Charlie Parkers 100. Geburtstag

»Bird« wurde nur 34 Jahre alt, seine Legende lebt weiter. Viele Saxofonist*innen orientieren sich heute an seinem Sound.


Charlie Parker

Am 29.8.2020 ist der 100. Geburtstag des Altsaxofonisten, Komponisten, Arrangeurs und Band Leaders Charles »Charlie« Parker Jr. , der auch unter den Spitznamen »Yardbird« und später »Bird« bekannt war. Es gibt zahlreiche Bücher und Artikel, in denen sein Leben und Werk behandelt werden, zum Beispiel Wolfram Knauers Biografie.

Charlie Parker wurde am 29. August 1920 in Kansas City, Missouri, geboren. Er war Einzelkind und hatte afro-amerikanische und indianische Vorfahren. Schon als Jugendlicher schlug er eine Karriere als professioneller Musiker ein und übte bis zu 16 Stunden am Tag. Er heiratete das erste Mal 1936. Im selben Jahr trug er schwere Verletzungen an Wirbelsäule und Rippen bei einem Autounfall davon und bekam Morphin. Das war der Start seiner Suchtkrankheit, von der er nie wieder los kam. Er konsumierte Alkohol, Nikotin, Medikamente und dann Heroin. 

Nachdem er zunächst lokal in Kansas City spielte, wurde er 1938 Mitglied der Band des Pianisten Jay McShann und tourte landesweit. Hier eine Aufnahme von »Hootie’s Blues« 1941:

und mit »Swingmatism« 1941:

1940 lernte er den Trompeter John Birks »Dizzy« Gillespie kennen, mit dem er 1942 in der Band von Earl Hines spielte. Parker nahm schon 1942 in Kansas City »Cherokee« und »Body and Soul« in einer Weise auf, die Bebop-Elemente enthielt:

Parker und Gillespie wurden dann maßgebliche Innovatoren in New York City und gehörten zu den Musikern, die Bebop entwickelten. Leider ist die Zeitspanne 1942 – 1944 wegen eines Aufnahmestreiks nicht dokumentiert. Ab 1945 machten sie gemeinsam mit Musikern wie Thelonious Monk, Bud Powell, Miles Davis, Max Roach und anderen für die Labels Savoy und Dial die Aufnahmen, die für den Bebop ähnliche Bedeutung haben wie Louis Armstrong’s Hot-5 und Hot-7 Aufnahmen für den frühen Jazz, von »Billie’s Bounce« über »Yardbird Suite«, »Night in Tunesia«, »Ko-ko«, »Ornithology« bis zu »Now’s the Time« und viele andere, die überwiegend von Parker komponiert wurden:

Parkers Leben und Arbeit waren von psychischen Problemen und seiner Suchtkrankheit geprägt, die immer wieder zu Ausfällen und Unzuverlässigkeiten führte und auch der Grund war, warum Dizzy Gillespie schließlich nicht mehr mit ihm eine gemeinsame Band haben wollte. Parkers überragende musikalische Bedeutung und Fähigkeit führte dazu, dass zahlreiche andere Musikern glaubten, nur mit Heroin-Konsum an Parker heranreichen zu können, obwohl Parker sich immer vehement gegen diese Deutung und »Vorbildfunktion« zur Wehr setzte.

Es gibt nur wenige Video-Aufnahmen von Parker. Hier ist er mit Coleman Hawkins, Hank Jones, Ray Brown und Buddy Rich 1950: 

Wie so viele Jazz-Musiker wollte auch Charlie Parker unbedingt mit Streichern aufnehmen. Norman Granz erfüllte ihm den Wunsch 1950:

Ein zweites Video mit Dizzy Gillespie und »Hot House« 1951:

1953 fand das legendäre Jazz at Massey Hall Konzert mit Parker, Gillespie, Bud Powell, Charles Mingus und Max Roach in Toronto statt, das Mingus auf LP veröffentlichte: 

Parker heiratete noch ein zweites Mal, lebte dann aber mit Chan zusammen, mit der er formal nicht verheiratet war. Die beiden hatten zwei Kinder, Tochter Pree starb mit nur 3 Jahren 1954. Diese Erfahrung verschärfte seine Gesundheitsprobleme und trieb ihn zu zwei Selbstmordversuchen. 

Am 12. März 1955 starb er 34-jährig im Apartment seiner Freundin und Mäzenin Baroness Pannonica de Koenigswarter in New York City. Der Arzt, der die Autopsie vornahm, schätzte sein Alter auf 50 bis 60. 

Eine breite internationale Bekanntheit entwickelte sich erst nach seinem Tod. Seine Legende lebt bis heute weiter. Seine Musik war und ist immer verfügbar gewesen, in aktuellen Kompilationen sogar in verblüffend guter Tonqualität. Seine Kompositionen werden noch immer viel gespielt. Schon zu seinen Lebzeiten wurde der Club Birdland nach ihm benannt, später Festivals. Viele Saxofonisten orientierten ihren Sound an seinem Vorbild. In USA etwa Phil Woods und Charles McPherson, in Europa sind aktuell unter anderem zu nennen der Italiener Francesco Cafiso, hier in Marciac 2005:

und der junge Däne Oilly Wallace, hier im Live Stream im März 2020:

Zu Parker‘s 100. Geburtstag wird es zahlreiche Tributes geben, sowohl online als auch in physischen Konzerten. So wird die WDR Big Band seiner am 5.9.20 in der Kölner Philharmonie gedenken. Im King Georg werden am 28.9.20 Claus Koch & The Boperators ein »Bird Lives«-Tribute spielen, am 27.10.20 Axel Fischbacher mit seinen Five Birds. 

Unmittelbar nach Parker’s Tod wurde »Bird Lives!« auf viele New Yorker Häuserwände gemalt. Es ist bis heute ein geflügeltes Wort – für die zeitlose Relevanz nicht nur von Parker’s Musik, sondern auch von Jazz im Allgemeinen.

Text: Hans-Bernd Kittlaus, Foto: William P. Gottlieb