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Sie sind viele

Das Kölner Fanzine grapefruits beschäftigt sich mit experimentellen Komponistinnen und Klangkünstlerinnen. Nun erscheint die dritte Ausgabe.


grapefruits-Redaktion

Das Layout stand ja nach der ersten grapefruits-Ausgabe, wir konnten also einfach weitermachen«, erklärt Elisa Metz. Nachdem die Grafikerin das »Fanzine on Female* Composers and Sound Artists« 2019 zunächst im Rahmen einer Hausarbeit ganz alleine aus der Taufe gehoben hatte, formierte sich um sie herum nach und nach eine Gruppe von Redakteur*innen und Autor*innen, die das Design mit immer neuen Ideen und Beiträgen ergänzen. Eine Entwicklung, die längst nicht abgeschlossen ist, sich eher in einer Phase des Übergangs befindet. Die Kölner grapefruits rollen bergauf und erwecken größeres öffentliches Interesse. Höchste Zeit, sich mit der Initiatorin zu treffen.

Die Komponistinnenliste

Neben Elisa Metz sitzt die Architektin Nathalie Brum. Sie ist seit Ausgabe Nummer zwei dabei und schrieb jetzt für die dritte Nummer einen Artikel über Black Acid aka Nina Pixel. Auf dem Tisch stehen drei Grapefruit-Schorlen. Eine passende Erfrischung am Sommerabend im Veedel – so wie Dr. Heike Sperlings Komponistinnenliste eine passende Antwort auf jeden männlich dominierten Lehrplan darstellt. Sperling ist Dozentin am Institut für Musik und Medien der Robert Schumann-Hochschule. Sie hatte besagte Komponistinnenliste erstellt, weil selbst in ihren eigenen Seminaren kaum Frauen vorkamen. Mit der Auflistung zahlreicher Pionierinnen, die weniger im Rampenlicht stehen – Elisa Metz kannte auf Anhieb bloß drei und war gleich angefixt –, band Heike Sperling sich und den Kolleg*innen einen Knoten ins Taschentuch: Vergesst die Künstlerinnen nicht, die schon viel zu oft vergessen wurden!

Yoko Ono würde grapefruits lesen

So inspirierte sie die Produktion des ersten Printmagazins über Komponistinnen und Klangkünstlerinnen. Warum auf Papier? Als Grafikerin habe sie das gereizt, erklärt Metz. Der Titel ist übrigens Yoko Onos Buch »Grapefruit« von 1964 entlehnt. Nonkonformistin Ono hatte den metaphorischen Gehalt der hybriden Zitrusfrucht mit dem bittersüßen Geschmack kaum zufällig für sich entdeckt. Sie könnte grapefruits heute sogar lesen, alle Artikel sind auf Englisch verfasst. Es würde ihr bestimmt genau so sehr gefallen wie die Tatsache, dass es allein für die Frucht schlicht keine deutsche Übersetzung gibt. Grapefruits sind Grapefruits.

Man soll ein Buch ja nicht nach dem Cover beurteilen. Aber jede grapefruits öffnet auf der Umschlagseite gleich Türen zu labyrinthischen Gängen und verborgenen Räumen. Enter The 36 Chambers. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um 36 streng in Sechserreihen zwischen Heftnamen und Heftthema angeordnete Kreise, deren tieferer Sinn dann plötzlich aus den kreisförmigen Porträts von Daphne Oram, Laurie Anderson und weiteren Genies auf der Rückseite von grapefruits #02 hervorzutreten scheint. Geht es im Magazin doch schließlich um Leerstellen, die schon seit geraumer Zeit künstlerisch besetzt sind, deren Eroberung aber seltener historisch verbrieft ist, weil ihre Heldinnen und deren Errungenschaften allzu oft in den Hintergrund gedrängt wurden. Die Kreise könnte man also gut als Symbole utopischer Momente verstehen. Jede neue Beschäftigung mit Oram, Anderson und Co hilft demnach die Vergangenheit zu verstehen, die Gegenwart zu ertragen und verweist auf bessere Zeiten und andere künstlerische Welten.

Pionierin bei der Arbeit: Daphne Oram

Reihenweise Utopien – eine schöne Vorstellung.  Zugleich bieten sich die Kreise als Ösen an, die noch zu verknüpfen wären, als Regler eines Schaltpults oder als Poren einer Lautsprechermembran. Das Bild eines Resonanzkörpers nimmt eh Kontur an – mit jedem Eindruck, den Elisa Metz und Nathalie Brum von der Arbeit an grapefruits vermitteln. Alle Beteiligten machen auch selbst Musik. Weitere Grundlagen sind die ursprüngliche Neugier auf die Persönlichkeiten aus Heike Sperlings Liste, kombiniert mit der Lust, sie durch zeitgenössische (Pop-) Bezüge beständig zu erweitern – und als wichtiges Element die gegenseitige Inspiration. 

»Imaginary Sound«, »Performance«, »Instruments«

Den Begriff Kollektiv mag Elisa Metz ungerne benutzen, hält ihn für überstrapaziert. Aber die grapefruits-Macher*innen erscheinen als Ensemble von Gleichberechtigten, dessen heterogene Zusammensetzung Facettenreichtum in der Auswahl der Themen, der Porträtierten – und in den Herangehensweisen garantiert. Ihr Heft kennt weder Ressorts noch Rubriken, meidet verbindlichen Stil, blinden Professionalismus und kalte Servicementalität, ist jedoch keine beliebige Plattform. Dafür wirkt die Struktur, sagen wir: die Haltung zu klar. Sie ist wesentlich. Die verschiedenfarbigen Ausgaben über »Imaginary Sound«, »Performance« und »Instruments« erzählen durchaus je eine Geschichte mit Spannungsbogen. Was man als literarisches Forschungsergebnis bezeichnen könnte. Oder als blattmacherische Entsprechung zu einem konzeptuellen DJ-Mix. Wobei die Reihenfolge der Artikel in den bisherigen Heften letztlich dem Alphabet geschuldet sei. Auch wieder toll.

Bringt Licht ins Dunkel: Sound Artist Tina Tonagel

Nach Nathalie Brum stieß die Musikerin, Kulturpädagogin und Performerin Elisa Kühnl zu grapefruits, es folgte mit Theresa Nink eine Musikwissenschaftlerin. »Durch Theresa bin ich erst in diese Musikrichtung eingetaucht, weil sie mir viel davon erzählt hat, wenn wir zusammen beim Meakusma Festival waren« erklärt Elisa Metz, wie der Austausch funktioniert.  Mittlerweile findet er auch auf anderen Ebenen statt. Im eigenen Podcast. Oder wenn die Redaktion zur ZKM Feminale und anderen Events eingeladen, auch wiederholt vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Interview gebeten wird.

#1 #2 #3

Außerdem sollte man das Fanzine unbedingt in einem Atemzug mit aktuell relevanten Büchern wie Vivien Goldmans »Revenge Of The She-Punks – A Feminist Music History From Poly Styrene To Pussy Riot«, dem von Juliane Streich herausgegeben Band »These Girls – Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte« oder mit Lisa Rovners hoffentlich bald zu sehenden Dokumentarfilm »Sisters With Transistors« nennen. Hier gibt es weitaus mehr Berührungspunkte als mit der herkömmlichen, kommerziellen Musikpresse, ob gedruckt oder online.

Was ist Musik?

Allerdings ist grapefruits #03 – in leuchtendem Gelb dem Komplex der Instrumente gewidmet  – ein Musikmagazin, wie man es sich nur wünschen kann. Zu einer Zeit, in der diese Gattung untergeht. Das liegt zum einen an der sinnstiftenden und sehr schicken Gestaltung. Und daran, dass Helene Heuser in ihrem Tina-Tonagel-Porträt, Nink mit dem Einblick in die Geschichtsträchtigkeit der Kompositionen der Experimentalmusikerin Matana Roberts, Dora Schilling im Artikel über Computermusik-Vordenkerin Laurie Spiegel oder Kühnl in der Beschäftigung mit Limpe Fuchs sowie alle übrigen Beiträge zusammen unausgesprochen die Frage aufwerfen, was Musik überhaupt ist. Und wie das Schreiben darüber heute gehen könnte. Nathalie Brum betont die »wichtige Rolle und Verantwortung, die wir als Redaktion durch die Auswahl der Artikel tragen, während ja verstärkt Algorithmen und Apps Vorschläge machen, wofür man sich interessieren könnte, ohne dass einem die Kriterien dahinter klar sind.« 

Komponistin am Werk: Limpe Fuchs

Dank der verantwortungsvollen Kurator*innen macht man in einer grapefruits viele Entdeckungen. Und der Kontext wird mitunter noch durch die Bornierteit anderer verfestigt. Sucht man auf Youtube zum Beispiel nach Limpe Fuchs, stößt man auf einen sagenhaften Live-Auftritt im Rahmen des Tusk Festivals 2018 mit ihren selbst gebauten Instrumenten. Den hat jemand in etwa so kommentiert: »Großartige Erfinderin, uninteressante Musikerin, schon gar keine Komponistin.«  Dieser Person würde man am liebsten mit einem von Tina Tonagels zum Instrument umfunktionierten Schaufensterpuppenbeinen in den Hintern treten. Oder ein paar grapefruits schenken. Es wird hoffentlich noch viele Ausgaben geben. Und die Arbeit irgendwann halbwegs refinanzierbar sein. Die Dinge dürfen sich ja ruhig mal zum Guten wenden. Fest steht nur: das Layout kann so bleiben wie es ist.

Text: Wolfgang Frömberg, Porträt Elisa Kühnl: Heike Kandalowski, Fotos grapefruits-Ausgaben: Elisa Metz, Gruppenbild: Sophia Schach, alle übrigen Fotos: privat