Im besten Alter

Die Karriere des Joe Haider ist ein vielschichtiges Stück Jazzgeschichte, das der Pianist, Komponist und Arrangeur bis in die Gegenwart und auch mit 86 Jahren auf der Bühne voller Inspiration und Spielfreude fortsetzt.


Joe Haider

Man kennt den Topos aus Hollywood nur zu gut. Allenthalben entstehen dort Filme, wo ein reiferer Herr, oder gar eine ganze Gruppe Best-Ager zu Höchstleistungen getrieben werden. Diese Helden werden entweder von Clint Eastwood oder von Tommy Lee Jones gemimt. Und im Zweifel retten sie am Ende die Welt.
Da ist man doch gleich zweimal froh, dass das Wissen der Älteren in bestimmten musikalischen Kreisen eine Normalität ist und nicht extra verfilmt werden muss. Nein, Gesellen wie Marshall Allen und Sonny Rollins zeigen immer wieder und unlängst, dass man im Jazz nicht nur gut altern kann, sondern der Jazz auch gut mit einem reift.
Ein anderes Beispiel: Der 1936 in Darmstadt geborene Joe Haider.

Sitzt, wackelt und hat Luft – nur nicht nach oben!

Jederzeit bereit, auch drei Abende in Folge zu spielen (wie von 16. – 18.5.22 bei uns im King Georg), zeigt sich der renommierte Pianist, Komponist und Arrangeur immer noch in Bestform.
Über den Umweg Stuttgart und eine Ausbildung als Kaufmann, zog es ihn 1960 nach München. In der damals aufkeimenden und schon bald florierenden Szene der Isar-Metropole fühlte sich Haider ausgesprochen wohl, und ein gleichzeitig begonnenes Studium am Trapp’schen Konservatorium (das heutige Richard-Strauss-Konservatorium) verlief auch ganz nach Wunsch, sagt die Geschichtsschreibung. Neben Klausuren und Vorspielen wurden alsbald die Bretter, die die Welt bedeuten, umso wichtiger. Haider machte sich schnell einen Namen und spielte groß auf. Zwischen 1965 und 1968 war er Pianist des Haustrios des gerade eröffneten und alsbald legendären Domicile.
Hier traf er mit Größen des Geschäfts und der Kunst zusammen: Albert Mangelsdorff, Dusko Goykovich, Klaus Doldinger, Benny Bailey – um nur ein paar zu nennen. Er nennt es heute ein »Konservatorium neben dem Konservatorium«. Man spielte jeden Abend. Manchmal nach Lead Sheets, dann wiederum nach Gehör. 

Etwas später, 1974, entstand an der gleichen Stelle eine legendäre Aufnahme: »Give Me A Double« des Slide Hampton-Joe Haider Jazz Orchestra. Mit bereits genannten Benny Bailey, dem legendären Idrees Sulieman (man denke bloß an seine Arbeit mit Mal Waldron) als zweitem Trompeter und natürlich Isla Eckinger am Bass.

Die atemberaubende Aufnahme ist tatsächlich auch heute noch zu erschwinglichen Preisen zu erstehen, wenn man den Plattenmenschen seines Vertrauens fragt. Das eindeutig zweideutige Cover gibt die flirrende Erotik und körperliche Präsenz schon Preis. Das von Joe Haider komponierte »Tante Nelly« nimmt hier eine herausragende Rolle ein: Ein fanatischer Big Band-Sound, klare Vorgaben, viel Platz für die schwindelerregenden Soli, Ack van Rooyen am Flügelhorn, afrokaribischer Charme in den Keys – mit einer fast schon spirituellen Energie spielt sich die Band in einen Rausch. Sitzt, wackelt und hat Luft – aber ganz sicher nicht nach oben!

Blindes Verständnis, intensive Zeit

Das blinde Verständnis von Haider und seinem Bass-Mann Eckinger ist erstaunlich, verwundert allerdings nicht mehr so sehr, wenn man bedenkt, dass die beiden tatsächlich schon jahrelang nahezu täglich zusammenspielten – gemeinsam in der Schweizer Band Four for Jazz (mit Heinz Bigler und Peter Giger), sowie im mittlerweile zweiten Joe Haider Trio. Dazu eben an der Seite anderer Größen.

Eine intensive Zeit, die Haider Mitte der 1980er langsam in eine andere Phase überführte. Hier übernahm er dann die Leitung der Swiss Jazz School in Bern. Nicht ohne Grund legt Haider heute noch Wert darauf, auch »Pädagoge« zu sein. Unter seiner Leitung nahm das Renommee der Schweizer Schule enorm zu. 
Daneben tourte er stets weiter. In verschiedenen Konstellationen ging es durch die Lande: Trio, Quintett, Sextett, Soul Group, Nonett, Big Band und Orchester. Haider komponierte und arrangierte für jede Größe.
Seinen eigenen Kompositionen schenkte er dabei das gleiche Maß an Aufmerksamkeit wie alten und neuen Standards. So sind bis heute die Kompositionen eines Thelonious Monk für ihn geschütztes Kulturgut.

Schon 1971 zeigt er mit seiner Gruppe Four for Jazz ein ausgesprochenes Interesse an der Harmonik Monks. »Flames Of Life« heißt das Stück und klingt so:

1995 endete dann sein Engagement an der Berner Hochschule – still wurde es aber auch damals nicht um ihn. Hervorzuheben ist etwa die elf Jahre währende Zusammenarbeit mit dem Brigitte Dietrich Jazz Orchestra (ab 2000), oder erst unlängst Joe Haider Jazz Orchestra & The Sparklettes »Back to the Roots« von 2018.

Stargast Heinz von Hermann

Ein Einblick in seine eigene Geschichte und Sozialisation mit Swing, Blues und Bop wird hier gegeben. Trotz Nonett-plus-Vokalgruppe-Line-Up gelingt ein intimes Gespräch mit den Hörer*innen – über die Vergangenheit, erste Liebe und den immerwährenden Hang zur Leichtigkeit.

Gleicher Jahrgang wie Haider ist übrigens der zweite Stargast der drei King Georg-Abende, Heinz von Hermann, ebenfalls 1936 geboren. Nur nicht in Darmstadt, sondern in Wien. Von da aus lernte er Geige, bevor er sich der Klarinette zuwandte. Saxofon und Flöte brachte er sich dann gleich auch selber bei. Von Hermann spielte einst bei Max Greger und Paul Kuhn, zwischenzeitlich auch mit Dusko Goykovich in der Munich Big Band. 1996 gründete er dann mit dem King Georg-Session-Host und Kölner Hochschulprofessor Andy Haderer das Quintett Jazzahead.

Für Haider und von Hermann gilt: Es braucht keine große Hollywoodverfilmung ihrer Taten im fortgesetzten Alter. Den wahren Spielfilm kann man jeden Abend erleben. Wenn sie das machen, was sie am besten können: Jazz spielen!

Text: Lars Fleischmann