Kurt Edelhagens 100. Geburtstag

Der Bandleader, Komponist, Arrangeur und Multiinstrumentalist hat besonders in der Kölner Jazz-Szene Spuren hinterlassen.


Kurt Edelhagen

Am 5.6.2020 ist der 100. Geburtstag des Bandleaders, Komponisten, Arrangeurs und Multiinstrumentalisten Kurt Edelhagen, dem die deutsche und besonders die Kölner Jazz Community viel zu verdanken hat. Biografische Informationen sind den großartigen Büchern »Jazz in Köln« von Robert von Zahn und »Play yourself, man! – Die Geschichte des Jazz in Deutschland« von Wolfram Knauer entnommen.

Kurt Edelhagen wurde am 5. Juni 1920 in Baukau (heute Herne) im Ruhrgebiet geboren. Er besuchte als Jugendlicher die Folkwangschule Essen und studierte Klarinette, Klavier und das Dirigieren. Schon in dieser Zeit und dann auch als Soldat in Frankreich hörte er heimlich Jazz. Zurück in Herne 1945 gründete er eine Band, die er bald zur Big Band erweiterte. Es folgten zahlreiche Auftritte in britischen und später amerikanischen Soldatenclubs. Ab 1948 machte die Band Rundfunkaufnahmen für AFN und andere Sender. Die Arrangeure orientierten sich vielfach an Edelhagens großem Vorbild Stan Kenton. 1949 wurde Edelhagen mit seiner Band als »Jazz- und Unterhaltungsorchester« vom Bayerischen Rundfunk verpflichtet. Der Spagat, Tanz- und Unterhaltungsmusik spielen zu müssen, um Jazz spielen zu können, blieb ihm ein Leben lang erhalten. Edelhagen konnte einige der besten deutschen Jazz-Musiker der damaligen Zeit verpflichten. Erste Schallplatten entstanden. 1952 wechselte er zum Südwestfunk in Baden-Baden. Hier spielt Edelhagen mit seiner Band beim deutschen Jazzfestival in Frankfurt 1954, unter anderem mit Emil Mangelsdorff, Paul Kuhn und Caterina Valente, deren Karriere in Deutschland Edelhagen maßgeblich förderte (nur Audio): 

Edelhagen interessierte sich frühzeitig für den Third Stream, also die Verbindung von Jazz und klassischer Musik, die vor allem der deutschstämmige Gunter Schuller in den USA vorantrieb. Bei den Donaueschinger Musiktagen 1954 spielte Edelhagen mit seinem Orchester nicht nur Strawinskis »Ebony Concerto«, sondern führte zusammen mit dem SWF Symphonieorchester auch Rolf Liebermanns »Concerto for Jazzband and Symphony Orchestra« erstmals auf (nur Audio): 

Aber natürlich schlug sein Herz weiterhin für den Jazz, hier 1956:

1958 ging Edelhagen zum WDR nach Köln. Er bekam einen Zeitvertrag als freier Mitarbeiter, das heißt. seine Musiker waren keine WDR-Angestellten. Und er wechselte die Musiker häufig, zum Teil wegen seines eisernen Qualitätsanspruchs, zum Teil, weil die Musiker feste längerfristige Engagements in anderen Bands bevorzugten. Im selben Jahr wurde er Leiter des ersten Jazz-Kurses der Musikhochschule Köln und setzte bis 1963 Musiker seiner Band als Dozenten ein. Dies war nicht nur die erste dedizierte Jazz-Ausbildung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch die Wurzel für den bis heute bestehenden Jazz-Studiengang der Musikhochschule Köln und die Basis für eine entstehende Kölner Jazz-Szene. 

Edelhagen lebte weiter im Spagat zwischen Jazz und Unterhaltung. Hier eine LP-Produktion mit Toots Thielemans 1961 (nur Audio): 

Live in Aachen im Dezember 1960 klang das deutlich jazziger

In den 1960er Jahren erhielt das Orchester Kurt Edelhagen immer öfter internationale Einladungen. So fand eine Russland-Tournee statt. Hier spielten sie beim Jazz Festival Prag 1965: 

1966 spielte das Orchester bei den Berliner Jazztagen mit dem jungen Posaunisten Jiggs Whigham: 

1968 begleitete das Orchester Kurt Edelhagen Hildegard Knef bei einem der besten Konzerte ihrer Karriere in der Berliner Philharmonie: 

1969 geriet Edelhagen in eine gesundheitliche Krise. Es wurde Leberzirrhose festgestellt. Er arbeitete bald weiter. Immer versuchte er, die besten Arrangeure für sein Orchester zu verpflichten. So arrangierte Quincy Jones 1970 Kompositionen von Jimmy Webb für ihn (nur Audio):

Seinen größten internationalen Erfolg erlebte Edelhagen 1972, als er die Musik für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München leitete: 

Das war zwar kaum Jazz, aber die Soundtrack LP wurde Edelhagens größter kommerzieller Erfolg und stand zwei Monate lang an der Spitze der deutschen Hitparade.

Edelhagens Verhältnis zum WDR kühlte in den 1970er Jahren ab. Er blieb aber noch einige Jahre präsent, hier mit seinem Orchester als Entertainer mit viel Fernsehprominenz im deutschen Fernsehen 1975: 

Nach langer schwerer Krankheit starb Edelhagen am 8. Februar 1982 in Köln mit nur 61 Jahren. Von Anspruch und Ausrichtung her kann man die WDR Big Band als Nachfolgerin seines Orchesters betrachten, auch wenn sie formal aus dem WDR Tanzorchester hervorging und sich glücklicherweise weitgehend auf Jazz konzentrieren kann. 

Trotz aller Verdienste ist Edelhagen leider ein wenig in Vergessenheit geraten. Dabei haben die deutsche, und insbesondere die Kölner Jazz-Szene ihm viel zu verdanken. Jiggs Whigham erinnerte 2016 an ihn mit dem Programm »Edelhagen Remembered« des BuJazzO.

Zum 100. Geburtstag feiern ihn auch die deutschen Rundfunkanstalten:

WDR Dokumentation mit der WDR Big Band  

SWR (nur Audio): Archivaufnahmen 

Karsten Mützelfelds Sendung

Text: Hans-Bernd Kittlaus