Musik ohne doppelten Boden

Die Konzerte der Reihe des Kollektivs für Improvisation und aktuelle Musik gehören bald wieder zum Live-Programm der Klubbar. Niklas Wandt über »Free Music« und im Gespräch mit IMPAKT-Mitglied Stefan Schönegg.


Stefan Schönegg von IMPAKT

Miteinander musizieren, im Moment, ohne das enge Korsett von Noten, Funktionsharmonik, Rhythmik und Genrekonventionen – klingt erstmal reichlich utopisch. Ein leichter Hippiemuff weht, sollte man sich dieses Musikideal als eine Art herrschaftsfreie Jamsession vorstellen? Als die »freie Improvisation« Ende der 1960er Jahre in Europa zu sprießen begann, standen diese großen Gedanken durchaus im Raum. Klar, es war die Zeit der Popkultur, der Studentenrevolten, des Aufbegehrens gegen die Elterngeneration.

Inspiriert vom afroamerikanischen Free Jazz und der zeitgenössischen Konzertmusik fingen Musiker in London, Amsterdam, Antwerpen, Berlin, Wuppertal und Köln an, ihre eigene Sprache zu finden, die sie eben »freie Improvisation«, »improvisierte Musik« oder »Free Music« nannten.

Selbstorganisiert in der Nische

Eine Musik, die eine Zeit lang eine Kultgefolgschaft hatte, heute allerdings doch ziemlich nischig ist. Das Publikum ist weitestgehend ausgedünnt oder einfach mitgealtert. Zumindest auf Musiker*innenseite ist die Aktivität aber ungebrochen. In vielen größeren europäischen Städten gibt es Kollektive.  Die Selbstorganisation hat in der »Free Music« eine lange Tradition, von staatlichen Förderungen, Festivals und Konzerten über das Booking bis zur eigenen Tonträgerproduktion nehmen die Musiker*innen üblicherweise alles selbst in die Hand. Und das funktioniert im Verbund einfach sehr viel besser als in der einzelkämpferischen Manier, die man etwa im Jazz oft antrifft. Zudem ist es auch nicht ohne Reiz, gerade einer sehr individualistischen Musik mit einer Gruppenidentität zu begegnen, ein Statement, das vieles ermöglichen kann, eine fortwährende ästhetische Unterhaltung, die man gemeinsam entwickelt.

Freier Jazz und Neue Musik

2013 riefen Kölner Musikerinnen und Musiker das IMPAKT Kollektiv für Improvisation und Aktuelle Musik ins Leben. Dreizehn Mitglieder zählt das Kollektiv, zum allergrößten Teil Studierende oder Absolventen der Hochschule für Musik und Tanz. Knapp die Hälfte der Mitglieder hat ein klassisches Studium absolviert, die andere Hälfte Jazz, manche beides. Passend für eine Musik, die sich immer schon aus dem freien Jazz und der Neuen Musik speist. Schon zwei der frühsten deutschen Improvisatoren, der Trompeter Manfred Schoof und der Pianist Alexander von Schlippenbach, hatten in den 1960er Jahren in Köln bei Bernd Alois Zimmermann studiert. 

Dementsprechend fanden die Zwölftontechnik und die Serialität ganz selbstverständlich Eingang in ihre Musik. Kontrabassist und IMPAKT-Mitglied Stefan Schönegg etwa lernte erst über den Unterricht an der Hochschule die freie Improvisation kennen.

»Ich bin tatsächlich über die Hochschule vor allem auf eine, sagen wir, etwas klangverliebtere Sache gestoßen, eher kammermusikalisches Zeug, da kommt die Verbindung natürlich über die Neue Musik, das Verhältnis, das da zum Klang herrscht, findet man auch in der improvisierten Musik, da sehe ich einen gewissen Link. Das war so ein bisschen auch dieses Abreiben am klassischen Jazz.«

Abreiben trifft es auch klanglich gut, die freie Improvisation bedient sich oft tonaler Reibungen, Dissonanzen und Geräuschen, die außerhalb des schulischen Vokabulars des Instrumentes liegen. Im Falle des Kontrabasses kann man dieses Abreiben natürlich auch ganz sprichwörtlich verstehen. Stefan Schönegg hat sich, wie die anderen zwölf Mitglieder des IMPAKT-Kollektives, mit der Zeit eine beachtliche Virtuosität und ein großes Repertoire an alternativen Techniken zur Klangerzeugung erarbeitet. Das Ziel: möglichst breiter persönlicher Ausdruck in jeder unvorhergesehenen Situation. Im Gegensatz zum Jazz mit seinen Formschemata oder klassischen Partituren ist in der frei improvisierten Situation der Ausgang völlig offen. Man spielt ohne doppelten Boden.

Energie und soziales Miteinander

Stefan Schönegg: »Ich genieße da so eine starke Verbundenheit und ein Eintauchen sehr, in den Sound, in die Energie und das soziale Miteinander auf der Bühne, wo man sich halt einfach zusammen auf die Bühne stellt und Musik macht, hierarchiefrei, das find ich wahnsinnig ansprechend, das hat man bei komponierter Musik tendenziell weniger, weil man damit beschäftigt ist, alles richtig zu machen. Je mehr Freiheiten du hast, je weniger du sozusagen nachdenken musst, was jetzt grade passiert, je mehr das in so eine Intuition geht, je weniger Grenzen oder Vorgaben du hast, desto offener ist das ja, desto leichter ist es, da durchzugehen durch diese Tür, in diesen Zustand zu gelangen.«

Was man spielt und was nicht

Das klassische Flow-Erleben: erhöhte Konzentration und trotzdem ein Gefühl des Loslassens, der Eindruck, dass sich alles von alleine fügt. Eine merkwürdige Suspension zwischen Bewusstem und Unbewusstem. Wir stoßen unweigerlich an die Idee von ganz zu Anfang des Textes, die der freien Improvisation als einer Art gelebter Utopie, aber ganz ohne Haken ist diese Betrachtung natürlich nicht. Es gibt, ebensowenig wie beim Sprechen, kein voraussetzungsfreies Musizieren. Zu den Entscheidungen für bestimmte Spielgesten steckt auch, quasi als Negativ, immer eine ganze Reihe Einigungen über das, was man eben nicht spielt. So bezieht ja die freie Improvisation ihren Wiedererkennungswert auf einem weitestgehenden Verzicht auf Grooves, Harmonik und dergleichen. Diese bewussten Verzichte können diese Musik streng und karg wirken lassen. Aber alleine schon innerhalb der zahlreichen Projekte innerhalb des IMPAKT-Kollektivs gibt es extrem unterschiedliche Klangästhetiken. Elisabeth Coudouxs Cellospiel kann von feinster Lyrik jäh in stäubendes Zerren umschlagen, Nicola Hein lotet, sprachphilosophisch unterfüttert, die Intensitätsgrenzen seiner E-Gitarre aus. Stefan Schönegg wiederum schreibt Stücke von fast klösterlicher Askese für sein Quartett ENSO und das doppelt so große BIG ENSO, natürlich mit ausgedehnten Improvisationspassagen. 

Bei einer so großen Vielfalt is es umso schöner, dass IMPAKT seit 2016 Aufnahmen der verschiedenen Projekte über ein Online-Label zugänglich macht, seit kurzem auch auf CD. Am eindringlichsten erlebt man diese Musik aber immer noch im Moment ihrer Entstehung, live auf der Bühne. Demnächst auch wieder in den Konzerten der Reihe IMPAKT Night X King Georg – die als Kontrast zum restlichen Programm das Gesamtkonzept bereichern.

Text: Niklas Wandt, Foto Stefan Schönegg: Karl-F. Degenhardt