Warum die Waage halten?

Der Saxofonist Salim Javaid über die unterschiedlichen Reize von Komposition, Interpretation und Improvisation.


Salim Javaid

Ein Gongschlag, blitzschnelle Läufe, perkussive Klänge, Mehrklänge, Luftgeräusche, Zischen, elektronische Klänge, ein lautes Saxophon-Solo, präpariertes Klavier – auf den ersten Blick (beim ersten Hören) können eine Komposition Neuer Musik und eine freie Improvisation viele Sounds und Bausteine gemein haben.

Doch unter der Klangoberfläche verbirgt sich der große Unterschied.

Bei der Komposition saß ein*e Komponist*in beispielsweise nächtelang am Schreibtisch und überlegte sich genau, wie die Klänge miteinander verbunden werden sollen und welche Dramaturgie das Stück haben soll. Die Interpret*innen üben/proben die Komposition und führen diese dann auf.

Bei der Improvisation kommunizieren erfahrene Musiker*innen mit ihren ganz eigenen Klangpaletten und schaffen zusammen »on the fly« ein Musikstück.

Ich frage mich in meiner Arbeit oft, warum ich mich der Improvisation und Interpretation/Komposition gleichermaßen so hingezogen fühle, wie sie sich gegenseitig bereichern können und warum mir persönlich immer wichtig ist, in meiner Musik und meinem Alltag die Waage zwischen den Bereichen zu halten – warum das Ganze?

Ich selbst bin Saxofonist, habe Jazz, Klassik und Neue Musik studiert und stehe vor allem als Improvisator oder als Interpret (zum Beipsiel mit Trio Abstrakt) auf der Bühne. Für mich und mein Schaffen gehören Improvisation und Interpretation untrennbar zusammen – als zwei verschiedene Macharten, eine Musik von heute zu schaffen, aber gleichzeitig auch als entgegengesetzte Pole von Spielhaltungen.

Als Interpret*in müssen stets Noten geübt und »fremdes« Material angeeignet werden. Als Improvisator suche ich hingegen nach Klängen und Material, um mein eigenes Arsenal auszubauen.

Vor allem, wenn ich an aufeinander folgenden Tagen abwechselnd Konzerte mit Neuer Musik und als Improvisator spiele, wird mir der Unterschied nochmal ganz deutlich.

Nicht nur die Art der Konzentration beim Spielen, sondern auch der Rahmen schafft oft eine derart andere Atmosphäre – Jazzclub vs. Aufgang mit Applaus und Vorbeugung zum Beispiel.

Auch die Zeitwahrnehmung ist eine komplett andere: beim Interpretieren werden am laufenden Band Noten entziffert und als Klänge ausgeführt – hier kann sich schonmal ein Gedanke einschleichen wie »Gleich kommt die fiese Stelle…« oder »Oh, das hat gut geklappt…«. Das Evaluieren kann vielleicht gar nicht komplett ausbleiben, da es ja eine formvollendete Version gibt: die Partitur.

Beim Improvisieren hingegen sind wir in Echtzeit damit beschäftigt, Zusammenhänge zwischen uns und den anderen Musizierenden und deren Klängen zu schaffen. Außerdem verarbeiten wir Informationen und kommunizieren mit den anderen – kommentieren/konterkarieren/verneinen/bejahen etc. deren Nachrichten, die durch Klänge ausgedrückt werden. Hier können wir uns fast schon in der Klangwelt verlieren und wundern uns, wenn das Set dann vorbei ist.

Im zweiten Lockdown 2020 kuratierte ich den November-Podcast von ON Neue Musik Köln, in dem ich Carl Ludwig Hübsch, Marlies Debacker, Prof. Michael Edwards und Santiago Bogacz interviewte – allesamt Persönlichkeiten, die sich immer wieder mit der Schnittstelle zwischen Improvisation/Interpretation oder Improvisation/Komposition beschäftigen – und kam dadurch mit inspirierenden neuen Ansätzen und Erfahrungen in Kontakt. Gleichzeitig empfinden wir in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Hier geht’s zur ersten Folge:

Wenn es für mich um das eigene Komponieren geht – und hier spreche ich als komponierender Improvisator, nicht als studierter Komponist – dann möchte ich vor allem Muster aufbrechen. Dann gebe ich mir und meinen Kolleg*innen zum Beispiel kleine Anweisungen oder komponierte Miniaturen, die es zu vollenden gilt, sodass wir improvisatorisch in Gefilde kommen, die wir sonst gar nicht entdeckt hätten.

Vor kurzem hatte ich beispielsweise das Vergnügen, für ein 11-köpfiges Ensemble bestehend aus Musiker*innen des Kölner Kollektivs IMPAKT und des Zürcher Kollektivs GAMUT zu komponieren. Hierbei fand ich einfach spannend, den Spieler*innen den Handlungsspielraum einzuschränken und zum Beispiel einen einen festen Tonvorrat vorzugeben. So konnte ich eine Dramaturgie komponieren, ohne den Ausübenden Material ohne Auswahlmöglichkeiten aufzwingen zu müssen. In einem anderen Stück habe ich alle Musiker*innen einfach nacheinander einen einzelnen Ton spielen lassen, in den verschiedenen Takes im Studio kamen hier viele spannende 11-tönige Konstellationen zustande, die gleichzeitg »konzentriert exekutiert« als auch überraschend klangen.

Wenn ich andere Improvisator*innen frage, was man nicht improvisieren kann, ist die Antwort oft: »Ein Unisono!« Also ein »Gleichklang«, wie zum Beispiel eine zu zweit im Gleichschritt gespielte Melodie.

Stimmt, 1:0 für die Komponist*innen also. Interessant finde ich auch folgenden Gedanken:

Wenn ich »einfach drauf los« improvisieren würde und im Anschluss daran zehn Sekunden des Gespielten wahrheitsgetreu notieren müsste, dann wäre das ja unheimlich viel Arbeit! Ich müsste erstmal eine rhythmisch korrekte Notation finden, die Tonhöhen bestimmen (eventuell auch mit geringen feinen Abweichungen, die in der Hitze des Moments entstanden sind) und die Lautstärken bestimmen, ebenso Artikulation und Phrasierung. Unter Umständen notiere ich dann ein wahnsinnig komplexes Gebilde – aber hey, war das überhaupt so gemeint?

An Kompositionen von (etablierten) Komponist*innen Neuer Musik reizt mich, dass ein kluger Kopf zig tolle Ideen via handwerklichem Geschick in eine schlüssige Komposition verarbeitet hat. Ich als übender Interpret kann dann voll und ganz in die Gedankenwelt und den Klangkosmos der Komponist*in eintauchen und eigne mir Aspekte an, die mir gefallen. Das färbt auch ganz sicher auf meine Ohren und Klangvorstellung ab und in der Konsequenz klingt auch meine eigene Musik dann ganz anders!

Im Grenzbereich

Das ist ähnlich, wie wenn ich jahrelang nur Sonny Rollins Soli transkribiere und übe – irgendwann muss sich das doch in meinem Sound, meiner Haltung und meinem Ideenreichtum widerspiegeln! Mittlerweile gibt es auch einen riesigen Fundus an großartiger Neuer Musik für Saxofon.

Beim Improvisieren hingegen finde ich ganz wichtig, den emotionalen Aspekt nicht zu unterschätzen. Großartige Improvisationen dürfen schmutzig klingen und müssen nicht zwangsläufig so hochpoliert werden wie eine erprobte Komposition. Beim freien Spiel ist der Weg von meiner Gefühlswelt zum Klang viel kürzer und unmittelbarer. Meine Frustration, mein Humor, meine Art der Kommunikation oder sogar meine Unsicherheit – alles wird direkt in Klang umgewandelt und erfahrbar. Hier kann ich mich nicht hinter einer ausgeklügelten Komposition verstecken!

Als Zuhörer fand ich es immer spannend, viele Konzerte unterschiedlicher Musiken hintereinander zu hören. Nach einem Konzert Kammermusik klingt Noise ganz anders und vice versa.

In der letzten Zeit interessieren mich vor allem die Grenzbereiche zwischen Komposition und Improvisation.

Im Moment befindet sich das Trio Abstrakt beispielsweise in einem Austausch mit dem amerikanischen Komponisten Anthony J. Stillabower, der dem Trio ein neues Werk komponiert und widmet. Das Material für die Komposition generiert Stillabower, in dem er den Ensemblemitglieder*innen Vokalimprovisationen schickt, zu denen diese dann improvisieren. Anhand dieser Improvisationen kristallisiert Stillabower dann »natürliches und persönliches« Material heraus, das er für seine finale Komposition nutzt.

Mich reizt es jedenfalls zunehmend, die verschiedenen Bereiche miteinander zu verknüpfen – Neue Musik im Rock-Sound, Neue Kompositionen mit meiner persönlichen Improvisations-Klangpalette, modulare und andere Mischformen u.v.m. – da freue ich mich schon auf die kommenden Experimente und Projekte!

Text: Salim Javaid, Fotos: Rebecca ter Braak

– Improvisierte Musik mit dem US-amerikanischen Improvisatoren und Komponisten Elliot Sharp spielen Hübsch/Debacker/Javaid + Sharp am 12.09.2021 im LOFT Köln

– Neue Musik im Spannungsfeld von Kammermusik und progressive Rock präsentiert Salim Javaid mit dem Trio Abstrakt + Mauricio Galeano (electric guitar) am 16.11.2021 im Stadtgarten Köln mit Werken von Marco Momi & Clemens Gadenstätter.