Erinnerung an einen denkwürdigen Abend. Keith Jarretts Konzert in der Kölner Oper am 24. Januar 1975


Keith Jarrett

Manchmal hat man Glück. 1975 war ich gerade 20 Jahre alt und durfte eine Sternstunde des Jazz miterleben. Eigentlich hatte ich zuvor nur Aufnahmen von Jarrett mit Miles Davis als Jazzrock gehört und keine Ahnung von den Soloauftritten. Aber ich wollte ihn hören und hatte Glück, eine Studentenkarte zu bekommen. Und war – wie alle in der Kölner Oper – 66 Minuten sprach-, ja atemlos.

Der richtige Sound trotz falschem Flügel

»The Köln Concert« war ein frei improvisiertes Konzert. »Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich.« Den ersten Teil begann Jarrett dementsprechend mit der Melodie des Pausengongs der Kölner Oper; wenn man die Originalaufnahme genau anhört, dann hört man Lachen.

Bestseller für die Ewigkeit

Nichts habe ich mitbekommen von den Widrigkeiten im Vorfeld des Konzerts. Nur auf ausdrückliche Bitten der lokalen Veranstalterin Vera Brandes war Jarrett bereit, trotz des »falschen« Flügels doch aufzutreten. Sie berichtet hiervon anschaulich im WDR 

Eine Veröffentlichung auf Youtube oder ähnliches gibt es meiner Kenntnis nach nicht, auch keine ganz frei zugängliche Audio-Aufnahme. Aber schon über Spotify kann man die Originalaufnahme in aller Ruhe hören – und wer sich diese eine Stunde Zeit nimmt  – in aller Ruhe – wird verstehen, warum dieses Konzert ein Meilenstein der Jazzimprovisation ist. Und gleichzeitig ein überragender Erfolg:  Das Album ist die bis heute meistverkaufte Jazz-Soloplatte und meistverkaufte Klavier-Soloplatte mit rd. 3,5 Mio verkauften Einheiten. Das wird wohl in Zeiten von mp3 und mp4 für alle Ewigkeit so bleiben.

Text: Jochen Axer

Die Netflix-Produktion »The Eddy« nähert sich auf ganz eigene Weise dem Jazz. Regie führte unter anderem Oscar-Gewinner Damien Chazelle. 


Jazz verbindet

Film und Musik gehören einfach zusammen. Regisseur Damien Chazelle kann davon, pardon, ein Lied singen. Chazelles erfolgreiches Debüt »Whiplash« spielte bereits im Musikermilieu, mit dem modernen Filmmusical »La La Land« räumte er dann richtig ab. Ryan Gosling an der Seite von Emma Stone. Sie als Schauspielerin Mia Dolan, er als Jazz-Pianist Sebastian Wilder. Der Rest ist…das Warten aufs Happy End? Nun, Seb träumt nebenher davon, einen veritablen Jazz-Club zu eröffnen – und die Love Story verbindet sich tänzerisch mit einer Sehnsucht nach altem Hollywood und wahrem Jazz. Soundtrack, Choreografien, Kostüme – das alles traf 2016 einen wunden Punkt.

Die Hauptfigur kämpft für die Tradition

Nun hat das amerikanisch-französische Wunderkind Chazelle zum ersten Mal in einer Serie die Regie übernommen, nämlich für die Netflix-Produktion »The Eddy«, und ein zeitgemäßeres Format als die episodenhafte Erzählung kann sich selbst ein in der Traumfabrik gestählter Oscar-Gewinner nicht mehr denken. Mittlerweile flimmern ja selbst die neuesten Werke von Legenden wie Martin Scorsese vornehmlich über die Portale von Streamingdiensten – und nicht über Kinoleinwände. Den Kampf um die Werte der Tradition muss also auch hier wieder die Hauptfigur für Chazelle ausfechten, und im Rahmen einer so genannten Mini-Serie hat sie dafür acht Folgen Zeit. 

Jazz befreit

André Holland spielt den ehemaligen Blue-Note-Musiker Elliot Udo, der seiner Heimat USA den Rücken gekehrt hat. All seine Kraft investiert er nun in einen Pariser Jazz Club. Es gilt, das Optimale aus der Hausband zu kitzeln – und über dem Ringen um die Gunst des Publikums darf Elliot auch die Buchhaltung nicht aus den Augen verlieren. Vor allem nachdem seinem Partner etwas Schlimmes zustößt. Selbst im englisch-französischen Dialoggewirr kann es hier nicht heißen: C’est la vie. Dafür ist das alles zu tragisch.

Alle Songs entstanden vor dem Drehbuch

Genau genommen übernahm Chazelle nur die Regie bei den beiden ersten Folgen. Trotzdem ist er mehr als der prominente Grund, um mal reinzuschauen. Chazelle zieht das Publikum so geschickt in die Handlung hinein, dass ein Großteil sicher auch den Rest der Geschichte sehen möchte. Besonders gelungen: der teils hektische und mit wackliger Kamera eingefangene »Alltag«, an dessen Turbulenzen neben den ökonomischen Rahmenbedingungen auch Elliots pubertierende Tochter Julie ihren Anteil hat, wird von den in die Tiefe gehenden Musikszenen gebrochen. Das hat fast Musicalcharakter. Kein Wunder, dass die Grundidee zu »The Eddy« gar nicht im Plot steckt. Glen Ballards Kompositionen waren zuerst da, die Handlung wurde nachträglich um sie herum gestrickt. Ballard war sich nur sicher, die Songs zu einer Serie geschrieben zu haben. Das mit dem Stricken darf man übrigens fast wörtlich nehmen. Die Musik bleibt stets der rote Faden.

Soll Musik etwa Spaß machen?

Wenn man sich beim Zuschauen auch mitunter in einer kritischen Situation befindet, weil einem die Handlung etwas zu verfahren oder klischeebeladen vorkommt, wird es durch eine Session plötzlich wieder spannend. Da streitet Elliot bei der Probe mit der Band bis aufs Blut über die Frage, ob Musik Spaß machen soll oder eine todernste Sache ist; da finden zwei Personen durch einen Song ein gemeinsames Level; da kommt Julie nach einem emotionalen Ausraster durch die Wiederentdeckung der lange verschmähten Klarinette zur Ruhe und zu sich selbst. Musik als Ausdruck aller Facetten des Lebens und nicht als Einladung zur Weltflucht – das passt zum Ambiente des modernen aber dennoch traditionsverhafteten Jazz Clubs.  Eine komplexe Angelegenheit, die einen doch wiederum bestens unterhalten kann. Sogar gut acht Stunden lang.

Text: Wolfgang Frömberg

Der Soundtrack zum Reinhören

Der Jazz-Fan und Experte Hans-Bernd Kittlaus ist eng mit dem King Georg verbunden. Hier kommen seine täglichen Updates zu sehenswerten Videostreams aus aller Welt.


Hans-Bernd Kittlaus

 

Die Streams der anderen am Samstag (und in der Nacht zum Sonntag)


17:00 Uhr
Die Pianistin Pamela York streamt live aus Chicago

20:00 Uhr
Der WDR streamt live die WDR Big Band + Pascal Klewer + Maik Krahl + Johannes Ludwig

20:00 Uhr
Die In Situ Art Society, Bonn, streamt live das Trio „RoKeT“ mit Jan Klare + Luc Ex + Onno Govaert

20:00 Uhr
Die Unterfahrt, München, streamt live Nice Brazil + Group

20:00 Uhr
Das Detroit Symphony Orchestra streamt über 5 Stunden „Jazz from Detroit“ mit Mark Stryker (Autor des gleichnamigen Buchs, das ich gerade lese) / Charles McPherson + Randy Porter / Robert Hurst / Regina
Carter + Xavier Davis u.v.a. ($9) 


20:00 Uhr
Piano-Legende Ramsey Lewis streamt live ($20)

20:00 Uhr
Sänger und Gitarrist Allan Harris streamt live sich und seine Band mit Gregoire Maret ($10)

20:30 Uhr
Das Kölner Loft streamt live Conrad / van Meel / Mussawisade

20:30 Uhr
Der Wiener Porgy & Bess Klub streamt live Martin Breinschmid & The Prisoners Of Swing mit Carole Alston
 
20:30 Uhr
Der Moods Club, Zürich, streamt live die Chico Freeman Group

21:00 Uhr
Der 606 Club, London, streamt live Iain Ballamy’s „Anorak“ mit Kit Downes (£5,95)
 
22:00 Uhr
Pianist Ben Paterson streamt live aus NY
 
23:00 + 01:00 Uhr
Der Mezzrow Jazz Club, NYC, streamt live imRahmen des UCF Orlando Jazz Festival das Joe Farnsworth Trio mit Kenny Barron + Peter Washington

23:00 Uhr
Der Smalls Jazz Club, NYC streamt live die UCF Jazz Studies All Star Group mit Saul Dautch + Jeremiah St. John + Bill O’Connell + Yasushi Nakamura + Clarence Penn

01:00 Uhr + 03:00 Uhr
Der Smalls Jazz Club, NYC streamt live im Rahmen des UCF Orlando Jazz Festival das Melissa Aldana Quartet

01:00 Uhr
Die Flushing Town Hall, NYC, streamt „Divine Sass:
Tribute to Sarah Vaughan“ mit Lillias White (verlegter Termin)


01:00 Uhr
Der Club An die Musik, Baltimore, streamt live das Terry
Koger Quintet ($10)


01:00 Uhr
Chris‘ Jazz Cafe, Philadelphia, streamt live Steve Davis + Band (erfordert Registrierung)

01:30 Uhr
Der Keystone Korner Jazz Club, Baltimore, streamt Charenee Wade + Band mit Warren Wolf ($10)

02:00 Uhr
Der Smoke Jazz Club NYC streamt live das Wayne Escoffery
Quartet mit Peter Bernstein + Ugonna Okegwo + Johnathan Blake ($10)


02:00 Uhr
Das Village Vanguard, NYC, streamt das Terell Stafford
Quartet mit Bruce Barth + David Wong + Johnathan Blake im Konzert vom
18.7.20 ($10)


02:00 Uhr
Die Soapbox Gallery streamt live das Randal Despommier Quartet
 
03:00 Uhr
Pianist Tamir Hendelman spielt solo live von seinem kalifornischen Zuhause ein Tribute to Johnny Green + Victor Young + Vincent Youmans ($20)

Zur Person:

Hans-Bernd Kittlaus ist Jazz-Autor und Fan. Seine Jazz-Begeisterung begann schon im Alter von 13 Jahren, ausgelöst durch regelmäßige nachmittägliche Jazz-Radioprogramme des WDR und zunächst fokussiert auf Vokal-Jazz. Durch Live-Konzerterfahrungen kam bald Instrumental-Jazz der Straight Ahead Richtung dazu. Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte sich das bevorzugte Spektrum stark auch auf andere Jazz-Stilistiken und reicht heute von Swing über Bebop und Hardbop bis zum Free Jazz und zeitgenössischen Varianten.

Seit 1985 ist Hans-Bernd Kittlaus Autor des Jazz Podiums. Durch seine international orientierte berufliche Tätigkeit im Software-Bereich und private Reisen hat er zahlreiche Festivals und Jazz Klubs auf der ganzen Welt besucht, insbesondere alle North Sea Jazz Festivals in Den Haag beziehungsweise. Rotterdam seit 1979. Seit 1995 lebt er bei Bonn, ist regelmäßiger Besucher von Jazz-Veranstaltungen in Köln und Umgebung und vernetzt mit zahlreichen lokalen und internationalen Musikern.

Er ist Vorstandsmitglied der Cologne Jazz Supporters e.V.. Mit den Verantwortlichen des King Georg ist er verbunden als langjähriger Freund, Berater und regelmäßiger Moderator von Konzerten. Viele seiner Artikel und CD-Besprechungen sind auf seiner Webseite zu finden: www.hansberndkittlaus.de/.

Foto: Gerhard Richter