Bessie Smith (voc) Louis Armstrong (cornet)  Fred Longshaw (organ),  1925


Klassischer geht´s nicht mehr. »The St. Louis Blues« war und ist der erste  klassische Blues, von W. C. Handy 1914 geschrieben, der als Song der populären Musik langfristig Erfolg hatte. Und ist damit gleichzeitig Jazz-Standard und Evergreen.

Insbesondere die Interpretation von Bessie Smith und Louis Armstrong verhalfen dem Song zu großer Popularität. Aber natürlich soll auch die Version des Komponisten W.C.Handy hier gewürdigt werden, eine Aufnahme aus der Ed Sullivan Show 1949: 

Es geht weniger um die Stadt St.Louis, vielmehr erzählt der Text von einer  raffinierten Frau aus dieser Stadt, die der Sängerin den Freund ausgespannt hat.

Der gesamte veröffentlichte Text ist, wie oft bei einem Blues, spannend genug, um ihn hier wiederzugeben:

I hate to see de ev’nin‘ sun go down,
Hate to see de ev’nin‘ sun go down
Cause ma baby, he done lef‘ dis town.
Feelin‘ tomorrow lak ah feel today,
Feel tomorrow lak ah feel today,
I’ll pack my trunk, make ma git away.

Saint Louis woman wid her diamon‘ rings
Pulls dat man ‚roun‘ by her apron strings.
‚Twant for powder an‘ for store-bought hair,
De man ah love would not gone nowhere, nowhere.
Got de Saint Louis Blues jes as blue as ah can be.
Dat man got a heart lak a rock cast in the sea.

Or else he wouldn’t have gone so far from me. Doggone it!
I loves day man lak a schoolboy loves his pie,
Lak a Kentucky Col’nel loves his mint an‘ rye.
I’ll love ma baby till the day ah die.

Been to de gypsy to get ma fortune tole,
To de gypsy, done got ma fortune tole,
Cause I’m most wile ‚bout ma Jelly Roll.
Gypsy done tole me, „Don’t you wear no black.“
Yes, she done told me, „Don’t you wear no black.

Go to Saint Louis, you can win him back.“
Help me to Cairo, make Saint Louis by maself,
Git to Cairo, find ma old friend Jeff,
Gwine to pin maself close to his side;
If ah flag his train, I sho‘ can ride.
Got de Saint Louis Blues jes as blue as ah can be.
Dat man got a heart lak a rock cast in the sea.

Or else he wouldn’t have gone so far from me. Doggone it!
I loves day man lak a schoolboy loves his pie,
Lak a Kentucky Col’nel loves his mint an‘ rye.
I’ll love ma baby till the day ah die.

You ought to see dat stovepipe brown of mine,
Lak he owns de Dimon‘ Joseph line,
He’d make a cross-eyed o’man go stone blin‘.
Blacker than midnight, teeth lak flags of truce,
Blackest man in de whole of Saint Louis,


Blacker de berry, sweeter am de juice.
About a crap game, he knows a pow’ful lot,
But when worktime comes, he’s on de dot.
Gwine to ask him for a cold ten-spot,
What it takes to git it, he’s cert’nly got.

Got de Saint Louis Blues jes as blue as ah can be.
Dat man got a heart lak a rock cast in the sea.
Or else he wouldn’t have gone so far from me. Doggone it!
I loves day man lak a schoolboy loves his pie,
Lak a Kentucky Col’nel loves his mint an‘ rye.
I’ll love ma baby till the day ah die.

Extra choruses:
A black-headed gal makes a freight train jump the track, said a black-headed
Gal makes a freight train jump the track,
But a long tall gal makes a preacher ball the jack.

Lawd, a blonde-headed woman makes a good man leave the town, I said
Blonde-headed woman makes a good man leave the town,
But a red-headed woman makes a boy slap his papa down.

Oh, ashes to ashes and dust to dust, I said ashes to ashes and dust to dust,
If my blues don’t get you, my jazzing must.

(nicht autorisierte eigene Übersetzung)

Ich hasse es, die Sonne untergehen zu sehen,
Hasse es, die Sonne untergehen zu sehen
Weil mein Baby, er hat die Stadt verlassen.
Fühle den morgigen Tag, wie ich mich heute fühle,
Fühle morgen, wie ich mich heute fühle,
Ich packe meinen Koffer und verschwinde.

Eine Frau aus St. Louis mit ihren Diamantenringen
Zieht den Mann an ihren Schürzenbändern herum.
Sie will Puder und gekauftes Haar,
Der Mann, den sie liebt, würde nirgendwo hingehen, nirgendwo.
Hat den Saint Louis Blues, so blau wie ich nur sein kann.
Der Mann hat ein Herz wie ein Fels in der Brandung.

Sonst hätte er sich nicht so weit von mir entfernt. Verdammt noch mal!
Ich liebe den Mann wie ein Schuljunge seinen Kuchen,
wie ein Kentucky Col’nel seine Minze und seinen Roggen.
Ich liebe mein Baby bis zu meinem Todestag.

Ich war bei der Zigeunerin, um mein Vermögen zu holen,
Bei der Zigeunerin hab ich mein Glück gemacht,
Denn ich bin ganz verrückt nach meinem Jelly Roll.
Die Zigeunerin sagte zu mir: „Zieh kein Schwarz an.“
Ja, das hat sie mir gesagt: „Trag bloß kein Schwarz.

Geh nach St. Louis, du kannst ihn zurückgewinnen.“
Hilf mir nach Kairo, mach Saint Louis selbst,
Geh nach Kairo, finde meinen alten Freund Jeff,
Ich will mich an seine Seite heften;
Wenn ich seinen Zug beflagge, kann ich bestimmt mitfahren.
Habe den Saint Louis Blues, so blau wie ich nur sein kann.
Der Mann hat ein Herz wie ein Fels in der Brandung.

Sonst hätte er sich nicht so weit von mir entfernt. Verdammt noch mal!
Ich liebe den Mann wie ein Schuljunge seinen Kuchen,
wie ein Kentucky Col’nel seine Minze und seinen Roggen.
Ich werde mein Baby bis zu meinem Tod lieben.

Ihr solltet mal mein braunes Ofenrohr sehen,
Als ob ihm die Dimon‘ Joseph-Linie gehört,
Er würde einen schielenden Mann zum Blinzeln bringen.
Schwärzer als Mitternacht, Zähne wie Waffenstillstandsflaggen,
Der schwärzeste Mann in ganz St. Louis,

Schwärzer als die Beere, süßer als der Saft.
Wenn es um ein Spiel geht, weiß er eine Menge,
Aber wenn’s an die Arbeit geht, ist er zur Stelle.
Ich will ihn um einen kalten Zehner bitten,
Was man braucht, um es zu kriegen, das hat er ganz sicher.

Er hat den Saint Louis Blues, so blau, wie man nur sein kann.
Der Mann hat ein Herz wie ein Fels in der Brandung.
Sonst hätte er sich nicht so weit von mir entfernt. Verdammt noch mal!
Ich liebe den Mann wie ein Schuljunge seinen Kuchen,
wie ein Kentucky Col’nel seine Minze und seinen Roggen.
Ich liebe mein Baby bis zu meinem Todestag.

Extra Refrains:

Ein schwarzhaariges Mädel  lässt einen Güterzug aus dem Gleis, sagte, ein schwarzhaariges Mädel lässt einen Güterzug aus dem Gleis springen,
Aber ein langes, großes Mädel lässt einen Prediger den Buben bumsen.

Eine blonde Frau bringt einen guten Mann dazu, die Stadt zu verlassen sagte ich,
Eine blonde Frau bringt einen guten Mann dazu, die Stadt zu verlassen,
Aber eine rothaarige Frau bringt einen Jungen dazu, seinen Papa zu ohrfeigen.
Oh, Asche zu Asche und Staub zu Staub, ich sagte, Asche zu Asche und Staub zu Staub,
Wenn mein Blues dich nicht kriegt, muss mein Jazzen („aufpeppen“) es schaffen.

Noch eine Version von und mit Louis Armstrong mit der Sängerin Velma Middleton, außerdem:  Trummy Young (tb), Barney Bigard (cl), Billy Kyle (p), Arvell Shaw (sb), Barrett Deems (dm) aus dem Jahr 1954)

Der Titel des Liedes wurde auch der Namensgeber des US-amerikanischen Profi-Eishockey-Teams The St. Louis Blues aus St. Louis, Missouri.

In den vielfachen Coverversionen (ca. 130 !!) wurden der Melodie ganz unterschiedliche Rhythmen und Ausdrucksformen unterlegt. Beispiele mögen sein:

Benny Goodman & His Orchestra (1938, Carnegie Hall)
Dave Brubeck – piano Paul Desmond – alto saxophone Eugene Wright – bass Joe Morello – drums (1964)

Und aus neuester Zeit:

Hugh Lauire  (2013)

Selbst als Musikfilm kam der Titel, die Melodie und der Text früh zu Ehren mit Bessie Smith als Darstellerin und Sängerin und  dem Fletcher Henderson Orchester, 1929). Hier der gesamte 15minütige Film (Song ab 6:20):

Und damit: Es war Bessie Smith´Lied und sogar der kurze Film hörenswert!


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Cannonball Adderley Quintet: Cannonball Adderley (alto saxophone); Nat Adderley (cornet); Joe Zawinul (acoustic & electric pianos); Victor Gaskin (bass); Roy McCurdy (drums) 1966

Eine Melodie, die heute viele gar nicht originär dem Jazz zuordnen mögen. Aber Joe Zawinul hat sie 1966 für die Sängerin Esther Marrow geschrieben, durch das Album  »Mercy, Mercy, Mercy! Live at ‚The Club« des Cannonball Adderley Quintet mit Joe Zawinul am Wurlitzer-Piano wurde sie sehr bekannt.

Das gesamte Album ist sehr hörenswert.

1968 mit einem Grammy ausgezeichnet und mit einem Text von Marlena Shaw unterlegt, wurde das Stück immer wieder auch in neuerer Zeit neu interpretiert. Hier ganz unterschiedliche Beispiele von Maceo Parker und Nils Landgren:

Mit Text eine mitreißende, klassisch arrangierte  Version von Queen Latifah:

(Lyrics Marlena Shaw)

It seems life has played a game on me
I’m lost in a sea of misery
My love has turned her back on me
Heartaches, why won’t you let me be?

I said now, baby, have some mercy please
Don’t leave me, baby, on bended knee
Oh please, mercy, mercy, mercy please
Have mercy on me
Mercy, mercy, mercy please

How can I face life without you
What would I do if we were through?

Don’t you know, love
I wait for you every single night
Hoping you’ll return and make things right
You don’t show and I’m sitting here all alone
To pray you’re gonna call me on the phone


Baby, have some mercy please
Don’t leave me, baby, on bended knee
Oh please, mercy, mercy, mercy please
Have mercy on me
Mercy, mercy, mercy please

You know I love you and I’m begging
For one more chance, one chance, once more

I know life’s got many a twist
Loving you, baby, is a thing I can’t resist
Your love and understanding you’ve been giving me
Without it, I just can’t go on living

Baby, have some mercy please
Don’t leave me, baby, on bended knee
Oh please, mercy, mercy, mercy please
Have mercy on me
Mercy, mercy, mercy please
Have mercy on me.

Und noch eine Instrumentalversion von Buddy Rich:


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

 Chick Corea – Fender Rhodes electric piano; Stanley Clarke – double bass; Joe Farrell – flute, soprano saxophone, tenor saxophone; Airto Moreira – drums, percussion; Flora Purim – vocals, percussion 

Als Erinnerung und Verbeugung vor der Lebensleistung von Chick Corea kann anlässlich seines Todes vor einigen Tagen heute nur »Spain« als Lieblingssong ausgewählt werden. 

Diese Melodie ist das bekannteste Stück von Chick, der mit den Alben »Bitches Brew« , »Return To Forever« und eben »Light As A Feather« Meilensteine de Jazz Anfang der 1970er Jahre gesetzt hat. Unfassbar kreativ und immer wieder auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen prägte er den Jazz-Rock und Fusion-Jazz in beeindruckender Weise bis in die Neuzeit.

Chick und sein Leben haben an anderer Stelle einen eigenen Beitrag verdient. Deshalb seien hier nur einige der unendlich vielen Versionen seines »Spain« aufgeführt und vorgeschlagen.

Einer meiner Favoriten ist sicher die Gitarrenversion mit  den Großmeistern  Al Di Meola, John McLaughlin, Paco De Lucia:

In ganz unterschiedlicher Weise haben Künstler gemeinsam mit Chick Corea oder auch eigenständig diese Melodie und Idee immer wieder genutzt und neu interpretiert.

Hier ein Beispiel von Chick mit Bobby McFerrin aus dem Jahr 2012 (Wien):

Und eine Version von Stevie Wonder (2008, London)

Chick war auch im hohen Alter aktiv wie kaum jemand: Eine Aufnahme aus 2018 im Alter von 76 Jahren (San Sebastian):

Chick Corea – Piano, John Patitucci – Bass, Dave Weckl – Drums, Gary Burton – Vibraphone,  Wallace Roney – Trumpet, Joshua Redman – sax  – Japan, Parthenon Concerts

Und schließlich wieder eine Version mit Chick Corea selbst, der in der letzten Dekade seines unermüdlichen Schaffens unter Nutzung klassischer Stilemente auch symphonischen Klang entwickelte:

Und die nächsten Touren dieser Reihe waren geplant für 2021 und 2022 – leider werden wir sie nicht mehr erleben können.

Danke, Chick Corea!

Rest in Peace.


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Pünktlich zum 14. Februar in einer Woche sei noch einmal an ein musikalisches Stück erinnert, dessen Text jeden Tag zum Valentinstag erklärt für diejenigen, die – jenseits aller Eigenheiten – sich lieben:

Oft gespielt, selten erreicht:  Die erste Jazz-Aufnahme von »My Funny Valentine« stammt aus dem Jahr 1952, wie hier wiedergegeben mit der Gerry Mullligan Band. Ursprünglich war »My Funny Valentine« eine Ballade aus dem Broadway-Musical »Babes in Arms«, komponiert von Richard Rodgers (Text: Lorenz Hart) aus dem Jahr 1937.

Zunächst wenig bekannt, wurde sie ab 1952 zum Jazz-Standard, den zwischenzeitlich auch in der populären Musik eine Vielzahl von Künstlern bearbeitet haben. Für den Durchbruch 1952 verantwortlich war der Bassist Carson Smith, der zusammen mit Chet Baker in der Gerry Mulligan Band spielte. Keiner von Smiths Bandkollegen kannte das Stück, also kritzelte er die Akkorde auf ein Stück Papier und sang ihnen die Melodie vor. Rodgers hatte in der ersten Phrase ein eindringliches Thema vorgegeben, das er dann immer wieder erforschte und jedes Mal subtil veränderte. Die Melodie stieg immer weiter an und erzeugte eine Spannung, die sich mit den Worten »Stay, little valentine, stay!« zu einem Höhepunkt steigerte.

Zitiert sei aus Chet Bakers Biografie:

»Mulligan und Smith entwarfen ein Konzept, das Baker in den Mittelpunkt stellte. Hier hatte der Trompeter kein ausgeklügeltes Arrangement, hinter dem er sich verstecken konnte, also spielte er die Melodie so, wie sie geschrieben stand, und dehnte ihre langsamen, sparsamen Phrasen, bis sie zu schmerzen schienen. Sein gedämpfter Ton zog das Ohr in seinen Bann; er suggerierte eine Tür, die in einer dunklen Nacht der Seele aufgestoßen und dann wieder geschlossen wurde, als die letzte Note verklang. Smith konterte die aufsteigende Melodie mit einer absteigenden Linie von Viertelnoten, bedrohlich wie das Ticken einer Uhr in der Dunkelheit. Er beendete das Stück versehentlich in einer Moll-Tonart statt in der Dur-Tonart des Notenblatts, was der Platte einen letzten, unheimlichen Touch gab.«

Und damit auch den Ton der Textes von Lorenz Hart punktgenau traf:

Sweet comic Valentine
You make me smile with my heart
You’re looks are laughable
Unphotographable

Yet you’re my favorite work of art
Is your figure less than Greek?
Is your mouth a little weak?
When you open it to speak

Are you smart?
Don’t don’t change a hair for me
Not if you care for me
Stay little Valentine, stay
Each day is Valentine’s Day

Den Text wunderbar genutzt haben der Trompeter Chris Botti , der zwar fälschlicherweise Miles Davis als Komponist nennt (was aber wegen dessen sehr bekannter Version entschuldbar ist ), gemeinsam mit Sting, der nicht weniger als ein öffentliches Liebesbekenntnis an seine im Publikum sitzende Ehefrau  Trudi Styler  ablieferte.

Und noch vielleicht noch eine andere Version dieser Melodie mit Michel Petrucciani (Piano), Miroslav Vitous (Bass) und Steve Gadd (Schlagzeug)  (München 1997) ..ab 18:25 min (aber das gesamte Konzert lohnt sich!). 


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Make everybody happy« – das könnte der Titel dieses von Bill Evans komponierten Stücks auch sein. Tatsächlich ist nicht hundertprozentig sicher, für welche Person Bill das Stück geschrieben und gespielt hat, angeblich soll seine Nichte ihn inspiriert haben… oder doch eine Unbekannte? Der im Titel genannte Name war jedenfalls derjenige seiner Mutter, wie er selbst erklärt hat: »It was her laughter, her joy. It put the biggest smile on my face – and I didn’t even realize it. Perhaps because she made living life look so natural, and so I couldn’t help but only look from afar. So instead, I thought of writing a waltz for her. Yet, there was a problem. I was too shy to ask for her name…so I thought of a beautiful name, and I knew the idea of her would be no better than the light and warmth of my mother, Debby«. Und dann spielt es auch keine Rolle, ob das Stück ein Walzer im herkömmlichen Sinne ist (natürlich nicht!).

Über den Pianisten Bill Evans (geb. 1929, gest. 1980) zu schreiben, würde Seiten, wenn nicht ein Buch füllen. Wenn der Begriff »cool« auf irgendeinen Jazzer zutrifft, dann auf ihn. Und zuhören könnte ich ihm stundenlang… also wer Lust hat, mag sein Album »Waltz For Debby« aus dem Jahr 1961 anhören und seine Seele beruhigen. Es stammt aus seiner großartigen Trio-Zeit 1959-1961 mit Scott LaFaro (Bass) und Paul Motian (Drums), die durch den Unfalltod von LaFaro nur einige Tage nach den Aufnahmen für das Album 1961 abrupt endete. 

0:00 My Foolish Heart 4:54 Waltz for Debby (Take 2) (Album Version) 11:54 Detour Ahead (Live / Take 2) 19:29 My Romance 26:42 Some Other Time 31:48Milestones 38:21 Waltz For Debby (Live / Take 1) 45:11 Detour Ahead (Live / Take 1) 52:25 My Romance (Live / Take 2) 59:41 Porgy (I Loves You, Porgy

Bill Evans blieb in den Folgejahren der Trio-Besetzung treu und spielte überwiegend mit Chuck Israels (Bass) und Larry Bunker (Drums); aus dieser Zeit (1965) ist ein Live-Video verfügbar:

Wer Lust hat, dann auch noch spätere Entwicklungen von Bill Evans in der Zeitspanne 1964-1975 optisch und musikalisch zu begleiten, der kann dies mit einem Zusammenschnitt fünf verschiedener Konzertaufnahmen aus diesen Jahren gerne tun:

Sweden ’64 My Foolish Heart 0:00 Israel 4:40, France ’65 Detour Ahead 9:09 My Melancholy Baby 14:16, Denmark ’70 Emily 23:20 Alfie 27:50 Someday My Prince Will Come 33:05, Sweden ’70 If You Could See Me Now 38:33 ‚Round Midnight 42:30 Someday My Prince Will Come 48:36 Sleepin‘ Bee 54:21 You’re Gonna Hear From Me 58:59 Re: Person I Knew 1:01:56, Denmark ’75 Sareen Jurer 1:07:38 Blue Serge 1:13:50 Up With The Lark 1:18:29 But Beautiful 1:25:06 Twelve Tone Tune Two 1:30:19

Und auf sein maßgebliches Mitwirken auf dem legendären Album »Kind Of Blue« im Miles Davis Quintett/Sextett mit Cannonball Adderley, John Coltrane, Paul Chambers und Jimmy Cobb 1959 sei dann in einem eigenen Beitrag eingegangen…..


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Gitarre: George Benson, Orgel: Lonnie Smith, Baritonsaxophon: Ronnie Cuber, Schlagzeug: Jimmy Lovelace

Ein frühes und wunderbares Stück von und mit George Benson aus dem Jahr 1966. George Benson (geb. 1943) kann als Gitarrist und Sänger auf eine beachtliche, auch kommerziell sehr erfolgreiche Karriere zurückblicken – und ist immer noch mit Tourneen unterwegs!  Seine unbestrittene Gitarrenkunst im Jazz-, Fusion- und Soul-Stil hat er oft in Richtung Disco und Pop genutzt, zunehmend kombiniert mit seinem Scat-Gesang. Er startete mit Wes Montgomery, spielte mit Miles Davis und Lou Donaldson.

Sein größter Erfolg war das Album »Breezing« mit dem Stück »The Masquerade«. Nach dem Album beziehunsgweise dem darauf enthaltenen gleichnamigen Titel benannte er Ende der 1970er Jahre auch seinen eigenen Jazzclub »Breezin Lounge« in Harlem. Er landete eine Vielzahl von Hits, seine Bilanz in den R&B-Charts ist mit 25 Hits nicht weniger als beeindruckend.

Daher also hier der Erfolg »Breezing« aus dem Jahr 1976:

Und das Soul-Stück von Leon Russell: »The Masquerade«

Are we really happy 
with this lonely game we play
Looking for words to say 
Searching but not finding understanding anyway 
We’re lost in this masquerade 
Both afraid to say we’re just too far away 
From being close together from the start 
We tried to talk it over but the words got in the way 
We’re lost inside this lonely game we play 
Thoughts of leaving disappear 
Every time I see your face 
No matter how hard I try 
To understand the reason why 
We carry on this way 
We’re lost in a masquerade 
We could just start over 
But it’s oh so hard to do 
When you’re lost in a masquerade

Und schließlich mit dem phantastischen Dizzy Gillespie zusammen ein wirklich Spaß machender »Doppel-Scat«, der sogar die Band mit in Wallung bringt (siehe 1:33 – the trumpet…) 

George Bensons Improvisationsideen lassen sich gut bei den bekannteren Stücken vom Monterey Festival 1965 mit den umfangreichen Stücken  »Spanish Lady« aus 1965 und »If Only We Knew« nachvollziehen.


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

John Handy (Altsaxophon), Michael White (Violine), Mike Nock (Piano) Bruce Cale (Bass), Larry Hancock (Drums)

Weniger bekannte Perlen machen besonders Spaß, wenn man sie findet. In diese Kategorie ordne ich »Three In One« ein, ein Stück aus der starken Phase von John Handy (geboren 1933) , der in den  Jahren 1958 und 1959 mit Charles Mingus arbeitete, dort zu hören auf dessen klassischem Album »Mingus Ah Um«, dann auch 1964 mit ihm auf dem Monterey Festival spielte , wo er 1965 mit eigener Band erneut auftrat. 1968 gründete er eine neue Band in der oben genannten Besetzung, die 1968 das Album »Projections« aufnahm, aus dem der Song »Three In One« stammt. Handy kam aus dem Bebop, um gerade mit Charles Mingus neue Dinge auszuprobieren. Er hat dies mit individuellem Stil, teilweise abstraktem Spiel und der Einbeziehung von klassischen Elementen sowie Stilelementen der indischen Musik zeit seines Lebens umgesetzt.

Seine Improvisationsideen lassen sich gut bei den bekannteren Stücken vom Monterey Festival 1965 mit den umfangreichen Stücken  »Spanish Lady« aus 1965 und »If Only We Knew« nachvollziehen.

John Handy (as), Michael White (violin), Gerry Hahn (guitar), Donald Thompson (bass), Terry Clarke (drums)
John Handy (as), Michael White (violin), Gerry Hahn (guitar), Donald Thompson (bass), Terry Clarke (drums)

Mit seinen späteren Arbeiten hat er sich nicht mehr so spürbar in der Weiterentwicklung des Jazz durchgesetzt, war aber immer uneingeschränkt aktiv und hörenswert und erreichte teilweise durchaus ein breiteres Publikum. Dazu noch seinen (fast) Pophit »Hard Work« aus dem Jahr 1976, der auch heute absolute Partyqualität hat:


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Für Lou Donaldson eine Art Erkennungsmelodie – und damit zugleich hier eine Verbeugung vor einem der Jazz-Heroen (geboren 1926) mit einer Aufnahme aus 2014 (Washington D.C., 75-Jahr-Feier der Blue Note Records), also im Alter von 88 Jahren, zu deren Beginn er eine Lanze für den Straight-Ahead-Jazz bricht. Und der Text hat auch eine Wiedergabe verdient:

She’s a whiskey drinkin‘ woman

She drinks whiskey all the time

100 proof without a chaser

Yes, she’s a whiskey drinkin‘ woman

She drinks whiskey all the time

Nothing but full roses she loves it she loves it

Yes, but I love that woman

Because she’s mine oh mine oh mine

Ow!

She drinks whiskey every morning

She drinks whiskey every night

She drinks whiskey when we lovin‘

She drinks whiskey when we fight

She a whiskey drinkin‘ woman

Drinks whiskey all the time.

Yes, but I love that woman

Because she’s mine oh mine oh mine

The day that we got married

She was all dressed in white

I told her when the preacher come

Keep that bottle out of sight.

But she’s a whiskey drinkin‘ woman

Had to have that whiskey all the time

Yes, but I love that woman

Because she’s mine oh mine oh mine

She puts whiskey in her cornflakes

She puts whiskey in her beer

She can’t stand strong perfume

So she puts whiskey behind her ear

Yeah, she’s a whiskey drinkin‘ woman

Drinks whiskey all the time

Yes, but I love that woman 

Because she’s mine oh mine oh mine

She puts whiskey in her coffee

She puts whiskey in her tea She puts whiskey in her whiskey

And the puts the rest of it into me

Yeah, she’s a whiskey drinkin‘ woman

She drinks whiskey all the time

Yes, but I love that woman

Because she’s mine oh mine oh mine.

Lou Donaldsen steht für BeBop, HardBop, Blues und Jazz-Soul. Wer mehr von ihm hören will, hier ein Konzert aus 2004 (Alter 78!):

Lou Donaldson Quartet feat Lonnie Smith live mit den Stücken »Blues Walk«, »It Was A Dream«, »Alligator Bogaloo«, »Whiskey Woman«, »Cherokee«, »Midnite Creeper«, »Gravy Train« und in der Besetzung Lou Donaldson, Dr. Lonnie Smith (organ) Randy Johnston (g) y Fukushi Tainaka (dr).

Insbesondere mit Dr. Lonnie Smith spielte er lange Jahrzehnte zusammen, früher mit Art Blakey, Jimmy Smith und vielen anderen. Inzwischenhat Lou Donaldson sich zurückgezogen.

Hier noch eine ältere Aufnahme aus 1981, die ich gefunden habe, in der nicht die Hammond B3 gespielt wird, sondern der Flügel (allerdings ist Herman Foster nahezu nicht zu sehen):

Donaldson (alto sax & vocals); Herman Foster (piano); Jeff Fuller (bass); Fukushi Tainak (drums).

Und zum Abschluss ein Zitat von  Lou:

»Playing jazz without the blues is like cooking potatoes without salt. You have something, but it doesn’t have any flavour. The Blues are at the heart of everything I do. Even if I’ve added some Latin flavours – and I was the first to put in a conga player – it’s still the blues.«


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Junger Jazz, Lyrik und Blues, zu finden auf dem Album »The Imagined Savior Is Far Easier To Paint« von Ambrose Akinmusire, veröffentlicht 2013/2014. Im Vordergrund die Stimme der somalisch-kanadischen Singer-Songwriterin Cold Specks (heute wieder unter ihrem bürgerlichen Namen Ladan Hussein), die den lyrischen Text zu der Geschichte der Cyntoia Brown beisteuert und vorträgt – niemand kann sich dieser Stimme entziehen, bitter und seufzend. Und der Trompeter Ambrose Akinmusire findet eine großartige musikalische Basis für die Geschichte einer Frau, die mit 16 Jahren einen Mann, der sie sexuell ausnutzt, erschießt, 2004 zu einer  lebenslangen Haftstrafe verurteilt und 2019 begnadigt wird. Die Frage, ob sie Täterin (als Mörderin und Räuberin) oder Opfer ist, wird auch im Text nicht eindeutig beantwortet. Das bleibt so unklar, wie die Erkenntnisse aus dem Gerichtsverfahren waren – siehe auch den Netflix-Film zum Thema von 2020, der deutlich manipulativer gegen das System der US-Justiz gerichtet ist. Viele Fragen hierzu bleiben in jedem Fall unbeantwortet, so die Anwendung von Erwachsenenstrafrecht auf eine 16-jährige. Genauso relevant ist aber, dass Cyntoia Brown gekämpft hat, sich in den 15 Jahren Gefängnis durch mehrere Studien weiterbildete und auch dadurch die Voraussetzungen für ihre Freilassung erreichte.

Hier der Original- Text mit nicht autorisierter eigener Übersetzung:

At first light
Collect your thoughts
Run on by
I will drag your heart
Cross the floor
Slip right under
The burden of thee
Fragments of the past
Well they always come rushing on back
I slither along with them
Ceaseless inexhaustible child
Done and dusted from the get go
I’m done and dusted

At first light
Every crime lives on
They glint and gleam for me
They glint and gleam for me
Glint and gleam for me
There I go again
Slipped under the burden of it
Done and dusted
I’m

Ceaseless inexhaustible child
They slither along with me, slither along
They always come crawling back
Fragments of the past
They always come rushing on back
At first light, every crime lives on
There I go again
Slipped under the burden of you

There I go again
There I go again
There I go again
Done and dusted

Ceaseless inexhaustible child
You’re done and dusted

Beim ersten Licht

Sammle deine Gedanken

Lauf vorbei

Ich werde dein Herz ziehen

Über den Boden

Schlüpfe direkt darunter

Die Last von dir

Fragmente der Vergangenheit

Nun, sie kommen immer zurückgerauscht

Ich schlittere mit ihnen mit

Unermüdliches, unerschöpfliches Kind

Erledigt und  verdreckt von Anfang an

Ich bin fertig und beschmutzt

Beim ersten Licht

Jedes Verbrechen lebt weiter

Sie glitzern und schimmern für mich

Sie glitzern und schimmern für mich

Sie glitzern und glänzen für mich

Da bin ich wieder

Ich bin unter der Last zerbrochen

Erledigt und verschmutzt

Ich bin

Unermüdlich unerschöpfliches Kind

Sie schlittern mit mir mit, schlittern mit

Sie kommen immer zurückgekrochen

Fragmente der Vergangenheit

Sie kommen immer wieder herbeigeeilt

Beim ersten Licht lebt jedes Verbrechen weiter

Da bin ich wieder.

Ich bin unter der Last von dir gebeugt.

Da gehe ich wieder hin

~ There I go again ~

Es geht wieder los

Erledigt und verdreckt

Unermüdliches, unerschöpfliches Kind

Du bist fertig und beschmutzt

Zurück zur Musik und dem großartigen Trompeter Ambrose Akinmusire, der wie kaum ein zweiter junger Jazzer für die afro-amerikanische Identität steht. Hier ein weiteres Beispiel seiner sehr spezifischen poetischen Kunst:  »Roy« aus seinem Album  »On The Tender Spot Of Every Calloused Moment«.


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.

Giant Steps«, geschrieben und ursprünglich gespielt von John Coltrane auf dem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1960 gilt als eines der am schwersten zu spielenden Stücke der gesamten Jazzliteratur. Gerade deshalb gehört es zum Standard-Repertoire aller Nachwuchs-Saxofonisten. Und für eine Vokalistin ist es vielleicht noch schwieriger – umso großartiger die Fassung von Camille Bertault unter dem Titel »Là Où Tu Vas« und mit einem irrwitzig schnellen eigenen Text, zuerst veröffentlicht auf deren Album »Pas De Géant« (2015). Oben die Aufnahme aus dem Jahr 2018, die mich elektrisiert hatte, mit dem überragenden brasilianischen Gitarristen Nelson Farina, der in vielen Ländern gelehrt viele Arrangements für BigBands geschrieben hat. 

Wer einen Blick aufs Cover des Albums werfen möchte:

Aber natürlich – Ehre, wem Ehre gebührt – hier auch die Originalfassung des Stücks von und mit John Coltrane:

John Coltrane war dafür bekannt, mit ungeprobten Songs ins Studio zu kommen. »Giant Steps« war offenbar keine Ausnahme. Auf der Originalaufnahme spielte Tommy Flanagan (Piano) ein abgehacktes Start-Stopp-Solo, bei dem es so klingt, als würde er ohne angemessene Vorbereitung über Coltranes Änderungen improvisieren. Flanagan griff »Giant Steps« später in seiner Karriere mehrfach in deutlich besserer Form auf.

Und noch eine ganz andere Version in großer Besetzung mit dem NYO auf Europatournee 2018 in Berlin:


Jochen Axer, Unterstützer des King Georg und über die Cologne Jazz Supporters Förderer vieler weiterer Jazz-Projekte, stellt hier jeden Sonntag einen seiner Favoriten vor.