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Der großartige Altsaxofonist, der 2009 in Köln verstorben ist, wurde am 12. November 1923 in Boston geboren.

Sein italienisches Elternhaus bevorzugte eher die Klassik und Oper, ehe Charles Mariano mit 17 Jahren zum Saxofon griff. Sein großes Vorbild war Lester Young, später Johnny Hodges ( „mein erstes wichtiges Vorbild“). Mariano spielte später unter dem Einfluss von John Coltrane auch das Sopransaxophon und brillierte auch hier mit seiner eigenständigen und wiedererkennbaren Spielcharakteristik. 

1950 erschien seine erste Aufnahme unter eigenem Namen (Charlie Mariano and his Jazz group, mit Herb Pomeroy, Jaki Byard). Von 1953 bis 1955 spielte er bei Stan Kenton. Mariano trat mit vielen weiteren Jazzgrößen wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie und McCoy Tyner auf. Berühmt wurde seine Solos auf in The Black Saint and the Sinner Lady (1963) von Charles Mingus. 

Musikalisch startete er Mitte der 60iger Jahre eine zweite Karriere mit der Band Osmosis und öffnete sich dem Fusion Jazz, baute Folk, Pop und Rockelemente in seine Musik ein. Seit 1971 arbeitete Mariano vornehmlich in Europa, wo er sich zunächst in den Niederlanden und Belgien niederließ. Neben vielen anderen internationalen Projekten nahm er mit dem belgischen Gitarristen Philip Catherine und Jasper van’t Hof 1979 Sleep My Love auf. Mariano gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern des United Jazz and Rock Ensemble, der „Band der Bandleader“. Mit dem Freiburger Jazzbassisten Dieter Ilg unterhielt er ein kammermusikalisches Jazz-Duo.

In der deutschen Pop-Musik (Herbert Grönemeyer (Bochum 1984), Konstantin Wecker) hinterließ Mariano ebenso Spuren wie in der sog. Weltmusik bei Rabih Abou-Khalil, mit Dino Saluzzi und den Dissidenten. 

Mariano hat insgesamt an mehr als 300 Schallplatten und CDs mitgewirkt.

Seit 1986 lebte er in Köln und war sehr wichtiger Teil der herausragenden Szene. Hier starb er 2009 im Alter von 85 Jahren. 

Charlie Mariano hat an so vielen und unterschiedlichen Projekten mitgewirkt, dass jede Auswahl unvollständig ist. Also bleibt nur die Option der eigenen Vorlieben:

Zum Start also der Blick zurück auf die Anfänge:

1953: The New Sounds form Boston

1951-1955 : Boston All Stars

The Toshiko-Mariano Quartett 1961 (mit seiner damaligen Frau Toshiko Akiyoshi)

The Black Saint and the Sinner Lady (Charly Mingus, 1963)

Reflections (1974)

Und dann die Phase seiner prägenden Mitgliedschaft im United Jazz&Rock Ensemble (mit dem ich Mariano zum ersten Mal live erleben durfte)

Plum Island (1991)

Be-Bop-Rock (1987) 

Ein komplettes Konzert: Live im Lessing 1998

Und dann noch der wirklich sehenswerte Film von Axel Engstfeld (2014), der die künstlerische Leistung und die Persönlichkeit von Charlie Mariano ernsthaft und gleichzeitig liebevoll wiedergibt:

R.I.P.

Text: Jochen Axer

Devin Brahja Waldman leitet die Band BRAHJA, die am Freitag, 10.11. im Rahmen unserer Urban Jazz Experience spielt.

Man stelle sich das mal vor: Man hat bereits mit zehn Jahren begonnen zu Touren, damals als Begleitung der eigenen Tante, die eine bekannte Poetin ist (Anna Waldman), und in den Folgejahren mit der Punk-Ikone Patti Smith, dem Künstler und Can-Musiker Malcolm Mooney und Sonic Youths Thurston Moore gespielt; man sei ganz nebenher ein Weltenbürger, der munter zwischen New York und Montreal, zwischen Nordamerika und Europa hin- und herspringen könne; man mache sowohl bei den Postrockern von Godspeed! You Black Emperor, als auch neben dem ägyptischen Fusionmusiker Maurice Louca eine gute Figur – man müsste doch fast unter diesem fast unmenschlichem »Plus an allem« zerbröseln. Doch die Welt von Devin Brahja Waldman, diesem famosen und übertalentiertem (ein Begriff, den man nicht leichtfertig benutzen sollte) Saxofonisten, Schlagzeuger, Synthesizer-/Pianisten und Komponisten, sieht anders aus. Sie bröselt nicht, sie splittert auch nicht, sie wirft nicht einmal Falten. Stattdessen entwirrt sich in den Händen des New Yorkers sogar der Gordische Knoten.

Devin Brahja Waldman leitet die Band BRAHJA. BRAHJA spielt in der einen oder anderen Form seit 2008 und besteht derzeit aus 10 Musikern aus Montreal, New York City, Washington D.C. und Chicago; der Kern besteht aus Waldman, Isis Giraldo (Klavier, Synthesizer, Gesang), Damon Shadrach Hankoff (Orgel, Klavier, Synthesizer), Martin Heslop (akustischer Bass) und Daniel Gélinas (Schlagzeug, Synthesizer).
Die Loipen in die verschiedenen nordamerikanischen Zentren des Jazz, der freien Musik, der Improvisation und des Experiments sind folglich längst gefräst und Waldman könnte sich bereits zurücklehnen. Mal hier connecten, dann wieder woanders andocken – Erfolg wäre ihm garantiert. Wer aber unterdessen in sein 2019er Debütalbum reingehört hat und das Vergnügen hatte, diese innovative, dichte, superelastische Musik zu genießen, der kann bestätigen: Sowas hat man noch nicht gehört. Man wusste sogar bisher gar nicht, dass man nach diesem alchemistischen Mix, nach dieser eigensinnigen, kompakten Musik mit ihren Post-Punk-Ostinati im Bassregister, mit den spirituellen Noten und den frei-schwebenden Saxofon-Licks, gesucht hätte.

Waldman schrieb damals über die Debüt-Veröffentlichung unter dem nom de plume: »Diese Songs handeln meist von der Reinigung von ungebetener Dunkelheit. Eine Art von Heilung für eine Art von Gift. Eine Art von Tod für eine Art von Erneuerung. Ich hoffe, ihr könnt dieser Musik Sinn und Freude abgewinnen. Mit aufrichtiger Dankbarkeit, Devin Brahja Waldman.«

Es ist ein großes Versprechen, eines das etliche Male in der Geschichte der Musik-Menschheit getätigt wurde: Wer hier klickt, einschaltet, dies oder jenes auflegt, runterlädt und/oder langsam reingleiten lässt, wird geheilt. Er knüpft an die Verheißungen des Spirituals an, weiß sie aber sowohl gedanklich als auch inhaltlich in eine neue Zeit, unsere heutige zu übersetzen. Wo Pharoah Sanders oder Coltrane noch Forschungsarbeit betrieben haben und das Art Ensemble sowie seine Chicagoer Freunde über den Globus reisen mussten, steht für Waldman längst die Welt, Dies- und Jenseits, Sinnes- und Bewusstseinserweiterungsstufen offen.

Ohne nach Äthiopien pilgern zu müssen, kann er Anno 2023 amharische Sounds genauso inkorporieren, wie europäische, subversive Klangforschungen zitieren. Manchmal scheint ihm das zuzufliegen, dann wiederum nimmt er Kontakt auf zu den anfangs genannten Musik-Ikonen (genau: Smith, Moore, Mooney, aber auch Mette Rasmussen oder Free-Jazz-Drum-Legende Hamid Drake) und lernt direkt von den besten Lehrmeistern.

Bei so viel Connecterei gerät das Werk auch immer wieder an seine Grenzen. Die insgesamt zehn Musiker*innen seiner Combo wollen spielen; doch Waldman weiß sie zu bändigen, lässt ihnen zugleich Platz. Immer wieder klingt die Musik, als würden gleich mehrere Stücke parallel laufen und doch funktioniert das alles wie er selbst: Wo andere porös oder mürbe werden, wird das Projekt BRAHJA produktiv. Dann verliert man sich in den verschiedenen Spuren – und wird womöglich nebenbei geheilt. Wir werden es beim Abschluss des ersten King Georg Festivals, der Urban Jazz Experience, hören.

Text: Lars Fleischmann

Am 3. November 2022 ist der Saxofonist und Flötist Gerd Dudek im Alter von 84 Jahren verstorben. Auch in Köln hat er deutliche Spuren hinterlassen. Ein Verbeugung.

Es ist schon ein Jahr her …unglaublich!

Vielleicht hat das großartige Stadtgarten-Konzert in memoriam Anfang diesen Jahres die empfundene Zeit verkürzt. Wer nochmals hineinhören will, kann dieses Konzert über die Mediathek von WDR3 weiterhin hören.

Da es immer um Schubladen geht, wird Gerd Dudek zu den Modern Creatives gezählt. Und ja, er spielte im Manfred Schoof Quartett mit Alexander von Schlippenbach, Busch Niebergall und Jaki Liebezeit (hier ein Video mit der WDR-Bigband und Manfred Schoof aus dem Jahr 2003):

später im Albert Mangelsdorff Quintett, spielte mit Peter Brötzmann ebenso wie mit Hans Koller und vielen anderen. Tatsächlich konnte er alles spielen, so einfach. Zwei seiner letzten Aufnahmen (2016 und noch 2022) machte er mit dem künstlerischen Leiter des King Georg Martin Sasse und Martin Gjakonovski (mit Hendrik Smock bzw. Joost van Schaik)

Aus den letztgenannten Veröffentlichungen möchten wir drei Stücke (»Afro Blue«, »With you« und »de Vita)« anbieten, verbunden mit unserer Verbeugung vor einem großen Künstler, der gerade in Köln Spuren hinterlassen hat, und einem liebenswerten, bescheidenen Menschen:  Gerd Dudek 

Text: Jochen Axer

Robert Summerfield und Lars Duppler sind mit ihrem Joni Mitchell-Tribute dabei

Jazz in Köln, Jazz fürs Publikum: Vom 6. November – 11. November befassen wir uns im Rahmen der »Urban Jazz Experience« mit der Vergangenheit, Zukunft und GEGENWART des JAZZ.

Seit 2019 hat Köln einen Jazz-Club – mitten im Agnesviertel. Das Programm des King Georg steht unter dem Motto Straight ahead, modern & more, die Konzerte bestechen durch intime Atmosphäre, live auf Augenhöhe mit dem Publikum. Die Künstlerischen Leiter Martin Sasse (Jazz) und Hermes Villena (Jazz & Related) sorgen für Jazz und Artverwandtes, sowohl für Kenner als auch für Neugierige. 

Ein Treffpunkt für Fußwipper und Fingerschnipper, am Wochenende auch für Tänzer und alle, die die (ganze) Nacht zum Tage machen. Ein Ort für gute Unterhaltung, an dem man den Alltag auch mal vergisst. Entspannend und spannend zugleich.  Jazz live bei einem gepflegten Drink an der stilvollen Bar oder draußen am King Georg Büdchen, wo die seit Ende der 1960er Jahre bestehende Location lebendig in die Nachbarschaft integriert wird. Ein Jazz-Club wie der King Georg, ein Muss in der Jazzstadt Köln.

Im November 2023 steigt nun das erste King Georg Clubfestival. Die Urban Jazz Experience versammelt internationale und lokale Künstler*innen.  Acts, die der Jazz-Historie verbunden sind und mit ihrem Sound gleichzeitig nah am Puls der Zeit liegen. Der King Georg Jazz-Club ist ein Melting Pot, in dem Jazz-Tradition und -Moderne miteinander verschmelzen und der so zur Diversität in der Clublandschaft beiträgt. Genau diese Mischung steht im Mittelpunkt der Urban Jazz Experience. Und über allem das Prinzip: Jazz fürs Publikum. Wobei zum Publikum die Jazz-Cats der Vergangenheit, die Jazz-Cats der Gegenwart und natürlich die Jazz-Cats der Zukunft zählen.  

Der New Yorker Pianist Benny Green hat unter anderem bei Art Blakey’s Jazz Messengers gespielt, Benny Summerfield widmet sich der Folk-Ikone und musikalischen Grenzgängerin Joni Mitchell, in der Reihe Young Talents, die im King Georg dem Nachwuchs vorbehalten ist und die beim Festival nicht fehlen darf, stellt sich das Lukas Wögler Trio vor, die niederländische Flötistin und Komponistin Jorik Bergmann kommt ebenfalls im Trio, Saxofonist Devin Brahja Waldman aus New York schließt mit seinem Solo-Projekt und einer Portion Spiritual Jazz vorläufig den Kreis, den die Urban Jazz Experience um das King Georg zieht. Nichts übertrifft das Live-Erlebnis – aber der King Georg bietet auch ein umfassendes digitales Angebot, in dem auch über 400 Konzert-Mitschnitte abrufbar sind. Und wir machen nach dem Festival fleißig weiter: Bis zu vier Jazz-Konzerte pro Woche – dazu Lesungen, DJ-Abende und Jazz-Entertainment.

Das Programm:

06.11.

19.30 Uhr Benny Green / 21.30 Uhr Benny Green Late Set

07.11.

19.30 Uhr Robert Summerfield und Lars Duppler »JONI«

08.11.

16.30 Uhr – 18 Uhr Panels: Wir sprechen über Vergangenheit, Zukunft und GEGENWART des Jazz

19.30 Uhr Lukas Wögler Quartett

09.11.

19.30 Uhr Jorik Bergmann Trio

10.11.

19.30 Uhr Brahja

Wie sich die Lage in der Jazzstadt Köln darstellt für Künstler*innen, Clubbetreiber*innen und Live-Veranstalter*innen – das wird beim Festival auf zwei Panels diskutiert. Rahmenbedingungen und Ziele, Überlebenskampf und Erfolge, Kunst und Ökonomie. Eingeladen sind Vertreter*innen der Stadt sowie verschiedener Jazz-Institutionen, Jazz-Musiker*innen und Journalist*innen. Im Raum steht auch die Frage, wie man sich in der brodelnden Schnittmenge zwischen Legacy und Latitude bewegt, die den Jazz so reizvoll macht – nicht zuletzt für so viele und immer mehr junge Leute. Das Erbe des Jazz und der gegebene Spielraum für Jazz-Akteure, um sich kreativ damit auseinanderzusetzen: Wir sprechen über ein generationenübergreifendes Thema, das genauso fesselnd sein sollte, wie die packenden Live-Sessions, die auf der Urban Jazz Experience 2023 zu erwarten sind.

Jochen Axer und das Team des King Georg