Ahmad Jamals 90. Geburtstag

Er zählt seit mehr als 60 Jahren zu den Top-Pianisten der Jazz-Welt – und ist auch im hohen Alter noch aktiv. 


Ahmad Jamal

                                                                                                                           

Am 2.7.2020 ist der 90. des Pianisten und Komponisten Ahmad Jamal, der seit mehr als 60 Jahren zu den Top-Pianisten der Jazz-Welt gezählt wird und auch in seinem hohen Alter noch immer aktiv und gefragt ist.

Ahmad Jamal wurde am 2. Juli 1930 in Pittsburgh, Pennsylvania, USA, als Frederick Russell »Fritz« Jones geboren. Er konnte schon als kleines Kind Melodien nach Gehör nachspielen. Ab 7 erhielt er Klavierunterricht und wurde von den wunderbaren Jazz-Pianisten aus Pittsburgh wie  Earl Hines, Billy Strayhorn, Mary Lou Williams und Erroll Garner beeinflusst. 1950 konvertierte er zum Islam – wie es damals viele Afroamerikaner machten – und nahm den Namen Ahmad Jamal an. Ab 1951 nahm er mit seinem Trio Three Strings (Klavier – Gitarre – Bass) für das Okeh Label auf. Hier »A Gal In Calico« von 1952 (nur Audio): 

1957 änderte er den Sound, indem er die Gitarre durch das Schlagzeug ersetzte. Er spielte mit Bassist Israel Crosby und Drummer Vernel Fournier als Hausband in Chicago’s Pershing Hotel. Dort entstand 1958 die Live-Aufnahme, seinen USA-weiten Durchbruch bedeutete – »At the Pershing: But Not for Me«, darauf auch sein bis heute größter Hit »Poinciana« (nur Audio): 

Die LP blieb zwei Jahre lang auf den amerikanischen Jazz-Charts. Dieser Erfolg etablierte Jamal in USA. Er hat seitdem nie mehr als Sideman gearbeitet, nur als Band Leader. Und es folgte eine Kette von live aufgenommenen LPs. Sein Stil zeichnete sich dadurch aus, dass er Raum in der Musik ließ, aber auch dramatische Momente schuf durch drastische Wechsel in Rhythmus und Tempo. Miles Davis und viele andere MusikerInnen nannten ihn als Inspirationsquelle.

Hier ist er mit seinem Trio in einer Fernsehaufnahme in NYC 1960 (gemischt mit Aufnahmen von Ben Webster’s Band): 

Das Geld, das er mit seinen Plattenaufnahmen eingenommen hatte, investierte er clever, u.a. in ein eigenes Restaurant »The Alhambra« in Chicago, wo er eine weitere Live-Aufnahme einspielte (nur Audio):

Die gute finanzielle Situation erlaubte ihm, sich drei Jahre lang aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen. 1964 kam er zurück mit Bassist Jamil Nasser und neuer LP »Extensions« (nur Audio): 

Er begann sich stärker auf Eigenkompositionen zu konzentrieren. Ab ca. 1970 setzte er Keyboards parallel zum Klavier ein. Seine Musik war zunehmend auf den europäischen Festivals gefragt. Hier ist er mit „Manhattan Reflections“ 1971 in Montreux (nur Audio):

Ebenfalls 1971 spielte er mit seinem Trio mit Jamil Nasser + Frank Gant in Paris:

Je mehr ab Ende der 1970er Jahre Straight Ahead Jazz wieder angesagt war, umso weniger griff er noch zu elektrischen Instrumenten. Um seinem Trio-Sound über die inherente dramatische Gestaltung hinaus mehr Abwechslung zu verleihen, begann er Gastmusiker dazu zu nehmen. Hier spielt er mit Gary Burton in Cannes 1981: 

Die Pianistin Marian McPartland lud ihn 1985 in ihre Radio-Reihe Piano Jazz ein, wo er mit ihr spielte und über seine Karriere sprach (nur Audio):

Zu dieser Zeit erlebte ich Ahmad Jamal zum ersten Mal live auf dem North Sea Jazz Festival in Den Haag und war begeistert von seiner Dynamik. Hier spielt er mit James Cammack + David Bowler in Den Haag 1989:

Zum Glück hatte ich in den letzten 35 Jahren eine Vielzahl von Gelegenheiten, ihn live zu erleben. Er trat auch immer öfter in Deutschland auf. Hier ist er mit John Heard + Yoron Israel in München 1993 

Ahmad Jamal war nie ein Anhänger des gleichberechtigten Trios. Er agierte vielmehr als wohlwollender Diktator, was auch auf der Bühne immer wieder sichtbar wurde. 1998 erzeugte er ein faszinierendes Klangbild durch die Zusammenarbeit mit Steeldrummer Othello Molineaux, hier mit James Cammack + Idris Muhammad in Poznan, Polen:

Ahmad Jamal hat über seine gesamte Karriere eine ungewöhnliche Kombination aus musikalischer Sensibilität und knallhartem Business Sense gezeigt. Ich erinnere mich an eine Ausgabe der Leverkusener Jazztage, wo Ahmad Jamal angekündigt war und auch anreiste, aber dann einen Gagenpoker startete mit dem Argument, die Fernsehaufnahme sei durch den Vertrag und die Gage nicht abgedeckt. Keiner gab nach, er trat nicht auf. 

Tatsächlich wurde er in den letzten zwanzig Jahren sehr häufig gefilmt

Mit seinem Trio mit James Cammack + James Johnson + George Coleman in Marciac 2000

Mit seinem Trio mit James Cammack + Idris Muhammad bei Jazz Baltica in Salzau 2001 

Mit seinem Trio mit James Cammack + Idris Muhammad in Grenoble 2008 

Mit seiner Band mit James Cammack + Herlin Riley + Manolo Badrena + Yusef Lateef in Marciac 2011

Mit seiner Band mit Reginald Veal + Herlin Riley + Manolo Badrena + Yusef Lateef im Olympia, Paris, 2012 

2013 luden Wynton Marsalis und das Lincoln Center Jazz Orchestra ihn und seine Band mit Reginald Veal + Herlin Riley + Manolo Badrena ins Lincoln Center, NYC, ein

Mit seiner Band mit Reginald Veal + Herlin Riley + Manolo Badrena und »Blue moon« in Marciac 2014 

Finanziell betrachtet muss er sicherlich schon sehr lange nicht mehr auftreten, will es aber immer noch. Und es ist beneidenswert, wie geistig und pianistisch frisch er noch immer wirkt. 2013 gab er ein Interview in Marciac:

2018 spielte er beim Leopolis Jazz Fest in der Ukraine mit seiner Band mit James Cammack + Herlin Riley + Manolo Badrena:

In höherem Alter nahm er gelegentlich talentierte PianistInnen unter seine Fittiche, so etwa die Japanerin Hiromi und aktuell den aserbaidschanischen Pianisten Shahin Novrasli, hier im Gespräch 2019: 

Wünschen wir dem Meisterpianisten Ahmad Jamal, dass er sich und uns diese Frische und Spielfreude noch einige Jahre erhalten kann.

Text: Hans-Bernd Kittlaus