Eine Veranstaltung aus der Reihe »Literatur zur Zeit«

Moderation: Wolfgang Frömberg

Hinter Franziska liegen zwei Jahre in Paris und eine auf erwachsene Art beendete Beziehung. In Sachen Selbstverwirklichung steht sie gut da – abgeschlossenes Studium, solides Einkommen, gesundes Sozialleben, untrügliches Stilempfinden – und doch scheint etwas zu fehlen. 

Auf der Suche nach der verlorenen Leichtigkeit sitzt sie in Cafés, arbeitet Aufträge ab, treibt Sport und trifft ihre Freund:innen. Um sie herum prallen Lebensentwürfe aufeinander, Stadtflucht und reflektierter Drogenkonsum, authentische Social-Media-Profile und künstlich beschworene Zwischenmenschlichkeit. Franziska beobachtet die Ambivalenzen ihrer Gegenwart ungerührt und schreibt darüber aus sicherer Distanz in einem Romanmanuskript – bis ein unabgeschlossenes Kapitel sie mit großer Wucht einholt.

Mit feinem Humor und einer präzisen Sprache beschreibt Carla Kaspari ein Milieu, ohne ihre Protagonist:innen vorzuführen, aber auch ohne auf sie hereinzufallen.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Sonderprogramms Aufgeschlagen! des Landes Nordrhein-Westfalen

In der Reihe »Literatur zur Zeit«

Moderation: Wolfgang Frömberg 

In Krieg und Krise scheint Literatur in den Hintergrund zu treten. Doch beweist allein schon die Vielzahl von Autorinnen und Autoren weltweit, die von autoritären Machthabern gegängelt, bedrängt, inhaftiert, gefoltert und umgebracht werden, dass Literatur nicht harmlos ist, sondern eine Aktivität, die von Autokraten als gefährlich eingestuft wird. 

Das neue Buch von Enno Stahl beschäftigt sich mit der Frage, wie Literatur auch hierzulande gesellschaftliche Wirksamkeit zurückerlangen kann. Seine Essays bewegen sich dabei zwischen den titelgebenden Polen von »Realismus« und »Engagement«. Realismus wird dabei verstanden als eine grundsätzliche Ausrichtung der Weltwahrnehmung, aber auch als literarische Kategorie. Engagement besitzt hier einen ganz ähnlichen Doppelcharakter – als tätige Praxis auf der einen und als Motivation und Motiv der Literatur auf der anderen Seite. 

Es geht um die Frage, wie Literatur Ausdruck einer solchen Praxis sein kann und wie sie zugleich diese Praxis konstruktiv mit ihren eigenen Mitteln zu befördern vermag. Leider lesen heutzutage immer weniger Menschen. Die Konsequenzen sehen wir jeden Tag. Man kann darin durchaus einen der Gründe für die emotionale Verarmung und die Verrohung des gesellschaftlichen Miteinanders ausmachen. 

Zentrale literarische Texte, auch ältere, etwa aus dem Kanon der Weltliteraturgeschichte, erörtern wichtige moralische Fragen, vermitteln Werte, Ideen und Haltungen. Literatur kann Empathie stiften, Facebook offensichtlich nicht. Es ist höchste Zeit, dass Literatur auch von Akteuren der politischen Praxis als wichtiger Transmitter wahrgenommen wird.

Enno Stahl, *1962. Autor, Kulturjournalist und Germanist. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut der Stadt Düsseldorf. Veröffentlichte zuletzt u.a. die Romane »Spätkirmes« und »­Sanierungsgebiete«.

 

 

 



Eine Veranstaltung aus der Reihe »Literatur zur Zeit«

Moderation: Wolfgang Frömberg

»Wie lange dauert es, bis aus einem Zuhause eine Heimat wird?«

In Karlas Familie wissen alle, wie es sich anfühlt, nicht dazuzugehören. Karla erlebt es als Kind in Bremen-Nord. Ihr Vater Avi in einer Klosterschule in Jerusalem. Die Großmutter Maryam als Gastarbeiterin in Deutschland. Die Urgroßmutter Armine auf den Straßen von Istanbul. Einfühlsam und mit feinem Humor fächert Laura Cwiertnia die verzweigten Pfade einer armenischen Familie auf, deren Erfahrungen so tiefgreifend sind, dass sie noch Generationen später nachhallen.

Die Kinder aus der Hochhaussiedlung in Bremen-Nord kennen die Herkunftsorte ihrer Familien genau: Türkei, Russland, Albanien. Nur bei Karla ist alles etwas anders. Sie weiß zwar, dass die Großmutter in den 60ern als Gastarbeiterin aus Istanbul nach Deutschland kam, und auch, dass die Familie armenische Wurzeln hat, doch gesprochen wird darüber nicht. Als Karlas Großmutter stirbt, taucht der Name einer Frau auf, Lilit, samt einer Adresse in Armenien. Karla gelingt es, ihren Vater zu einer gemeinsamen Reise zu überreden – in eine Heimat, die beide noch nie betreten haben. Eindrücklich und bewegend erzählt Laura Cwiertnia davon, wie es sich anfühlt, am Rand einer Gesellschaft zu stehen. Und davon, wie es ist, keine Geschichte zu haben, die man mit anderen teilen kann.

Laura Cwiertnia, 1987 als Tochter eines armenischen Vaters und einer deutschen Mutter in Bremen geboren, ist stellvertretende Ressortleiterin bei der ZEIT. »Auf der Straße heißen wir anders« ist ihr literarisches Debüt.

 

Eine Veranstaltung aus der Reihe Literatur zur Zeit. Moderation: Wolfgang Frömberg

Ein Reiseführer ohne Sehenswürdigkeiten – mit 100 Songs durch Italien!

Seit jeher kommt in Deutschland keine Generation ohne Italiensehnsucht aus. Das Land jenseits der Alpen zieht an, es strahlt und schmeckt – und immer klingt es! »Wir Italiener sind Spatzen und Nachtigallen. Alle singen bei uns«, sagte der große Lucio Dalla, und so gibt es keinen besseren Schlüssel, um das Land zu verstehen, als die Musik. Oder jedenfalls keinen schöneren.

Ob Mina, Ricchi e Poveri oder Adriano Celentano, die Canzone ist nationales Kultur-gut: vom neapolitanischen Lied über die jährlich neuen Sommerhits bis hin zu Italo-Disco oder den Werken der Cantautori. Eric Pfeil macht sich mit uns auf die Reise, im Gepäck 100 Lieder, die uns ein Land, seine Geschichte und seine schönsten Flecken näherbringen, und die dazu einladen, wieder und immer wieder gehört zu werden. Wir fahren mit offenem Verdeck über schmale Küstenstraßen, streifen durch die Gassen Neapels und über die Strandpromenade Riminis – und haben garantiert immer den richtigen Soundtrack im Ohr.

Mit Unterstützung des Kulturamts der Stadt Köln und der Bunt Buchhandlungen.

Hendrik Bolz, geboren 1988, ist in Stralsund aufgewachsen, im nordöstlichsten Winkel Deutschlands, in einer Welt, die, obwohl das Land längst nicht mehr »DDR« heißt, wenig mit dem zu tun hat, was im Westen als Normalität durchgeht. Lediglich das RTL- Nachmittagsprogramm, das im Hintergrund zu hören ist, deutet darauf hin: Es sind dieselben Nullerjahre.  Während in den Plattenbauten von Knieper West immer mehr Erwachsene die Suche nach einem Platz im neuen System aufgeben, nehmen Hendrik und seine Freunde die Herausforderung an: Sie finden Auswege aus der Langeweile und Fluchtwege, um keine Prügel zu kassieren. Langsam zerfallen die Frontlinien der Baseballschlägerjahre, an die Stelle der Springerstiefel treten Turnschuhe, die Böhsen Onkelz werden von Aggro Berlin abgelöst, die Optionen bleiben die gleichen: Fressen oder Gefressenwerden. 

Im Kindergarten, in der Schule und im Fußballverein haben sie gelernt, dass ein großer Junge nicht weint und dass der Klügere nur so lange nachgibt, bis er der Dümmere ist. Nun gilt es, härter zu werden, um, wenn es drauf ankommt, dem anderen die Nase zu brechen. Und stumpfer zu werden, um dabei nicht zu zögern. Die Mittel finden sich – Kraftsport, Drogen, Rap. Und bald sind es neue »Kleine«, die sich verstecken müssen. 

Hendrik Bolz erzählt eindringlich von einem Jahrzehnt im Osten Deutschlands, das uns ein Stück bundesrepublikanische Gegenwart erklären kann. 

Eine Veranstaltung in der Reihe »Literatur zur Zeit«

 

Veranstaltung aus der Reihe »Literatur zur Zeit«

Moderation: Christina Mohr

Eine feministische Musikgeschichte von Poly Styrene bis Pussy Riot

Da die Geschichtsschreibung von Punk eine überwiegend männliche ist, war eine »Rache der She-Punks« längst überfällig. Verfasst wurde diese feministische Abrechnung von keiner geringeren als der Post-Punk-Pionierin Vivien Goldman, die aufgrund ihrer Arbeit als Musikerin und Musikjournalistin eine Insider-Perspektive besitzt. Entlang vier Themenfeldern – Identität, Geld, Liebe und Protest – begibt sich die »Punk-Professorin« auf die Suche nach empowernden Momenten, die Punk speziell für Frauen birgt.

Goldman schreibt viele ihrer Punk-Genossinnen in den Kanon hinein; für das Buch hat sie ausführliche Gespräche u. a. mit Patti Smith, Tamar-kali, Poly Styrene und Kathleen Hanna geführt. »Die Rache der She-Punks« zeichnet eine feministische Musikgeschichte, in der die weiblichen Perspektiven im Punk mit all ihren Gemeinsamkeiten und Differenzen ihren Platz finden. Wie sich diese Geschichte anhört, zeigt eine Auflistung thematisch passender Songs zu jedem Kapitel, die den Soundtrack zu Goldmans Ausführungen bilden.

Aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von von Saša Vukadinovic.

 

Lesung + Plattenvorstellung in der Reihe »Literatur zur Zeit«

Moderation und Musikauswahl: Joachim Ody

Roland Schappert erforscht als Künstler die Bildwerdung der Schrift zwischen Poesie und Politik. Er malt, arbeitet mit digitalen Medien, schafft Musik und veröffentlicht Essays über einen zeitgenössischen Kunstbegriff. Zuletzt erschienen die Bücher Coronasehnsucht, Berlin 2021, Aktualitätsjetzt, zusammen mit Wolfgang Ullrich, Berlin 2022, sowie die LP ROUTE 1, Köln 2022.

Roland Schappert: Coronasehnsucht: »Um 7:34 Uhr sehe ich ein riesiges Kondom über meiner Weber-Grillanlage und freue mich auf den anstehenden Sommer. Zufrieden gehe ich ins Bett. Die Reste der Megaspreaderparty entsorge ich morgen früh. Der Kühlschrank ist absolut leer. Roland Schappert zeichnet seinen persönlichen Weg durch diese sonnig verregnete Zeit. Ein tagebuchartiger Parcours aus digitalen Liebesanbahnungen, dem Versuch, die Welt der Kunst über WhatsApp zu erklären, und den realen Anforderungen des Singlelebens als Künstler einer deutschen Großstadt in prekären Verhältnissen. Das Buch Coronasehnsucht erschien 2021 bei DCV Contemporary.

 

Joachim Ody, geboren 1952 in Wiesbaden, ist seit 1975 im Print-Journalismus tätig. Zahlreiche Beiträge in verschiedenen Publikationen aus den Bereichen Film und Musik. Von 1980 an regelmäßige Aktivitäten als freier Journalist in der Zeitschrift „Spex“. Mitglied in der Kölner Gesellschaft für Neue Musik (KGNM), von 2007 bis 2009 dort im Vorstand tätig. Seit 2009 Kuration des Segments „Tonspuren“ der KGNM. 2020 zusammen mit Waltraud Blischke Programmgestaltung der Reihe „Hooklines“, die als Plattform für zahlreiche Protagonisten*innen dient, die maßgeblich zur Entwicklung alternativer Kultur in Köln beigetragen haben. Seit 18 Jahren sehr rege und intensive Zusammenarbeit mit Roland Schappert – u.a. ständige Korrekturarbeiten all seiner wissenschaftlichen Arbeiten für Fachpublikationen inkl. dem Lektorat für „Coronasehnsucht“.

 

Eine Veranstaltung aus der Reihe Literatur zur Zeit, gefördert vom Kulturamt der Stadt Köln und mit Unterstützung der Bunt Buchhandlungen Ehrenfeld und Modernes Antiquariat

Moderation: Christian Werthschulte

Sie war zu Gast beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2020, ehe überhaupt ein Buch von ihr erschienen ist. Als Vertreterin der neuesten digitalen Literaturen hat sie eine leidenschaftliche Anhängerschaft. »Über Stunden« ist ihr erstes Buch, in dem ihr Schreiben in allen Aggregatzuständen in Erscheinung tritt – für die Autorin ein wagemutiges Übersetzen ins Analoge, für den Analog-Leser ein großes Glück.

»Elisa Aseva liest sich wie Worte an den Wänden. Ganz selbstverständlich«, so beschreibt es das Internetmagazin 54books. Ihre Gedichte werden vertont und auf Twitter in Bots verwandelt. Ihre Poesie ist unmittelbar, ihre Statements zeigen klare Kante und gerät sie ins Erzählen, endet es viel zu früh. »Über Stunden« ist die fein komponierte Sammlung ihrer besten Posts, denen man sich überlassen kann, um ihnen über Tage nachzuhängen. Vielleicht länger.

Elisa Aseva veröffentlicht ihre Kurztexte auf Facebook, sie entstehen in Mittagspausen oder Feierabendsituationen und bleiben im Rohzustand: Schreiben als Abschöpfprodukt des Alltags einer ungelernten Arbeiterin. »Am liebsten wäre ich in ein wurzelloses, technikfreundliches kommunistisches Milieu hineingeboren worden, aber ohne allzu viel Streit.«

»Wer Elisa Asevas Texten folgt, bekommt es mit der Unbequemlichkeit des Hier & Jetzt zu tun. Kühl wirken ihre Sätze oft – und doch glimmt in ihnen eine Glut, von der man mehr, mehr, mehr lesen will.« (Katja Kullmann)

 

Ein Lockdown der außerirdischen Art: Wie fühlt es sich an, 60 Tage am Stück zu liegen? Wie, schwerelos zu sein? Dennis Freischlad hat es ausprobiert. Als Teilnehmer einer Schwerelosigkeit-Studie der NASA durfte er zwei Monate nur liegen, den Kopf sechs Grad tiefer gelagert als die Beine. Essen, Duschen, Toilette, unzählige Experimente – alles fand in dieser Position statt. Wie erlebt ein Mensch eine solche simulierte Marsreise, was sind die körperlichen und psychischen Folgen dieser Extremsituation? Dennis Freischlad war ein Leben lang in der Welt unterwegs, doch nichts konnte ihn auf diese völlig neue Grenzerfahrung vorbereiten. Mit viel Humor erzählt er von seiner außergewöhnlichsten Reise, von aberwitzigen Pokerabenden, neuen Freundschaften und der interstellaren Liebe.

Dennis Freischlad, 1979 in Hessen geboren, ist seit seinem 20. Lebensjahr kontinuierlich in der Welt unterwegs und zieht seine Bahnen zwischen seinen Wohnorten in Indien und Köln. Neben Gedichten und Essays sind von ihm bereits mehrere reiseliterarische Bücher erschienen.

Eine Veranstaltung aus der Reihe »Literatur zur Zeit«

 

Eine Lesung aus der Reihe »Literatur zur Zeit«

Moderation: Michaela Predeick

Sollten die Zusammenhänge dieser Welt einmal aufgelöst sein, man wäre froh, das Buch „Aus der Zuckerfabrik“ von Dorothee Elmiger zu finden, um zu verstehen, was in der Vergangenheit vor sich ging.

‚My skills never end‘ steht auf dem T-Shirt eines Arbeiters, der gerade seinen Lohn ausbezahlt bekommt. Am Strand einer karibischen Insel steht der erste Lottomillionär der Schweiz und blickt aufs Meer hinaus. Nachts drängen sich Ziegen am Bett der Autorin. Dorothee Elmiger folgt den Spuren des Geldes und des Verlangens durch die Jahrhunderte und die Weltgegenden. Sie entwirft Biographien von Mystikerinnen, Unersättlichen, Spielern, Orgiastinnen und Kolonialisten, protokolliert Träume und Fälle von Ekstase und Wahnsinn. Aus der Zuckerfabrik ist die Geschichte einer Recherche, ein Journal voller Beobachtungen, Befragungen und Ermittlungen. Ein Text, der den Blick öffnet für die Komplexität dieser Welt.

Dorothee Elmiger, geboren 1985, lebt und arbeitet in Zürich. 2010 erschien ihr Debütroman „Einladung an die Waghalsigen“, 2014 folgte der Roman „Schlafgänger“ (beide DuMont Buchverlag). Ihre Texte wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und für die Bühne adaptiert. Dorothee Elmiger wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt, dem Rauriser Literaturpreis, einem Werkjahr der Stadt Zürich, dem Erich Fried-Preis und einem Schweizer Literaturpreis. Mit ihrem neuen Werk Aus der Zuckerfabrik (Hanser, 2020) war sie auf der Shortlist für den Schweizer und für den Deutschen Buchpreis 2020.