Dave Brubecks 100. Geburtstag

Am 6. Dezember wäre der 2012 verstorbene Pianist Dave Brubeck 100 Jahre alt geworden. Unsere Hommage an einen ungewöhnlichen Superstar des Jazz.


Dave Brubeck, 1990

Am 6.12.2020 ist der 100. Geburtstag des Pianisten, Komponisten und Band Leaders David Warren »Dave« Brubeck, der zu den populärsten Jazz-Musikern der 1950er und 1960er Jahre gehörte. Sein Leben und Werk sind intensiv analysiert und beschrieben worden, zum Beispiel in Philip Clarks Biografie »A Life in Time« .

Dave Brubeck wurde am 6. Dezember 1920 in Concord, Kalifornien, geboren. Er wuchs auf einer Farm auf. Seine Mutter war Klavierlehrerin und unterrichtete ihn ab dem vierten Lebensjahr. Er wollte schon als Kind seine eigenen Melodien spielen und lernte nicht, nach Noten zu spielen, was ihm im Musikstudium am Mills College Probleme bereitete. Er besuchte Vorlesungen von Arnold Schönberg und beschäftigte sich mit dessen 12-Ton-Musik. Der französische Komponist Darius Milhaud wurde sein Lehrer, der ihn mit Polytonalität vertraut machte, also der Überlagerung mehrerer Tonarten in einem Stück. 

1942 heiratete er Iola, die später Texte zu einigen seiner Kompositionen schreiben sollte und mit der er 70 Jahre bis an sein Lebensende zusammen blieb. Nach seinem Militärdienst setzte er seine Studien ab 1946 fort. Gleichzeitig gründete er ein Oktett, um seine musikalischen Ideen umzusetzen (nur Audio):

Das Oktett war wirtschaftlich nicht tragfähig. So gründete er 1951 sein Quartett mit dem Cool Jazz-Altsaxofonisten Paul Desmond, doch in den ersten Jahren war auch das schwierig, denn seine Musik war zunächst nicht leicht vermittelbar. Brubeck und seine Frau entwickelten die Idee, Colleges und Universitäten anzusprechen und mit denen Konzerte zu veranstalten. Sein Durchbruch kam dann mit der LP »Jazz at Oberlin« 1953 (nur Audio): 

Hier das Quartet mit Desmond, Bassist Bob Bates und Schlagzeuger Joe Dodge 1954:

1954 war Brubeck der zweite Jazz-Musiker nach Louis Armstrong auf dem Cover des damals wichtigen amerikanischen Time Magazine. Mit der Aufnahme von Schlagzeuger Joe Morello 1956 und dem afroamerikanischen Bassisten Eugene Wright 1958 kam die Besetzung des klassischen Brubeck Quartetts zusammen, hier im Black Hawk Club, San Francisco, 1958:

Das amerikanische Außenministerium hatte in dieser Zeit erkannt, dass es Jazz zur Propaganda im Ausland nutzen konnte. Neben Armstrong, Ellington, Goodman und Gillespie wurde auch Brubeck eingesetzt und 1958 nach Polen geschickt: 

Im gleichen Jahr nahm das Quartet die LP »Time Out« für Columbia Records auf, auf der Brubeck mit »Blue Rondo à la Turk« eine frühe Verbindung von Jazz und Weltmusik schuf. Außerdem enthielt die LP den von Paul Desmond geschriebenen Song »Take Five«, der zu einem der größten Hits der Jazz-Geschichte wurde. Es war verblüffend, wie Musik mit ungewöhnlichen ungeraden Taktarten wie 5/4 oder 9/8 zu solch einem Publikumserfolg werden konnte (nur Audio): 

Brubeck und sein Quartett waren zu Stars geworden. Hier in Hugh Hefners Playboy »After Dark«-TV-Serie 1959: 

Brubeck war kein Freund von Jazz-Gesang. Doch seine Frau Iola war mit der Sängerin Carmen McRae eng befreundet, schrieb Texte zu einigen von Brubecks Kompositionen und überredete ihn, sie mit Carmen McRae aufzunehmen. Zunächst entstand eine Studio-Aufnahme, dann diese Live-Aufnahme im New Yorker Club Basin Street East 1961: 

1961 waren das Brubeck Quartett zu Gast in der TV-Serie »Jazz Casual«:

1964 in der BBC-TV-Serie »625 Jazz«: 

in Belgien 1964 und Deutschland 1966: 

in Paris 1967: 

in Juan-les-Pins 1967: 

Kurz darauf verließ Desmond das Quartett, spielte aber bis zu seinem Tod 1977 gelegentlich mit Brubeck zusammen. Brubeck ersetzte ihn durch Baritonsaxofonist Gerry Mulligan, hier mit beiden und Bassist Jack Six und Schlagzeuger Alan Dawson beim Newport Jazz Festival in Rotterdam 1971: 

und bei den Berliner Jazztagen 1972: 

Bei einem der letzten Auftritte mit Desmond in Boston 1976: 

Mit Saxofonist Jerry Bergonzi, Bassist Chris Brubeck und Schlagzeuger Randy Jones beim Jazzfestival in Nizza 1979: 

in Montreal 1981: 

Mit Bill Smith beim North Sea Jazz Festival in Den Haag 1982: 

Mit der Band Free Flight beim Playboy Jazz Festival in der Hollywood Bowl, LA, 1982:

Beim Jazzfestival in Vitoria-Gasteiz 1990: 

Hier spielt er »Santa Claus is Coming to Town« 1996 mit zwei seiner sechs Kinder, die bis heute die Brubeck Band aufrecht erhalten: 

Parallel zu seiner Jazz-Karriere komponierte Brubeck immer wieder klassische Musik, hier ein Ausschnitt aus »To Hope! A Celebration« mit dem Russischen Nationalorchester im Moskauer Konservatorium 1997: 

Mit Bobby Militello + Alec Dankworth + Randy Jones beim Jazzfestival in Burghausen 2001: 

Bei Marian McPartland’s Piano Jazz 2001: 

Mit Bobby Militello + Michael Moore + Randy Jones in Baden-Baden 2004: 

Brubeck war es vergönnt, bis zu seinem Tod 2012 international live aufzutreten. Wenn einer seiner langen Finger von harten Anschlägen gebrochen war, verpflasterte er ihn und spielte trotzdem. Er wurde mit zahlreichen Ehrungen bedacht und häufig interviewt. Hier sein erstes dokumentiertes Audio-Interview 1955:

im Interview mit seiner Frau Iola 2003: 

im Interview 2008: 

im Gespräch mit Dr. Billy Taylor + Ramsey Lewis 2008:

und in Clint Eastwoods »Piano Blues«-Dokumentation 2003 (ab Minute 17):

Es gehört zu den wundersamen Fügungen der Jazz-Historie, dass dieser Intellektuelle mit den dicken Hornbrillen, der geradezu modellhaft komplexe Kompositionen mit Improvisation zu kombinieren wusste, zu einem Superstar des Jazz werden konnte und über Jahrzehnte blieb.  

Text: Hans-Bernd Kittlaus, Foto: Roland Godefroy