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Töne statt Tiere

Die Saxofonistin Muriel Grossmann legt spät los – aber dafür richtig! Wir rekapitulieren ihren musikalischen Werdegang – und was ihre Musik mit der von John Coltrane gemein hat.

Muriel Grossmann

Dass die 1971 in Paris geborene Muriel Grossmann (die am 11. November 2022 zwei Sets im King Georg spielt) heute eine der bedeutendsten Jazzsaxofonistin ist, hätte vor 25 Jahren keiner gedacht. Grossmanns Karriere hätte eigentlich anders ausgesehen, wenn es noch heute nach der jungen Muriel gehen würde. Diese wollte nämlich, nachdem sie 1976 mit ihrer Familie nach Wien zog, dort diverse Schulen durchlief und die Matura ablegte, ursprünglich Veterinärmedizinerin werden. 

Studium über Bord

Zwar hatte sie zu dem Zeitpunkt schon etliche Jahre mit der Flöte verbracht, aber so richtig funkte es nicht. Erst als sie mit 21 aufs Saxofon switchte, änderte sich die Planung: Sie schmiss das bürgerliche Studium über Bord und verschrieb sich der Musik. Es folgten Jahre der Pendelei: Zwischen Rhythm’n’Blues-, Funk- und Jazz-Bands. Nicht eher als 2002, als sie in Barcelona ansässig wurde, kristallisierte sich eine ernsthafte Jazz-Karriere heraus. Auf Anraten des Pianisten und Komponisten Joachim Kühn, mit dem sie zu dem Zeitpunkt schon häufiger zusammengespielt hatte, zog es sie 2004 auf die Baleareninsel Ibiza. Dort lernte sie Niko Weaver kennen, jahrelang Gitarrist bei Prince, stieg bei ihm in der Band ein, spielte zugleich noch in Hotelbars. Daneben baute sie eine eigene Gruppe auf. Es gab mehr als bloß ein Jahr, in dem Grossmann 180 Konzerte spielte. Trotzdem fand sie die Zeit ab 2007 sogar ein eigenes Label (»Dreamlandrecords«) aufzubauen, eigene LPs aufzunehmen und zu produzieren. Schließlich, mit bereits 36 Jahren, folgte der Durchbruch.

Vergleichsweise spät loszulegen wie Muriel Grossmann, bedeutet gerade im Jazz keinen Nachteil; auch ein John Coltrane entwickelte sich gemächlich zum As und konnte erst als Teil des Miles Davis Quintetts größere Wellen schlagen. Da war er schon 30. Das ist aber nicht die einzige Parallele zwischen dem Methodisten-Sohn aus North Carolina und der österreichischen Lehrerstochter. Wer Grossmanns Kompositionen hört, merkt sogleich, dass sie sich deutlich an der »Impulse!«-Phase Coltranes orientiert. Es ist der Zeitraum ab 1961, als der afroamerikanische Tenorsaxofonist bereits Weltruhm erlangt hatte, sich aber vor allen Dingen künstlerisch und stilistisch weiterentwickelte, in Folge dessen zu freieren Formen fand. Gerade seine Untersuchungen zu den afrikanischen Ursprünge des Jazz und den spirituellen Qualitäten der heiß und innig, erschöpfend geliebten Musik, finden 60 Jahre später ein zartes Echo in der Musik Grossmanns.

Dann entdeckt man Coltranes Leichtigkeit – eine häufig unterschätzte Klasse – wieder in den schwülen Kompositionen und dem kräftigen Spiel der Österreicherin. Gleichzeitig zeigt sie sich inspiriert von Werken der Komponistin Alice Coltrane, Johns zweiter Frau, und dem Pianisten McCoy Tyner. Diesen Einflüssen kann man zum Beispiel auf ihrer Jazzman-Compilation »Elevation« nachforschen.  Gerade bei »Peace For All«, »Rising« oder »Chant« hört man begeisternde Klänge, die sich im Übrigen nicht im Epigonentum erschöpfen, sondern aktuelle Bezüge einweben.

Immer wieder dringt satter Soul, warme Jazz-Virtuosität und der gediegenen Blick in die Vergangenheit an die Oberfläche, bekommt dort Platz zum Atmen. Ein Sound, der zu einem Traum schmilzt und die Übergänge sanft und fruchtbar zugleich gestaltet. Wer da Beliebigkeit befürchtet, muss beruhigt werden: sehr charmant, mit feiner Feder geführt, lässt Grossmann immer da Platz, wo eine Verdichtung übertrieben wäre. Die Phrasierungen klingen locker und konzentriert zugleich. 

Die volle Bandbreite zeigt sich dann wiederum in einem Stück wie »Quiet Earth« von der gleichnamigen LP, die mit ihrem Öl-Gemälde und dem pastosen Farbauftrag fast wie eine Bauanleitung für das Titelstück wirkt.

Da ist das satte Rot und das warme Orange, die sich dann ausbreiten, wenn Grossmann und ihre Mitstreiter (unter anderem die Langzeit-Kollaborateure Gina Schwarz am Bass und Radomir Milojkovic an der Gitarre) durchaus mit »Olé« und »Africa/Brass« in den Clinch gehen; das trockene Blau, das sich hier als Fusion-Einfluss darbietet oder auch der weiße Grund der sich im Spiel Uros Stamenkovics zelebriert.

Text: Lars Fleischmann