Unser wöchentlicher Podcast mit Persönlichkeiten aus allen Lebensbereichen, die über ihren Alltag und ihre Jazz-Leidenschaft sprechen.

O Que Sera« ist ein Lied von Chico Buarque aus dem Jahr 1976, oben in einer der ersten Aufnahmen mit Milton Nascimento.Bei diesem brasilianischen Stück besticht das Zusammenspiel der beiden Künstler, unabhängig von der großen Band, die dahintersteht.  Und ein Liebeslied von großer Zärtlichkeit, Zuneigung und gleichzeitig Freude an dieser Musik. 

Francisco Buarque de Hollanda, im Volksmund Chico Buarque  ist ein 1944 geborener brasilianischer Allround-Künstler als Singer-Songwriter, Gitarrist, Komponist, Dramatiker, Schriftsteller und Dichter. Seine Musik und Texte reflektieren oft soziale, wirtschaftliche und kulturelle Themen Brasiliens. Zeit seines Lebens hatte er sich daher mit den verschiedenen Regimes auseinanderzusetzen.

Seine Protestsingle »Apesar de Vocé« (»Trotz du« – in Anlehnung an die Militärdiktatur) wurde von den Militärzensoren übersehen und zu einer wichtigen Hymne in der demokratischen Bewegung. Nach dem Verkauf von über 100.000 Exemplaren wurde die Single schließlich zensiert und vom Markt genommen. 1974 verboten die Zensoren jeden Song, der von Chico Buarque geschrieben wurde. Er arbeitet unter Pseudonym weiter – in den 1970er und 1980er Jahren zusammen mit Filmemachern, Dramatikern und Musikern an weiteren Protestwerken gegen die Diktatur. Er schrieb später »Budapeste«, einen Roman, der auf nationaler Ebene Anerkennung erlangte und den brasilianischen Literaturpreis erhielt.

Seine Kombination aus Musik und Text legt nahe, auch den Liedtext zu veröffentlichen, hier in einer nicht autorisierten deutschen Übersetzung.

Was könnte das sein?
Nach denen sie in den Schlafzimmern seufzen?
Nach dem sie in Versen und Strophen flüstern?
Über die sie sich in der Dunkelheit der Nester einig sind?

Das in Köpfen lebt, in Mündern lebt?
Für das sie in den Gassen Kerzen anzünden?
Über die sie in den Kneipen lautstark sprechen?
Über die sie auf den Märkten schreien? Dass sie mit Sicherheit

Kann in der Natur gefunden werden, wie auch immer sie sein mag
Was keine Gewissheit hat und nie haben wird
Was keine Besserung hat und nie haben wird
Was keine Größe hat

Was könnte das sein?
Das lebt in den Ideen dieser Liebenden?
Das wird von den wahnsinnigsten Dichtern gesungen?
Das von den betrunkenen Propheten verheißen wird?

Das in den Pilgerfahrten der Verstümmelten geschieht?
Das sich in den Phantasien der Unglücklichen findet?
Das sich im Alltag der Prostituierten abspielt?
In den Plänen der Diebe, der Hilflosen

In jeder Hinsicht, sei was du willst
Was keinen Anstand hat und nie haben wird
Was keine Zensur hat und nie haben wird
Was keinen Sinn macht

Was könnte das sein?
Dass all die Warnungen nicht verhindern werden?
Denn jedes Lachen wird trotzen
Weil alle Glocken läuten werden

Denn alle Hymnen werden heiligen
Und alle Kinder werden weggeschleudert
Und alle Schicksale werden einander begegnen
Und der Ewige Vater selbst, der sich nie in die Nähe

Der Blick über diese Hölle wird sie segnen
Was keine Regel hat und nie haben wird
Was keine Scham hat und nie haben wird
Was hat kein Urteilsvermögen

Was könnte es sein, das mich quält?
Könnte es sein, dass mich das von innen heraus aufrührt?
Könnte es sein, dass es an der Oberfläche meiner Haut blüht?
Das sich auf meinem Gesicht erhebt und mich erröten lässt?

Das springt mir in die Augen und verrät mich
Und verkrampft sich in meiner Brust und lässt mich gestehen
Es gibt keine Möglichkeiten, sich zu verbergen.
Und was ist nicht richtig, dass jemand sich weigert

Und macht mich zum Bettler, lässt mich betteln
Was kein Maß hat und nie haben wird
Was keine Medizin hat und nie haben wird
Was kein Rezept hat

Was könnte das sein?
Das geschieht im Inneren der Menschen und sollte nicht geschehen?
Das untergräbt die Menschen und ist ein Makel?
Was wirkt wie ein harter Schnaps, der nicht sättigt?

Fühlt sich das an, als würde es nach der Feier wehtun?
Was die zehn Gebote niemals in Einklang bringen werden?
Und auch nicht alle Salben werden lindern
Weder alle Hexereien, noch alle Alchemie

Und weder alle Heiligen, sei es, was es wolle
Was keine Gnadenfrist hat und nie haben wird
Was keine Müdigkeit hat und nie haben wird
Was keine Grenzen hat

Was könnte es sein, das mich quält?
Könnte es sein, dass mich das von innen heraus verbrennt?
Das meinen Schlaf stört, könnte das sein?
Dass all die Beben, die kommen und mich erschüttern.

Dass mich all die unangenehmen Wärmegefühle schüren
Dass mir der ganze Schweiß auf die Nerven geht
Dass alle meine Nerven mich anflehen
Dass alle meine Organe schreien nach

Und ein schreckliches Gebrechen lässt mich betteln
Was keine Scham hat und nie haben wird
Was keine Regel hat und nie haben wird
Was hat kein Urteilsvermögen

Die Melodie wurde sehr häufig bearbeitet und genutzt, sowohl von Chico Buarque selbst wie von anderen Jazzern. Hier eine Version mit Roberto Carlos aus dem Jahr 1993:

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Großartig gefällt mir die instrumentale Variante von und mit Brad Mehldau (und Jef Ballard, Larry Grenadier), mitgeschnitten bei einem Konzert 2005 in Toulouse (hier in der Aufnahme ab 11:13 min)

Und schließlich noch die mehr als hörenswerte Version des deutschen Trompeters Till Brönner:


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

William »Billy« Hart zählt zu den vielseitigsten Schlagzeugern der Jazz-Welt. Trotz seines stolzen Alters ist er außerhalb des Lockdowns noch sehr aktiv.


Billy Hart

Am 29.11.2020 ist der 80. Geburtstag des Schlagzeugers, Musiklehrers und Band Leaders William »Jabali« »Billy« Hart, der noch immer höchst aktiv ist und auf der ganzen Welt auftritt (außerhalb des Lockdowns). Er zählt zu den vielseitigsten und meistaufgenommenen Schlagzeugern der Jazz-Welt und wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Einen Überblick über seine Karriere gibt dieser Jazz Times Artikel von Ted Panken. 

Billy Hart wurde am 29. November 1940 in Washington, DC, USA, geboren. Er wuchs in einem Jazz-begeisterten Haushalt auf. Seine ersten Erfahrungen waren ebenso geprägt vom Soul eines Otis Redding wie vom Straight Ahead Jazz des Saxofonisten Buck Hill oder der Sängerin und Pianistin Shirley Horn, mit denen er schon als Jugendlicher spielte. 

Größere, auch internationale Sichtbarkeit kam dann mit seinem mehrjährigen Engagement bei Hammond-Orgel-Star Jimmy Smith, hier 1965 in der TV Sendung Jazz 625 der BBC:  

Davor und danach spielte er mit Gitarrist Wes Montgomery und seinen Brüdern, hier in Detroit 1968:

In dieser Zeit wurde er zunehmend von Avantgarde-Schlagzeugern wie Sunny Murray und Rashied Ali beeinflusst. John Coltrane wollte ihn als zweiten Schlagzeuger neben Rashied Ali in seiner Band, aber Hart fühlte sich noch nicht bereit. Dann engagierte ihn Tenorsaxofonist Pharoah Sanders, mit dem er auf der LP »Karma« 1969 spielte, unter anderem das legendäre »The Creator Has a Master Plan« (nur Audio):

In dieser Zeit gab der Perkussionist Mtume ihm den Ehrennamen »Jabali«, was in Swahili Weisheit bedeutet. Billy Hart zählte nun zu ersten Liga der Jazz-Schlagzeuger. Er spielte mit McCoy Tyner 1970 (nur Audio): 

Miles Davis engagierte ihn für seine »On the Corner« Band-mit Herbie Hancock und schrieb sogar den Song »Jabali« für ihn, hier in einer Aufnahme 1972 (nur Audio): 

Er war Mitglied in Herbie Hancocks Band Mwandishi mit Bennie Maupin + Julian Priester + Eddie Henderson + Buster Williams, hier in Paris 1972: 

Seine Vielseitigkeit wurde immer größer. Stan Getz engagierte ihn. Hier mit Getz + Joanne Brackeen + Niels-Henning Ørsted Pedersen im Montmartre Jazz Club, Kopenhagen 1977 (nur Audio): 

und mit Stan Getz + Andy LaVerne + Mike Richmond in Oslo 1977:

Parallel dazu entstand seine erste LP unter eigenem Namen, »Enchance« mit einer auch heute noch hörenswerten Mischung aus Avantgarde und Fusion Jazz mit Hannibal Marvin Peterson + Oliver Lake + Dewey Redman + Don Pullen + Dave Holland 1977 (nur Audio): 

Eine Reunion mit Shirley Horn gab es beim North Sea Jazz Festival in Den Haag 1981, der Auftritt, der Shirley Horn’s internationale Karriere startete (beginnt bei Minute 1:40): 

1987 spielte Hart mit Joe Henderson + Woody Shaw in Kongsberg, Norwegen:

1988 mit Gary Bartz + Wallace Roney + Joanne Brackeen + Clint Houston im Subway, Köln:

Anfang der 1980er Jahre wurde er Mitglied der Band Quest mit Dave Liebman + Richie Beirach + Ron McClure, hier in einer Live-Aufnahme von 1991 (nur Audio): 

Mit Kenny Werner + Ray Drummond spielte er im Trio in Vienne 1998: 

Bis heute wirkt er in der Band Saxofone Summit mit, hier mit Michael Brecker + David Liebman + Joe Lovano + Phil Markowitz + Rufus Reid im Birdland, NYC, 1999: 

Bei Jazz Baltica 2000 trat er im Charles Lloyd Quartet with John Abercrombie + Marc Johnson auf: 

Bis heute ist er Mitglied der All Star Band The Cookers, hier mit Billy Harper + Eddie Henderson + David Weiss + Craig Handy + Kirk Lightsey + Cecil McBee in Viersen 2008:

und mit Billy Harper + Eddie Henderson + David Weiss + Donald Harrison + George Cables + Cecil McBee in Buenos Aires 2016: 

Er spielte über viele Jahre mit dem deutschen Saxofonisten Johannes Enders im Quartett, hier in Karlsruhe 2011:

Ebenfalls seit vielen Jahren hat er ein eigenes amerikanisches Quartett mit Ethan Iverson + Mark Turner + Ben Street, hier im Bimhuis, Amsterdam, 2016: 

Im selben Jahr spielte er eine CD mit der WDR Big Band in Köln ein: 

2018 führte er ein exzellentes Quartett mit Joshua Redman nach Getxo, Spanien: 

und ins New Morning, Paris: 

Billy Hart ist seit langer Zeit auch als Musiklehrer tätig, unter anderem in Oberlin und am New England Conservatory, wo er dieses Solo 2019 spielte:

Organist Joey De Francesco wollte unbedingt mit Billy Hart spielen wegen dessen Zusammenarbeit mit Jimmy Smith in der 1960er Jahren. Hier sind sie mit Saxofonist Troy Roberts beim North Sea Jazz Festival in Rotterdam 2019: 

Im März 2020 sollte Billy Hart im King Georg Jazz Club, Köln, mit Christophe Schweizer + Pablo Held + Sebastian Gille auftreten, doch das fiel dem ersten Corona-Lockdown zum Opfer. Die vier hatten diese CD eingespielt (nur Audio):

Pablo Held sprach kürzlich ausführlich mit Billy Hart in seiner Reihe »Pablo Held investigates«: 

Billy Hart ist ein sehr junger 80-jähriger. Wenn internationale Reisen wieder möglich sind, sollten wir ihn in Deutschland wieder regelmäßig genießen können. Zur Ruhe setzen will er sich jedenfalls nicht.

Text: Hans-Bernd Kittlaus, Foto: Joe Mabel

Oktober 2020, Float Music

Der gebürtige Niederländer Caspar van Meel lebt schon seit vielen Jahren in Essen, wo er bis 2009 bei John Goldsby an der Folkwang Schule studierte. Nach langjährigen Erfahrungen als Mitglied von Bands anderer Musiker*innen wie Laia Genc und Mike Roelofs und zahlreichen Preisen hat der Bassist mit diesem Quintett seine eigene Plattform gefunden, die ihm erlaubt, seine musikalische Konzeption auch als Komponist und Arrangeur umzusetzen. Alle neun Stücke der vorliegenden CD, mit denen er auch ein politisches Statement machen will, stammen von van Meel. Am Anfang steht der Titelsong, der nach einigen prägnanten Akkorden von Pianist Roman Babik von van Meels Bass und Niklas Walters Schlagzeug in eine heftig swingende zeitgenössische Hardbop-Interpretation geführt wird. Babik soliert inspiriert, bevor Tenorsaxofonist Denis Gäbel das Tempo in seinem Solo kurzzeitig rausnimmt, dann aber angetrieben von der Rhythmusgruppe wieder Fahrt aufnimmt. Die Ballade »For Erik« gibt Posaunist Tobias Wember Gelegenheit zu einer gefühlvollen Einleitung, später spielt van Meel ein ausdrucksstarkes Solo, abgelöst von Wembers Solo über der gelungenen Melodie. Das schnelle »Haeccity« swingt dann wieder heftig mit Gäbels souveränem Spiel über van Meels walking bass und Walters Beckenarbeit und Babiks mitreißendem Solo. Die CD endet mit »Bokonon’s Dance«, in dem sich Gäbel und Wember solistisch umtanzen, van Meel und Walter für den rechten Groove Rhythmus sorgen und Babik darüber balanciert. Dieses Album verbindet hohes musikalisches Niveau mit großem Spaßfaktor. Caspar van Meel verdient mehr Beachtung nicht nur als Bassist, sondern auch als Komponist, Arrangeur und Band Leader.

Text: Hans-Bernd Kittlaus

Ein Trip nach Berlin Ende August und ein Gespräch mit Jennifer Beck, Fabian Ebeling und Steffen Greiner über das Buch »Liebe, Körper, Wut & Nazis«


Fabian Ebeling, Steffen Greiner, Jennifer Beck, Mads Pankow

Es ist ein merkwürdiger Tag, um über ein Buch mit dem Titel »Liebe, Körper, Wut & Nazis« zu sprechen. In Berlin steigt jene großangelegte Anti-Corona-Maßnahmen-Demo samt Rummeltechno-Wagen, zu deren Ausklang ein Haufen Demonstrant*innen versuchen wird, das Reichstagsgebäude zu stürmen. Die Erinnerung daran ist schon ein wenig zerfranst, und das tägliche Newsgeschäft frisst fleißig immer neue Löcher hinein wie Motten in die Klamotten im Schrank. Andererseits werden die jüngeren Nachrichten-Bilder in jeder Hinsicht deutlicher. Einer Stürmung durch den rechten Mob mittels roher Gewalt bedarf es gar nicht, so dürfte den Letzten klargeworden sein, wenn die Schwelle schon auf demokratischem Weg überschritten wurde. Die AfD sitzt drin im Bundestag und ließ im November Gegner*innen der Corona-Regulierungen als »Gäste« einfach mal reinspazieren.

Hätte man Ende August vielleicht schon ahnen können, die Pointe. Inmitten der Demo im Sonnenschein fühle ich mich noch wahlweise wie auf dem Karneval der Reichsbürger*innen oder einer Freiluft-Messe für esoterische Sinnstiftungsangebote. »Love & Peace«–Claims sind allgegenwärtig wie Familien in T-Shirts mit »Widerstand«-Aufdruck. Eckenprediger*innen beten Verschwörungstheorien und die Verteidigung der Grundrechte vor. Ja, viele hier behaupten, es ginge ihnen um Liebe, sie haben ganz offenbar Wut im Bauch, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist den zahlreichen Impfgegnern und Masken-Verweigerern verdammt wichtig – und letztlich machen sie mit Neonazis gemeinsame Sache, oder sind halt selber welche. Die zunächst etwas beliebig wirkende Auswahl der Themen, die Jennifer Beck, Steffen Greiner, Fabian Ebeling und Mads Pankow für ihren im Buch abgebildeten Email-Talk gewählt haben, erscheint mir angesichts der Realität rund um die Bannmeile plötzlich sehr viel naheliegender. 

Die Epilog – Zeitschrift für Fragen, Antworten, Pointen und überraschende Wendungen zur Gegenwartskultur

Ich bin dann auch sehr froh, als ich diese irre Masse hinter mir lassen kann. Mein Weg führt nach Kreuzberg, wo sich das Büro des Magazins Die Epilog befindet. Hier kreuzen sich die Lebenswege von Beck, Greiner, Ebeling und Pankow durch die jahrelange gemeinsame Arbeit an der Zeitschrift zur Gegenwartskultur. Aber im Buch geht es nicht um den Job sondern um ihre Freundschaft. Auf deren Grundlage wollen sie diese zugleich auf die Probe stellen. So verstehe ich jedenfalls ihr Versprechen, einander alles zu erzählen, wie es im Vorwort heißt. Klingt riskant. Anfangs frage ich mich, ob so ein Konzept womöglich sogar das Auseinanderbrechen eines Freundeskreises zur Folge haben könnte. Die Sache hat viele Haken. Ich denke auch, »Liebe, Körper, Wut & Nazis« muss schon durch die Prämisse ein Buch über das Schreiben selbst sein. Einer geäußerten unangenehmen Wahrheit geht doch meist die Frage voraus, wie genau man sie erzählen könne. Kennt jedes Kind. Sie wird auch mal rausplatzen, aber eigentlich kaum, wenn man sich Emails schreibt. Schon eher, wenn man nachts zusammen am Tresen sitzt. Dass die Form der Unterhaltung über eine räumliche Distanz jetzt so zeitgemäß wirkt, ist eine Laune der Geschichte. Das Buch ist ja keine Reaktion auf Kontaktbeschränkungen. Die fürs Frühjahr geplante Veröffentlichung wurde wegen des ersten Lockdowns auf August verschoben.

Bei der Lektüre im Zug musste ich an frühe TV-Erfahrungen denken. In den 1980ern war ich großer Fan der Serie »Fame« um die Absolvent*innen einer New Yorker Schule für darstellende Künste. In einer Lieblingsfolge entscheiden zwei der Schüler*innen, einen Tag lang nur die Wahrheit zu sagen. Warum? Sie sollen im Schauspielunterricht ihrem Lehrer ins Gesicht sagen: »I love you!« – voller Überzeugung, dass es wahr ist. Die beiden scheitern und fühlen sich herausgefordert. Das Versprechen der Autor*innen von »Liebe, Körper, Wut & Nazis« wiederum beinhaltet den Zusatz, der Wahrheit im Buch stets näher zu sein als der Lüge. Besagte »Fame«-Episode schickt die ehrlichen Held*innen übrigens von einer misslichen Lage in die nächste. Viel wichtiger ist aber die Story um den verschrobenen Musiklehrer Benjamin Shorofsky, der am Ende in einem Brief gesteht, wie sehr ihm die Schule am Herzen liege. Ich habe es immer so verstanden, dass man wie Shorofsky in einem Text der Wahrheit leichter auf die Spur kommt als beim Reden. 

»Liebe, Körper, Wut & Nazis – Wie wir beschlossen, uns alles zu sagen«, Klett-Cotta, 20 Euro

Also geht es beim Schreiben nicht sowieso immer darum, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen? Warum dann überhaupt dieser Vorsatz? Das will ich von der Runde wissen, in der nur Mads Pankow fehlt, Politikberater und ehemaliger Epilog-Herausgeber. Jennifer Beck, Redakteurin beim Missy Magazine und Redaktionsleiterin der Epilog, sieht mich auf dem Holzweg: »Ich habe festgestellt, dass dieses Buch mir einen Möglichkeitsraum bietet, in dem es andersherum funktionieren kann. Weil ich eine riesengroße Angst hatte vor den Passagen, die meine Kindheit betreffen. Angst, dass ich mich falsch erinnere und meine Eltern mich darauf hinweisen. Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass es im Kontext des Buchs völlig egal ist, ob ich mich richtig oder falsch erinnere, Teile weg lasse oder unbewusst hinzu erfunden habe. Ich konnte die Angst ablegen, etwas Falsches zu sagen über meine Vergangenheit.«

An der Stelle fiel uns gleich auf, dass man in Haarspalterei verfallen kann, wenn man mit heißen Eisen wie »Wirklichkeit« hantiert, oder »Wahrheit«, die auch in einer falsch erinnerten Tatsache stecken kann. Allerdings liegt in Jennifer Becks Antwort bereits ein Schlüssel zum Verständnis des Buchs. »Liebe, Körper, Wut & Nazis« ist kein Glossar der Gegenwart, das die titelgebenden Begriffe für eine Generation definieren will, wobei es Anschlüsse an den Zeitgeist und einen generationellen Zusammenhang unter den allesamt im Popkulturbetrieb tätigen Autor*innen durchaus gibt. Beck ist Jahrgang 1988, die anderen 1985. Moment… Pop, Generation, Talk, war da nicht mal was? Ja schon, große Ähnlichkeiten mit dem popkulturellen Quintett, das zur Jahrtausendwende die »Tristesse Royale« beschwor, kann ich bei genauer Betrachtung aber nicht erkennen. Auch wenn es 1999 hieß: »Wir erinnern uns, wie es uns gerade gefällt. Würde man es nicht erlauben, einige wenige Lügen hinzunehmen, ich weiß nicht, wie man jemals die Vergangenheit ertrüge.« Wahrheit, Wirklichkeit…you name it.

Während die fünf Herren, Namen vermutlich nicht bloß der Redaktion bekannt, hier sowieso egal, damals jedoch Wert auf Distinktion und Distanzierung legten, geht es in »Liebe, Körper, Wut & Nazis« um banale Fragen, die üblicherweise als »Elefant im Raum« (Beck) stehen, im Freundeskreis jedoch selten diskutiert werden. Und das oberste Ziel ist die Annäherung. Auch aneinander. Die Auseinandersetzung soll nicht nur wunde Punkte berühren, sondern zärtlichere Berührungen möglich machen, dämmert mir. Könnte passen. »Zärtlichkeit« war ja auch das Thema einer der letzten Epilog-Ausgaben. 

Die Vier mussten sich jedenfalls selbst erst mal rantasten. Eigentlich hatten sie eine Anthologie mit Epilog-Texten im Sinn gehabt, als der Verlag ins Spiel kam und vorschlug, etwas Neues zu machen. Eins führte zum anderen. Das Prinzip, die Freund*innen mit alltäglichen Fragen zu konfrontieren, die man sich ansonsten eher nicht stellt, ist dann Steffen Greiner, Autor, Dozent, Journalist und ebenfalls Epilog-Redaktionsleiter, in einer Wartschlange gekommen. Die Auswahl der vorgegeben Begriffe habe sich allmählich herauskristallisiert und sei zugegeben etwas »schlagzeilig«, wie es Jennifer Beck formuliert, der Umgang damit aber bleibt sensibel. Für mich ist es spannend zu beobachten, wie unterschiedlich die Auffassungen der Beteiligten über das Resultat des Prozesses sind; die Ergebnisse eines Spiels mit festen Regeln, innerhalb dessen sie jeweils sieben Tage Zeit hatten, um auf Sticheleien wie »Sagt man noch ›Ich liebe dich?‹« zu reagieren. Fabian Ebeling, freier Redakteur, Autor und Mitherausgeber der Epilog erklärt, dass man andauernd uneinig gewesen sei, ob es sich eher um ein Sachbuch oder ein fiktionales Buch handele, während Jennifer Beck klarstellt, sie habe von Anfang an literarische Texte beitragen wollen.

Vier Freund*innen im Selbstversuch, der Wahrheit näher zu kommen als der Lüge

Erscheint die Zusammensetzung der Autor*innen auf den ersten Blick nicht sehr divers, so stecken die Unterschiedlichkeiten doch in mehr als einem Detail. Abgesehen von abweichenden Temperamenten, die sich im jeweiligen Duktus äußern (ja, Ebelings und Pankows Beiträge wirken verkürzt ausgedrückt »sachlicher«), bleibt bei mir hängen: Anders als Jennifer Beck, die in ihren Texten keine Inszenierung im Sinn gehabt habe, stellt Steffen Greiner klar, dass er bewusst eine Kunstfigur schaffen wollte. Dabei ist ihm ein leidenschaftlicher »Wut«-Text über das ewige Verlangen gelungen, mal für die Spex zu schreiben. Hier zieht jemand blank angesichts eines Problems, das vielen nebensächlich erscheinen dürfte, und doch einiges über allgemeingültige Mechanismen des Kulturbetriebs verrät – und dazu eine schmerzhafte Kluft zur Mitautorin und Ex-Spex-Redakteurin Beck verdeutlicht. Schmusekurs adieu, wie an so mancher Stelle! Das gefällt mir, so wie die vielen Selbstzweifel und Versuche der Selbstkritik im Buch. Geständnisse. Unsicherheiten. Vielleicht auch, weil mir »Tristesse Royale«-Selbstgefälligkeiten immer fern waren. Wenn ich mich recht entsinne. 

Letztlich bleibt es für mich aber ebenso schwierig, »Liebe, Körper, Wut und Nazis« final einzuordnen, wie das zweistündige Interview mit Jennifer Beck, Fabian Ebeling und Steffen Greiner im Epilog-Büro adäquat zusammenzufassen. Aber während mich beim Lesen die kollidierenden Ansätze der Autor*innen teilweise verwirrt haben, so empfand ich sie schon im Verlauf des Gespräch als gelungene Denkanstöße, auch weil mir beim Reden übers Schreiben nicht nur Antworten gegeben wurden, sondern neue Fragen hinzukamen. Eine Gewissheit aber zumindest nehme ich mit: Der Freundschaft der Vier hat das Buch offensichtlich nicht geschadet. Vielleicht sollte man einfach öfter über den »Elefanten im Raum« sprechen. Es ist gut für einen selbst – und es ist gut für andere. Dieser feine Zusammenhang erscheint mir wichtig, gerade an diesem Tag in Berlin.

Text: Wolfgang Frömberg, Autor*innen–Fotos: Julia Grüßing

Mehr zum Thema:

Unsere Konzerte finden bis auf Weiteres ohne Publikum statt. Aber sie werden weiterhin in Videostreams live übertragen.

Liebe Jazz-Freund*innen und Freund*innen des King Georg,

wie angeordnet dürfen wir seit November 2020 trotz aller getroffenen Hygienemaßnahmen keine Gäste im Club empfangen. ABER: Bleibt unsere digitalen Gäste – unsere Konzerte werden weiterhin live gestreamt. Eventuelle Programmänderungen werden so früh wie möglich auf unserer Terminübersicht angegeben.

Ticketkosten werden erstattet – oder gerne als Spende angenommen. Vielen Dank vorab! Genießt unsere Live-Streams! Wir arbeiten weiter – für die Künstler*innen und für Euch als unser Publikum.

BLEIBT GESUND !

Das King Georg Team 

The Girl from Ipanema« – im  Jahr 1962 von Antônio Carlos Jobim komponiert, wurde durch eine Aufnahme vom 19. März 1963 in New York, die im Folgejahr auf der Langspielplatte »Getz/Gilberto« erschien, zu einem der weltweit bekanntesten Songs der Bossa nova.  Die Kombination des Jazz-Tenorsaxophonisten Stan Getz mit dem brasilianischen Sänger und Gitarristen João Gilberto, mit Jobims Frau Astrud waren für den Sprung in die »Weltklasse« entscheidend.

Durch den Welterfolg wurden die typischen stilistischen Eigenheiten des Bossa-nova-Gesangs international bekannt. Dazu entwickelte man einen damals völlig neuartigen, betont leisen Gesangsstil, der nach den Worten von João Gilberto wirken sollte, »als ob man dem Zuhörer ins Ohr flüstere«. Und dazu gehörte dann auch der Wortlaut in portugiesicher Sprache, der noch in der Übersetzung »klingt«.

(»Schau, was für ein schöner Anblick, so voller Anmut, ist dieses Mädchen, die dort wiegenden Schrittes auf ihrem Weg zum Meer vorübergeht. Mädchen, deren Körper die Sonne von Ipanema vergoldet hat, ihr Gang ist vollendeter als ein Gedicht, sie ist das Schönste, das ich je vorbeigehen sah!«)

Girl, Boy… Hauptsache Ipanema!

Ob heute ein solcher Text ohne gesellschaftliche Diskussion noch möglich wäre, darf man sich nach dem Vorfall aus 2017 zum Gedicht von Eugen Gomringer fragen – denn dort behauptete die Kritik an seinem Gedicht eine »Degradierung der Frau zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum«. Seltsam, dass zu ganz anders gearteten Texten des Rap solche Diskussionen nicht aufkommen. Und beruhigend, dass die Muse selbst, die es tatsächlich gab und gibt (»Helô«) bis heute keinen Anstoß nimmt.

Die Melodie gehört zu den am häufigsten interpretierten überhaupt, angeblich über 150mal. Am bekanntesten mag diejenige von Frank Sinatra sein, deshalb füge ich dessen Version aus dem Jahr 1967 bei (mit Antônio Carlos Jobim!). Man beachte die Zigarette…

…und diejenige mit und von Diana Krall von 2009, allerings mit anderem Text. »The Boy From Ipanema«. So ändern sich eben die Zeiten ….

Tall and tan and young and handsome
The boy from Ipanema goes walking
And when he passes, each girl he passes goes, ah

When he walks he’s like a samba
That swings so cool and sways so gentle
That when he passes each girl, he passes goes, ah

Oh, but I watch him so sadly
How can I tell him I love him?
Yes, I would give my heart gladly
But each day when he walks to the sea
He looks straight ahead, not at me

Tall, and tan, and young and handsome
The boy from Ipanema goes walking
And when he passes I smile but he doesn’t see
No, he doesn’t see, he doesn’t see me

Oh, but I watch him so sadly
How can I tell him I love him?
Yes, I would give my heart gladly
But each day when he walks to the sea
He looks straight ahead, not at me

Tall, and tan, and young and handsome
The boy from Ipanema goes walking
And when he passes I smile but he doesn’t see
He just doesn’t see, he just doesn’t see

Und über den großartigen Stan Getz reden wir an anderer Stelle…


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Heute mal etwas ganz anderes – und vielleicht für den einen oder anderen gar nicht aus der Schublade Jazz. »Don’t Worry Be Happy« ist der Titel eines Liedes des US-amerikanischen Jazzsängers Bobby McFerrin aus dem Jahr 1988. Er transportierte damit für viele die Botschaft des Gurus Meher Baba in Calypso-Form – und erfreute Millionen Menschen.

Here’s a little song I wrote
You might want to sing it note for note
Don’t worry, be happy.
In every life we have some trouble
But when you worry you make it double
Don’t worry, be happy.
Don’t worry, be happy now.
[2]

McFerrin hat in diesem Stück – und anderem – alle Stimmen im a-cappella-Stil durch die Technik des Overdubbing gesungen. Alle  vermeintlichen Instrumente imitierte McFerrin mit seiner Stimme beziehungsweise den Rhythmus mit Fingerschnipsen (auch wenn im Musikvideo Robin Williams und Bill Irwin mitspielen). Für den Song wurde McFerrin bei den Grammy Awards 1989 dreimal mit einem Grammy ausgezeichnet.

Damit wird der Blick auf Bobby McFerrin gerichtet, der am ehesten als Vokalkünstler beschrieben werden kann, mit enormem Stimmumfang und der Fähigkeit, verschiedene Instrumente zu imitieren. Er arbeitete mit einer Vielzahl von bekannten Musikern insbesondere aus dem Bereich des Jazz und entwickelte auch Kompetenz als Dirigent. Berühmt sind seine Improvisationen und unbegleiteten Solo-Konzerte. Derzeit ist er unter anderem Honorarprofessor an der Universität der Künste Berlin. 2020 erhielt er den Titel des Jazz Master der National Endowment for the Arts und damit die höchste Auszeichnung des Jazz in den USA.

Seine enormen Fähigkeiten seien an zwei wunderbaren Beispielen dokumentiert –  zunächst mit einem Improvisationsbeispiel aus dem Jahr 2012 (Millenium Stage):

Und wer sich die Zeit nehmen kann, sollte sein großartiges Konzert aus dem Jahr 2005 in Montreal von Anfang bis Ende anschauen und hören. Und feststellen, dass McFerrin die Gabe hat, hohe künstlerische Qualität mit Performance und Intensität in Richtung Publikum zu verbinden. Womit er eine Fröhlichkeit und tiefe Zufriedenheit bei seinen Gästen erreicht, die nur ein Künstler seiner Klasse erreichen kann. A la bonne heure!


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Besetzung: Klaus Doldinger (sax) Michael Hornek (keys) Martin Scales (guit) Patrick Scales (bass) Christian Lettner (drums) Ernst Ströer (perc) Biboul Darouiche (perc) Joo Kraus (trumpet)

Wade in the Water« ist eine Melodie, die nahezu jeder kennt, hier in einer aktuellen, zeitgemäßen und sehr gelungenen Interpretation von Klaus Doldingers Passport aus dem Jahr 2020.

Ursprünglich war dies ein Spiritual aus dem 19. Jahrhundert. Teil  der sogenannten »Songs of the Underground Railroad«: Sklaven organisierten ihre Flucht und  »Wade In The Water« erinnerte die Flüchtenden daran, im Wasser von Bächen zu laufen, damit die Suchhunde der Sklavenhalter ihre Spur verloren. 

Die erste Tonaufnahme des Liedes machten 1925 die Sunset Four Jubilee Singers.

Seitdem ist das Stück von etlichen Interpreten in verschiedenen Stilen (Gospel, Folk, Jazz, Blues, Soul ) genutzt worden

Zu den bekanntesten Aufnahmen von »Wade In The Water« gehören die des Golden Gate Quartet (1946):

Natürlich ließe sich eine Menge zu dem Golden Gate Quartet oder zu Klaus Doldinger und Passport sagen, aber das würde ablenken von dem Musikstück, das hier im Mittelpunkt stehen soll. Deshalb lieber noch eine andere Version: Jazz-Funk aus dem Jahr 1972 von Peter Herbolzheimers Rhythm Combination & Brass. Und wir verzichten auch auf Kommentare zu dieser tollen Formation und dem großartigen Peter Herbolzheimer, selbst wenn es schwerfällt… wir holen das an anderer Stelle nach…)

Peter Herbolzheimer Rhythm Combination & Brass, 1972:

(Besetzung:
Trumpets: Rick Kiefer, Dusko Goykovich, Art Farmer, Ack van Rooyen
Flutes, altosax: Herb Geller; Trombones: Jiggs Whigham, Rudi Fuesers, Peter Herbolzheimer 
Organ: Dieter Reith;  Bass: Jimmy Woode jr.;  E-Bass: Heinz Kitschenberg;  Drums: Tony Inzalaco;  Conga, percussion: Horst Muhlbradt;  Timbales, percussion: Hermann Mutscheler;  Sitar: Sigfried Schwab


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Jonas Gerigk über den Kontrabass, der in mehrfachem Sinne einen tiefen Charakter besitzt. Was steckt alles drin in der großen Geige?


Jonas Gerigk

Der Kontrabass ist ein beliebtes Instrument in verschiedensten Formaten von Klassik bis Jazz, Folklore bis Pop, Rockabilly bis Tango Argentino … Er wird gern in Ensembles aufgenommen wegen seines angenehm tiefen Charakters. Als Stütze, Fundament und Pulsgeber hat sich der Kontrabass etabliert und ist aus der heutigen Musikkultur kaum noch wegzudenken. Doch was steckt noch in der großen Geige drin? Wie groß ist ihr Tonumfang wirklich? Welche Klänge kann man dem Instrument noch entlocken, die über gezupfte Grundtöne und sonore, gestrichene Melodien hinausgehen? 

Die eigenen Klänge

Eine Freundin fragte mich einmal in Oslo während meines Austauschsemesters: »Hey, ich organisiere da ein Konzert, hättest du Lust darin eine halbe Stunde solo zu spielen?« Ich sagte natürlich sofort: »Ja, Klar!!!«. Bisher war ich der Kontrabassist gewesen, der in circa 25 Bands in den Jazzclubs seiner Heimatstadt spielte, einen vollen Terminkalender hatte und ständig auf Achse war. In der neuen Stadt hatte ich plötzlich erstmal gar keine Bands. Niemand, der für ein Jazzkonzert noch einen Bassist brauchte. Also jede Menge Zeit. Warum nicht mal etwas ganz Neues wagen und ein Solokonzert vorbereiten… Ich spielte einfach drauf los und merkte: Hey das geht so nicht! Ich kann doch nicht einfach über Akkord-Changes improvisieren während mich keiner mit Changes begleitet. Ich kann doch nicht Walking-Lines spielen, während kein Solist dazu improvisiert. Also was? Wie fülle ich 30 Minuten mit etwas, das mir interessant erscheint. Natürlich: Mit Klängen – aber mit welchen? Ich denke: »Die, wegen denen ich den Kontrabass liebe… Ganz klar! Einzigartige Klänge. Meine eigenen Klänge.«

Zwischen Harmonie und Zerstörung

Es begann eine Reise, die ich als »explorativ« bezeichne. Am Anfang fühlte ich mich wie ein Kind im Sandkasten. Es machte riesigen Spaß, meine ganze langjährige Ausbildung, das Training und die vielen Normen zu vergessen und einfach nur hinzuhören. Zuzuhören. Holz und Stahl in Schwingung zu versetzen und das Resultat zu formen – Klang zu erforschen und zu gestalten. Unkonventionelle, selbstentwickelte Spielweisen kamen hinzu, die meine Lehrer später »extended technics« nannten. Ich merkte, dass ich noch nie so kreativ und selbstvergessen arbeitete. Stunden im Proberaum flogen dahin. Und mit der Zeit merkte ich, dass diese neuen Materialien auch in frei improvisierten Kontexten mit anderen Musiker*innen zu einem neuem Vokabular wurden. Eine Art eigene Stimme, persönlich, intuitiv und natürlich gewachsen.

Ein Kontrabass, der singt, pfeift, rauscht, schreit, atmet…Auf der Hompage von Jonas Gerigk findet ihr Klangbeispiele

Wenn ich über die Emanzipation des Kontrabasses im Jazz nachdenke, dann fällt mir auf, dass es um Gleichberechtigung ging. Jimmy Blanton, Scott LaFaro, Gary Peacock, Eddie Gomez, Niels-Henning Ørsted Pedersen – um nur einige zu nennen. Um Konversation auf Augenhöhe, was natürlich gesellschaftlich gesehen auch immer wieder Konfliktthema ist… Doch wie will man mit jemandem eine anregende Konversation führen, wenn die Grundvoraussetzungen zu verschieden sind? Was wenn der Gegenüber immer nur über die selben Themen spricht, entweder einen sehr begrenzten Wortschatz hat oder seine Sprache mit jeder Menge Floskeln anreichert? Es macht die Sache bei allem Idealismus nicht leicht. Nicht zuletzt durch den Roman »Der Kontrabaß« von Patrick Süskind weiß man, dass die große Geige von Natur aus nicht das flexibelste ist, einen begrenzten konventionellen Tonumfang hat und zu Beginn sehr spröde zu spielen ist. Wie sollte sich so ein Instrument in einem Ensemble voller instrumentaler Virtuosen mit zeitgenössischem Anspruch einfügen? Als kreativer Musiker fiel mir dazu bisher nur eine einzige Lösung ein: Ich musste mein eigenes Klangspektrum und Vokabular als Kontrabassist erweitern, flexibler werden und die Grenzen der akustischen Möglichkeiten neu ausloten. Ein Kontrabass, der singt, pfeift, rauscht, schreit, atmet, unterstützt, Kontraste setzt, Klänge mit Assoziationen entwickelt und beweglich ist zwischen Harmonie und Zerstörung.  

Transparenz, Kontrast, Flow

Die Neue Musik war wie immer ihrer Zeit weit voraus und so merkte ich, dass Pioniere in diesem Feld wie der italienische Kontrabassist Stefano Scodanibbio die Bass-Welt längst revolutioniert und auf eine neue Ebene gehoben hatten. Es ist schier unglaublich, was für Welten an unterschiedlichen Klängen aus dem Instrument herauskommen. Für mich ist es eine Reise, die bestehende Systeme hinterfragt, innovativ-erstaunlich-überraschend ist und vor allem niemals endet… (Stefano Scodanibbio: »Voyage that never ends«). Seit meinem ersten Solokonzert in Oslo ist einiges passiert und mittlerweile hat sich aus einem reduzierten Miniatur-Repertoire ein reicher Fundus an Gestaltungsmitteln entwickelt, der in den vielfältigsten Besetzungen nach Transparenz, Kontrast und Flow strebt. Eine Welt, die sich ihren eigenen Weg zwischen zeitgenössischer Musik und Post-Free-Jazz sucht, jederzeit dankbar für offene Ohren ist und einer kreativen Szene auch in Zukunft weitere Innovation verspricht.

Text: Jonas Gerigk, Fotos: Sophia Hegewald