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Tiefseeerkundungen im Jazzmeer

Auf dem jüngsten Album »Revival« trifft ein moderner Pop-Jazz auf Modern Creative Jazz. Ein immer größeres Publikum hat große Lust auf das japanische Trio Nautilus.

Nautilus

Die Klischees sind hinlänglich bekannt: Jazz aus Japan ist technisch versiert, manchmal sogar überambitioniert, kommt selten über den Groove oder den Soul, sondern meist über Virtuosität und progressiven Druck.
Jazz aus Japan ist in dieser Denke also immer defizitär gegenüber anderen Formfindungen. Lange Zeit wurde eigenwillige japanische (Musik-)Markt nach dem Zweiten Weltkrieg dafür verantwortlich gemacht, der zwar extrem Jazz-affin – sowieso amerikophil – war, aber oftmals eine gewisse Abschottungsstrategie fuhr: Stärker noch als an anderen Orten der Welt spielten japanische Musiker*innen auch aus einer gewissen Not (Touren der Jazz-Größen in den Fernen Osten wurden sehr selten gebucht) heraus die Musik, die sie verehrten, einfach nach – bis sich die Musik verselbstständigte.

Mythos und Realität treffen da aufeinander – wir erörtern das mal an einer anderen Stelle länger. Fakt ist aber, dass auch die Band Nautilus sich erstmal mit amerikanischen Vorbildern auseinandersetzte bis man den eigenen Sound, die eigene Sprache entwickeln konnte. Das beginnt bereits beim Namen der Band selbst, ist sie doch benannt nach einen obskuren Groove-Track des Debüt-Albums, des amerikanischen Komponisten Bob James. Dessen »Nautilus« stammt aus dem Jahr 1974 und stellt den Startpunkt für dieses Trio da, das von Toshiyuki Sasaki ins Leben gerufen wurde.

Sasaki, selbst beeinflusst von Jazz-Pop-Bands à la Jamiroquai, wollte aber weg von den Klischees und setzte voll auf den Groove. Mit einem Blick über den Pazifik und sehr interessiert an den HipHop-Jazz-Experimenten von Bands wie BadBadNotGood fand man zu einem sehr modernen Sound, der vor allen Dingen global und urban klingt und nicht nach Japan, New York oder Wanne-Eickel.

Sasaki setzte sich an die Drums und holte den Bassisten Shigeki Umezawa dazu; Keys kamen in den ersten Jahren von Daisuke Takeuchi. »Nautilus« wurde im Folgenden zum Key-Piece der Band – außerdem blieb man sich selbst mit eigenen Kompositionen treu, während man Gil Scott-Heron oder Suzanne Vega neuinterpretierte. Besondere Bedeutung sollte indes der Roy Ayers-Klassiker »We Live In Brooklyn Baby« gewinnen: Der deutsche DJ und Digger Oonops aka Patrick Decker stolperte über den Track, war gleich Feuer und Flamme. Oonops klopfte bei der Band an und brachte sie bei Agogo Records unter: »Nautiloid Quest«, eine Compilation aus den ersten beiden Alben der Band, landete bald in den hiesigen Plattenregalen. Das Publikum hatte Bock auf das Trio: Zwar spielten vor allen Dingen Toshiyuki Sasaki selbst und der Bassist Shigeki Umezawa astrein und technisch recht aufwendig, doch es swingte und synkopierte – häufig klingt die Band wie die Beats eines HipHop-Produzenten oder wie eine sehr talentierte Funk-Band.

Nun war das Trio in Europa angekommen, bediente dennoch auch zeitgleich den japanischen Markt. Diesen Spagat zog man einige Jahre durch. Dann kamen aber die weltweite Corona-Pandemie und der Ausstieg des Pianisten Daisuke Takeuchi. Dafür sitzt seit 2020 Mariko Nakabayashi an den Keys.

Ihr aktuelles Album heißt »Revival« und erschien im Januar 2023. Gewohnt Drums- und Bass-betont interpretiert man hier moderne Klassiker, wie den romantischen Pop-Hit »La Ritournelle« von Sébastien Tellier. Die fast schon naive Piano-Melodie wird dabei kongenial eingerahmt durch die Rhythmus-Gruppe: Treibend, ekstatisch und trotzdem verträumt – bis der Vocoder übernimmt und man sich milde an Daft Punk erinnert fühlt. Auf »Revival« trifft ein moderner Pop-Jazz auf Modern Creative Jazz, der eine gewisse Hektik lebt und atmet (man denke an die Straßenzüge der japanischen Hauptstadt Tokio), die aber immer im Sinne der Interpretationen und Eigenkompositionen ist. Das Ostinato bei „Inner Space“ erzählt von Raumschiff-Funk der Siebziger, als die Synthesizer laufen lernten; das Intro von „Another World“ hat einen gewissen brasilianischen Esprit.
Manchmal klingen Nautilus wie Robert Glasper-Produktionen und überraschen dann doch wieder mit furiosen Manövern, die auch einen Chick Corea erfreut hätten.
Kurzum: Abseits schnöder Klischees ist Nautilus eine der spannendsten Jazz-Trios dieser Tage – nicht nur in Japan.

Text: Lars Fleischmann