»Kein Text bildet Gegenwart ab, nur weil Emojis vorkommen«

Die Autorin Carla Kaspari legt regelmäßig in der King Georg Klubbar auf. Momentan lebt sie als Stadt.Land.Text-NRW-Stipendiatin auf einem Schloss.


Carla Kaspari

Seit drei Monaten lebst du in einer Art doppeltem Lockdown – in der Rolle der auf einem Schloss residierenden Regionsschreiberin der Kulturregion Niederrhein und unter den Bedingungen der Corona-Einschränkungen. Wie sieht dein Tagesablauf aus?
Weil ich am besten morgens schreiben kann, stehe ich früh auf und tue das meistens bis zum Mittag. Danach kommen dann andere Dinge wie Spazieren, Nachdenken, Einkaufen, Mittagessen, Sport, Telefonate oder Fahrradtouren durch die Region. Manchmal arbeite ich nachmittags noch ein bisschen. Ich habe auch vor Corona viel im Homeoffice gesessen und weiß deswegen schon länger um die Wichtigkeit von Struktur.  

Du bist auch DJ und Fußballerin. Was vermisst du gerade am meisten?
Nachtleben hat mir lange überhaupt nicht gefehlt, mittlerweile würde ich gern mal wieder einen Abend Musik auflegen und/oder tanzen. Ich halte ab und zu einen Ball hoch, weil mich das entspannt, aber ich vermisse natürlich trotzdem sehr, im Team Fußball zu spielen. Gerade jetzt im Frühsommer. 

Als Stadt.Land.Text-NRW-Stipendiatin bist du sicher angehalten, regelmäßig Texte zu veröffentlichen. Empfindest das eher als Belastung oder inspirierend? 
Die Vorgaben waren sehr locker und wurden in Corona-Zeiten fast vollständig gelöst. Ich schreibe also etwas, wenn ich etwas zum Aufschreiben habe. Ich habe auch schon vorher regelmäßig einen Blog beschrieben und brauche es anscheinend eh, Eindrücke textlich zu verarbeiten und sie in narzisstischer Geste ins Internet zu droppen. Dass dahinter ein Projekt steht, das auf Texte wartet, ist eher hilfreich. Es ist also eine gute Aufgabe für mich.  

Zur Entspannung auch mal den Ball hochhalten

Macht es dir grundsätzlich Spaß, Auftragsarbeiten zu erledigen?
Ja, ich finde es zwischendurch fast erholsam, für Auftragsarbeiten nach klaren Kriterien zu schreiben. Texten oder journalistisches Schreiben ist funktionaler und dadurch emotionsloser. Man setzt sich intensiv mit einem Thema auseinander, ordnet Informationen und vermittelt Sachverhalte. Das ist schön weit von einem selbst weg. 

Deine NRW-Texte haben für mich alle etwas von flanierenden Ausflügen. Zwischen Normal- und Ausnahmezustand, zwischen Stadt und Land. Sehr gegenwärtig, tagebuchartig. Wie sieht dein Schreibprozess aus? 
Ich bin mit Ausbruch des Virus in Deutschland hierher gekommen, es gab in meiner Art zu Beobachten also kaum einen Weg, um das Ganze herum zu schreiben. Dass die Form der Texte so oder ähnlich – irgendwie transitorisch –  aussehen würde, war mir schon vorher klar, Corona hat sich dann neben dem Stadt-Land-Verhältnis als ein inhaltlicher Schwerpunkt aufgedrängt. Ich glaube ich bin relativ schnell im Prozess. Wenn ich etwas gesehen habe, dann schreibe ich es auf, zumindest was die tagebuchartigen Blog-Texte betrifft. Manchmal sofort ins Handy. Früher hab ich Blogeinträge in einem einzigen stream of consciousness mit sehr wenig Interpunktion runtergeschrieben und sofort veröffentlicht, weil ich das Gefühl hatte, so der Gegenwart näher zu kommen. Mittlerweile lese ich sie mir nochmal durch, auch ein zweites Mal.

Vier Monate dauert das Residenzprogramm

Ich musste beim Lesen öfter schmunzeln oder lachen. Du beim Schreiben auch?
Das ist schön! Weniger, aber ich freue mich immer, wenn Leute sagen, dass sie lachen mussten. Lachen ist gut. 

Du schreibst viel auf Social Media. Wie verhalten sich etwa deine Tweets zu den längeren Texten? Und glaubst du, dass über diese Kanäle eine eigene Form von Literatur entstanden ist und sich dauernd entwickelt, deren Teil deine Texte sind? 
Eigentlich sind Tweets Beobachtungsfragmente in Reinform. Alles, was ich seit 2016 da hineingeschrieben habe, ist also mehr oder weniger der Rohstoff für einen Roman. Deswegen ist Twitter so gefährlich und gleichzeitig so schön: Es bietet wie keine zweite Social Media Plattform die Möglichkeit, miniaturprosaischen Textformen, Meinungen und Stilistik sofort Reichweite zu geben. Schreib- und Kommunikationsweisen, die nicht nur auf Twitter, sondern generell im durch und durch textbasierten Internet entstehen und sich verbreiten, haben daher auf jeden Fall Auswirkung auf Gegenwart und damit auch auf Literatur. Trotzdem heißt das natürlich nicht, dass sich literarische Texte solcher bedienen müssen. Kein Text bildet Gegenwart ab, nur weil Emojis vorkommen. Und Tweets sind längst kein Buch. 

Mit einfachen Mitteln einnehmend erzählen

Gibt es Schriftsteller*innen, deren Arbeiten dir besonders gefallen?
Generell mag ich Autor*innen, die mit einfachen Mitteln einnehmend erzählen, Sally Rooneys »Normal People« war eins meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre, gerade lese ich Sibylle Bergs »Der Mann schläft«, und es beruhigt mich wie wenig in letzter Zeit. Leif Randts »Allegro Pastell« schimmert mich vom Regal aus an, ich habe gehört, das muss man gerade lesen, wenn man deutsche Gegenwart begreifen will. Ich bin gespannt.   

Im Text »haarmonie« beschreibst du einen Frisörbesuch auf dem Land. Alltäglich und doch nicht. Die Frisörin modelliert dich zu einer Art Kunstfigur, und du lässt es mit dir machen.  Hast du beim Schreiben Lust an der Verwandlung oder versuchst du eher über die Ich-Form dir selbst nahe zu kommen?
Ich glaube, weder noch. Wenn solches Schreiben überhaupt irgendeinen Sinn hat, dann, dass sonst Undokumentiertes offengelegt wird: Zwischenmenschliche Zustände, profane Schönheit, ehrliche Gedanken. Die Ich-Perspektive resultiert aus der Tagebuch-Form. An Verwandlung hab ich selten Lust.  

Kannst du dir vorstellen, mal einen Roman zu schreiben? Wovon könnte der handeln?
Das finde ich gerade beides heraus.

Wirst du dir ein Haustier anschaffen, wenn du wieder zuhause bist?
Ich glaube nicht. Zumindest nicht, solange ich in der Stadt lebe. Da bin ich in der Regel mehr unter Menschen, die ich mag und brauche erstmal kein Tier, das Zwischenmenschlichkeit substituiert.

Autorinnenporträt: Stefani Glauber, Fotos von unterwegs: Carla Kaspari

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»Literatur zur Zeit« ist eine seit 2008 vornehmlich im King Georg stattfindende Lesungsreihe. Mit Unterstützung der Bunt Buchhandlung und des Kulturamts der Stadt Köln. Hier stellt Veranstalter Wolfgang Frömberg Bücher und Autor*innen vor.