Die Saitenreiche

Weil ihr die Geige zu eindimensional war: Nala Sinephro entdeckte die Harfe für sich, und auf ihrem Debütalbum »Space 1.8« lässt sie deren Poesie zwischen Schüttel-, Rüttel- und Schlaginstrumenten aufscheinen.


Nala Sinephro

Hermes war keine 24 Stunden alt, als er aus einem Schildkrötenpanzer und dem Darm eines Tieres die Lyra bastelte – das erste Musikinstrument. Der Schwerenöter klaute darauf seinem Bruder Apollon 50 Rinder. Das hatte wenig mit den Wohlklängen der Lyra zu tun, ist aber dennoch erwähnenswert. Denn Zeus persönlich schlichtete den aufkommenden Streit durch ein Verdikt: Hermes, beschenke deinen Bruder! Er vermachte ihm das viersaitige Instrument, was Apollon zum Gott der Musik und Dichtkunst machte. Merke: Lyrik kommt von Lyra.

Zu groß und zu unhandlich?

Über die Jahrhunderte konnte das Instrument losgelöst von Olymp und göttlichen Gnaden ein Eigenleben entwickeln. Auch heute noch klingt sie gelegentlich in unseren Ohren. Eigentlich viel zu selten, wenn man bedenkt, dass die Harfe in ihrer Form als Lyra oder auch Kithara doch jahrhundertelang eben für jene Verschränkung von Dicht- und Gesangskunst, von Poesie der Worte und der Töne stand.

Gefühlt schon Ewigkeiten fristet die Harfe ein Schattendasein, nur selten erbarmt sich eine Musiker*in ihrer. Man findet sie in manchen Volksmusiken. Händel, Mozart und Ravel haben auch mal ein Konzert für sie geschrieben. Aber richtig Fuß fassen … das konnte die Harfe nie. Zu groß, zu unhandlich ist sie, zu wenig versatil. Fast vergessen von der Musikgeschichte, zumindest häufig vernachlässigt, ist der Fakt, dass gerade in der Emanzipation von Jazzmusikerinnen, vor allen Dingen auch Schwarz gelesener Musikerinnen, die Harfe eine Rolle gespielt hat – und keine zu kleine. Wie auch bei so einem Ungetüm von Instrument?

Dorothy Ashby und Alice Coltrane, geborene McLeod, später Swami Turyasangitananda, nahmen ganz selbstbewusst das Instrument in die Hand – damals keine Selbstverständlichkeit war. Nur wenige Instrumentalist*innen hatte der Jazz bis dahin hervorgebracht, auch sind viele von der (männlichen) Musikgeschichte vergessen worden. Dennoch: Ashbys »Afro-Harping« ist eine sogenannte essenzielle Platte für jede Sammlung. Dazu an dieser Stelle demnächst mehr. Wagen wir erstmal einen Blick in die Gegenwart, wo eine neue Generation von Musiker*innen sich mit ihren Ahnen auseinandersetzt – was wir als neue Jazz-Welle seit Jahren goutieren dürfen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch die Harfe ein Revival erlebt.

Auf dem Debüt »Space 1.8« der karibischen Belgierin Nala Sinephro – eine weitere hypertalentierte Person, die sich im Umfeld des Londoner Steam Down-Labels rumtreibt – erklingt die Saitenreiche gleich nach wenigen Sekunden zwischen Vogelgezwitscher, geheimnisvollen Elektro-Piano-Tönen und vorsichtigen Percussions. Hier, inmitten von Schlag-, Schüttel- und Rüttelinstrumenten fühlt sich die Harfe im Intro »Space 1« ganz gut aufgehoben mit ihrer Mischung aus schwerelosen Glissandi und fragilen Zupfereien.
Auf den folgenden sieben Stücken, die ordentlich »Space 2« bis »Space 8« betitelt sind, verschwindet die Harfe immer mal wieder, lässt Piano oder Saxofon den Vortritt, springt dann aber plötzlich wieder ins Rampenlicht und umschmiegt die Nebendarsteller*innen – am Saxofon die wunderbare Nubya Garcia; Gitarre spielt die nicht mindererfolgreiche Shirley Tetteh. Auch wir, als Zuhörerschaft, dürfen von dieser Klangerweiterung profitieren, hinterfragt Sinephro doch spielerisch Hörgewohnheiten – und -traditionen.

»Space 1.8« is the place – für die Harfe

Sinephro, die schon als Kind an der Violine ausgebildet wurde, empfand das Spiel mit der Geige zu eindimensional. Klassik war nicht ihr Ding, der Folk hingegen – europäisch, afrikanisch und karibisch – schon eher. Auch heute nutzt sie ihre Harfe nicht, wie man es von der sogenannten Hochkultur kennt. Trocken abweichend von jeglichen Erwartungen, spielt sie lieber drauf los. So verbindet »Space 1.8« als Album dann auch jene Entwicklungen des Jazz, die in den letzten Jahren das Feld immer wieder erweitert hat.

Richtungsoffen und losgelöst von Genredefinitionen erscheinen funky Drums. Hier kann man eine gewisse Nähe zum Instrumental-Hip-Hop erkennen, eine Verbindung, die auch in Chicago von Makaya McCraven geschätzt und beackert wird. Dann wiederum treffen die komplexen und kontemporären Harfenkompositionen auf luftleichte und blubbernde Synths. Das kann man dann schon fastmelancholischen Elektro-Avant-Pop mit Jazzausbildung nennen. Sinephro zeigt sich auf ihrem Debüt gleichermaßen im englischen Folk, in karibischen Volksmusiken wie im Afrofuturismus eines Sun Ra zu Hause. Kein Wunder also, dass man bei den Spezialisten für zukunftsorientierte Musik, beim Warp-Label, einen Platz für Sinephro gefunden hat.

Text: Lars Fleischmann, Foto: Mr. Labembika