Switch to english version here
ausblenden
Nächster livestream: Ralph Moore Quartett
ausblenden

Der Mann für die richtigen Vibes: Vibraphonist Gary Burton wurde am 23. Januar 1943 geboren.

Am 23. Januar 1943 wurde Gary Burton in Indiana geboren; schon mit 17 Jahren veröffentlichte er seine erste Schallplatte unter eigenem Namen »New Vibe Man In Town«  – sehr bezeichnend (mit Gene Cherico und Joe Morello) – und setzte sich fortan als »neuer«,  superjunger und  überragender Vibraphonist durch… mit seiner autodidaktisch erlernten Technik mit vier Schlägeln.

Burton spielte in sehr unterschiedlichen Stilen und mit einer Vielzahl von stilprägenden Künstlern – sein Einfluss auf die Jazzentwicklung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Ein großes Stück seines Weges ging er mit Stan Getz, hier eine Aufnahme aus einem Konzert 1966 in Berlin mit Getz und Astrud Gilberto. 

Intensiv arbeitete er mit Keith Jarrett, hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1971

Für den Titel Alone At Last erhielt Burton 1973 einen Grammy für die Beste Jazz-Darbietung eines Solisten. 

Ihm ging es immer darum, auch das junge Publikum zu erreichn und zu begeistern – das war der Hintergrund für sein Quartett in Rockformation mit Steve Swallow (b), Larry Coryell (git) und Roy Haynes oder Bob Moses (dr) Hier eine Aufnahme mit Pat Metheny

Mehrere Auszeichnungen erhielt er für sein Zusammenspiel mit Chick Corea (hier Chrystal Silence)

Und mit Chick Corea  auch eine wunderbare intime Aufnahme aus dem Jahr 2016 

Seinen Abschied erklärte er vor jetzt sieben Jahren im Jahr 2017. Souverän und bescheiden mit der Haltung eines Mannes, der nie ganz im Vordergrund stehen musste und mit dem, was er getan und geleistet hatte, im Reinen ist. Chapeau, Gary Burton!

Text: Jochen Axer

Am 10. Januar 1924 wurde einer der größten Schlagzeuger des 20. Jahrhunderts geboren. Der 2007 verstorbene Max Roach beeinflusste die Jazzgeschichte in vielfacher Weise.

Maxwell Lemuel »Max“ Roach« (geboren am 10. Januar 1924, gestorben am 16. August 2007) ist für mich einer der Schlagzeuger des 20. Jahrhunderts. Er spielte unter anderem mit Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Duke Ellington, Charles Mingus, Miles Davis und Sonny Rollins. Er schuf mit den Genannten den Hardbop-Stil und beeinflusste musikalisch durch seine Kompositionen und seine Haltung die Geschichte des Jazz in vielfältiger Weise. 

Ich beginne mit meinem Highlight, vielleicht nicht so bekannt, nämlich dem Drum Battle mit Buddy Rich aus dem Jahr 1954. Auf dieser Aufnahme ist neben der Virtuosität beider Schlagzeuger deren Unterschiedlichkeit deutlich zu hören – Buddy als der überragende Techniker, Max Roach als der differenziertere Musiker.

B̲u̲d̲d̲y̲ ̲R̲i̲c̲h̲ ̲&̲ ̲M̲a̲x̲ ̲R̲o̲a̲c̲h̲ ̲‎̲–̲ ̲R̲i̲c̲h̲ ̲V̲e̲r̲s̲u̲s̲ ̲R̲o̲a̲c̲h̲ ̲(̲1̲9̲5̲9̲)̲ 

Tracklist:
Sing, Sing, Sing
0:00:00
Sing, Sing, Sing 
0:04:26
The Casbah 
0:08:40 
The Casbah 
0:13:12
 Sleep 
0:18:15
Figure Eights 
0:21:38
Yesterdays 
0:26:13
Big Foot 
0:31:59
Big Foot 
0:37:04
Limehouse Blues 
0:42:23
Limehouse Blues
0:46:22
Toot, Toot, Tootsie Goodbye 
0:50:10

Besetzung.
Alto Saxophone [Left Channel] – Phil Woods 
Bass [Left Channel] – Phil Leshin 
Bass [Right Channel] – Bobby Boswell 
Drums [Left Channel] – B̲u̲d̲d̲y̲ ̲R̲i̲c̲h̲ 
Drums [Right Channel] – M̲a̲x̲ ̲R̲o̲a̲c̲h̲ 
Ensemble [Left Channel] – B̲u̲d̲d̲y̲ ̲R̲i̲c̲h̲ Quintet 
Ensemble [Right Channel] – M̲a̲x̲ ̲R̲o̲a̲c̲h̲ Quintet 
Piano [Left Channel] – John Bunch 
Tenor Saxophone [Right Channel] – Stanley Turrentine 
Trombone [Left Channel] – Willie Dennis 
Trombone [Right Channel] – Julian Priester 
Trumpet [Right Channel] – Tommy Turrentine 

Recorded in New York, Early Spring, 1959.

Im Jahr 1952 gründete Max Roach zusammen mit Charles Mingus das erste Independent-Label (Debut Records) in Musikerbesitz und spielte 1953 auch sein eigenes Debüt als Bandleader mit dem Saxophonisten Hank Mobley ein.(The Max Roach Quartet featuring Hank Mobley) 

T̲h̲e̲ ̲M̲a̲x̲ ̲R̲o̲a̲c̲h̲ ̲Q̲u̲a̲r̲t̲e̲t̲ ̲F̲e̲a̲t̲u̲r̲i̲n̲g̲ ̲H̲a̲n̲k̲ ̲M̲o̲b̲l̲e̲y̲ ̲‎̲(̲1̲9̲5̲3̲)̲ 

Tracklist:
Cou-Manchi-Cou 
0:00:00
Just One Of Those Things 
0:03:03
Glow Worm 
0:06:13
Mobleyzation 
0:08:42
Chi-Chi 
0:11:26
Kismet 
0:14:26
I’m A Fool To Want You 
0:17:07
Sfax 
0:20:22
Orientation 
0:22:41
Drum Conversation 
0:25:33
Drum Conversation (Part 2) 
0:28:17

(Besetzung:  
Alto Saxophone – Gigi Gryce (tracks: 3, 4, 8, 9) 
Bass – Franklin Skeete 
Drums –M̲a̲x̲ ̲R̲o̲a̲c̲h̲ 
Piano – Walter Davis II 
Tenor Saxophone – Hank Mobley 
Trombone – Leon Comegys (tracks: 3, 4, 8, 9) 
Trumpet – Idrees Sulieman (tracks: 3, 4, 8, 9) 
(Recorded in New York on April 10, 1953)

Mit Mingus nahm er auch das denkwürdige Jazz at Massey Hall-Konzert 1953 mit Parker, Gillespie und Bud Powell auf, das für viele als das »Greatest Jazz Concert Ever« gilt.

P̲e̲r̲d̲i̲d̲o̲ ̲ 0:00:02 
S̲a̲l̲t̲ ̲P̲e̲a̲n̲u̲t̲s̲ ̲ 0:07:48
A̲l̲l̲ ̲T̲h̲e̲ ̲T̲h̲i̲n̲g̲s̲ ̲Y̲o̲u̲ ̲A̲r̲e̲/̲5̲2̲n̲d̲ ̲S̲t̲r̲e̲e̲t̲ ̲T̲h̲e̲m̲e̲ ̲ 0:15:32
W̲e̲e̲ ̲(̲A̲l̲l̲e̲n̲’̲s̲ ̲A̲l̲l̲e̲y̲)̲ ̲ 0:23:27
H̲o̲t̲ ̲H̲o̲u̲s̲e̲ ̲ 0:30:13
A̲ ̲N̲i̲g̲h̲t̲ ̲I̲n̲ ̲T̲u̲n̲i̲s̲i̲a̲ 0:39:30


Besetzung (Alto Saxophone – Charlie Parker; Bass – Charlie Mingus; Drums – Max Roach; Piano – Bud Powell; Trumpet – Dizzy Gillespie) 

Und schon bald entwickelte er mit Clifford Brown, Sonny Rollin und Richie Powell den Hard Bop Stil.

(Besetzung: #1-5: Clifford Brown (tp), Teddy Edwards (ts), Carl Perkins (p), George Bledsoe (b), and Max Roach (d);  #6-9: Clifford Brown (tp), Harold Land (ts), Richie Powell (p), George Morrow (b), and Max Roach (d)

Intro by Gene Norman & Max Roach 1:01 
All God’s Chillun Got Rhythm 
6:18 
Tenderly 
5:25
Sunset Eyes 
6:40
Clifford’s Axe 
7:15
Jordu 
10:09
I Can’t Get Started With You 
4:04
I Get A Kick Out Of You 
8:37
Parisian Thoroughfare 
7:45 
(Recorded at the Pasadena Civic Auditorium, Los Angeles, April 1954, and at the Shrine Auditorium, Hollywood, on August 30, 1954)

1960 nahm er das Konzeptalbum We Insist! Freedom Now Suite auf, in dem er mit Coleman Hawkins, Babatunde Olatunji und der Sängerin Abbey Lincoln  die politische Botschaft der Bürgerrechtsbewegung umsetzte Wegen dieser Aufnahme wurde Roach in den 1960er Jahren von den Plattenfirmen boykottiert.

Max Roach – We Insist! Freedom Now Suite (1960)

Bass – James Schenck (tracks: A1, A2, B1, B2) 
Congas (Conga Drums) – Michael Olatunji (tracks: B1, B2) 
Drums – Max Roach 
Percussion – Raymond Mantillo (tracks: B1, B2), Tomas du Vall (tracks: B1, B2) Tenor Saxophone – Coleman Hawkins (tracks: A1), 
Walter Benton (tracks: A1, A2, B1, B2) 
Trombone – Julian Priester (tracks: A1, A2, B1, B2) 
Trumpet – Booker Little (tracks: A1, A2, B1, B2) 
Vocals – Abbey Lincoln 

Driva’ Man 0:00
Freedom Day 
5:19
Triptych: Prayer, Protest, Peace 
11:30
All Africa 
19:40
Tears For Johannesburg 
27:43

Hier auch in einer (verkürzten) Aufnahme des belgischen Fernsehens aus 1964:

Max Roach ist mit Recht: hochdekoriert: Er erhielt die Jazz Masters Fellowship  1984 als höchste Auszeichnung für Jazzmusiker in den USA., 1988  MacArthur Fellow, 1991 Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters gewählt, die University of Pennsylvania verlieh ihm 2004 die Ehrendoktorwürde. 

Ich verehre Ihn, Max Roach – RIP

Text: Jochen Axer

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist hendrik-merukens-681x1024.jpg



Sehr gerne hören wir immer wieder den wunderbaren Interviews zu, die Judy Carmichael unter dem Titel »Jazz Inspired« mit Musiker*innen und Künstler*innen aus aller Welt führt. Jeder kann diese Interviews auf Judys Seite anhören. Toll wäre es, wenn ihr mit einer Spende die ausschließlich privat getragene Aktivität von ihr unterstützt – genauso wie unsere Arbeit für den Jazz.

Heute möchten wir euch auf die Folge aus dem Jahr 2020 mit Hendrik Meurkens hinweisen, die kurz
nach den Aufnahmen für das Album »Cobb´s Pocket« mit Peter Bernstein, Mike LeDonne und Jimmy Cobb stattfand. Hendrik Meurkens war schon mehrfach bei uns im King Georg –und hoffentlich bald wieder – in unserem Archiv findet ihr seine Live-Auftritte. Er ist der herausragende Mundharmonika-Spieler des Jazz in Nachfolge von Toots Thielemans.



Er brachte den Jazz nach Europa. Am 1. Januar 2024 wäre der 2021 verstorbene Ack van Rooyen 94 Jahre alt geworden.

2020 im King Georg

Der Niederländer hat gemeinsam mit seinem Bruder Jerry großen Anteil daran, den Jazz nach Europa gebracht zu haben. Nach Stationen in NY als Student und dem ersten kontakt mit dem Bebop, seinem Studium in  Den Haag und seinem Karrierebeginn in Paris war er 1960 Mitbegründer der Bigband des Senders Freies Berlin, wechselte 1966 nach Stuttgart zur SWR Bigband, der Bert Kaempfert Big Band, den Skymasters – bereits 1975 war er Gründungsmitglied des United Jazz and Rock Ensembles und Peter Herbolzheimers Rhythm Combination and Brass.

Sein Spiel auf Trompete und Flügelhorn war – und ist – legendär. Häufig hat er auch in Köln gespielt. Im King Georg hatten wir das Glück, ihn am 08. Januar 2020 hören zu dürfen, kurz nach dem Start unseres Konzertprogramms – und ebenso kurz vor der pandemiebedingten Schließung! Leider hatten wir damals noch keine Idee zu streamen…… Ich werde diesen Abend nicht vergessen, nicht zuletzt wegen der Stunde mit ihm an der Bar nach dem Konzert – zugewandt, überaus freundlich, entspannt, gleichzeitig ernsthaft und klug, selbst beim Bier…

Also deshalb ein anderes Konzert aus dem Bimhuis anlässlich seines 90. Geburtstages, das aber seine Intensität, seine Lyrik, seine Energie auch im hohen Alter deutlich werden lässt (mit Fay Claassen (voc), Paul Heller (sax), Bart van Lier (trb), Peter Tiehuis (g), Juraj Stanik (p), Ruud Ouwehand (b) und Hans Dekker (dr))

Und hier noch ein Interview:

Ein großartiger Künstler und beeindruckender Mensch, der am 18. November 2021 verstarb.

Text: Jochen Axer

Der großartige Altsaxofonist, der 2009 in Köln verstorben ist, wurde am 12. November 1923 in Boston geboren.

Sein italienisches Elternhaus bevorzugte eher die Klassik und Oper, ehe Charles Mariano mit 17 Jahren zum Saxofon griff. Sein großes Vorbild war Lester Young, später Johnny Hodges ( „mein erstes wichtiges Vorbild“). Mariano spielte später unter dem Einfluss von John Coltrane auch das Sopransaxophon und brillierte auch hier mit seiner eigenständigen und wiedererkennbaren Spielcharakteristik. 

1950 erschien seine erste Aufnahme unter eigenem Namen (Charlie Mariano and his Jazz group, mit Herb Pomeroy, Jaki Byard). Von 1953 bis 1955 spielte er bei Stan Kenton. Mariano trat mit vielen weiteren Jazzgrößen wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie und McCoy Tyner auf. Berühmt wurde seine Solos auf in The Black Saint and the Sinner Lady (1963) von Charles Mingus. 

Musikalisch startete er Mitte der 60iger Jahre eine zweite Karriere mit der Band Osmosis und öffnete sich dem Fusion Jazz, baute Folk, Pop und Rockelemente in seine Musik ein. Seit 1971 arbeitete Mariano vornehmlich in Europa, wo er sich zunächst in den Niederlanden und Belgien niederließ. Neben vielen anderen internationalen Projekten nahm er mit dem belgischen Gitarristen Philip Catherine und Jasper van’t Hof 1979 Sleep My Love auf. Mariano gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern des United Jazz and Rock Ensemble, der „Band der Bandleader“. Mit dem Freiburger Jazzbassisten Dieter Ilg unterhielt er ein kammermusikalisches Jazz-Duo.

In der deutschen Pop-Musik (Herbert Grönemeyer (Bochum 1984), Konstantin Wecker) hinterließ Mariano ebenso Spuren wie in der sog. Weltmusik bei Rabih Abou-Khalil, mit Dino Saluzzi und den Dissidenten. 

Mariano hat insgesamt an mehr als 300 Schallplatten und CDs mitgewirkt.

Seit 1986 lebte er in Köln und war sehr wichtiger Teil der herausragenden Szene. Hier starb er 2009 im Alter von 85 Jahren. 

Charlie Mariano hat an so vielen und unterschiedlichen Projekten mitgewirkt, dass jede Auswahl unvollständig ist. Also bleibt nur die Option der eigenen Vorlieben:

Zum Start also der Blick zurück auf die Anfänge:

1953: The New Sounds form Boston

1951-1955 : Boston All Stars

The Toshiko-Mariano Quartett 1961 (mit seiner damaligen Frau Toshiko Akiyoshi)

The Black Saint and the Sinner Lady (Charly Mingus, 1963)

Reflections (1974)

Und dann die Phase seiner prägenden Mitgliedschaft im United Jazz&Rock Ensemble (mit dem ich Mariano zum ersten Mal live erleben durfte)

Plum Island (1991)

Be-Bop-Rock (1987) 

Ein komplettes Konzert: Live im Lessing 1998

Und dann noch der wirklich sehenswerte Film von Axel Engstfeld (2014), der die künstlerische Leistung und die Persönlichkeit von Charlie Mariano ernsthaft und gleichzeitig liebevoll wiedergibt:

R.I.P.

Text: Jochen Axer

Devin Brahja Waldman leitet die Band BRAHJA, die am Freitag, 10.11. im Rahmen unserer Urban Jazz Experience spielt.

Man stelle sich das mal vor: Man hat bereits mit zehn Jahren begonnen zu Touren, damals als Begleitung der eigenen Tante, die eine bekannte Poetin ist (Anna Waldman), und in den Folgejahren mit der Punk-Ikone Patti Smith, dem Künstler und Can-Musiker Malcolm Mooney und Sonic Youths Thurston Moore gespielt; man sei ganz nebenher ein Weltenbürger, der munter zwischen New York und Montreal, zwischen Nordamerika und Europa hin- und herspringen könne; man mache sowohl bei den Postrockern von Godspeed! You Black Emperor, als auch neben dem ägyptischen Fusionmusiker Maurice Louca eine gute Figur – man müsste doch fast unter diesem fast unmenschlichem »Plus an allem« zerbröseln. Doch die Welt von Devin Brahja Waldman, diesem famosen und übertalentiertem (ein Begriff, den man nicht leichtfertig benutzen sollte) Saxofonisten, Schlagzeuger, Synthesizer-/Pianisten und Komponisten, sieht anders aus. Sie bröselt nicht, sie splittert auch nicht, sie wirft nicht einmal Falten. Stattdessen entwirrt sich in den Händen des New Yorkers sogar der Gordische Knoten.

Devin Brahja Waldman leitet die Band BRAHJA. BRAHJA spielt in der einen oder anderen Form seit 2008 und besteht derzeit aus 10 Musikern aus Montreal, New York City, Washington D.C. und Chicago; der Kern besteht aus Waldman, Isis Giraldo (Klavier, Synthesizer, Gesang), Damon Shadrach Hankoff (Orgel, Klavier, Synthesizer), Martin Heslop (akustischer Bass) und Daniel Gélinas (Schlagzeug, Synthesizer).
Die Loipen in die verschiedenen nordamerikanischen Zentren des Jazz, der freien Musik, der Improvisation und des Experiments sind folglich längst gefräst und Waldman könnte sich bereits zurücklehnen. Mal hier connecten, dann wieder woanders andocken – Erfolg wäre ihm garantiert. Wer aber unterdessen in sein 2019er Debütalbum reingehört hat und das Vergnügen hatte, diese innovative, dichte, superelastische Musik zu genießen, der kann bestätigen: Sowas hat man noch nicht gehört. Man wusste sogar bisher gar nicht, dass man nach diesem alchemistischen Mix, nach dieser eigensinnigen, kompakten Musik mit ihren Post-Punk-Ostinati im Bassregister, mit den spirituellen Noten und den frei-schwebenden Saxofon-Licks, gesucht hätte.

Waldman schrieb damals über die Debüt-Veröffentlichung unter dem nom de plume: »Diese Songs handeln meist von der Reinigung von ungebetener Dunkelheit. Eine Art von Heilung für eine Art von Gift. Eine Art von Tod für eine Art von Erneuerung. Ich hoffe, ihr könnt dieser Musik Sinn und Freude abgewinnen. Mit aufrichtiger Dankbarkeit, Devin Brahja Waldman.«

Es ist ein großes Versprechen, eines das etliche Male in der Geschichte der Musik-Menschheit getätigt wurde: Wer hier klickt, einschaltet, dies oder jenes auflegt, runterlädt und/oder langsam reingleiten lässt, wird geheilt. Er knüpft an die Verheißungen des Spirituals an, weiß sie aber sowohl gedanklich als auch inhaltlich in eine neue Zeit, unsere heutige zu übersetzen. Wo Pharoah Sanders oder Coltrane noch Forschungsarbeit betrieben haben und das Art Ensemble sowie seine Chicagoer Freunde über den Globus reisen mussten, steht für Waldman längst die Welt, Dies- und Jenseits, Sinnes- und Bewusstseinserweiterungsstufen offen.

Ohne nach Äthiopien pilgern zu müssen, kann er Anno 2023 amharische Sounds genauso inkorporieren, wie europäische, subversive Klangforschungen zitieren. Manchmal scheint ihm das zuzufliegen, dann wiederum nimmt er Kontakt auf zu den anfangs genannten Musik-Ikonen (genau: Smith, Moore, Mooney, aber auch Mette Rasmussen oder Free-Jazz-Drum-Legende Hamid Drake) und lernt direkt von den besten Lehrmeistern.

Bei so viel Connecterei gerät das Werk auch immer wieder an seine Grenzen. Die insgesamt zehn Musiker*innen seiner Combo wollen spielen; doch Waldman weiß sie zu bändigen, lässt ihnen zugleich Platz. Immer wieder klingt die Musik, als würden gleich mehrere Stücke parallel laufen und doch funktioniert das alles wie er selbst: Wo andere porös oder mürbe werden, wird das Projekt BRAHJA produktiv. Dann verliert man sich in den verschiedenen Spuren – und wird womöglich nebenbei geheilt. Wir werden es beim Abschluss des ersten King Georg Festivals, der Urban Jazz Experience, hören.

Text: Lars Fleischmann

Am 3. November 2022 ist der Saxofonist und Flötist Gerd Dudek im Alter von 84 Jahren verstorben. Auch in Köln hat er deutliche Spuren hinterlassen. Ein Verbeugung.

Es ist schon ein Jahr her …unglaublich!

Vielleicht hat das großartige Stadtgarten-Konzert in memoriam Anfang diesen Jahres die empfundene Zeit verkürzt. Wer nochmals hineinhören will, kann dieses Konzert über die Mediathek von WDR3 weiterhin hören.

Da es immer um Schubladen geht, wird Gerd Dudek zu den Modern Creatives gezählt. Und ja, er spielte im Manfred Schoof Quartett mit Alexander von Schlippenbach, Busch Niebergall und Jaki Liebezeit (hier ein Video mit der WDR-Bigband und Manfred Schoof aus dem Jahr 2003):

später im Albert Mangelsdorff Quintett, spielte mit Peter Brötzmann ebenso wie mit Hans Koller und vielen anderen. Tatsächlich konnte er alles spielen, so einfach. Zwei seiner letzten Aufnahmen (2016 und noch 2022) machte er mit dem künstlerischen Leiter des King Georg Martin Sasse und Martin Gjakonovski (mit Hendrik Smock bzw. Joost van Schaik)

Aus den letztgenannten Veröffentlichungen möchten wir drei Stücke (»Afro Blue«, »With you« und »de Vita)« anbieten, verbunden mit unserer Verbeugung vor einem großen Künstler, der gerade in Köln Spuren hinterlassen hat, und einem liebenswerten, bescheidenen Menschen:  Gerd Dudek 

Text: Jochen Axer

Robert Summerfield und Lars Duppler sind mit ihrem Joni Mitchell-Tribute dabei

Jazz in Köln, Jazz fürs Publikum: Vom 6. November – 11. November befassen wir uns im Rahmen der »Urban Jazz Experience« mit der Vergangenheit, Zukunft und GEGENWART des JAZZ.

Seit 2019 hat Köln einen Jazz-Club – mitten im Agnesviertel. Das Programm des King Georg steht unter dem Motto Straight ahead, modern & more, die Konzerte bestechen durch intime Atmosphäre, live auf Augenhöhe mit dem Publikum. Die Künstlerischen Leiter Martin Sasse (Jazz) und Hermes Villena (Jazz & Related) sorgen für Jazz und Artverwandtes, sowohl für Kenner als auch für Neugierige. 

Ein Treffpunkt für Fußwipper und Fingerschnipper, am Wochenende auch für Tänzer und alle, die die (ganze) Nacht zum Tage machen. Ein Ort für gute Unterhaltung, an dem man den Alltag auch mal vergisst. Entspannend und spannend zugleich.  Jazz live bei einem gepflegten Drink an der stilvollen Bar oder draußen am King Georg Büdchen, wo die seit Ende der 1960er Jahre bestehende Location lebendig in die Nachbarschaft integriert wird. Ein Jazz-Club wie der King Georg, ein Muss in der Jazzstadt Köln.

Im November 2023 steigt nun das erste King Georg Clubfestival. Die Urban Jazz Experience versammelt internationale und lokale Künstler*innen.  Acts, die der Jazz-Historie verbunden sind und mit ihrem Sound gleichzeitig nah am Puls der Zeit liegen. Der King Georg Jazz-Club ist ein Melting Pot, in dem Jazz-Tradition und -Moderne miteinander verschmelzen und der so zur Diversität in der Clublandschaft beiträgt. Genau diese Mischung steht im Mittelpunkt der Urban Jazz Experience. Und über allem das Prinzip: Jazz fürs Publikum. Wobei zum Publikum die Jazz-Cats der Vergangenheit, die Jazz-Cats der Gegenwart und natürlich die Jazz-Cats der Zukunft zählen.  

Der New Yorker Pianist Benny Green hat unter anderem bei Art Blakey’s Jazz Messengers gespielt, Benny Summerfield widmet sich der Folk-Ikone und musikalischen Grenzgängerin Joni Mitchell, in der Reihe Young Talents, die im King Georg dem Nachwuchs vorbehalten ist und die beim Festival nicht fehlen darf, stellt sich das Lukas Wögler Trio vor, die niederländische Flötistin und Komponistin Jorik Bergmann kommt ebenfalls im Trio, Saxofonist Devin Brahja Waldman aus New York schließt mit seinem Solo-Projekt und einer Portion Spiritual Jazz vorläufig den Kreis, den die Urban Jazz Experience um das King Georg zieht. Nichts übertrifft das Live-Erlebnis – aber der King Georg bietet auch ein umfassendes digitales Angebot, in dem auch über 400 Konzert-Mitschnitte abrufbar sind. Und wir machen nach dem Festival fleißig weiter: Bis zu vier Jazz-Konzerte pro Woche – dazu Lesungen, DJ-Abende und Jazz-Entertainment.

Das Programm:

06.11.

19.30 Uhr Benny Green / 21.30 Uhr Benny Green Late Set

07.11.

19.30 Uhr Robert Summerfield und Lars Duppler »JONI«

08.11.

16.30 Uhr – 18 Uhr Panels: Wir sprechen über Vergangenheit, Zukunft und GEGENWART des Jazz

19.30 Uhr Lukas Wögler Quartett

09.11.

19.30 Uhr Jorik Bergmann Trio

10.11.

19.30 Uhr Brahja

Wie sich die Lage in der Jazzstadt Köln darstellt für Künstler*innen, Clubbetreiber*innen und Live-Veranstalter*innen – das wird beim Festival auf zwei Panels diskutiert. Rahmenbedingungen und Ziele, Überlebenskampf und Erfolge, Kunst und Ökonomie. Eingeladen sind Vertreter*innen der Stadt sowie verschiedener Jazz-Institutionen, Jazz-Musiker*innen und Journalist*innen. Im Raum steht auch die Frage, wie man sich in der brodelnden Schnittmenge zwischen Legacy und Latitude bewegt, die den Jazz so reizvoll macht – nicht zuletzt für so viele und immer mehr junge Leute. Das Erbe des Jazz und der gegebene Spielraum für Jazz-Akteure, um sich kreativ damit auseinanderzusetzen: Wir sprechen über ein generationenübergreifendes Thema, das genauso fesselnd sein sollte, wie die packenden Live-Sessions, die auf der Urban Jazz Experience 2023 zu erwarten sind.

Jochen Axer und das Team des King Georg

Am 21. Oktober wird er 68: Wir gratulieren dem Grenzgänger zwischen Jazz und Klassik

Ein Geburtstag wie viele andere? Nicht ganz, denn 2008 war der Jazz-Pianist und Komponist Hersch als Folge einer Aids-Erkrankung in ein zweimonatiges Koma verfallen – und niemand wusste, ob und wie es weitergehen würde. Hersch hat diese Erfahrung in seinen Memoiren 2017 verarbeitet: »Good Things happen slowly«.  Und man darf den Eindruck haben, dass Hersch nach überstandener Erkrankung nicht nur mehr arbeitete, sondern auch die ihm zukommende Anerkennung fand und etliche Preise erhielt. Nicht weniger als 15mal ist er für den Grammy nominiert wirden. In den letzten drei Jahren hat er die Alben »Songs from Home« (2021), »Breath by Breath« (2022) und ganz neu »Alive at Village Vanguard«  (2023 mit Esperanza Spalding) herausgebracht. Nicht zum ersten Mal hat er Aufnahmen aus diesem großartigen Club veröffentlicht, der für ihn als einer Säule der New Yorker Jazzszene sein Zuhause ist – er war der erste Musiker, der dadurch geehrt wurde, eine volle Woche mit seinem Soloprogramm dort auftreten zu dürfen. Und immer wieder zitiert er, der von Chet Baker beeinflusst ist und mit Stan Getz, Joe Henderson, Toots Thielemans, Charlie Haden und vielen anderen zusammen spielte, Thelonious Monk. Zu Herschs Ehren kredenzen wir Ihnen einige seiner Stücke:

»Dream of Monk« (2023 mit Esperanza Spalding – Album: Alive at Village Vanguard)

Dieses Stück auch gerne noch einmal in einer Instrumentalversion des Fred Hersch Trio (Gilmor Piano Festival , 2022)

Weiter mit »Monk´s Dream« (mit Julian Lage, Album Free Flying, 2013)

Und dann gibt es auch das Komplettalbum für Monk: »Fred Hersch Plays Monk« (1998)

Ein großartiger Pianist und Komponist mit einem impressionistischen Stil, hier zuletzt mit er Klassiker »Blue Monk«

Diesen Klassiker dann auch noch in der Originalversion in der Besetzung Thelonious Monk – piano, Charlie Rouse – tenorsax, Ben Riley – drums, Larry Gales – bass (1955, Aufnahme aus 1966, Live Norwegen)

Und zum Spaß und Vergleich auch noch mit dem Emmet Cohen Trio (Emmet Cohen, piano – Phil Norris, bass – Kyle Poole , drums)

Text: Jochen Axer

Bex Burch tritt am 27.10. im King Georg auf und präsentiert dort ihr neues Album »There Is Only Love And Fear«. Kuckuck!

Die Musik der Engländerin Bex Burch hat viel mit dem Klang des Kuckucks zu tun, der ihr neues Album »There Is Only Love And Fear« eröffnet bei einem Gang über einen leicht matschigen Weg, der erst am Vorabend den Regen gesehen hat, und dennoch, dank eines erhöhten Anteils größerer Kiesel und leichten Steinbruchs, seine strukturelle Integrität nicht verloren hat. Während man die Schritte also hört, kuckut es eben aus der Distanz.
Und so minimal die Mittel dieses ikonischen Vertreters der nach ihm benannten Gattung sind – zumindest vokal -, so minimal klingt normalerweise die Musik der in Leeds geborenen Bex Burch, die bisher vor allen Dingen mit ihrem Projekt Vula Viel, aber auch als Teil von Boing! und Flock, aufgefallen ist.

beim grandiosen Label International Anthem, das wie kaum ein anderes in den letzten 30 Jahren den Jazz verändert hat, gibt es zwar keine Kuckucke, aber andere bunte Vögel – und Schildkröten.

Ku-ckuck, Kuck-ckuck, Kuck-uck – kleinste Variationen, beim Sender oder beim Empfänger, können große Bedeutungsunterschiede mit sich bringen; das weiß die Improvisateurin Burch natürlich; die Instrumentenbauerin Burch weiß das sogar noch besser. Das diffizile, filigrane Handwerk, das sie schon lange in ihrer künstlerische Praxis eingeführt hat, nimmt dabei nicht allein die Rolle der Möglichkeitserweiterung ein: Das, was bis jetzt nicht möglich ist, das soll halt schon bald möglich werden. Neue Ansätze, neue Spielweisen, neue und alte Freunde.

So wie Burch Instrumente baut, so baut sie auch Brücken: Nach London, nach Berlin – wo sie heute lebt -, nach Chicago. In der Windy City, beim grandiosen Label International Anthem, das wie kaum ein anderes in den letzten 30 Jahren den Jazz verändert hat, gibt es zwar keine Kuckucke, aber andere bunte Vögel – und Schildkröten. Eine davon hört auf den Namen Dan Bitney und wird zu einem der wichtigsten Ansprechpartner von Burch auf ihrem leicht-mäandernden Album. Bitney, der in den 90ern mit der Gruppe Tortoise (wie erinnern uns gerne an die beiden formidablen Sets von Tortoise-Gitarrist Jeff Parker im King Georg zurück) auch eine Brücke schlug: vom Jazz zum Postrock.+

Ihm sind die intensiven polyrhythmischen Strukturen zu verdanken, die gerade in der Mitte des Albums Überhand nehmen, wenn der atmosphärische Minimalismus der spürbar intensiveren Minimal Music weichen muss. Dann klingt plötzlich eine Marimba und man wird daran erinnert, dass Burch auch schon in Ghana ihre Wurzeln (und Brückenköpfe) geschlagen hat. Hier lernte sie einst – in einem dreijährigen Aufenthalt -, wie man Xylophone baut, wie man Holz schleift und wie man es zum Klingen bringt.

Und dann wieder diese Brückenschläge: Musik vom einen Kontinent, gespielt mit Instrumenten von zwei anderen, wird finalisiert auf einem vierten – Bex Burch lässt unseren Planeten ganz klein werden.

Jetzt sind die 12 Stücke vergleichsweise weit von dem entfernt, was über Jahrzehnte als Jazz von New Orleans über Chicago nach New York, Birmingham, Charleston in die Welt geschickt wurde, wieder zurückkam und sich dann zur Kunstmusik entwickelte. Und doch ist die Verbundenheit zu bestimmten traditionellen Denkmustern – nicht Sounds!  – offensichtlich: Es geht um Groove, um Flow, um Dynamik und spirituelle Erfahrungen, um Kunst, Können, das spannende Verhältnis zwischen Komposition und Improvisation, das prozessuale Aufführen und die inhärente Erfahrung der Moderne als große (Ver-)Formerin des Menschen. Da spielt dann folgerichtig Ben LaMar Gay, Mitglied der Chicagoer AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians), zwischendurch das Kornett, als wäre er gerade erst aus dem New Orleans der 1890er eingeflogen.

Und dann wieder diese Brückenschläge: Musik vom einen Kontinent, gespielt mit Instrumenten von zwei anderen, wird finalisiert auf einem vierten – Bex Burch lässt unseren Planeten ganz klein werden, uns näher zusammenrücken bei den intuitiven Lautäußerungen, die wir so oder so ähnlich in Belgien und Frankreich zwischen 1975 und 1985 kennen lernten, die wir auch aus kruderen und verknusten Kraut-Gruppen hören durften, die seit dem immer wieder Revivals feiern durften. Ein leicht verstimmtes Klavier trifft dann auf tropfendes Wasser, ein anderes Lamellophon und die feine Harmonik des Cool Jazz.

Immer heißen die Fragen: Was hören wir denn heute? Wer will ich denn heute sein? Improvisateurin? Bastlerin? Detailorientierte Songwriterin? Jazzerin? Minimal Musikerin? Neu, alt, modern oder anti-modern, jung, alt, 90er, 80er, 2023 oder 2302? Kuck-uck oder doch Ku-ckuck?

Text: Lars Fleischmann