auch aneinander. Die Auseinandersetzung soll nicht nur wunde Punkte berühren, sondern zärtlichere Berührungen möglich machen, dämmert mir. Könnte passen. »Zärtlichkeit« war ja auch das Thema einer der letzten Epilog-Ausgaben. 

Die Vier mussten sich jedenfalls selbst erst mal rantasten. Eigentlich hatten sie eine Anthologie mit Epilog-Texten im Sinn gehabt, als der Verlag ins Spiel kam und vorschlug, etwas Neues zu machen. Eins führte zum anderen. Das Prinzip, die Freund*innen mit alltäglichen Fragen zu konfrontieren, die man sich ansonsten eher nicht stellt, ist dann Steffen Greiner, Autor, Dozent, Journalist und ebenfalls Epilog-Redaktionsleiter, in einer Wartschlange gekommen. Die Auswahl der vorgegeben Begriffe habe sich allmählich herauskristallisiert und sei zugegeben etwas »schlagzeilig«, wie es Jennifer Beck formuliert, der Umgang damit aber bleibt sensibel. Für mich ist es spannend zu beobachten, wie unterschiedlich die Auffassungen der Beteiligten über das Resultat des Prozesses sind; die Ergebnisse eines Spiels mit festen Regeln, innerhalb dessen sie jeweils sieben Tage Zeit hatten, um auf Sticheleien wie »Sagt man noch ›Ich liebe dich?‹« zu reagieren. Fabian Ebeling, freier Redakteur, Autor und Mitherausgeber der Epilog erklärt, dass man andauernd uneinig gewesen sei, ob es sich eher um ein Sachbuch oder ein fiktionales Buch handele, während Jennifer Beck klarstellt, sie habe von Anfang an literarische Texte beitragen wollen.

Vier Freund*innen im Selbstversuch, der Wahrheit näher zu kommen als der Lüge

Erscheint die Zusammensetzung der Autor*innen auf den ersten Blick nicht sehr divers, so stecken die Unterschiedlichkeiten doch in mehr als einem Detail. Abgesehen von abweichenden Temperamenten, die sich im jeweiligen Duktus äußern (ja, Ebelings und Pankows Beiträge wirken verkürzt ausgedrückt »sachlicher«), bleibt bei mir hängen: Anders als Jennifer Beck, die in ihren Texten keine Inszenierung im Sinn gehabt habe, stellt Steffen Greiner klar, dass er bewusst eine Kunstfigur schaffen wollte. Dabei ist ihm ein leidenschaftlicher »Wut«-Text über das ewige Verlangen gelungen, mal für die Spex zu schreiben. Hier zieht jemand blank angesichts eines Problems, das vielen nebensächlich erscheinen dürfte, und doch einiges über allgemeingültige Mechanismen des Kulturbetriebs verrät – und dazu eine schmerzhafte Kluft zur Mitautorin und Ex-Spex-Redakteurin Beck verdeutlicht. Schmusekurs adieu, wie an so mancher Stelle! Das gefällt mir, so wie die vielen Selbstzweifel und Versuche der Selbstkritik im Buch. Geständnisse. Unsicherheiten. Vielleicht auch, weil mir »Tristesse Royale«-Selbstgefälligkeiten immer fern waren. Wenn ich mich recht entsinne. 

Letztlich bleibt es für mich aber ebenso schwierig, »Liebe, Körper, Wut und Nazis« final einzuordnen, wie das zweistündige Interview mit Jennifer Beck, Fabian Ebeling und Steffen Greiner im Epilog-Büro adäquat zusammenzufassen. Aber während mich beim Lesen die kollidierenden Ansätze der Autor*innen teilweise verwirrt haben, so empfand ich sie schon im Verlauf des Gespräch als gelungene Denkanstöße, auch weil mir beim Reden übers Schreiben nicht nur Antworten gegeben wurden, sondern neue Fragen hinzukamen. Eine Gewissheit aber zumindest nehme ich mit: Der Freundschaft der Vier hat das Buch offensichtlich nicht geschadet. Vielleicht sollte man einfach öfter über den »Elefanten im Raum« sprechen. Es ist gut für einen selbst – und es ist gut für andere. Dieser feine Zusammenhang erscheint mir wichtig, gerade an diesem Tag in Berlin.

Text: Wolfgang Frömberg, Autor*innen–Fotos: Julia Grüßing

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Das Kölner Fanzine grapefruits beschäftigt sich mit experimentellen Komponistinnen und Klangkünstlerinnen. Nun erscheint die dritte Ausgabe.


grapefruits-Redaktion

Das Layout stand ja nach der ersten grapefruits-Ausgabe, wir konnten also einfach weitermachen«, erklärt Elisa Metz. Nachdem die Grafikerin das »Fanzine on Female* Composers and Sound Artists« 2019 zunächst im Rahmen einer Hausarbeit ganz alleine aus der Taufe gehoben hatte, formierte sich um sie herum nach und nach eine Gruppe von Redakteur*innen und Autor*innen, die das Design mit immer neuen Ideen und Beiträgen ergänzen. Eine Entwicklung, die längst nicht abgeschlossen ist, sich eher in einer Phase des Übergangs befindet. Die Kölner grapefruits rollen bergauf und erwecken größeres öffentliches Interesse. Höchste Zeit, sich mit der Initiatorin zu treffen.

Die Komponistinnenliste

Neben Elisa Metz sitzt die Architektin Nathalie Brum. Sie ist seit Ausgabe Nummer zwei dabei und schrieb jetzt für die dritte Nummer einen Artikel über Black Acid aka Nina Pixel. Auf dem Tisch stehen drei Grapefruit-Schorlen. Eine passende Erfrischung am Sommerabend im Veedel – so wie Dr. Heike Sperlings Komponistinnenliste eine passende Antwort auf jeden männlich dominierten Lehrplan darstellt. Sperling ist Dozentin am Institut für Musik und Medien der Robert Schumann-Hochschule. Sie hatte besagte Komponistinnenliste erstellt, weil selbst in ihren eigenen Seminaren kaum Frauen vorkamen. Mit der Auflistung zahlreicher Pionierinnen, die weniger im Rampenlicht stehen – Elisa Metz kannte auf Anhieb bloß drei und war gleich angefixt –, band Heike Sperling sich und den Kolleg*innen einen Knoten ins Taschentuch: Vergesst die Künstlerinnen nicht, die schon viel zu oft vergessen wurden!

Yoko Ono würde grapefruits lesen

So inspirierte sie die Produktion des ersten Printmagazins über Komponistinnen und Klangkünstlerinnen. Warum auf Papier? Als Grafikerin habe sie das gereizt, erklärt Metz. Der Titel ist übrigens Yoko Onos Buch »Grapefruit« von 1964 entlehnt. Nonkonformistin Ono hatte den metaphorischen Gehalt der hybriden Zitrusfrucht mit dem bittersüßen Geschmack kaum zufällig für sich entdeckt. Sie könnte grapefruits heute sogar lesen, alle Artikel sind auf Englisch verfasst. Es würde ihr bestimmt genau so sehr gefallen wie die Tatsache, dass es allein für die Frucht schlicht keine deutsche Übersetzung gibt. Grapefruits sind Grapefruits.

Man soll ein Buch ja nicht nach dem Cover beurteilen. Aber jede grapefruits öffnet auf der Umschlagseite gleich Türen zu labyrinthischen Gängen und verborgenen Räumen. Enter The 36 Chambers. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um 36 streng in Sechserreihen zwischen Heftnamen und Heftthema angeordnete Kreise, deren tieferer Sinn dann plötzlich aus den kreisförmigen Porträts von Daphne Oram, Laurie Anderson und weiteren Genies auf der Rückseite von grapefruits #02 hervorzutreten scheint. Geht es im Magazin doch schließlich um Leerstellen, die schon seit geraumer Zeit künstlerisch besetzt sind, deren Eroberung aber seltener historisch verbrieft ist, weil ihre Heldinnen und deren Errungenschaften allzu oft in den Hintergrund gedrängt wurden. Die Kreise könnte man also gut als Symbole utopischer Momente verstehen. Jede neue Beschäftigung mit Oram, Anderson und Co hilft demnach die Vergangenheit zu verstehen, die Gegenwart zu ertragen und verweist auf bessere Zeiten und andere künstlerische Welten.

Pionierin bei der Arbeit: Daphne Oram

Reihenweise Utopien – eine schöne Vorstellung.  Zugleich bieten sich die Kreise als Ösen an, die noch zu verknüpfen wären, als Regler eines Schaltpults oder als Poren einer Lautsprechermembran. Das Bild eines Resonanzkörpers nimmt eh Kontur an – mit jedem Eindruck, den Elisa Metz und Nathalie Brum von der Arbeit an grapefruits vermitteln. Alle Beteiligten machen auch selbst Musik. Weitere Grundlagen sind die ursprüngliche Neugier auf die Persönlichkeiten aus Heike Sperlings Liste, kombiniert mit der Lust, sie durch zeitgenössische (Pop-) Bezüge beständig zu erweitern – und als wichtiges Element die gegenseitige Inspiration. 

»Imaginary Sound«, »Performance«, »Instruments«

Den Begriff Kollektiv mag Elisa Metz ungerne benutzen, hält ihn für überstrapaziert. Aber die grapefruits-Macher*innen erscheinen als Ensemble von Gleichberechtigten, dessen heterogene Zusammensetzung Facettenreichtum in der Auswahl der Themen, der Porträtierten – und in den Herangehensweisen garantiert. Ihr Heft kennt weder Ressorts noch Rubriken, meidet verbindlichen Stil, blinden Professionalismus und kalte Servicementalität, ist jedoch keine beliebige Plattform. Dafür wirkt die Struktur, sagen wir: die Haltung zu klar. Sie ist wesentlich. Die verschiedenfarbigen Ausgaben über »Imaginary Sound«, »Performance« und »Instruments« erzählen durchaus je eine Geschichte mit Spannungsbogen. Was man als literarisches Forschungsergebnis bezeichnen könnte. Oder als blattmacherische Entsprechung zu einem konzeptuellen DJ-Mix. Wobei die Reihenfolge der Artikel in den bisherigen Heften letztlich dem Alphabet geschuldet sei. Auch wieder toll.

Bringt Licht ins Dunkel: Sound Artist Tina Tonagel

Nach Nathalie Brum stieß die Musikerin, Kulturpädagogin und Performerin Elisa Kühnl zu grapefruits, es folgte mit Theresa Nink eine Musikwissenschaftlerin. »Durch Theresa bin ich erst in diese Musikrichtung eingetaucht, weil sie mir viel davon erzählt hat, wenn wir zusammen beim Meakusma Festival waren« erklärt Elisa Metz, wie der Austausch funktioniert.  Mittlerweile findet er auch auf anderen Ebenen statt. Im eigenen Podcast. Oder wenn die Redaktion zur ZKM Feminale und anderen Events eingeladen, auch wiederholt vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Interview gebeten wird.

#1 #2 #3

Außerdem sollte man das Fanzine unbedingt in einem Atemzug mit aktuell relevanten Büchern wie Vivien Goldmans »Revenge Of The She-Punks – A Feminist Music History From Poly Styrene To Pussy Riot«, dem von Juliane Streich herausgegeben Band »These Girls – Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte« oder mit Lisa Rovners hoffentlich bald zu sehenden Dokumentarfilm »Sisters With Transistors« nennen. Hier gibt es weitaus mehr Berührungspunkte als mit der herkömmlichen, kommerziellen Musikpresse, ob gedruckt oder online.

Was ist Musik?

Allerdings ist grapefruits #03 – in leuchtendem Gelb dem Komplex der Instrumente gewidmet  – ein Musikmagazin, wie man es sich nur wünschen kann. Zu einer Zeit, in der diese Gattung untergeht. Das liegt zum einen an der sinnstiftenden und sehr schicken Gestaltung. Und daran, dass Helene Heuser in ihrem Tina-Tonagel-Porträt, Nink mit dem Einblick in die Geschichtsträchtigkeit der Kompositionen der Experimentalmusikerin Matana Roberts, Dora Schilling im Artikel über Computermusik-Vordenkerin Laurie Spiegel oder Kühnl in der Beschäftigung mit Limpe Fuchs sowie alle übrigen Beiträge zusammen unausgesprochen die Frage aufwerfen, was Musik überhaupt ist. Und wie das Schreiben darüber heute gehen könnte. Nathalie Brum betont die »wichtige Rolle und Verantwortung, die wir als Redaktion durch die Auswahl der Artikel tragen, während ja verstärkt Algorithmen und Apps Vorschläge machen, wofür man sich interessieren könnte, ohne dass einem die Kriterien dahinter klar sind.« 

Komponistin am Werk: Limpe Fuchs

Dank der verantwortungsvollen Kurator*innen macht man in einer grapefruits viele Entdeckungen. Und der Kontext wird mitunter noch durch die Bornierteit anderer verfestigt. Sucht man auf Youtube zum Beispiel nach Limpe Fuchs, stößt man auf einen sagenhaften Live-Auftritt im Rahmen des Tusk Festivals 2018 mit ihren selbst gebauten Instrumenten. Den hat jemand in etwa so kommentiert: »Großartige Erfinderin, uninteressante Musikerin, schon gar keine Komponistin.«  Dieser Person würde man am liebsten mit einem von Tina Tonagels zum Instrument umfunktionierten Schaufensterpuppenbeinen in den Hintern treten. Oder ein paar grapefruits schenken. Es wird hoffentlich noch viele Ausgaben geben. Und die Arbeit irgendwann halbwegs refinanzierbar sein. Die Dinge dürfen sich ja ruhig mal zum Guten wenden. Fest steht nur: das Layout kann so bleiben wie es ist.

Text: Wolfgang Frömberg, Porträt Elisa Kühnl: Heike Kandalowski, Fotos grapefruits-Ausgaben: Elisa Metz, Gruppenbild: Sophia Schach, alle übrigen Fotos: privat

Die Autorin Carla Kaspari legt regelmäßig in der King Georg Klubbar auf. Momentan lebt sie als Stadt.Land.Text-NRW-Stipendiatin auf einem Schloss.


Carla Kaspari

Seit drei Monaten lebst du in einer Art doppeltem Lockdown – in der Rolle der auf einem Schloss residierenden Regionsschreiberin der Kulturregion Niederrhein und unter den Bedingungen der Corona-Einschränkungen. Wie sieht dein Tagesablauf aus?
Weil ich am besten morgens schreiben kann, stehe ich früh auf und tue das meistens bis zum Mittag. Danach kommen dann andere Dinge wie Spazieren, Nachdenken, Einkaufen, Mittagessen, Sport, Telefonate oder Fahrradtouren durch die Region. Manchmal arbeite ich nachmittags noch ein bisschen. Ich habe auch vor Corona viel im Homeoffice gesessen und weiß deswegen schon länger um die Wichtigkeit von Struktur.  

Du bist auch DJ und Fußballerin. Was vermisst du gerade am meisten?
Nachtleben hat mir lange überhaupt nicht gefehlt, mittlerweile würde ich gern mal wieder einen Abend Musik auflegen und/oder tanzen. Ich halte ab und zu einen Ball hoch, weil mich das entspannt, aber ich vermisse natürlich trotzdem sehr, im Team Fußball zu spielen. Gerade jetzt im Frühsommer. 

Als Stadt.Land.Text-NRW-Stipendiatin bist du sicher angehalten, regelmäßig Texte zu veröffentlichen. Empfindest das eher als Belastung oder inspirierend? 
Die Vorgaben waren sehr locker und wurden in Corona-Zeiten fast vollständig gelöst. Ich schreibe also etwas, wenn ich etwas zum Aufschreiben habe. Ich habe auch schon vorher regelmäßig einen Blog beschrieben und brauche es anscheinend eh, Eindrücke textlich zu verarbeiten und sie in narzisstischer Geste ins Internet zu droppen. Dass dahinter ein Projekt steht, das auf Texte wartet, ist eher hilfreich. Es ist also eine gute Aufgabe für mich.  

Zur Entspannung auch mal den Ball hochhalten

Macht es dir grundsätzlich Spaß, Auftragsarbeiten zu erledigen?
Ja, ich finde es zwischendurch fast erholsam, für Auftragsarbeiten nach klaren Kriterien zu schreiben. Texten oder journalistisches Schreiben ist funktionaler und dadurch emotionsloser. Man setzt sich intensiv mit einem Thema auseinander, ordnet Informationen und vermittelt Sachverhalte. Das ist schön weit von einem selbst weg. 

Deine NRW-Texte haben für mich alle etwas von flanierenden Ausflügen. Zwischen Normal- und Ausnahmezustand, zwischen Stadt und Land. Sehr gegenwärtig, tagebuchartig. Wie sieht dein Schreibprozess aus? 
Ich bin mit Ausbruch des Virus in Deutschland hierher gekommen, es gab in meiner Art zu Beobachten also kaum einen Weg, um das Ganze herum zu schreiben. Dass die Form der Texte so oder ähnlich – irgendwie transitorisch –  aussehen würde, war mir schon vorher klar, Corona hat sich dann neben dem Stadt-Land-Verhältnis als ein inhaltlicher Schwerpunkt aufgedrängt. Ich glaube ich bin relativ schnell im Prozess. Wenn ich etwas gesehen habe, dann schreibe ich es auf, zumindest was die tagebuchartigen Blog-Texte betrifft. Manchmal sofort ins Handy. Früher hab ich Blogeinträge in einem einzigen stream of consciousness mit sehr wenig Interpunktion runtergeschrieben und sofort veröffentlicht, weil ich das Gefühl hatte, so der Gegenwart näher zu kommen. Mittlerweile lese ich sie mir nochmal durch, auch ein zweites Mal.

Vier Monate dauert das Residenzprogramm

Ich musste beim Lesen öfter schmunzeln oder lachen. Du beim Schreiben auch?
Das ist schön! Weniger, aber ich freue mich immer, wenn Leute sagen, dass sie lachen mussten. Lachen ist gut. 

Du schreibst viel auf Social Media. Wie verhalten sich etwa deine Tweets zu den längeren Texten? Und glaubst du, dass über diese Kanäle eine eigene Form von Literatur entstanden ist und sich dauernd entwickelt, deren Teil deine Texte sind? 
Eigentlich sind Tweets Beobachtungsfragmente in Reinform. Alles, was ich seit 2016 da hineingeschrieben habe, ist also mehr oder weniger der Rohstoff für einen Roman. Deswegen ist Twitter so gefährlich und gleichzeitig so schön: Es bietet wie keine zweite Social Media Plattform die Möglichkeit, miniaturprosaischen Textformen, Meinungen und Stilistik sofort Reichweite zu geben. Schreib- und Kommunikationsweisen, die nicht nur auf Twitter, sondern generell im durch und durch textbasierten Internet entstehen und sich verbreiten, haben daher auf jeden Fall Auswirkung auf Gegenwart und damit auch auf Literatur. Trotzdem heißt das natürlich nicht, dass sich literarische Texte solcher bedienen müssen. Kein Text bildet Gegenwart ab, nur weil Emojis vorkommen. Und Tweets sind längst kein Buch. 

Mit einfachen Mitteln einnehmend erzählen

Gibt es Schriftsteller*innen, deren Arbeiten dir besonders gefallen?
Generell mag ich Autor*innen, die mit einfachen Mitteln einnehmend erzählen, Sally Rooneys »Normal People« war eins meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre, gerade lese ich Sibylle Bergs »Der Mann schläft«, und es beruhigt mich wie wenig in letzter Zeit. Leif Randts »Allegro Pastell« schimmert mich vom Regal aus an, ich habe gehört, das muss man gerade lesen, wenn man deutsche Gegenwart begreifen will. Ich bin gespannt.   

Im Text »haarmonie« beschreibst du einen Frisörbesuch auf dem Land. Alltäglich und doch nicht. Die Frisörin modelliert dich zu einer Art Kunstfigur, und du lässt es mit dir machen.  Hast du beim Schreiben Lust an der Verwandlung oder versuchst du eher über die Ich-Form dir selbst nahe zu kommen?
Ich glaube, weder noch. Wenn solches Schreiben überhaupt irgendeinen Sinn hat, dann, dass sonst Undokumentiertes offengelegt wird: Zwischenmenschliche Zustände, profane Schönheit, ehrliche Gedanken. Die Ich-Perspektive resultiert aus der Tagebuch-Form. An Verwandlung hab ich selten Lust.  

Kannst du dir vorstellen, mal einen Roman zu schreiben? Wovon könnte der handeln?
Das finde ich gerade beides heraus.

Wirst du dir ein Haustier anschaffen, wenn du wieder zuhause bist?
Ich glaube nicht. Zumindest nicht, solange ich in der Stadt lebe. Da bin ich in der Regel mehr unter Menschen, die ich mag und brauche erstmal kein Tier, das Zwischenmenschlichkeit substituiert.

Autorinnenporträt: Stefani Glauber, Fotos von unterwegs: Carla Kaspari

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»Literatur zur Zeit« ist eine seit 2008 vornehmlich im King Georg stattfindende Lesungsreihe. Mit Unterstützung der Bunt Buchhandlung und des Kulturamts der Stadt Köln. Hier stellt Veranstalter Wolfgang Frömberg Bücher und Autor*innen vor.