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Kaum ein anderer hat innerhalb der Musik Chaos und Harmonie derart gekonnt vereint wie Don Cherry. Porträt eines Reisenden vor den Tribute-Konzerten des Ethnic Heritage Ensembles.

Don Cherry 1975

Don Cherry mit kratzigem Amulettketchen, Don Cherry im Gewand. In einer europäischen Landschaft, hügelig und harmlos, ein auffallend archaischer Geist hier in dieser unbefleckten Umgebung, in Schweden, irgendwann Ende der 1960er. Oder, um die gleiche Zeit herum, im beschaulichen Donaueschingen, vor einem Konzert, im Lotussitz.
Schnell assoziiert man zu diesem Bild den bunten Lee »Scratch« Perry, wie er einige Jahrzehnte später in den Alpen abhängt und da neben Ziege und hechelndem Hirtenhund einen ebenso intensiven Ausdruck an Welt- und Kulturgeschichte und auch queerness in die Landschaft fräst, diese Landschaft aus unberührten Kräutern, Bienchen und frischer Luft.

Zwei Pioniere, die da zu unterschiedlichen Zeiten zwischen Birken und Fichten hin- und her streiften. Hier Perry, Pate des Dubs, und dort, einige Zentimeter weiter links auf dem Zeitstrahl, Don Cherry. Einer der Erfinder des Free Jazz. Für einige sogar die prägendste Figur in der Genese des Genres.
Don Cherry kommt 1936 in Oklahoma City auf die Welt, als Sohn einer Choctaw und eines Schwarzen, und wächst dann in Los Angeles auf. In Watts. Im Ghetto also. Seine Eltern betreiben einen Jazzclub in Tulsa, die Oma eine Seemannspension, auf dem Klavier vertont sie Stummfilme. Die Berge, die der junge Don Cherry als Fluchtpunkt jenseits des Ghettos fixiert, verschwinden nach einigen Jahren am Horizont, unsichtbar gemacht von der zunehmenden Luftverschmutzung. So ist alles direkt angelegt: Der Jazz – offensichtlich –, aber auch das Multikulturelle und Multiethnische, als auch das Streben nach Verbindung mit der Natur. All das wird Cherrys Musik in ihrem Kern ausmachen. Mehr Privates und Anekdotisches soll hier gar nicht hin. Denn dafür ist einfach viel zu viel Musik. Alleine die Namen. Die Musiker, mit denen Don Cherry spielte: Ornette Coleman; John Coltrane, Sonny Rollins; Steve Lacey, Archie Shepp und John Tchicai; Terry Riley, La Monte Young; Johnny Dyani, Okay Temiz, Lou Reed, Collin Walcott,  Naná Vasconcelos, Charlie Haden UND SO WEITER. 

Eingebauter Weltempfänger

Die Meilensteine kann sich jede*r Leser*in schnell selbst zusammensuchen. Ornette Colemans »Something Else«. »The Avant-Garde« mit Coltrane am Saxophon, Charlie Haden am Bass und Ed Blackwell am Schlagzeug.  Danach die New York Contemporary Five. Und alles, was in den folgenden 20, 30 Jahren entstand. Man könnte sich seitenlang abarbeiten an Großwerken, Zusammensetzungen, Stilbrüchen, damit aber umreißt man das Phänomen Don Cherry nur, näher kommt man dem Wesen seines Schaffens damit jedoch nicht. Das gelingt eher, wenn man versucht, den Geist zu beschreiben; den Spirit, aus dem heraus Cherrys Musik und Sounds entstehen; den sie dann wiederum abgeben, an ihre Umwelt, wie in einem ganz natürlichen Kreislauf.

»Nicht meine Musik«

Ein Bild: Don Cherry, Kopfhörer auf den Ohren, mit eingebautem »Weltempfänger«. Rund um die Uhr habe er damit Klänge von überall her empfangen können, so eine vom Vibraphonisten Karl Berger übermittelte Legende. Ein anderes Bild: Don Cherrys kleine Trompete. Das wichtigste Markenzeichen des Musikers. Ein Geschenk von Boris Vian, der sie wiederum von einem Musiker der Josephine-Baker-Revue bekommen haben soll. Da hängt schon in der Patina des Instruments die Geschichte und der Charakter für eine dreiteilige Arte-Doku. Don Cherry trug sie, die Trompete, eingewickelt in ein Hippie-Tuch, im Rucksack durch die Gegend. Trug seinen Rucksack eh viel durch die Gegend.

»Erstmal«, sagte Don Cherry einst, »ist das nicht meine Musik. Es ist eine Kombination verschiedener Erfahrungen, verschiedener Kulturen, verschiedener Komponisten.«

Don Cherry war nicht nur Free-Jazz-Wegbereiter, man muss ihn auch als Vorreiter der »Fourth World«-Musik begreifen, wie sie mehr als ein Jahrzehnt später von Jon Hassell ausformuliert wurde. Don Cherry lebte in Afrika und Asien, reiste jahrelang mit seiner Familie als Organic Music Theatre in einem Kleinbus durch Europa, studierte bei Musiker:innen in der Türkei, in Marokko, bevor er in der schwedischen Provinz Skåne ein Heimat fand. Immer erweiterte Don Cherry seinen Horizont, studierte bei Pandit Pran Nath karnatische Gesänge, übte sich in ›primitiven‹ afrikanischen Instrumenten, pilgerte. Fand überall Ahnen seiner Ideen und Verbündete im Zugang zur Musik. Immer spielte er auch weiter auf den Straßen. New York, Bombay, Tokio, Los Angeles. 

Kein Typ für Höhenflüge

Dabei gelang es ihm, aus Aufeinandertreffen Zusammenkünfte zu machen. Spätestens seit »Complete Communion« (1966) zählte das auch für Aufnahmeprozesse von Platten. Hier steht zwar Don Cherry als Leader drauf, aber tatsächlich tritt Cherry selbst hier zurück, lässt bewusst seine Taschentrompete im Schatten von Barbieris riesigem Saxophon tuten; teilweise verschwindet sie fast ganz im Chaos. Bewusst bricht er damit mit dem tradierten Vorstellung, allein das Lead-Instrument sei im Jazz für die Höhenflüge verantwortlich. Hier begreift Cherry den Lead als erdendes, ausgleichendes Element.

Letztlich ist auch das nicht entscheidend. Ein Ausdruck für musikalische Freiheit von vielen. Folgt halt ein neuer. Was wesentlich bleibt, ist eben jene ritualisierte, spirituell aufgeladene Gemeinschaftlichkeit, das Erforschen von Sounds und Melodien über geteiltes, spontanes Erfahren – das ›Innere‹ der Musizierenden als Ausgangspunkt, den es in Schwingung zu versetzen gilt, die Transzendenz als Ziel. Verbundenheit und Grenzenlosigkeit, da wollte Don Cherry hin mit seinem Schaffen. Wetteifern, Ego, damit wollte Don Cherry nix zu tun haben. 

Er überprüfte seine Musik nicht auf ihre Verwertbarkeit, sondern suchte in all ihren Ausprägungen nach Möglichkeiten für Freude. In aller Konsequenz und Opferbereitschaft tat er das, schlief hier und dort, teilweise heimatlos, mittellos, manchmal auch hungrig. Ort seiner Suche blieb stets das dehnbare Feld musikalischer Brillanz. Die Suche nach dieser Brillanz und dem ihr innenliegende Potential für Glückseligkeit sind für Don Cherry die Triebfeder des Free Jazz: Alle Dogmen werden über den Haufen gepustet – mit dem Ziel über Improvisation neue Formen von höchstem musikalischen Ausdruck zu finden und in neue Dimension des Spielens und des Hörens vorzudringen. Seinen Schüler:innen lehrte Cherry, dass eine Sensibilität für Klänge das Allerwichtigste für das Musikmachen sei, und sie stets die Lauscher offen halten sollten für »Ghost Sounds«, unerwartete Resonanzen und Rhythmen, die während des Musizieren entstünden.

Geist, Ghost, Spirit

Don Cherry im Gewand. Bunte Tücher an der Wand. Don Cherry an der Doussn’ Gouni, der Steghalslaute aus Mali. Ein repetetiver Rhythmus, trance-artig, Cherry selbst hört darin auch den Blues, hört B.B. King, John Lee Hooker, das Rattern der Lokomotive. Um ihn herum dürfen die Musiker:innen improvisieren. Don Cherry mit geschlossenen Augen und zuckender Gesichtsmuskulatur. Er spielt und fühlt sichtbar den Anschlag jedes einzelnen Instruments in der Runde. Don Cherry mit der Schubkarre. Don Cherry mit der Sense. Don Cherry in der Natur.

Das ist, was man bis heute in allen Tönen, in jedem seiner Stücke hört: Eine Haptik, eine Präsenz, eine Verbundenheit. 

Don Cherry machte Anti-Entfremdungsmusik. Er starb 1995 in Haus seiner Stieftochter Neneh Cherry, in der Nähe von Málaga.

Text: Philipp Kunze, Foto: Mario Biondi

Martin Sasse ist der Künstlerische Leiter Jazz im King Georg. Mit ihm nutzen wir den Jahresausklang zur Bestandsaufnahme und Rückschau und werfen einen Blick in die Zukunft – auch aus Anlass der aktuellen Auszeichnung mit dem Programmpreis APPLAUS durch die Initiative Musik.

Martin Sasse

Was sagst du als Künstlerischer Leiter Jazz des King Georg zur Auszeichnung mit dem APPLAUS 2022 für »ein kulturell herausragendes Livemusikprogramm 2021«?

Ich freue mich sehr darüber. Es ist eine Ehre, eine solche Auszeichnung zu bekommen. Ich finde aber auch, dass wir es verdient haben, weil wir in schwierigen Zeiten durchgehalten haben und es uns gelungen ist, außergewöhnliche Künstler zu engagieren und ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine zu stellen. Danke dem ganzen Team für die hervorragende Zusammenarbeit. 

Gab 2021 es für dich ganz persönliche Highlights im King Georg-Programm?

Meine persönlichen Highlights 2021 waren: David Hazeltine Trio, Joe Magnarelli Quintett, Chris Potter Trio und das Harry Allen Quartett.

Joe Magnarelli

2021 war genau wie 2020 Corona-bedingt kein einfaches Jahr für die Acts und fürs Booking. Wie siehst du im Rückblick diese Zeit, in der das King Georg ja durchgehend Live-Programm geboten hat? Welche Rolle spielen die Livestreams diesbezüglich und wie findest du sie?

Es war finanziell schwierig, aber für die Künstler:innen und Zuhörer:innen ungemein wichtig, dass wir durchgehalten und ein Zeichen gesetzt haben. Die Livestreams waren ja zeitweise die einzige Möglichkeit, das Publikum zu erreichen. In unserem Archiv sind und bleiben sie ein großer Schatz und haben einen enormen Wert. Danke, Dr. Jochen Axer, für dein Durchhaltevermögen!

Wie betrachtest du die Entwicklung des King Georg Jazz-Clubs insgesamt? Ist er als Club für Straight-Ahead-Fans bei den Musiker:innen – als Pianist und Bandleader spielst du dort selbst regelmäßig in diversen Konstellationen –  und beim Kölner Publikum angekommen?

Ich denke, mehr als angekommen, weil wir Jazz fürs Publikum spielen, und das wissen die Leute zu schätzen. Wir sind seit Schließung des Subway der Jazzclub, der Köln gefehlt hat. Viele internationale Bands haben endlich wieder eine Anlaufstelle in Köln, wir sind wieder ein Standort auf der Jazzlandkarte.

Wie wichtig ist für dich beim Booking die Mischung aus Acts der Kölner Szene und darüber hinaus? Wie international ist das Livemusik-Programm ausgerichtet? 

Eine gute Mischung ist entscheidend. Die Förderung der lokalen und jungen Szene ist wichtig, aber auch das ein oder andere internationale Highlight, das Publikum zieht.

Wie hat sich die wöchentliche Young Talents-Reihe etabliert und welches Potenzial schlummert darin?

Wir bieten den Studierenden regelmäßig einen Raum, wo sie sich wohl fühlen. Die Reihe hat sich sehr etabliert – über die Region hinaus. Mittlerweile kommen Studierende aus Bremen, Osnabrück, Berlin und Mainz, um bei uns aufzutreten.

King Georg Big Band

Wie wichtig sind die regelmäßigen King Georg Sessions und die King Georg 12-Big Band-Abende? 

Wir bieten mit der Jam-Session speziell der jüngeren Szene die Möglichkeit, mit einer professionellen Rhythmusgruppe zusammen zu spielen. Die Abende sind immer ein Highlight im Monat.  Dass wir Jörg Achim Keller, einen der besten Arrangeure der Welt, mit einer so fantastischen Allstar-Band dafür gewinnen konnten, bei uns einmal im Monat aufzutreten, ist ein Segen, um den uns viele beneiden. 

Worauf legst du beim Booking fürs Jazzprogramm des King Georg prinzipiell besonderen Wert?

Auf eine gute Mischung regionaler und internationaler Künstler und Künstlerinnen. Über allem steht aber die Qualität der Musik.

Welche Pläne und Wünsche fürs Programm des King Georg Jazz-Clubs hast für die Zukunft und speziell für das Jahr 2023? Worauf darf sich das Publikum freuen?

Ich wünsche mir, dass es so weitergeht, wie das Jahr 2022 gerade aufhört – mit qualitativ hochwertiger, unterhaltsamer Livemusik, die das Publikum begeistert. Dann werden wir mit Sicherheit noch mehr Zuhörer:innen gewinnen.

Interview: Wolfgang Frömberg, Foto: Gerhard Richter

Die Komponistin und Saxofonistin spielt Jazz mit viel Funk und Soul und entwickelt einen Drive, der Großstadt-, Aufbruchs- und Abendstimmung zusammenbringt.

Stephanie Lottermoser

Selbst unter optimalen Bedingungen braucht man von Wolfratshausen nach Hamburg ganze neun Stunden. Für die 1983 in der bayerischen Kleinstadt, südlich von München, geborenen Stephanie Lottermoser hat es dann doch etwas länger gedauert, bis es sie 2018 in die Hansestadt an die Elbe gezogen hat. 

Davor standen Klavier- und Gesangsunterricht im Kindesalter, später der Wechsel aufs Saxofon und in die Big Band-Besetzung zu Schulzeiten. Schon bald sollte das beschauliche Wolfratshausen, das vor allen Dingen dafür bekannt ist 1734, nach einem Blitzeinschlag, explodiert zu sein, zu klein werden und Lottermoser ging zum Studium nach München. Fortan hat sie in München Kulturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität, sowie Musik an der Hochschule für Musik und Theater studiert. Die zusätzliche geisteswissenschaftliche Ausbildung hebt sie auch von einigen ihrer Kolleg*innen ab, gilt Lottermoser doch als eine der reflektiertesten Musiker*innen der deutschen Jazzszene – wie sie unter anderem regelmäßig im Podcast »Jazz Moves Schnack« zusammen mit dem Jazz-Journalisten Jan Paersch beweist. Lottermosers Blick ist ein analytischer, einer, der gleichwohl auch außermusikalische Bezüge mit einbezieht und dadurch spannende Blickwinkel und Sichtweisen präsentiert.

Dies kann man auch in ihrer eigenen Musik erkennen, die sie nun seit 2008 und der Gründung ihrer Band »Resonance« vor einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Lottermosers Jazz-Spiel ist eindeutig von Funk und Soul beeinflusst, bleibt aber klar im Feld des (Groove-)Jazz verwurzelt.
So genau und akribisch der Blick auf Musik ist, so lebensfroh, unterhaltsam und tanzbar sind ihre eigenen Kompositionen zugleich. Gerade auf ihrem letzten Langspieler »Hamburg« (ihr kommender „In-Dependence“ wird am 21.11. im King Georg präsentiert) konnte man sich davon überzeugen, wie geschickt und gekonnt Lottermoser komponiert: In langen Bewegungen und in eleganten Soli segelt sie hier durch verschiedenes Genre, kreuzt durchaus auch mal poppigere Wege und gelangt dann über eine gründliche Konsolidierung immer wieder zurück. Auf dieser atemberaubenden »Hafenrundfahrt« sind wir als Hörer*innen eingeladen, schippern über die halbwegs gebändigte See, lassen uns von ein paar Wellen mitreißen und bewegen und kommen trockenen Fußes wieder in Altona ans Land.

Grandiose Unterstützung kommt von ihrer Besatzung: Maik Schott (Keyboards), Robert Schulenburg (Bass) und Tobias Held (Schlagzeug), die mit Lottermoser die Stücke auf Kurs halten. Dabei sind gewagte Wendemanöver durchaus drin, aber eben nicht standardmäßig als Effekt eingesetzt. Die Wahl-Hamburgerin schafft in ihrer Musik viel eher das Kunststück, das auch einem Stevie Wonder in seinem musikalischen Feld gelingt: Die Straightness des eigenen Sounds macht es möglich immer wieder dekorative Elemente einzubeziehen, ohne kitschig oder gar volatil zu wirken.
Ganz im Gegenteil: Stephanie Lottermoser präsentiert sich stets als behände Saxofonistin und Komponistin, die Großstadt-, Aufbruchs- und Abendstimmung zusammenbringen kann – und alles wirkt wie aus einem Guss.

Dieser Drive, der unprätentiös, klar und ohne Schnörkel daherkommt, bewegt daher auch Körper und Geist; Fingerschnippsen und Fußwippen sind garantiert, wenn das Quartett loslegt. Die fein-austarierte Harmonik begleiten dann den Kopf durch die Chausseen am Elbufer, das Gewimmel am sonntäglichen Fischmarkt, die große Reeperbahn und die kleinen Boote an der Alster. Eine Liebeserklärung, wie sie nur eine scharfe, präzise Komponistin mit einem unverstellten Blick machen kann.

Text: Lars Fleischmann

Amelie Liebst aka AMSL

Musiker*innen, Künstler*innen, DJs und andere Kulturschaffende unterhalten sich anhand von zehn ausgewählten Platten über ihre Musikleidenschaft und ihr Leben.

Elfte Folge: Lars Fleischmann im Gespräch mit DJ, Veranstalterin und Radio-Moderatorin Amelie Liebst aka AMSL.

Foto: Leonie Braun

Surya Botofasina, Nate Mercereau und Carlos Niño laden zu einer Reise in andere Sphären ein.

Surya Botofasina, Nate Mercereau, Carlos Niño

Finde eine Balance zwischen dem Klang und deinem Ego – so beschreibt Surya Botofasina seine Regel für die Improvisation. So handfest dieser Rat ist, so blumig spricht der in Kalifornien geborene Jazz-Pianist und Synthesizerspieler normalerweise. Wenn er über Musik spricht, dann geht es häufig um die Idee der universellen Liebe, der OneLove, die sich im Leben und in der Musik ausdrückt und verbreitet. Es geht auch um Töne, die im Kosmos nur darauf warten entdeckt zu werden. Und es geht um Pianos, deren Bestimmung es ist, irgendwann gespielt zu werden. Der irdische und überirdische Lauf, die Physik der Klangproduktion und die Metaphysik einer »versteckten« eigentlichen Melodie, Exoterik und Esoterik – immer befindet sich der Sohn der afro-kubanischen Harfenistin Radha Renee Reyes-Botofasina zwischen den Extremen.

Nicht denken … spielen!

Das hört man seiner Musik, so muss man recht schnell erkennen, gar nicht unbedingt an. Gerade auf seinem neuesten Album »Everyone’s Children« scheint alles im Fluss; man hört wenig von widerstreitenden Ansätzen oder Philosophien, sondern eher seine Ursprünge und die Kontexte in denen Surya Botofasina aufgewachsen ist. 1977 wurde er im Sai Anantam Ashram in Nord-Kalifornien geboren. Seine Mutter war – man würde heute sagen – spirituell veranlagt. Anfang der 1980er zog es die Familie nach Agoura Hills in den Ashram, den Alice Coltrane gerade gebildet und aufgebaut hatte. Dort wurde erst Radha Renee Reyes-Botofasina Schülerin der mittlerweile zum Medium und Guru aufgestiegenen Coltrane, die fortan nur noch Swamini Turiyasangitananda genannt wurde, einige Zeit später dann auch ihr Sohn Surya. Allerdings kann man nicht wirklich von Lehrerinnen-Schüler-Verhältnis reden, denn Swamini Turiyasangitananda lehrt nicht, stattdessen impft sie ein Gefühl ein: »Während ich probte, ließ sie nur die Akkorde fallen. A-Dur, G-Moll … Sie sagte, ich solle nicht denken, sondern spielen.« Nicht die einzige Lektion, die bis heute nachhallt. Ebenso sang man regelmäßig Bhajans, vedische Verse in Gesangsform. Na klar, man war halt in einem Ashram.

Der Kontakt mit diesen meist einfachen, spirituellen und transzendenten Liedern hört man bisweilen jetzt noch. »Everyone’s Children« ist dieser Tage bei Spiritmuse erschienen: Auf der Doppel-LP finden sich acht Stücke. Die kürzesten dauern etwas mehr als vier Minuten, der längste Track »Surya Meditation« währt fast 30 Minuten und reizt die technischen Möglichkeiten der Vinyl-Produktion aus.

So zart wie möglich

Die Musik hingegen ist zurückhaltender. Statt Bombast warten meditative Reisen zum Mittelpunkt der Erde und zum eigenen Ich: Botofasina spielt meist naive, spontane Melodien, intuitive Tonfolgen und Arpeggios. Darunter liegt ein Teppich an organischen Orgelsounds – schwerelos zwischen Vangelis und Laraaji segelnd. Als Co-Produzent und steter Begleiter tritt hier Carlos Niño auf. Der Kalifornier mit hispanischen Wurzeln hat sich in den 1990ern einen Namen als Radio-DJ gemacht, begann später dann ein Studium der Percussion-Instrumente. Niño gilt derzeit als einer der gefragtesten Percussionisten der amerikanischen und internationalen Jazz-Szene und ist ein gern gesehener Gast auf europäischen (Festival-)Bühnen, wo er in letzten Jahren vollkommen zurecht omnipräsent war. Seine Kunst besteht darin so wenig Percussion zu spielen, wie es eben möglich ist. Zart gestreichelte, vorsichtige Glockenspiele treffen dann auf langsam fließende Rainmaker; verhallte Schellen auf Shaker – gerade auf »Everyone’s Children« geht es eigentlich nie um einen Beat, sondern um klangliche Untermalung der glockengleichen Pianoläufe.

Bereichernde Klänge

Klassischere Jazz-Klänge findet man indes auch: Vor allen Dingen im Stück »Beloved California Temple«, das zwar sehr modern mit seinem starken Einsatz des Reverbs wirkt, aber dennoch an alte Ideen eines Pharoah Sanders anschließt. Neben Pablo Calogero am Saxofon glänzt hier dann auch Nate Mercereau – der Dritte im Bunde beim Konzert im King Georg am 17. November 2022.
Mercereau ist ein wirklich begnadeter Gitarrist und Songwriter, der neben seinen eigenen Projekten vor allen Dingen als Sideman auftritt: Seine Credits reichen mittlerweile von den amerikanischen Pop-Superstars Lizzo und The Weeknd bis zum Jazz-Sternchen John Baptiste.
Mit ihnen, aber eben auch mit Surya Botofasina, tritt er regelmäßig auf. Für »Everyone’s Children« verschrieb er sich der spirituellen Reise und spielt nur ein paar nötige, bereichernde Klänge, Geräusche. Auf diesem Album haben sich eben alle der Balance verschrieben und ihre Egos beiseite gepackt. So wie es der Bandleader vorlebt.

Text: Lars Fleischmann

Die Saxofonistin Muriel Grossmann legt spät los – aber dafür richtig! Wir rekapitulieren ihren musikalischen Werdegang – und was ihre Musik mit der von John Coltrane gemein hat.

Muriel Grossmann

Dass die 1971 in Paris geborene Muriel Grossmann (die am 11. November 2022 zwei Sets im King Georg spielt) heute eine der bedeutendsten Jazzsaxofonistin ist, hätte vor 25 Jahren keiner gedacht. Grossmanns Karriere hätte eigentlich anders ausgesehen, wenn es noch heute nach der jungen Muriel gehen würde. Diese wollte nämlich, nachdem sie 1976 mit ihrer Familie nach Wien zog, dort diverse Schulen durchlief und die Matura ablegte, ursprünglich Veterinärmedizinerin werden. 

Studium über Bord

Zwar hatte sie zu dem Zeitpunkt schon etliche Jahre mit der Flöte verbracht, aber so richtig funkte es nicht. Erst als sie mit 21 aufs Saxofon switchte, änderte sich die Planung: Sie schmiss das bürgerliche Studium über Bord und verschrieb sich der Musik. Es folgten Jahre der Pendelei: Zwischen Rhythm’n’Blues-, Funk- und Jazz-Bands. Nicht eher als 2002, als sie in Barcelona ansässig wurde, kristallisierte sich eine ernsthafte Jazz-Karriere heraus. Auf Anraten des Pianisten und Komponisten Joachim Kühn, mit dem sie zu dem Zeitpunkt schon häufiger zusammengespielt hatte, zog es sie 2004 auf die Baleareninsel Ibiza. Dort lernte sie Niko Weaver kennen, jahrelang Gitarrist bei Prince, stieg bei ihm in der Band ein, spielte zugleich noch in Hotelbars. Daneben baute sie eine eigene Gruppe auf. Es gab mehr als bloß ein Jahr, in dem Grossmann 180 Konzerte spielte. Trotzdem fand sie die Zeit ab 2007 sogar ein eigenes Label (»Dreamlandrecords«) aufzubauen, eigene LPs aufzunehmen und zu produzieren. Schließlich, mit bereits 36 Jahren, folgte der Durchbruch.

Vergleichsweise spät loszulegen wie Muriel Grossmann, bedeutet gerade im Jazz keinen Nachteil; auch ein John Coltrane entwickelte sich gemächlich zum As und konnte erst als Teil des Miles Davis Quintetts größere Wellen schlagen. Da war er schon 30. Das ist aber nicht die einzige Parallele zwischen dem Methodisten-Sohn aus North Carolina und der österreichischen Lehrerstochter. Wer Grossmanns Kompositionen hört, merkt sogleich, dass sie sich deutlich an der »Impulse!«-Phase Coltranes orientiert. Es ist der Zeitraum ab 1961, als der afroamerikanische Tenorsaxofonist bereits Weltruhm erlangt hatte, sich aber vor allen Dingen künstlerisch und stilistisch weiterentwickelte, in Folge dessen zu freieren Formen fand. Gerade seine Untersuchungen zu den afrikanischen Ursprünge des Jazz und den spirituellen Qualitäten der heiß und innig, erschöpfend geliebten Musik, finden 60 Jahre später ein zartes Echo in der Musik Grossmanns.

Dann entdeckt man Coltranes Leichtigkeit – eine häufig unterschätzte Klasse – wieder in den schwülen Kompositionen und dem kräftigen Spiel der Österreicherin. Gleichzeitig zeigt sie sich inspiriert von Werken der Komponistin Alice Coltrane, Johns zweiter Frau, und dem Pianisten McCoy Tyner. Diesen Einflüssen kann man zum Beispiel auf ihrer Jazzman-Compilation »Elevation« nachforschen.  Gerade bei »Peace For All«, »Rising« oder »Chant« hört man begeisternde Klänge, die sich im Übrigen nicht im Epigonentum erschöpfen, sondern aktuelle Bezüge einweben.

Immer wieder dringt satter Soul, warme Jazz-Virtuosität und der gediegenen Blick in die Vergangenheit an die Oberfläche, bekommt dort Platz zum Atmen. Ein Sound, der zu einem Traum schmilzt und die Übergänge sanft und fruchtbar zugleich gestaltet. Wer da Beliebigkeit befürchtet, muss beruhigt werden: sehr charmant, mit feiner Feder geführt, lässt Grossmann immer da Platz, wo eine Verdichtung übertrieben wäre. Die Phrasierungen klingen locker und konzentriert zugleich. 

Die volle Bandbreite zeigt sich dann wiederum in einem Stück wie »Quiet Earth« von der gleichnamigen LP, die mit ihrem Öl-Gemälde und dem pastosen Farbauftrag fast wie eine Bauanleitung für das Titelstück wirkt.

Da ist das satte Rot und das warme Orange, die sich dann ausbreiten, wenn Grossmann und ihre Mitstreiter (unter anderem die Langzeit-Kollaborateure Gina Schwarz am Bass und Radomir Milojkovic an der Gitarre) durchaus mit »Olé« und »Africa/Brass« in den Clinch gehen; das trockene Blau, das sich hier als Fusion-Einfluss darbietet oder auch der weiße Grund der sich im Spiel Uros Stamenkovics zelebriert.

Text: Lars Fleischmann

Allzu viel über Django Reinhardt an dieser Stelle zu schreiben, hieße Eulen nach Athen tragen…. Oder müsste zwanzig Seiten füllen. Der französische Gitarrist, Komponist und Bandleader war Begründer des europäischen Jazz und schuf durch die Verbindung von New-Orleans-Jazz der 1920er Jahre, den französischen valses musettes und der traditionellen Spielweise der Sinti den Gipsy Swing. Sein Gitarrenspiel ist bis heute Vorbild und Ansporn.

Ausgesucht habe ich einen wunderbaren Blues, der belegt, wie Blues und Swing verbunden werden kann, eine besondere Gabe von Django Reinhardt. Und ergänze das Original mit einer neueren Vokalaufnahme der »Girls From Mars« und deren Text.

I said, blue drag,
 It sure is draggin‘ me down: 
I’m almost scraping the ground 
When I hear that blue drag. 
Slow drag, 
It’s got that new lazy swing; 
I crave that new crazy swing; 
I must have my blue drag! 
Oh that rhythm, blue rhythm, 
has brought me A peculiar phase; 
Oh that rhythm, blue rhythm, 
has brought me Peculiar days. 
I can’t get enough of blue drag; 
You’ve got my soul on fire; 
I never tire of that low down blue drag. 
Now I said „blue drag“, 
It sure is draggin‘ me down: 
I’m almost scraping the ground 
When I hear that blue drag. 
Slow drag, It’s got that new lazy swing; 
I crave that new crazy swing; 
I must have my blue drag! 
Oh that rhythm, blue rhythm, 
has brought me A peculiar phase; 
Oh that rhythm, blue rhythm, 
has brought me Peculiar days. 
Blue drag, You’ve got my soul on fire;
Oh, I never tire of that low down blue drag. 
I said that low down, 
I said that low down, 
I said that low down blue drag.


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Im zweiten Teil unserer Artikel-Serie zu Leben und Wirken des legendären Jazzgitarristen Django Reinhardt geht es um seinen allmählichen Aufstieg zu einem der Größten des europäischen Jazz.

Django Reinhardt. New York, 1946


Nachdem wir beim letzten Mal mit einem Ausblick auf die Weltkarriere des Manouché Django Reinhardt endeten, kommen wir an dieser Stelle wieder zurück zum Jahr 1928.
Am 23. Januar des Jahres wurde Reinhardt also 18 Jahre alt – also volljährig – und unterschrieb sechs Monate später wohl seinen ersten Studiovertrag. Er wurde erst für vier Aufnahmen, im Anschluss nochmal für sechs weitere engagiert. Zwischen dem 20. und dem 24. Juni spielte er also bei zehn Stücken mit so illustren Namen wie »La Caravane« und »Amour De Gitane« mit. Dafür wurden
ihm das erste Mal offiziell eine Gage ausgezahlt: 500 Francs. Da der Französische Franken damals auf Grund politischer Krisen mehrfach entwertet wurde, war es leider nicht ein kleines Vermögen, sondern heute vergleichbar mit 350 Euro. Immerhin.
Für Reinhardt, der im Wohnwagen lebte und nichts weiter als seine Gitarre, etwas Nahrung und ein paar Getränke brauchte, deutete sich ein Leben abseits von Sorgen ab. Doch bekanntermaßen sollte diese Sorglosigkeit nicht lange anhalten: Das folgenreiche Feuer im Wohnwagen kostete ihn Finger an seiner Griffhand. Während Frankreich von der einen zur nächsten Kalamität schlingert, kämpft
Reinhardt mit der Gesundheit – zugleich kommt der Jazz in Frankreich (und Deutschland) an. Jetzt entwickelt er ein Eigenleben, das nicht nur auf der Interpretation US-amerikanischer Hits basiert, sondern immer häufiger von illustren Orchestern eingespielt wird.

Durch die Melodien hindurch

Reinhardt selbst braucht beinahe drei Jahre, bis zum Frühling 1931, um auf die Beine zu kommen. Er landet im südfranzösischen Toulon und taucht im »Café de Lion« auf. Dort kommt er erstmalig in Kontakt mit einem selbstbewussten Jazz; also einer Musik, die nicht nur als Salon- und Volksmusik funktioniert, sondern wagt und einen eigenen Wert entwickelt. Dort sieht ihn nicht nur der namhafte Filmemacher Jean Cocteau – der sehr begeistert ist von dem Manouche -, sondern auch Louis Vola,
ein bekannter Bassist und Bandleader. Vola nimmt im kommenden Sommer mehrere Stücke mit Reinhardt auf und tourt an der Südküste entlang – inklusive Nizza und Cannes.

Es sollte dennoch bis zum Januar 1934 dauern, bis die Karriere richtig losgeht. Der mittlerweile zur echten Größe im Pariser Nachtleben gewachsene Hot Club (de Paris) lädt ihn ein. Django Reinhardt wird für sein delikates, feines Spiel gefeiert, für seine Improvisationskunst und dafür, dass er Melodien »hoch- und runterspielt, manchmal sogar durch sie hindurch«. Das größte Magazin für Jazz in Frankreich (»Jazz-Tango-Dancing«) schwelgt in Begeisterung. Schon zwei Tage später folgt der nächste Auftritt – er und der Pianist Stephané Grappelli werden Freunde. Fortan wächst Reinhardt zum Star der Szene.

Wer ist Jungo Reinart?

Hatte er, auch auf Grund seiner Verletzungen, in den ersten sechs Jahren seiner Karriere knapp 40
bekannte Aufnahmen eingespielt, verdoppelt sich die Zahl inert einem Jahr. Als »Django Reinhardt et la Quintette du Hot Club« nimmt er auch Klassiker wie den »Tiger Rag« auf. (Man achte daraur: im Dezember 1934 ist er erstmalig Bandleader.)

Lustigerweise kann in der Jazz-Szene der französischen Hauptstadt erst im Januar 1935 ein Fehler korrigiert werden: Über ein Jahr läuft der Wundergitarrist als Jungo Reinart in den Clubs und Nachberichten. Doch in der Zwischenzeit hat sich das Gerücht vom besonderen und eigenartigen Musiker in der Haute-Volee rumgesprochen; wir erinnern uns: Reinhardt ist noch keine 25
Jahre alt zu dem Zeitpunkt. Der absolute Durchbruch steht aber gerade bevor: Im
März spielt er das erste Mal mit dem Weltstar Coleman Hawkins. Die Aufnahmen von »Blue Moon« und »Avalon« verbreiten sich in Windeseile auf dem ganzen Kontinent.

Obwohl er hier nur die zweite Geige respektive Gitarre spielt, kommt eins zum anderen. Innerhalb von fünf Tagen entstehen 15 Vinylrecordings. Im Juni 1935 wird erstmalig in den USA über Reinhardt geschrieben. In Paris und London spielt er unterdessen fast täglich Konzerte in verschiedenen Konstellationen – als Bandleader, dann wieder als Sideman. Wobei die Sideman-Rolle wird
zumindest vom Publikum nicht mehr angenommen; längst kommen sie für in erster Linie für Reinhardt.
Wie es weitergeht mit dem berüchtigten Gitarristen, wie Reinhardt den Faschismus überlebt und dann doch frühzeitig stirbt, erfahren sie im dritten und abschließenden Teil der Reihe.

Text: Lars Fleischmann/ Foto: William P. Gottlieb Sammlung

1926, ein Jahr nach »Tea for Two«, der zu einem seiner größten Erfolgstitel werden sollte, schrieb Vincent Youmans »I Know That You Know«. Besonders in der Instrumentalversion wurde der Song zu einem beliebten Jazztitel und vielfach gecovert von einer Vielzahl von Musikern, bereits 1926 von Cliff Edwards, später von Benny Goodman, Lionel Hampton, Louis Armstrong, Kansas City Five, Gene Krupa, Coleman Hawkins, Glenn Miller und vielen andere. Doris Day sang »I Know That You Know« in dem Spielfilm »Tea for Two«. Woody Allen verwendete Gene Krupas Version in seinem Film »Verbrechen und andere Kleinigkeiten« (1989).

Ausgesucht habe ich die rasante Version des begnadeten Pianisten Art Tatum aus den Jahr 1949. Tatum, der von Jugend an fast blind war, hatte das absolute Gehör hatte und neben seiner angeborenen Musikalität eine überragende Technik. Charlie Parker soll sich als Jugendlicher in einem New Yorker Restaurant als Tellerwäscher beworben haben, nur um Art Tatum, der dort regelmäßig spielte, hören zu können. Oscar Peterson soll, als er Tatum zum ersten Mal spielen hörte, geglaubt haben, dass zwei Pianisten gleichzeitig spielten; so dicht und komplex war der Sound, den Tatum in der Lage war auf dem Klavier zu spielen. Peterson bezeichnete Art Tatum als den größten Jazz-Instrumentalisten aller Zeiten. Kolportiert wird, Peterson »cried himself to sleep for months, when he heard Art Tatum’s Tiger Rag for the first time«. Und der weltberühmte klassische Pianist Wladimir Horowitz soll zu Tränen gerührt gewesen sei. Von ihm ist überliefert der Satz: »If Art Tatum ever took up classical music seriously, I’d quit tomorrow«. 

Auch Fats Waller, der Tatum vielleicht am meisten geprägt und inspiriert hat, war zutiefst beeindruckt; zitiert wird er: »Wenn dieser Mann loslegt, kann ihm niemand das Wasser reichen. Er klingt wie eine ganze Blaskapelle.« Der große Leonard Feather nannte ihn den größten Solisten der Jazzgeschichte, egal auf welchem Instrument.

Deshalb hier seine bekanntesten Aufnahmen aus den 30er Jahren  (Tiger Rag ab 6:53; Song oft he Vagabonds 10:42; und nochmals 27 Sekunden »I Know that you know« (14:40)

Oder aus den 50er Jahren vier Versionen von »Over the rainbow« !!

Und der Vollständigkeit halber Doris Day mit der Textversion:

I know that you know
That I’ll go where you go
I choose you, won’t lose you
I wish you knew how much I long to hold you in my arms

This time is my time
T’will soon be goodbye time
Then in the star light, hold me tight
With one more little kiss say nighty night

I know that you know
That I’ll go where you go
I choose you, won’t lose you
I wish you knew how much I long to hold you in my arms
This time is my time
T’will soon be goodbye time
Then in the star light, hold me tight
With one more little kiss say nighty night

I know that you know
That I’ll go where you go
I choose you, won’t lose you
I wish you knew how much I long to hold you in my arms
This time is my time
T’will soon be goodbye time
Then in the star light, hold me tight
With one more little kiss say nighty night

I know that you know
That I’ll go where you go
I choose you, don’t plan to lose you
I wish you knew how much I long to hold you in my arms
This time is my time
T’will soon be goodbye time
Then in the star light, hold me tight
With one more little kiss say nighty night

Und zum Abschluss die Bigband-Version von Gene Krupa


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Aus Anlass des Konzerts der Tribute to Cole Porter Band mit Klara Schwabe, Till Marschewski, Marcus Demel, Dominik Meyer und Sarah Mysegaes: Die Geschichte eines nicht immer glücklich verlaufenen Lebens voller unsterblicher Songs.

Cole Porter

Wenn am Mittwoch, 28. September Klara Schwabe, Till Marschewski, Marcus Demel, Dominik Meyer und Sarah Mysegaes den amerikanischen Songwriter Cole Porter würdigen, dann darf man sich über wunderbare, beschwingte Stücke des klassischen American Songbooks freuen. Porter nimmt aus deswegen eine herausragende Rolle ein, weil sein persönlicher Lebenslauf und die berufliche Karriere weit auseinandergehen.

Porter wurde 1891 im US-amerikanischen Peru, Indiana, in wohlhabende Verhältnisse geboren. Dort lernte er bereits mit sechs Jahren Geige, dazu kommt ab dem achten Lebensjahr noch das Klavier. Schon im Jahr 1900, pünktlich zur Jahrhundertwende und seinem neunten Geburtstag arbeitet er an den ersten eigenen Stücken.

Europa als neues Zuhause

Mit 14 geht es an eine Akademie in Massachusetts, mit 18 an die Yale University in New Haven, Connecticut, wieder vier Jahre später geht es nach Harvard. Dem Willen seiner Familie nach sollte aus ihm ein Anwalt werden, er selbst zog die Musik vor, brach das Jura-Studium ab und studierte bald Komposition. Jäh unterbrochen wird das Studium dann jedoch vom Ersten Weltkrieg: Eine folgenschwere Entscheidung bringt ihn an die französische Front. Doch anders als Gleichaltrige, auf die Verwundung oder gar Tod warteten, war für ihn Paris und sein Kulturleben, was ihn nachhaltig veränderte. Er blieb auch nach dem Kriegsende in Europa, schlug sich die Abende und Nächte um die Ohren und lernte seine spätere Frau Linda Thomas kennen.

Krücken als ständige Begleiter

Ausgesorgt hatte er nach einem ordentlichen Erbe sowieso. So blieb ihm genug Zeit, um erst in Europa und dann wiederum in den USA einen, zwei, drei, vier Füße in die Tür zu bekommen. Er schrieb fortan für Gruppen, Big Bands, Theater, Musicals. Die Freundschaft mit Irving Berlin war der Türöffner, falls es mal länger dauerte. Doch der Name Porter hatte längst selbst Glanz. Glorie sollte nicht nur bei den Performance Arts warten; der Film, der sich gerade Tonspuren erarbeitet hatte, wurde ein weiteres Spielfeld. 

Für Hollywood komponiert Porter unter anderem den unsterblichen Klassiker »Anything Goes«.

Ein Jahr nach dem Erfolg von »Anything Goes« sollte sich das Leben Porters für immer ändern – nicht zum Besseren. Nach einem fulminanten Reitunfall sind seine Beine schwer verletzt; die Ärzte wollen amputieren, Porter verweigert die Maßnahme: Er wollte das Klavierspielen nicht aufgeben. Die konservative Behandlungsmethode kostet ihn zwar nicht das Leben, doch die Kraft sollte – trotz etlicher Operationen – nie wiederkehren. Krücken und ein Rollstuhl wurden ständige Begleiter.

Ein Musical als Riesenerfolg

Noch hatte er einiges im Köcher: Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs ist die amerikanische Gesellschaft auf Hedonismus und Verwehung bedacht. Das Broadway-Musical „Kiss Me, Kate“ erobert das Land im Sturm. Musik und Text natürlich von Cole Porter.

Fünf Jahre später der nächste Schicksalsschlag: Seine Mutter stirbt 1952; keine 20 Monate später auch seine Frau Linda. Die beiden Frauen waren die großen Vertrauensfiguren seines Lebens gewesen, obwohl er gleichzeitig vergleichbar wenig Hehl aus seiner Homosexualität machte. Danach war Porter ein gebrochener Mann.

Künstlerische Fußspuren wie Krater

Die Situation um seine Beine änderte sich schlagartig, die Amputation konnte nicht mehr verhindert werden. Nach Jahren der Agonie stirbt er 1964 in Santa Monica. Sein Erbe, sein musikalisches, ist dennoch nicht mehr aus der Geschichte Amerikas zu tilgen. Seine Fußspuren tiefe Krater voller Songs, Hits, Gassenhauer. »Night and Day« und »Cheek to Cheek« sind zwei der bekanntesten Lieder des 20. Jahrhunderts. Standard-Repertoire für alle Crooner und Entertainer; für Anwärter der Juilliard School genauso wie für Frank Sinatra und Dean Martin.

Text: Lars Fleischmann