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Reise, Sandkasten und Emanzipation  

Jonas Gerigk über den Kontrabass, der in mehrfachem Sinne einen tiefen Charakter besitzt. Was steckt alles drin in der großen Geige?


Jonas Gerigk

Der Kontrabass ist ein beliebtes Instrument in verschiedensten Formaten von Klassik bis Jazz, Folklore bis Pop, Rockabilly bis Tango Argentino … Er wird gern in Ensembles aufgenommen wegen seines angenehm tiefen Charakters. Als Stütze, Fundament und Pulsgeber hat sich der Kontrabass etabliert und ist aus der heutigen Musikkultur kaum noch wegzudenken. Doch was steckt noch in der großen Geige drin? Wie groß ist ihr Tonumfang wirklich? Welche Klänge kann man dem Instrument noch entlocken, die über gezupfte Grundtöne und sonore, gestrichene Melodien hinausgehen? 

Die eigenen Klänge

Eine Freundin fragte mich einmal in Oslo während meines Austauschsemesters: »Hey, ich organisiere da ein Konzert, hättest du Lust darin eine halbe Stunde solo zu spielen?« Ich sagte natürlich sofort: »Ja, Klar!!!«. Bisher war ich der Kontrabassist gewesen, der in circa 25 Bands in den Jazzclubs seiner Heimatstadt spielte, einen vollen Terminkalender hatte und ständig auf Achse war. In der neuen Stadt hatte ich plötzlich erstmal gar keine Bands. Niemand, der für ein Jazzkonzert noch einen Bassist brauchte. Also jede Menge Zeit. Warum nicht mal etwas ganz Neues wagen und ein Solokonzert vorbereiten… Ich spielte einfach drauf los und merkte: Hey das geht so nicht! Ich kann doch nicht einfach über Akkord-Changes improvisieren während mich keiner mit Changes begleitet. Ich kann doch nicht Walking-Lines spielen, während kein Solist dazu improvisiert. Also was? Wie fülle ich 30 Minuten mit etwas, das mir interessant erscheint. Natürlich: Mit Klängen – aber mit welchen? Ich denke: »Die, wegen denen ich den Kontrabass liebe… Ganz klar! Einzigartige Klänge. Meine eigenen Klänge.«

Zwischen Harmonie und Zerstörung

Es begann eine Reise, die ich als »explorativ« bezeichne. Am Anfang fühlte ich mich wie ein Kind im Sandkasten. Es machte riesigen Spaß, meine ganze langjährige Ausbildung, das Training und die vielen Normen zu vergessen und einfach nur hinzuhören. Zuzuhören. Holz und Stahl in Schwingung zu versetzen und das Resultat zu formen – Klang zu erforschen und zu gestalten. Unkonventionelle, selbstentwickelte Spielweisen kamen hinzu, die meine Lehrer später »extended technics« nannten. Ich merkte, dass ich noch nie so kreativ und selbstvergessen arbeitete. Stunden im Proberaum flogen dahin. Und mit der Zeit merkte ich, dass diese neuen Materialien auch in frei improvisierten Kontexten mit anderen Musiker*innen zu einem neuem Vokabular wurden. Eine Art eigene Stimme, persönlich, intuitiv und natürlich gewachsen.

Ein Kontrabass, der singt, pfeift, rauscht, schreit, atmet…Auf der Hompage von Jonas Gerigk findet ihr Klangbeispiele

Wenn ich über die Emanzipation des Kontrabasses im Jazz nachdenke, dann fällt mir auf, dass es um Gleichberechtigung ging. Jimmy Blanton, Scott LaFaro, Gary Peacock, Eddie Gomez, Niels-Henning Ørsted Pedersen – um nur einige zu nennen. Um Konversation auf Augenhöhe, was natürlich gesellschaftlich gesehen auch immer wieder Konfliktthema ist… Doch wie will man mit jemandem eine anregende Konversation führen, wenn die Grundvoraussetzungen zu verschieden sind? Was wenn der Gegenüber immer nur über die selben Themen spricht, entweder einen sehr begrenzten Wortschatz hat oder seine Sprache mit jeder Menge Floskeln anreichert? Es macht die Sache bei allem Idealismus nicht leicht. Nicht zuletzt durch den Roman »Der Kontrabaß« von Patrick Süskind weiß man, dass die große Geige von Natur aus nicht das flexibelste ist, einen begrenzten konventionellen Tonumfang hat und zu Beginn sehr spröde zu spielen ist. Wie sollte sich so ein Instrument in einem Ensemble voller instrumentaler Virtuosen mit zeitgenössischem Anspruch einfügen? Als kreativer Musiker fiel mir dazu bisher nur eine einzige Lösung ein: Ich musste mein eigenes Klangspektrum und Vokabular als Kontrabassist erweitern, flexibler werden und die Grenzen der akustischen Möglichkeiten neu ausloten. Ein Kontrabass, der singt, pfeift, rauscht, schreit, atmet, unterstützt, Kontraste setzt, Klänge mit Assoziationen entwickelt und beweglich ist zwischen Harmonie und Zerstörung.  

Transparenz, Kontrast, Flow

Die Neue Musik war wie immer ihrer Zeit weit voraus und so merkte ich, dass Pioniere in diesem Feld wie der italienische Kontrabassist Stefano Scodanibbio die Bass-Welt längst revolutioniert und auf eine neue Ebene gehoben hatten. Es ist schier unglaublich, was für Welten an unterschiedlichen Klängen aus dem Instrument herauskommen. Für mich ist es eine Reise, die bestehende Systeme hinterfragt, innovativ-erstaunlich-überraschend ist und vor allem niemals endet… (Stefano Scodanibbio: »Voyage that never ends«). Seit meinem ersten Solokonzert in Oslo ist einiges passiert und mittlerweile hat sich aus einem reduzierten Miniatur-Repertoire ein reicher Fundus an Gestaltungsmitteln entwickelt, der in den vielfältigsten Besetzungen nach Transparenz, Kontrast und Flow strebt. Eine Welt, die sich ihren eigenen Weg zwischen zeitgenössischer Musik und Post-Free-Jazz sucht, jederzeit dankbar für offene Ohren ist und einer kreativen Szene auch in Zukunft weitere Innovation verspricht.

Text: Jonas Gerigk, Fotos: Sophia Hegewald