Vorwärts mit der Vergangenheit

Leonhard Huhn und C.A.R. auf Entdeckungsreise – in die Ära des Krautrock und ins Candy Bomber Studio.


Candy Bomber Studio

 Am Morgen des 16. Juni 2020 betrete ich Hangar 4 A des riesigen Tempelhofer Flughafengebäudes in Berlin. Mit meinen Bandkollegen von C.A.R. befinde ich mich auf dem Weg zum Candy Bomber Studio. Wir sind sehr gespannt, denn in den folgenden drei Tagen werden wir unser nächstes Studioalbum mit Tonmeister Ingo Krauss und Produzent René Tinner aufnehmen. René leitete viele Jahre die ehemaligen CAN Studios, produzierte unzählige Krautrock-, Disco- und Neue Deutsche Welle-Alben und ist bis heute aktiv. Ingo begann 1988 nach dem Tod von Conny Plank in dessen Studio seine Karriere und eröffnete nach einigen Zwischenstationen die Candy Bomber Studios in Berlin. Beide sind Koryphäen und Zeitzeugen einer deutschen Musikära, die seit einigen Jahren mein Herz höher schlagen lässt: Die deutsche Krautrock-, Pop- und Elektronik-Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das präparierte Saxofon

Wir tragen unser Equipment durch den langen braun-beigen Gang in den Aufnahmeraum. Bis zum letzten Moment habe ich in Köln an meinem elektronischen Setup gearbeitet, das einen weiteren Grad an Komplexität erreicht hat. Ich verstärke den Klang meines Saxofons elektronisch und bearbeite ihn mittels semi-modularer Technik von subtiler Färbung bis hin zur völligen Verfremdung. Das rührt daher, dass ich vor vielen Jahren frei zu improvisieren begann und unter anderem mein Saxofon mit Gegenständen präparierte. Dabei stieß ich auf viele leise, mikrotonale Klänge, Obertöne und Geräusche. Als ich die frühen elektronischen Kompositionen von Karl-Heinz Stockhausen oder Iannis Xenakis entdeckte, war ich überrascht, wie sehr meine Klangexperimente am Saxofon diesen Werken der Neuen Musik ähnelten.

Immer wieder fand ich mich in folgendem Prozess wieder: Eine innere unbekannte Kraft treibt mich ins Experimentieren, ich gehe diesen Gang entlang, bin umgeben von Klangvisionen, scheitere, entdecke, teste. Irgendwann schaue ich auf und suche nach einem Anker, einer Möglichkeit, die Neuentdeckungen bei einem Konzert einzusetzen oder der Gelegenheit, jemanden zu finden, der nachvollziehen kann, was mir geschehen ist. Dabei stolperte ich vor einigen Jahren über die Ära des Krautrock der späten 1960er und 70er Jahre. 

Kein Blues in der Musik

Zurück im Studio in Berlin. Hier schließt sich der Kreis, denn plötzlich finden wir uns nach einem intensiven ersten Aufnahmetag in der Küche des Studios wieder. Eine Flasche Connemara und ein paar Bier später, und René und Ingo erzählen eine Erinnerung nach der anderen. Holger Czukay und Irmin Schmidt, Mitglieder der Band CAN, waren Studenten bei Karl-Heinz Stockhausen, und in den 60er Jahren wurde der Einfluss durch den britischen Rock’n’Roll sehr groß. Man wollte etwas einiges finden und frei sein Klang zu produzieren. So gingen Czukay, mit Kassetten voller Geräusche, und Schmidt, mit selbst gebautem Synthesizer, auf die Bühne. Über die vom amerikanischen Jazz beeinflussten, treibenden Beats des Schlagzeugers Jaki Liebezeit wurde quasi frei improvisiert. Es gab keinen Blues in ihrer Musik.

Equipment vom Bestatter

Auch die Studio-Sessions von CAN liefen oft sehr frei ab, Noten schreiben war out und Czukay ging gern heimlich in den Pausen zu den Tonbändern um entstehende Geräusche aufzunehmen. Einmal spielte man im Amphitheater von Arles in Frankreich vor 8000 begeisterten Hippies. Jedesmal, wenn die Band von der Bühne wollte, entstand ein Tumult und der Veranstalter kam, bat inständig um weitere Zugaben. So ging das bis drei Uhr morgens. Immer wenn der WDR Inventur machte und alte Geräte aussortierte, wussten die Insider, dass ein Bestatter auf der Zülpicher Straße in Köln unter dem Ladentisch dieses Equipment verhökerte. 

v.l.n.r: Leonhard Huhn, René Tinner, Ingo Krauss, Christian Lorenzen, Kenn Hartwig, Johannes Klingebiel

Ein Name fällt reichlich häufig: Conny Plank. Unzählige Alben der damaligen Zeit wurden in dessen Studio in Weilerswist bei Köln produziert. Ein Pionier der Aufnahmetechnik. Renè erzählt, wie er eines morgens Conny Plank traurig am Mischpult seines Studios vorfand. Er fragte, was los sei und Conny antwortete, dass er eine ganze Produktion wiederholen müsse. Aber er wisse jetzt, wie er besser machen könne. Also wurden die Musiker wieder eingeflogen, die gesamte Produktion noch einmal aufgenommen und Conny veränderte die Akustik des Aufnahmeraums. Nun war es gelungen.

Duke Ellington war begeistert von Conny Plank

Übrigens wohnten der junge Conny Plank, Marius Müller-Westerhagen, Udo Lindenberg und Otto Waalkes einst in Hamburg zusammen in einer WG. Damals erfuhr Conny auch, dass Duke Ellington mit seiner Big Band in der Stadt haltmachen würde und bat um die Möglichkeit eine Probe mitzuschneiden. Ellington hörte sich wenig später die Mitschnitte an und war von Connys Aufnahme begeistert. Diese erschien 2015 postum auf dem von Herbert Grönemeyer gegründeten Label Grönland, das sich hautpsächlich der Veröffentlichung der alten Krautrock-Aufnahmen und ihren Vertretern widmet. Conny Plank war ein Einfluss für viele Musiker und Künstler, seine Fähigkeit Klang und Stimmung einzufangen wurde von CAN, Neu!, Kraftwerk, Harmonia, Cluster, Grönemeyer, DAF, Ideal und vielen mehr genutzt. 

Studio zum Wohlfühlen

Hier in den Candy Bomber Studios mit Ingo aufzunehmen und von René ein Stückchen begleitet zu werden, ist wie ein weiterer kleiner Anker auf meiner Suche nach Klang und Identität. Ich habe noch nie so einen Soundcheck erlebt – es gab nämlich keinen. Zumindest gab es keinen, den ich sonderlich gemerkt hätte, denn Ingo pegelte alle Signale noch während wir aufbauten, uns an unseren Instrumenten mit dem Raum vertraut machten und einspielten. Als ich dies später ihm gegenüber bemerkte, antwortete er, dass es ihm das höchste Gut sei, den Musikern eine komfortable Aufnahmesituation zu schaffen, damit sie sich wohl fühlten und ihr Bestmöglichstes leisten könnten. 

Kollektivität, Freiheit und Träume

Ich empfinde tiefe Dankbarkeit den beiden und nicht zuletzt meinen Kollegen und Freunden von C.A.R. gegenüber. Das Entdecken vieler kaum bekannter Produktionen der Krautrock-Ära, ihre Folgeerscheinungen und nicht die zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit, die diese Epoche erfährt, begeistern mich. Die rohe Kraft dieser zu vielen Teilen improvisierten Musik, die elektro-akustischen Experimente, die Suche nach Kollektivität, Freiheit und Träumen und die kurzangebundenen, roh-poetischen Texte sind ein spannendes Stück deutscher Musikgeschichte. 

www.thisiscar.de

Text: Leonhard Huhn, Fotos: privat