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Klangliche Elbsegler

Die Komponistin und Saxofonistin spielt Jazz mit viel Funk und Soul und entwickelt einen Drive, der Großstadt-, Aufbruchs- und Abendstimmung zusammenbringt.

Stephanie Lottermoser

Selbst unter optimalen Bedingungen braucht man von Wolfratshausen nach Hamburg ganze neun Stunden. Für die 1983 in der bayerischen Kleinstadt, südlich von München, geborenen Stephanie Lottermoser hat es dann doch etwas länger gedauert, bis es sie 2018 in die Hansestadt an die Elbe gezogen hat. 

Davor standen Klavier- und Gesangsunterricht im Kindesalter, später der Wechsel aufs Saxofon und in die Big Band-Besetzung zu Schulzeiten. Schon bald sollte das beschauliche Wolfratshausen, das vor allen Dingen dafür bekannt ist 1734, nach einem Blitzeinschlag, explodiert zu sein, zu klein werden und Lottermoser ging zum Studium nach München. Fortan hat sie in München Kulturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität, sowie Musik an der Hochschule für Musik und Theater studiert. Die zusätzliche geisteswissenschaftliche Ausbildung hebt sie auch von einigen ihrer Kolleg*innen ab, gilt Lottermoser doch als eine der reflektiertesten Musiker*innen der deutschen Jazzszene – wie sie unter anderem regelmäßig im Podcast »Jazz Moves Schnack« zusammen mit dem Jazz-Journalisten Jan Paersch beweist. Lottermosers Blick ist ein analytischer, einer, der gleichwohl auch außermusikalische Bezüge mit einbezieht und dadurch spannende Blickwinkel und Sichtweisen präsentiert.

Dies kann man auch in ihrer eigenen Musik erkennen, die sie nun seit 2008 und der Gründung ihrer Band »Resonance« vor einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Lottermosers Jazz-Spiel ist eindeutig von Funk und Soul beeinflusst, bleibt aber klar im Feld des (Groove-)Jazz verwurzelt.
So genau und akribisch der Blick auf Musik ist, so lebensfroh, unterhaltsam und tanzbar sind ihre eigenen Kompositionen zugleich. Gerade auf ihrem letzten Langspieler »Hamburg« (ihr kommender „In-Dependence“ wird am 21.11. im King Georg präsentiert) konnte man sich davon überzeugen, wie geschickt und gekonnt Lottermoser komponiert: In langen Bewegungen und in eleganten Soli segelt sie hier durch verschiedenes Genre, kreuzt durchaus auch mal poppigere Wege und gelangt dann über eine gründliche Konsolidierung immer wieder zurück. Auf dieser atemberaubenden »Hafenrundfahrt« sind wir als Hörer*innen eingeladen, schippern über die halbwegs gebändigte See, lassen uns von ein paar Wellen mitreißen und bewegen und kommen trockenen Fußes wieder in Altona ans Land.

Grandiose Unterstützung kommt von ihrer Besatzung: Maik Schott (Keyboards), Robert Schulenburg (Bass) und Tobias Held (Schlagzeug), die mit Lottermoser die Stücke auf Kurs halten. Dabei sind gewagte Wendemanöver durchaus drin, aber eben nicht standardmäßig als Effekt eingesetzt. Die Wahl-Hamburgerin schafft in ihrer Musik viel eher das Kunststück, das auch einem Stevie Wonder in seinem musikalischen Feld gelingt: Die Straightness des eigenen Sounds macht es möglich immer wieder dekorative Elemente einzubeziehen, ohne kitschig oder gar volatil zu wirken.
Ganz im Gegenteil: Stephanie Lottermoser präsentiert sich stets als behände Saxofonistin und Komponistin, die Großstadt-, Aufbruchs- und Abendstimmung zusammenbringen kann – und alles wirkt wie aus einem Guss.

Dieser Drive, der unprätentiös, klar und ohne Schnörkel daherkommt, bewegt daher auch Körper und Geist; Fingerschnippsen und Fußwippen sind garantiert, wenn das Quartett loslegt. Die fein-austarierte Harmonik begleiten dann den Kopf durch die Chausseen am Elbufer, das Gewimmel am sonntäglichen Fischmarkt, die große Reeperbahn und die kleinen Boote an der Alster. Eine Liebeserklärung, wie sie nur eine scharfe, präzise Komponistin mit einem unverstellten Blick machen kann.

Text: Lars Fleischmann