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»Meistens kommt die Melodie zuerst«

Der Saxofonist Ole Sinell hat mit dem Stück »Nine To five« den diesjährigen CJS-Kompositionswettbewerb gewonnen. Wir sprachen mit ihm über das Komponieren und sein Konzert im King Georg bei der Preisverleihung am 8. August.

Ole Sinell

Wenn am 8. August 2023 bereits zum vierten Mal der Preis des Kompositionswettbewerbs des Cologne Jazz Supporters e.V. (CJS) verliehen wird, erhält ihn mit Ole Sinell ein beachtenswerter Musiker der deutschen Jazzszene. Der Saxofonist, der vor 30 Jahren in Berlin geboren wurde, kann sich trotz seines noch jungen Alters schon etliche Engagements in die Vita schreiben: Da war er zwei Jahre Teil des Bundesjazzorchesters, spielte aber auch bei der WDR Big Band und dem Jazzkombinat Hamburg. Besonders fällt seine Rolle als Baritonsaxofonist der Big Band der Bundeswehr auf, wo er bereits seit 2018 spielt. Vor allen Dingen ist Sinell aber auch Mainman und Kopf sowohl seines Quartetts als auch der Ole Sinell Super Constellation. Neben dem Saxofon spielt er auch die Klarinette, hat aber – wie viele spätere Holzbläser – einst als Sechsjähriger am Klavier seine ersten musikalischen Schritte machen dürfen. Mit elf wagte er dann den Sprung zum Saxofon, auch wenn er, wie Sinell im Interview verrät, bis heute vor allen Dingen am Klavier komponiert. Mittlerweile gehört er zu den besten Straight-Ahead-Musiker*innen des Landes; tritt nicht nur als Instrumentalist in Erscheinung, sondern auch als Arrangeur. Und natürlich als Komponist, was ihm 2023 den Preis der CJS bescherrte. Wir sprachen mit ihm über den Titel seines Preisträgerstücks (»Nine to Five«) – und wie es ist bei der Bundeswehr in der Bigband zu spielen.

Bei »Nine To Five« muss man natürlich auch als Jazzliebhaber*in an Dolly Partons Mega-Hit denken, die da an die Arbeiter*innen erinnert und außerdem Equal Pay für Frauen fordert. Wie kamen Sie auf den Titel zu Ihrer Preisträger-Komposition?

Auf die Gefahr hin, eine peinliche Bildungslücke zu offenbaren, gebe ich zu, dass ich Dolly Partons Mega-Hit zu dem Zeitpunkt, als ich meinem Stück seinen Namen gab, gar nicht kannte. Erst als der Titel bereits feststand, bin ich darauf hingewiesen worden, dass es einen gleichnamigen Hit von Dolly Parton gäbe. Den habe ich mir natürlich gleich angehört und er gefällt mir gut! Eine Verwechslungsgefahr mit meinem Stück besteht aber nicht, denke ich.
Wie kam ich also zu dem Titel? Die Musik war bereits fertig komponiert und ich musste nur noch einen passenden Namen finden. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Ich hatte keine spontane Idee. Also schaute ich mir meine Melodie nochmal etwas genauer an.  Mein Stück beruht auf einem Motiv, das aus zwei Tönen besteht. In der Musiktheorie werden die Töne einer Tonleiter durchnummeriert. Das Motiv zu Beginn des Stückes könnte man »One-to-Five« nennen, es wird vom 1. Ton der Tonleiter zum 5. gesprungen. Das Motiv am Ende des A-Teils könnte »Five-to-Nine« heißen. So bin ich auf die Idee gekommen, das Stück »Nine-to-Five« zu nennen. Musiktheoretisch betrachtet kommt das Motiv »Nine-to-Five« im Stück zwar gar nicht vor, trotzdem gefiel mir dieser Titel am besten. Denn »Nine-to-Five« ist ein stehender Begriff, den wohl fast alle kennen und der sofort Assoziationen beim Publikum auslöst. Darum geht es ja bei einem guten Titel. 

Und welche kompositorischen Ideen haben Sie umgesetzt?

Wie oben schon angedeutet, beruht mein Stück auf motivischer Entwicklung. Die ersten drei Takte sind mir gewissermaßen aus dem Nichts eingefallen und gefielen mir gut. Dann habe ich versucht, aus den Bausteinen, aus denen diese ersten Takte bestehen, ein ganzes Stück zu bauen. In der Bridge, die ein kontrastierender Mittelteil sein soll, kommen dann einige ganz neue Bausteine dazu.

Gehen Sie bei ihren Songs von sich als Saxofonist aus, oder denken Sie direkt in einem multi-instrumentalen Rahmen, der die verschiedenen Stimmen bereits mitbedenkt?

Die wenigsten meiner Kompositionen sind am Saxofon entstanden. Meistens komponiere ich mit Hilfe eines Klaviers oder eines anderen Tasteninstruments, denn darauf lassen sich leichter mehrere Dinge gleichzeitig spielen. Melodie, Bassstimme und Harmonien lassen sich nur mit einem Saxofon nicht gleichzeitig darstellen. 
Insbesondere wenn ich für Bigband schreibe, denke ich frühzeitig im multiinstrumentalen Rahmen. Welche Instrumentengruppe spielt die Melodie und in welcher Lage? Welchen Groove spielt das Schlagzeug? Wo könnte eine Gegenstimme liegen? Das sind Fragen, die ich mir dann stelle. Meistens kläre ich die Melodie zuerst. Als Saxofonist bin ich es ja gewöhnt, Melodie zu spielen. Manchmal kommt aber auch etwa ein Drum-Groove oder eine Basslinie als erstes.

Welche Einflüsse kann man bei »Nine To Five« hören? Gibt es direkte oder indirekte Vorbilder?

Ein direktes Vorbild gibt es nicht. Vielleicht kann man den Einfluss von Clare Fischer hören. Seine Musik schätze ich sehr!

Wie sehr werden Ihre Kompositionen von ihren Erfahrungen beim Bundesjazzorchester und als Leader der Jazzorama Big Band beeinflusst?

Was mich als Komponisten wahrscheinlich am meisten vorangebracht hat, war weder Studium von Musiktheorie und Kompositionstechniken, noch das Studieren von Stücken anderer Komponisten (letzteres halte ich trotzdem für sehr wichtig!), sondern das Komponieren selbst und –  essenziell – das anschließende Ausprobieren mit einer guten Band. Ich kann mich also sehr glücklich schätzen, dass ich für das Bundesjazzorchester und die Jazzorama Big Band komponieren durfte, sie meine Musik spielen und ich sie hören kann. 

Außerdem haben Sie lange Jahre bei der Bigband der Bundeswehr gespielt. Auch wenn die Geschichte des Jazz (vor allen Dingen auch im Nachkriegsdeutschland) geprägt wurde von Armee-Kapellen und -Bigbands, wirkt die Kombi aus Militär und Jazz für viele wie ein Oxymoron. Wie kann man sich das Arbeiten bei der Bundeswehr vorstellen? Funktioniert die Big Band da grundlegend unterschiedlich zu anderen Institutionen?

Die Arbeit bei der Bigband der Bundeswehr besteht zu einem Großteil aus Proben, Üben, Auftritten und Aufnahmen. Darin unterscheidet sie sich also nicht von einer zivilen Band. Allerdings sind wir Teil der Bundeswehr, sind also Soldaten, haben eine Grundausbildung gemacht, tragen Uniform und Dienstgrad. Innerhalb der Bundeswehr ist unsere primäre Aufgabe aber, Musik zu machen. Dafür sind wir ausgebildet. 
Ich bin wirklich froh darüber, Teil der Bigband der Bundeswehr zu sein, unter anderem deshalb, weil das breitgefächerte Programm und das regelmäßige Zusammenspiel mit meinen Kollegen, die alle sehr gute Musiker sind, mich musikalisch voranbringen. 

Was und welche Stücke können wir bei Ihrem Preisträger-Konzert am 8. August erwarten? Welches Repertoire haben Sie mit ihren Mitmusikern eingeplant?

Da es an dem Abend um den Kompositionspreis geht, wird es neben dem Stück, das ausgezeichnet wurde, auch noch weitere Kompositionen aus meiner Feder geben. Unter anderem ein Stück, das ich für eine frühere Ausgabe des CJS-Kompositionspreises geschrieben habe und das damals nicht ausgezeichnet wurde. Dieses Mal hatte ich mehr Glück, einen guten Einfall gehabt und den Geschmack der Jury getroffen zu haben. Damals hatte sich die Teilnahme aber trotzdem gelohnt. Denn am Ende hatte ich immerhin ein neues Stück geschrieben, das ich noch heute gerne spiele. Ich bin sicher, viele Teilnehmer*innen des Wettbewerbs sehen das ganz ähnlich.
Neben meinen eigenen Kompositionen wird das Programm aus Stücken von Komponisten bestehen, die für mich Vorbild und Inspiration sind. Beispielsweise Neal Hefti, dessen Musik ich wegen ihrer Schlichtheit und ihres Humors sehr schätze. 

Interview: Lars Fleischmann.