Nachthelle

Constantin Herzog über Johannes Fritsch, Aktualität und die Impakt Records Veröffentlichung #024


Johannes Fritsch

Dieses Jahr wäre der Komponist Johannes Fritsch 80 Jahre alt geworden. Wie wir spätestens seit dem grandiosen Beethoven-Jahr 2020 wissen, werden solche Jubiläen gerne herangezogen, um einen Komponisten zu feiern, sein Werk nochmal in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und im Rahmen dessen auch die ein oder andere in-, um- und herum-terpretation zu wagen oder sogar ein neues Werk in Auftrag zu geben, das sich auf den Jubilaren bezieht. So wird im Oktober bei Impakt Records eine CD veröffentlicht, auf der die Musik von Fritsch im Mittelpunkt steht, sowie zwei neue Stücke seiner ehemaligen Studenten Oxana Omelchuk und Simon Rummel. Was das mit Impakt, Improvisation und aktueller Musik zu tun hat, möchte ich im folgenden erörtern.

In einem Musikbetrieb, der auf der einen Seite alten Meistern huldigt und auf der anderen Seite stets der neuesten Mode hinterher hechelt, ist nichts so alt wie der Komponist von gestern.

Als ich 2007 nach Köln kam, um bei Dieter Manderscheid Jazz Kontrabass zu studieren, bekam ich noch bevor das Semester anfing die Anfrage, bei einem Stück für ein Diplomkonzert mitzuspielen. Das hatte mit Jazz allerdings ziemlich wenig zu tun, obwohl außer mir sonst ausschließlich Jazzmusiker beteiligt waren. Das Stück hieß »Nocturne« für fünf Kontrabässe von Oxana Omelchuk, damals einer Kompositionsstudentin bei Johannes Fritsch. Warum dieses Stück ausgerechnet fünf Jazzbassisten spielen sollten, hatte weniger damit zu tun, dass dabei besonders viel improvisiert oder selbstständig gestaltet werden sollte. Vielmehr empfahl Fritsch, sich direkt an die Klasse von Dieter Manderscheid zu wenden. Dort sei es einfacher, fünf Bassisten zu finden, die bei so etwas mitmachen würden. Die erste Probe fand Feedback Studio in der Genter Straße 23 statt, im Belgischen Viertel, unweit des Brüsseler Platzes, wo ich auch zum ersten mal Johannes Fritsch, dem Mitbegründer des Feedback Studio-Verlages begegnete. In den nächsten Jahren sollte ich dort noch viele Stunden damit verbringen, mich durch Feedback Papers, Noten, CDs, DATs und Tonbänder zu wühlen, bis 2010, nach Fritschs Tod, der Verlag aufgelöst wurde und das Feedback Studio das Hinterhaus in der Genter Straße räumen musste.

Johannes Fritsch wurde 1941 in Bensheim geboren und lernte zunächst Geige, später Bratsche. Er studierte von 1961-65 in Köln Musikwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Bratsche und bei B.A. Zimmermann Komposition. 1964-1970 war er Mitglied im Stockhausen Ensemble, mit dem er zahlreiche Konzertreisen, Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen bestritt, bis es 1970 nach der Weltausstellung in Osaka mit Stockhausen zum Bruch kam. Fritsch gründete zusammen mit Rolf Gehlhaar und David Johnson das Feedback Studio und ein Jahr später den Feedback Studio Verlag, den ersten deutschen Komponistenverlag. 1971–84 leitete er die Kompositionsklasse und das Seminar für Neue Musik an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt. 1984–2006 wirkte er als Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.

Improvisation spielte im Wirken von Fritsch eine große Rolle: als Komponist, als Composer-Performer, sowie als Interpret im Stockhausen Ensemble. Bereit seine erste dokumentierte Komposition »Duett für Bratsche« (1961) ist ein aus Bratschenklängen erstelltes Zuspieltonband, zu dem der Komponist selbst auf der Bratsche mit dem gleichen Material frei improvisiert. Sein persönlichstes Stück »Violectra« (das 2021 sein 50. Jubiläum feiert) ist eine, in Fritschs Worten »Live elektronische Kompositionsimprovisation« für Viola d’amore und Synthesizer. Das Stück, das ab Mitte der 1970er Jahre das einzige Stück sein sollte, bei dem er noch selbst als Interpret in Erscheinung treten sollte und das unter anderem auf dem Impakt Release #024 als Version für Viola d’amore, Violoncello, Kontrabass und Live Elektronik erscheinen wird. 

Was bedeutet »aktuell«?

Nun könnte man sich fragen, warum ein 50 Jahre altes Stück ausgerechnet auf einem Label für Improvisierte und Aktuelle Musik erscheinen soll. Kann denn so ein alter Hut überhaupt aktuell sein? Gibt man in unser aller Lieblingssuchmaschine »aktuell definition« ein, so erscheint: »1. gegenwärtig vorhanden, bedeutsam für die unmittelbare Gegenwart; gegenwartsbezogen, -nah, zeitnah, zeitgemäß; 2. Mode, Wirtschaft: ganz neu, modisch, up to date, en vogue«.

Modisch oder en vogue ist dieses Stück sicher nicht. Damals war es das aber auf jeden Fall. Mit einem tragbaren Synthesizer wie dem EMS VCS3 war es zum ersten mal möglich, unabhängig von Institutionen wie dem Elektronischen Studio des WDR, sein eigenes kleines elektronisches Studio dabei zu haben. Heute ist das nichts besonderes mehr, wo doch jeder mittlerweile einen analogen, womöglich modularen Synthesizer sein eigen nennt. Auch das Patch ist aus heutiger Sicht nicht gerade aufregend: Eine schlichte Ringmodulation, bei manchen Versionen mit Tape Delay. Würde ich jetzt versuchen, mit diesen Geräten, vielleicht sogar mit einem echten VCS3 das Stück nachzustellen, es so klingen zu lassen wie damals, möglichst nah am Original, auch was meinen Umgang mit dem Material angeht, kommt sicher nichts aktuelles dabei heraus. Im besten Fall etwas nostalgisches. Sobald ich mich aber ernsthaft mit dem Stück befasse, den Umständen seiner Entstehung, den Transformationen, die es im Laufe der Zeit erfahren hat, der Harmonik, dem elektronischen Setup und ich versuche meine Version darin zu finden, die für mich heute, nach vielleicht sehr subjektiven Maßstäben, funktioniert, wird die Version aktuell und für mein musikalisches Denken und Handeln bedeutsam.

Im Mai und Juni diesen Jahres haben wir in der Tersteegenkirche in Köln-Dünnwald die Musik für die CD »Nachthelle« aufgenommen. Ursprünglich sollte es ein Konzert in St. Peter werden, was aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnte. Stattdessen konnte das Konzert in eine CD-Produktion umgewandelt werden, was durch guten Willen der Förderer Kunststiftung NRW und musikfonds, zusätzlicher Unterstützung vom Sonderfonds der Kunststiftung, Equipment Ausleihe bei ON und Geo Schaller, sowie jeder Menge Do-It-Yourself möglich wurde.

Im Mittelpunkt stand wie bereits erwähnt das Stück »Violectra«, das zusammen mit Fritsch jubilierte. Am ersten Aufnahmetag im Mai nahmen wir aber zuerst den Titel-Track „Nachthelle“ für Viola, Violoncello, Kontrabass und Analogsynthesizer auf. Bei diesem Stück werden die beiden äußeren Saiten der Streichinstrumente um mindestens eine Oktave tiefer gestimmt. Dabei entsteht neben einem erweiterten Tonumfang auch eine gewisse Unschärfe in den Tonhöhen, die sich so verstimmt schwer kontrollieren lassen. Das Stück spielt mit dem Kontrast zwischen diesen sehr dunklen, undeutlichen Klängen und den offenen, hellen Obertonklängen auf den normal gestimmten Saiten. Eine besondere Rolle hat dabei der Analogsynthesizer. Uns stand der EMS VCS3 zur Verfügung, den Fritsch vor 50 Jahren zur erwarb. „Die assoziative grafische Notation des Synthesizer-Parts (sowie der Streicher in Teil 4) folgt Ausschnitten aus einer Zeichnung des Flusses Arno bei Florenz von Leonardo da Vinci.“ (Johannes Fritsch) Im Anschluss machten wir einen Take unserer Version von „Violectra“ und beließen es dabei. Diese Version ist auf der CD zu hören.

Einen Monat später im Juni nahmen wir zunächst von Oxana Omelchuk das Stück »… und einmal beobachtete sie vier Silhouetten an einer Jalousie, die in einem Haus Tee tranken…« für Trio Basso und Elektronik auf. Hierbei werden sowohl Skordaturen (also Umstimmungen der Streichinstrumente) von »Violectra« und »Nachthelle«verwendet, sowie als Elektronik gefilterte Delays und ein fast konventionell gespielter, tonaler Synthesizer. Zwei Tage später folgte von Simon Rummel das Stück mit dem schlichten Titel »Musik für Trio Basso, Gläserspiel und Harmonika«, bei dem Simon Rummel selbst den Gläser-Part übernahm. Bei beiden Stücken ist der Fritsch-Einfluss auf sehr unterschiedliche Art, aber deutlich spürbar.

In einem Musikbetrieb, der auf der einen Seite alten Meistern huldigt und auf der anderen Seite stets der neuesten Mode hinterher hechelt, ist nichts so alt wie der Komponist von gestern. Dass ein Komponist, Autor und Denker wie Johannes Fritsch aber immer noch aktuell sein kann, hoffe ich mit dieser Veröffentlichung zu zeigen. Wenn nicht aktuell, dann wenigstens zeitlos.

»Nachthelle« – works by Johannes Fritsch, Oxana Omelchuk, Simon Rummel ab Oktober als CD oder Download erhältlich bei Impakt Records und Bandcamp, Geigenbau Grießhaber & Mayer-Lindenberg und bei mir.

Viola, Viola d’amore – Annegret Mayer-Lindenberg

Violoncello – Rebekka Stephan

Kontrabass – Constantin Herzog

Elektronik, Harmonium – Florian Zwissler

Gläserspiel (Track 4) – Simon Rummel

Vielen Dank an Kunststiftung NRW, musikfonds, ON cologne und Geo Schaller.

Wer mehr über Johannes Fritsch erfahren möchte, wird HIER fündig oder hier: Fritsch, Johannes, Rainer Nonnenmann und Robert von Zahn (Hg.): »Johannes Fritsch. Über den Inhalt von Musik. Gesammelte Schriften 1964 – 2006« 

Ich kann auch nur jedem die Feedback Papers ans Herz legen. Warum gibt es die eigentlich nicht in der Stadtbücherei oder in der Bibliothek der Musikhochschule?

Text: Constantin Herzog, Fotos: Alfred Koch, Rebekka Stephan, Annegret Mayer-Lindenberg